Gemeinsam besser werden: Die interprofessionelle Ausbildung vorantreiben

In Kürze: Weniger Behandlungsfehler, effizientere Versorgungsqualität und grössere Patientenzufriedenheit: Die Zusammenarbeit von Fachpersonen aus den Bereichen Gesundheit und Medizin hat Potenzial. Careum will deshalb die interprofessionelle Ausbildung in der Schweiz weiter vorantreiben und stellt mit dem Working Paper 9 sechs Handlungsempfehlungen zur Diskussion.


Kostenexplosion, demografischer Wandel und Multimorbidität: Die Herausforderungen für das Gesundheitssystem in der Schweiz sind enorm. Zusätzlich strapaziert die weltweit umspannende Corona-Krise das Gesundheitssystem. Das wird sicherlich auch Auswirkungen auf die zukünftige interprofessionelle Zusammenarbeit und die Ausbildung von Gesundheitsberufen haben. Welche das genau sein werden, bleibt zu beobachten und zu diskutieren.

Nicht Allheilmittel, aber essenziell

Generell kann die interprofessionelle Zusammenarbeit von Fachpersonen aus Gesundheit und Medizin in berufs- und sektorenübergreifenden Teams zwar nicht als Allheilmittel für die Probleme des Gesundheitssystems bezeichnet werden, trotzdem wird sie als essenzieller Bestandteil der zukünftigen Gesundheitsversorgung gesehen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO, 2010) definiert (interprofessionelle) Zusammenarbeit wie folgt:

«Collaboration occurs when two or more individuals from different backgrounds with complementary skills interact to create a shared understanding that none had previously possessed or could have come to on their own.»

WHO, 2010

In der Literatur diskutierte Effekte einer interprofessionellen Zusammenarbeit beziehen sich dabei insbesondere auf eine Reduktion von Behandlungsfehlern, eine verbesserte und effizientere Versorgungsqualität (zum Beispiel verkürzte Liegedauer und gesenkter Medikamentenverbrauch) sowie eine grössere Patientensicherheit und -zufriedenheit. Ebenso werden positive Auswirkungen auf die Zufriedenheit und die berufliche Motivation der Gesundheitsfachpersonen sowie ein besseres gegenseitiges Verständnis und Vertrauen in die Zusammenarbeit angeführt (Reeves, Perrier, Goldman, Freeth, & Zwarenstein, 2013; Walkenhorst et al., 2015; World Health Organization, 2010; Sottas & Kissmann, 2016).

Die Schweiz hinkt hinterher

Auch wenn der Schweiz grundsätzlich günstige Rahmenbedingungen für interprofessionelle Zusammenarbeit und Ausbildung attestiert werden, die auch international bereits auf Anerkennung stossen, hinkt die Transformation einer mono- hin zu einer interprofessionellen Gesundheitsversorgung in der Schweiz im Vergleich zu den Entwicklungen in manch anderen Ländern hinterher. Als Wegbereiterin für eine effiziente interprofessionelle Zusammenarbeit gilt die interprofessionelle Ausbildung. Viele nationale und internationale Organisationen, Fachgesellschaften und Gremien sind sich daher einig, dass zukünftige Gesundheitsfachleute in der Ausbildung entsprechende interprofessionelle Kompetenzen erwerben sollen.

Genau bei diesem Handlungsbedarf möchte das Careum Working Paper 9 mit dem Titel «Interprofessionelle Ausbildung im Schweizer Gesundheitssystem: Situationsanalyse und Perspektiven» ansetzen und für die zukünftige interprofessionelle Ausbildung in der Schweiz weitere wichtige Impulse setzen.

Die Careum Stiftung als Vordenkerin der Interprofessionalität
Die Careum Stiftung versteht sich als Vordenkerin der Interprofessionalität und engagiert sich schon seit über zehn Jahren für qualitativ hochwertige Projekte im Bereich der interprofessionellen Ausbildung und Zusammenarbeit im Gesundheitswesen. Die Stiftung fördert den Austausch und die Vernetzung zwischen Berufsgruppen, Betroffenen, Bildungsstufen und Institutionen. Der Standort Zürich ist für interprofessionelle Bildung (Aus-, Weiter- und Fortbildung) besonders geeignet. Auf respektive in unmittelbarer Nähe zum Careum Campus finden sich die Medizinische Fakultät der Universität Zürich, das Careum Bildungszentrum für Gesundheitsberufe, die Careum Hochschule für Gesundheit, das Universitätsspital Zürich sowie die ETH Zürich. In Winterthur sind darüber hinaus die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (Departement Gesundheit) sowie das Zentrum für Ausbildung im Gesundheitswesen angesiedelt. Allen gemein ist das Interesse an interprofessioneller Ausbildung, was bereits mit vielen interinstitutionellen und interprofessionellen Lehrveranstaltungen dokumentiert wurde. Im Herbst 2019 startete zudem unter Beteiligung der Careum Stiftung und in Zusammenarbeit von insgesamt sechs Institutionen die erste interprofessionelle klinische Ausbildungsstation der Schweiz am Universitätsspital Zürich.
Zürcher interprofessionelle klinische Ausbildungsstation ZIPAS | Bild: Nicolas Zonvi
Die erste interprofessionelle klinische Ausbildungsstation der Schweiz startete im Herbst 2019 am Universitätsspital Zürich. | Bild: Nicolas Zonvi

Interviews mit Experten und Betroffenen

Das Careum Working Paper 9 wurde verfasst von Sylvia Kaap-Fröhlich, Leiterin von Careum Bildungsmanagement, Hermann Amstad, ehemaliger Generalsekretär der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften, und Gert Ulrich, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Careum Bildungsmanagement und Projektleiter der Zürcher interprofessionellen klinischen Ausbildungsstation (ZIPAS). Das Autorenteam will mit der Publikation eine Standortbestimmung zum Thema «Interprofessionalität in der Ausbildung» vornehmen und darauf aufbauend Handlungsempfehlungen für die Schweiz zur Diskussion stellen.

Diese Standortbestimmung im Bereich der interprofessionellen Ausbildung beruhte auf zwei Pfeilern: Einerseits wurden aktuelle Reviews in Fachzeitschriften analysiert und die Effekte, Einflussfaktoren und Lösungsansätze im Bereich interprofessioneller Ausbildung bilanziert. Zum anderen wurden international anerkannte Expertinnen und Experten um eine Einschätzung gebeten.

Die Auswahl der befragten Expertinnen und Experten berücksichtigte dabei Länder, die aus Sicht der Autoren besonders langjährige und umfangreiche Erfahrungen mit interprofessioneller Ausbildung aufweisen (zum Beispiel Kanada und Schweden) sowie den europäischen deutschsprachigen Raum ausserhalb der Schweiz. Zusätzlich konnten als Betroffene der interprofessionellen Ausbildung eine Patientin sowie ein Medizin-Studierender zu deren Eindrücken bezüglich interprofessioneller Ausbildung interviewt werden.

Sechs Handlungsempfehlungen für die interprofessionelle Ausbildung

Die im Working Paper gewonnenen Einblicke in die Literatur und insbesondere die aussagekräftigen Erfahrungen und das Know-How von Experten und Betroffenen unterstützen klar den Wert und das Potenzial der Interprofessionalität. Auf dieser Grundlage konnten die Autoren schliesslich 31 Massnahmen zur zukünftigen interprofessionellen Ausbildung in der Schweiz formulieren, die in insgesamt sechs Handlungsempfehlungen geclustert wurden.

Handlungsempfehlungen zur interprofessionellen Ausbildung in der Schweiz | Quelle: Careum Working Paper 9

Alle Massnahmen werden im Working Paper beschrieben. Beispielhaft sind einige Massnahmen aus den jeweiligen Handlungsempfehlungen des Working Papers skizziert:

  • Aufbau lokaler interinstitutioneller Netzwerke aus Forschungs-, Praxis- und Bildungsinstitutionen zu Interprofessionalität und Einrichtung einer Stelle zur Koordination dieser Netzwerke (Handlungsfeld 1)
  • Entwicklung und Implementierung von geeigneten interprofessionellen Prüfungsformaten im Sinne eines «Constructive Alignements» (Handlungsfeld 3)
  • Konzipierung und Umsetzung von standardisierten Facilitator-(Lernbegleiter-)Schulungen (Handlungsempfehlung 4)
  • Langfristige Etablierung multi-institutioneller, interprofessioneller Forschungsgruppen (Handlungsempfehlung 6)

Workshop mit Expertinnen und Experten

Die beschriebenen Handlungsempfehlungen und Massnahmen erheben dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit und haben auch keinen «Rezeptcharakter». Sie verstehen sich vielmehr als Ideen und Denkanstösse, die nun in einem nächsten Schritt schweizweit mit verschiedensten Stakeholdern im Bereich der Interprofessionalität diskutiert werden sollen.

Diesen Dialog braucht es, um die vorgeschlagenen Empfehlungen und Massnahmen zu konkretisieren, Chancen und Herausforderungen zu thematisieren und Impulse für eine nachhaltige Realisierung in der Praxis zu setzen. Hierzu plant die Careum Stiftung einen Expertenworkshop im Juli 2020, um im Idealfall wegweisende Ideen und Stossrichtungen zur Umsetzung für die gesamte Schweiz abzuleiten. Möglicherweise können im Expertenworkshop zusätzlich bereits «Lessons Learned» aus der Corona-Krise für die zukünftige interprofessionelle Ausbildung diskutiert und gewinnbringend eingebracht werden.

Careum Working Paper 9 zum Downloaden
Das Careum Working Paper 9 mit dem Titel «Interprofessionelle Ausbildung im Schweizer Gesundheitssystem: Situationsanalyse und Perspektiven» kann als PDF heruntergeladen werden. Die deutsche Version finden Sie hier, die französische Version hier.

Literatur

  • Reeves, S., Perrier, L., Goldman, J., Freeth, D. & Zwarenstein, M. (2013). Interpro­fessional education: effects on professional practice and healthcare outcomes (update). Cochrane Database Syst Rev(3), CD002213. DOI
  • Walkenhorst, U., Mahler, C., Aistleithner, R., Hahn, E. G., Kaap-Frohlich, S., Karstens,S., Sottas, B. (2015). Position statement GMA Committee «Interprofessional Edu­cation for the Health Care Professions». GMS Z Med Ausbild, 32(2), Doc22. DOI
  • World Health Organization. (2010). Framework for action on interprofessional education and collaborative practice. PDF
  • Sottas, B. & Kissmann, S. (2016). Nutzen und Wirksamkeit der interprofessionel­len Praxis (IPP). Eine Übersichtsstudie zur Evidenzlage. Expertenbericht für das Bundesamt für Gesundheit. Bern.

Diskutieren Sie mit!

  • Welche Erfahrungen haben Sie mit interprofessioneller Ausbildung gemacht?
  • Haben Sie Anmerkungen zu den benannten Handlungsempfehlungen im Careum Working Paper 9? Oder haben Sie weitere Ideen zu Handlungsempfehlungen und deren Realisierung?
  • Wie sieht die Zusammenarbeit von Fachpersonen aus den Bereichen Gesundheit und Medizin künftig in Ihren Augen aus?

Gert Ulrich

Gert Ulrich

Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Careum Bildungsmanagement und Projektleiter der Zürcher interprofessionellen klinischen Ausbildungsstation (ZIPAS).

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.