Digitale Transformation: Eine Patientengeschichte

In Kürze: Wie revolutioniert die digitale Transformation die Bildung der Berufe im Gesundheitswesen? Das Careum Working Paper 8 liefert dazu Postulate und Handlungsempfehlungen. Wir präsentieren einige Aspekte daraus im Careum Blog.
Im dritten Teil geht es darum, wie Künstliche Intelligenz die Lebensqualität von Patientinnen und Patienten verbessern kann.

Urlaub von der eigenen Erkrankung dank Künstlicher Intelligenz

Dieser Exkurs aus dem Careum Working Paper 8 illustriert exemplarisch, wie informierte Patientinnen und Patienten heute selbstbestimmt vorangehen und digitale Entwicklungen nutzen können.

Diabetiker können ihren Alltag dank einer Kombination ihrer Insulinpumpe in Verbindung mit einer App – unterstützt durch Künstliche Intelligenz – entscheidend erleichtern. Alle fünf Minuten wird der Grundbedarf an Insulin automatisch sichergestellt, ohne zusätzliche Berechnungen und Unterbrechungen im Alltag. Allerdings gilt dies im Moment nur für Patientinnen und Patienten, die ihre volle Eigenverantwortung übernehmen, ein gewisses Verständnis für PC-Programme mitbringen und auf eine lange Geschichte mit ihrer Erkrankung zurückblicken können.

Herr Behlendorf am Careum Dialog 2019 (Foto: Frederike Asael)
Herr Behlendorf am Careum Dialog 2019 (Foto: Frederike Asael)

Herr Behlendorf erzählt, wie er über viele Jahre gelernt hat, mit Diabetes und dessen Therapie umzugehen. Er konnte dadurch eine hohe Gesundheitskompetenz entwickeln, die ihm ermöglicht, seine anspruchsvollen Hobbys auszuüben, Langdistanztriathlon und Mountainbikemarathon. Er meisterte verschiedene Hürden und lernte, sich bewusst auf unterschiedliche Verfahrenstechniken einzulassen, die nicht zuletzt auch mit seinem Beruf im Maschinenbau in Einklang stehen.

Heute genügt ihm die Insulinpumpe in Kombination mit der selbst eingerichteten und gewarteten App, um seine Lebensqualität wesentlich zu verbessern. Seit er damit arbeitet, sind seine Messwerte stabil und zufriedenstellend. Der wesentliche Mehrwert besteht jedoch nicht nur in den stabilen Glukosewerten an sich, sondern in der verbesserten Lebensqualität. Herr Behlendorf kann heute dank Einsatz von Künstlicher Intelligenz unbeschwert an Anlässen teilnehmen, ohne ständig auf seine Glukosewerte achten zu müssen.

Herr Behlendorf erzählt von seiner Krankengeschichte

Klassische Therapie mit Spritzen von langzeitwirkendem Insulin
«Vor 33 Jahren – 1986 – wurde ich in der Klinik auf die klassische Therapie eingestellt. Da wurde morgens und abends ein langzeitwirkendes Insulin gespritzt. Dreimal am Tag gab es ein Alt-Insulin zu festgegebenen Zeiten, mit festgegebenen Mengen. Der Arzt gab vor, der Patient hatte dort null Eigenverantwortung.»

IC-Therapie mit Berechnung von Mahlzeiten und bedarfsgerechtem Spritzen von Insulin
«Die IC-Therapie (ICT) ist ähnlich. Der einzige Unterschied ist, dass die Mahlzeiten berechnet werden. Der Patient gibt die Menge an Insulin eigenständig mittels Spritze ab. Er deckt damit seinen Insulinhaushalt bedarfsgerecht ab. Die Eigenverantwortung liegt hier bei 30 %, weil man alles berechnen muss. Beim Sport ist das eine Herausforderung, weil man 12 Stunden voraus kalkulieren muss.»

Insulinpumpentherapie mit dreiminütiger Abgabe von Insulin zur Grundversorgung
«Danach folgte der Wechsel zur Insulinpumpentherapie. Alle drei Minuten gibt die Insulinpumpe nach einem fest einprogrammierten Bild Insulin in den Körper ab, um die Grundversorgung abzudecken. Alles, was zusätzlich gegessen wird, muss berechnet werden. Der Patient muss mehr über seine Behandlung wissen. Für den Sport oder auch für die Erkrankung ist diese Therapie besser und einfacher anzupassen.»

Die Freiheit, die mir die App gibt, kann ich in Zahlen nicht ausdrücken: Endlich kann ich mir mal Urlaub von meiner Erkrankung leisten.Herr Behlendorf, Careum Working Paper 8, S. 10

Insulinpumpentherapie mit Ergänzung durch App mit Künstlicher Intelligenz
«Die Insulinpumpe trage ich bis heute. Ergänzend dazu arbeitet die Künstliche Intelligenz über eine App mit. Das ist kein medizinisch freigegebenes Produkt. Der Patient muss sich den Quellcode herunterladen, die App applizieren, auf sein Handy aufbringen und dann mit den nötigen Programmierschritten und den nötigen Daten versorgen, damit die App überhaupt arbeiten kann. Hier liegt die Eigenverantwortung bei 90 %: Der Arzt gibt die Basalrate, das ist das Grundsetup der Insulinpumpe, vor, und der Patient muss sich um die restlichen Dinge komplett selbst kümmern.»

Umgang mit informierten Patientinnen und Patienten

Die Geschichte von Herrn Behlendorf zeigt, dass Gesundheitsfachpersonen immer mehr in der Lage sein müssen mit informierten Patientinnen und Patienten umgehen zu können. Hierzu braucht es von Anfang an Überlegungen zum förderlichen Lernverständnis und zur didaktisch-methodischen Umsetzung der digitalen Transformation in Aus-, Weiter- und Fortbildung.

Letztendlich kann die Digitalisierung auch eine Chance sein, zusammen mit den Patientinnen und Patienten neue Lösungen zu finden. Neue Ressourcen können mit neuen Wegen erschlossen werden – auch in der Bildung und für die Gesundheitsberufe.

Mehr erfahren

Blogreihe zum Careum Working Paper 8: Teil 1 zum Thema Co-Design als Schlüssel

Blogreihe zum Careum Working Paper 8: Teil 2 zum Thema digitale Lerntechnologien und Kompetenzen

Literatur

Kuhn, S., Ammann, D., Cichon, I., Ehlers, J., Guttormsen, S., Hülsken-Giesler, M., Kaap-Fröhlich, S., Kickbusch, I., Pelikan, J., Reiber, K., Ritschl, H. und Wilbacher, I. (2019) Careum Working Paper 8 – long version: «Wie revolutioniert die digitale Transformationdie Bildung der Berufe im Gesundheitswesen?»

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Careum Working Paper 8 im PDF-Format
Kurzfassung des Careum Working Papers 8 im PDF-Format

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Diskutieren Sie mit

– Wie kann die Bildung der Gesundheitsberufe die digitale Transformation meistern?

– Was benötigen Gesundheitsfachleute, um informierte und digital autonome Patientinnen und Patienten angemessen zu betreuen?

– Wieviel Eigenverantwortung können und müssen Betroffene übernehmen? Gibt es Richtlinien dazu?

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Yvonne Vignoli

Wissensmanagement, Webentwicklung, Web- und Lerntechnologien bei Careum Bildungsentwicklung – seit September 2014 Meine Arbeitsfelder der letzten Jahre Konzeptarbeit für Lernen mit neuen Medien und Internet in Bildungsinstitutionen Dozententätigkeit und Projektmanagement – Ausbildung der Ausbildenden, Webauftritte, Projekte mit Social Media Plattformen

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