Digitale Transformation: Lerntechnologien und Kompetenzen

In Kürze: Wie revolutioniert die digitale Transformation die Bildung der Berufe im Gesundheitswesen? Das Careum Working Paper 8 liefert dazu Postulate und Handlungsempfehlungen. Wir präsentieren einige Aspekte daraus im Careum Blog. Im zweiten Teil geht es um digitale Lernformate und Kompetenzen im Umgang mit digitaler Technologie.

Bestimmende Faktoren der digitalen Transformation in der Bildung

Im Kern von Unterricht, Lernen und Lernprozess stehen die zu erreichenden Lernziele. Sie sind eng gekoppelt an den Kompetenzerwerb. Um die Lernziele herum gruppieren sich die bestimmenden Faktoren. Sie gliedern sich in Gegensatzpaare auf und beziehen sich auf die Rollen von «Student – Lehrkraft», auf die Lehr-/Lernaktivitäten «Lernen individuell – Lernen in Gruppe» und auf den Einsatz von «Lerntools, Lehr-/Lernform – Ressourcen».

Faktoren digitale Transformation Bildung
Abbildung: Careum Working Paper 8, S. 22

Anhand von Fragen zu den Faktoren der digitalen Transformation erläutere ich meine eigenen Erfahrungen aus der Praxis in Erwachsenen- und Berufsbildung:

Wie führt Lernen und Unterricht durch digitale Transformation zu den gewünschten Lernzielen?

Guter Unterricht und Lernprozessbegleitung entstehen primär in einem ausgewogenen didaktisch-methodischen Lernsetting und berücksichtigen mehrere Faktoren. Ergänzend dazu verändert sich mit gezieltem Einsatz von digitalen Technologien die Ausbildung in den Gesundheitsberufen. Allerdings geschieht dies meist in langjährigen Prozessen und mit Einbezug der entsprechenden Faktoren.

Wie nehmen «Lehrkraft und Student» ihre Rollen wahr und wie setzen sie digitale Technologien ein?

Lernbegleitung durch Moderation von Lernprozessen kann durch Einsatz von digitalen Medien personalisiert und neu organisiert werden. Studierende erarbeiten zum Beispiel eigenständig digital präsentierte Fachinhalte, die Lehrkraft begleitet die Studierenden im Anschluss daran mit weiterführenden Diskussionen (z. B. Flipped Classroom).

Wie ergänzen sich «Lernen individuell und Lernen in Gruppe» beim Erwerb von Wissen und Kompetenzen?

Auf der einen Seite lernen die Studierenden für sich allein und nutzen hierzu etwa interaktive Werkzeuge, Podcasts oder Lernprogramme. Auf der andern Seite erarbeiten und tauschen sie mit Hilfe von kollaborativen Werkzeugen und Social Media Tools Informationen und Wissen in der Gruppe aus. Beides ist nur erfolgreich, wenn die entscheidenden Lernaktivitäten mit den Lernzielen und Leistungsnachweisen in einem ausgewogenen Bezug stehen. Man spricht hier von «didaktischer Kohärenz».

Wie unterstützt der Einsatz von Lerntools in Kombination mit Lehr-/Lernformen die vorhandenen Ressourcen?

Je nach Lernform kommen entsprechende digitale Lernwerkzeuge zum Einsatz und greifen auf entsprechende Ressourcen zum Kompetenzerwerb zu.

Die Landschaft der digitalen Lehr- und Lernformate ist heterogen und lässt sich wie folgt unterteilen:

  • Digitale Medien und Kommunikationstools (digitale Präsentationstools, E-Mail, fachspezifische Datenbanken, digitale Texte)
  • Soziale Kommunikationstools (Blogs, Chats, Foren, Microblogging, Soziale Netzwerke)
  • Elektronische Prüfungssysteme (E-Assessment, E-Prüfung, E-OSCE)
  • Audio/Videobasierte Medien und Tutorials (Podcasts, Screencasts)
  • Interaktive Tools und Formate (Educational und Serious Games), interaktive fachspezifische Werkzeuge (z. B. virtuelle Patienten / Kliniken / Labore), Online-Office-Tools, Simulationen, Webkonferenzen, Wikis
  • Immersive Technologien (virtuelle und augmentierte Realität)
Careum Working Paper 8, S. 23

In der konkreten Umsetzung ist die Nutzung von digitalen Lerntechnologien sehr heterogen. Deshalb sind Weiterbildungsangebote zum Erwerb von digitalen Kompetenzen besonders für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren notwendig.

Digitale Kompetenzen und Umgang mit Wissen, Fertigkeiten und Haltung

Welche Kompetenzen brauchen Anwenderinnen und Anwender im Umgang mit digitalen Technologien? Kompetenzen werden im Careum Working Paper 8 zur Gesamtschau in einer zweidimensionalen Matrix dargestellt. Auf der einen Achse sind die Elemente von Handlungsebenen aufgelistet, wie «instrumentell-technisch», «kognitiv-inhaltlich», «sozial-kommunikativ», «emotional», «reflexiv». Auf der andern sind  die Elemente «Wissen», «Fertigkeiten» und «Haltung» aufgelistet, welche Kompetenz als Handlungsmöglichkeit an sich bestimmen. Beide zusammen ermöglichen einen ganzheitlichen Zugang zur Erfassung von Kompetenzen für die digitale Transformation. Daraus können auch Kompetenzen für Co-Design und Interprofessionalität für die Bildung in den Gesundheitsberufen hergeleitet werden. Mehr dazu in den unten zitierten Textstellen.

Zweidimensionale Matrix der Kompetenzen | Bild: Careum
Abbildung: Careum Working Paper 8, S. 21

Die Anwendenden digitaler Technologien sind demnach mit fachlich mehrdimensional ausgerichteten Kompetenzen auszustatten, die sich in folgende Ebenen ausdifferenzieren lassen:

Auf der Ebene instrumentell-technischer Kompetenzen geht es demnach um einen sicheren und fachgerechten Einsatz von digitalen Anwendungen (z. B. Funktionalität, Bedienung).

Auf der Ebene kognitiv-inhaltlicher Kompetenzen geht es um die Befähigung, komplexe Funktionszusammenhänge vernetzter Systeme durchschauen zu können (z. B. Datenfluss, Datenschutz, Datensicherheit, Datenhoheit).

Auf der Ebene sozial-kommunikativer Kompetenzen geht es etwa um digital gestützte, interprofessionelle Zusammenarbeit oder Kommunikationen im Hilfe-Mix (z. B. mit Laien, Verwaltung), aber auch darum, eine angemessene Balance im Hilfe-Mix aus informellen Helfern, professionellen Helfern und digitalen Unterstützungssystemen herstellen zu können.

Auf einer Ebene der emotionalen Kompetenzen geht es um Fragen der Emotionsregulierung im Umgang mit den Systemen, etwa um ein angemessenes Verhältnis zu Anwendungen aus dem Bereich der Emotionsrobotik oder zukünftig ggf. zu humanoiden robotischen Systemen.

Schliesslich geht es auf der Ebene der reflexiven Kompetenzen um die Befähigung, den Einsatz von digitalen Medien und Systemen kontextspezifisch und einzelfallorientiert sowie unter Berücksichtigung ethischer und ökonomischer Aspekte auch mit Blick auf mittel- bis langfristige Wirkungen und Nebenwirkungen abzuwägen und zu einer begründeten Entscheidungsfindung und Bewertung zu gelangen. Careum Working Paper 8, S. 21

Mit Hilfe der Kompetenzenmatrix kann ich mein digitales Kompetenzprofil bestimmen, indem ich mich selbst befrage. Ich mache mir Gedanken zu den fünf verschiedenen Kompetenzebenen und setze sie in Bezug zu dem, was ich weiss, was ich kann und welche Einstellung ich dazu habe. Auf allen fünf Ebenen kann ich mir einfache Fragen stellen. Die Antworten zeigen mir,  wo ich stehe. Danach überlege ich, ob und welche Ziele ich mir als Nächstes setze und wie ich mich dorthin weiterentwickle.

Der exemplarische Fragenkatalog zeigt, welche Überlegungen ich zu den einzelnen Kompetenzebenen mache.

1. Kann ich das Gerät oder die Software bedienen?

2. Durchschaue ich, wie Datenfluss und Datensicherheit hier zusammenhängen und funktionieren?

3. Kann ich über Zusammenarbeit mit anderen hier die richtige Unterstützung und damit einen angemessenen Mehrwert aufbauen?

4. Kann ich im Umgang mit dieser Technologie das Verhältnis zwischen meinen Gefühlen, meinen Wahrnehmungen und der mit der Technologie verbundenen Unabhängigkeit oder Verbundenheit ausgleichen?

5. Kann ich überprüfen, ob die Entscheidung für meine Wahl und den Umgang mit dem Gerät oder der Software im Sinnzusammenhang immer noch passt oder muss ich eine neue Wahl treffen?

Mehr erfahren

Blogreihe zum Careum Working Paper 8: Teil 1 zum Thema Co-Design als Schlüssel

Blogreihe zum Careum Working Paper 8: Teil 3 mit einer eindrücklichen Patientengeschichte zum Thema Künstlicher Intelligenz

Blogreihe zum Careum Working Paper 8: Teil 4 mit den Forderungen der Studierenden an die Bildung im digitalen Zeitalter

Fachtagung Digital Skills für Lehrpersonen

Der Careum Curriculumverbund Problembasiertes Lernen veranstaltet am 5. November 2019 eine interne Fachtagung im Careum Auditorium in Zürich.

Digital Skills für Lehrpersonen

Anmeldung
Melden Sie sich gleich hier für die Fachtagung «Digital Skills für Lehrpersonen» an. Die Veranstaltung ist auch für weitere Interessierte offen. Anmeldeschluss ist der 30. September 2019.

Literatur

Kuhn, S., Ammann, D., Cichon, I., Ehlers, J., Guttormsen, S., Hülsken-Giesler, M., Kaap-Fröhlich, S., Kickbusch, I., Pelikan, J., Reiber, K., Ritschl, H. und Wilbacher, I. (2019) Careum working paper 8 – long version: «Wie revolutioniert die digitale Transformation die Bildung der Berufe im Gesundheitswesen?»

Downloadversion
Careum Working Paper 8 im PDF-Format
Kurzfassung des Careum Working Papers 8 im PDF-Format

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Diskutieren Sie mit

– Wie kann die Bildung der Gesundheitsberufe die digitale Transformation meistern?

– Welche Massnahmen zum Erwerb von digitalen Kompetenzen für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren sind wirksam?

– Welche Bedeutung haben E-Portfolios im Zusammenhang mit dem Aufbau von digitalen Kompetenzen?

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Yvonne Vignoli

Wissensmanagement, Webentwicklung, Web- und Lerntechnologien bei Careum Bildungsentwicklung – seit September 2014 Meine Arbeitsfelder der letzten Jahre Konzeptarbeit für Lernen mit neuen Medien und Internet in Bildungsinstitutionen Dozententätigkeit und Projektmanagement – Ausbildung der Ausbildenden, Webauftritte, Projekte mit Social Media Plattformen

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