Home Care: Ein wachsender Trend

In Kürze: «My home is my castle.» Das wollen Herr und Frau Schweizer auch bei Krankheit, Behinderung, Hochaltrigkeit und bis hin zum Tod.
In der Schweiz sind noch längst nicht alle Voraussetzungen für ein sorgenfreies Wohnen zu Hause bei Pflegebedürftigkeit gegeben. 
Erfahren Sie, wo es noch hapert und welche Rolle «High-Tech Home Care» dabei spielt.

Nicht nur die Engländer sondern auch die Schweizer Bevölkerung liebt ihr «castle». Wir haben immer mehr Wohnfläche pro Person und auch mehr Komfort. Eine Entwicklung, die bei Pflegebedürftigkeit sehr hilfreich ist. Denn Rollatoren, Pflegebetten und Materialien oder Extrawäsche bei Inkontinenz brauchen Platz. Komfort wie beispielsweise ein Lift oder Barrierefreiheit, ist eine Erleichterung für alle Beteiligten.

Barrierefreihei, schwellenfrei Tür | Foto: Tina Lerch
Barrierefreiheit:  schwellenfreie Türen erleichtern pflegebedürftigen Personen das Leben zu Hause.     (Foto: Careum/Tina Lerch)

Für geeigneten Wohnraum im Alter gibt es zudem seit einigen Jahren das LEA-Label. Es prüft und bescheinigt, ob Wohnraum hindernisfrei und altersgerecht ist.

Auch technische Neuerungen für ein unabhängiges Leben zu Hause werden in der Schweiz dank dem europäischen Programm «AAL – Active Assisted Living» stark gefördert. Innovative Genossenschaften, wie beispielsweise die Genossenschaft Kalkbreite, bieten zudem Chancen für das Wohnen bei Behinderung oder Pflegebedürftigkeit.

Also schöne, heile Welt?

Personal als Nadelöhr

Nicht ganz. Denn neben geeignetem Wohnraum braucht es auch Personen für Handreichungen, Pflege und Behandlung. Hier hapert es.

Manche Haushalte behelfen sich mit Care Migrantinnen, von denen schätzungsweise rund 10‘000 zwischen der Schweiz und meistens Osteuropa pendeln (vgl. Schlussbericht zur Regulierungsfolgenabschätzung zu den Auswirkungen von «Pendelmigration zur Alterspflege»). Sie helfen Herrn und Frau Schweizer Tag und Nacht bei diversen Handreichungen. Minimale Vorgaben für die langen Präsenzzeiten sind aber erst ab Mitte 2018 mit der neuen Regelung der 24-Stunden-Betreuungsarbeit in Privathaushalten zu erwarten – so entschied der Bundesrat vor Kurzem.

Hinzu kommt, dass Spitex und Hausarztpraxen seit Jahren mit Fachkräftemangel und Nachwuchsproblemen kämpfen. Gleichzeitig «produziert» der medizinische Fortschritt immer komplexere Behandlungen mit entsprechendem Bedarf an Fachpersonal zu Hause, z. B. für Heimdialyse, Infusionstherapien oder Heimbeatmungen. Damit ist «High-Tech Home Care» (HTHC) angesprochen: Materialintensive Pflege und medikamentenreiche Behandlungen, oft mit Apparaturen, finden nicht wie üblich im Spital sondern zu Hause statt. Somit reicht die moderne Medizin bis weit ins Wohnzimmer hinein.

Die Kalaidos Fachhochschule Gesundheit verfolgt diese Entwicklung seit Längerem. Sie bereitet ihre Studierenden neu mit dem MAS in Home Care und den darin enthaltenen Modulen «High-Tech Home Care» und «Medikamente im Patienten- und Angehörigenalltag» darauf vor. Diese finden erstmals ab März 2018 statt. Co-Leiterin des MAS Studiengangs ist die angehende Pflegeexpertin MSc, Rachel Jenkins von der Spitex Zürich Limmat AG.

Meine Kollegin, Prof. Dr. Julia Lademann von der FH Frankfurt, verfasste bereits vor zehn Jahren das Buch «Intensivstation zu Hause – Pflegende Angehörige in High-Tech Home Care».

Julia Lademann: Intensivstation zu Hause. Pflegende Angehörige in High-Tech Home Care. | Hogrefe, vorm. Verlag Hans Huber
Prof. Dr. Julia Lademann: Intensivstation zu Hause. Pflegende Angehörige in High-Tech Home Care. Hogrefe, vorm. Verlag Hans Huber
Julia Lademann beantwortet drei Fragen aus heutiger Sicht

Was sind die grössten Chancen von HTHC für Patientinnen und Patienten sowie Angehörige?
HTHC ermöglicht schwer erkrankten Menschen, in ihrem eigenen Zuhause zu leben – meistens gemeinsam mit ihren Angehörigen. Dies verspricht in vielen Fällen die gewünschte Lebensqualität. Bevor es HTHC gab, mussten z. B. Menschen mit künstlicher Beatmung jahrelang auf Intensivstationen «leben».

Was sind die grössten Risiken?
Studien zu HTHC zeigen v. a. Risiken für Angehörige, wenn diese zu Hause allein gelassen werden. Dies hängt davon ab, wie die Spitex arbeitet. Gibt es genügend qualifiziertes Pflegepersonal? Sind täglich neue Mitarbeitende im Einsatz? Wie lebt es sich mit 24-Stunden-Pflege in der Wohnung? Der Grundsatz «viel hilft viel» kann demnach auch belastend sein.

Welche Anforderungen müssen Pflegefachpersonen bei HTHC erfüllen?
Pflegefachpersonen müssen die Intensivpflege aus dem Akutspital ins Wohnzimmer übertragen können.
Zudem müssen sie die verschiedenen Fachleute, Angehörigen und allenfalls auch Freiwilligen koordinieren, die im Haushalt ein- und ausgehen. Auch müssen sie das neueste Wissen zu Pflege und Behandlung bereithalten. HTHC ist fachlich zwar anspruchsvoll aber durchaus machbar, wie internationale Erfahrungen zeigen.
Alle Pflegefachpersonen in HTHC müssen ein ausgeprägtes Sensorium für die Bedürfnisse der Betroffenen und auch der Angehörigen haben. Leider zeigen meine eigenen Studien in Deutschland, dass die Aufgaben- und Verantwortungsteilung zwischen Pflegefachpersonen und Angehörigen oftmals unklar ist. Die jeweilige Expertise ist ungenügend abgesprochen. Pflegefachpersonen brauchen deshalb sehr gute Fähigkeiten, um mit Angehörigen zusammenzuarbeiten. Dabei sind sie manchmal beratend, schulend oder beobachtend tätig, je nachdem was die Angehörigen gerade brauchen.
All diese Erwartungen machen es meines Erachtens nötig, dass Pflegefachpersonen mit Intensivpflegeausbildung auch einen Hochschulabschluss erlangen. Dabei lernen sie Innovationen umzusetzen und forschungsgestützt zu arbeiten – und vor allem verlieren sie Dank umsichtiger Arbeit den Menschen trotz Technik und Hektik nicht aus den Augen.

Finanzierungslücke als Dauerbrenner

Während meiner eigenen Zeit bei der Spitex wurde das Wohnzimmer eines Patienten über Nacht zur Intensivstation. Er kam für ein paar Wochen nach Hause, wo er auf eigenen Wunsch und mit Hilfe der Angehörigen bis zum Tod leben wollte. Ein Infusionsständer reihte sich neben das Sauerstoffgerät und Medikamente säumten das Stubenbuffet. Die Angehörigen suchten eine Spitex mit einem guten Ruf für Koordinationsleistungen. Damals wurde diese Leistung noch nicht von der Krankenversicherung bezahlt. Deshalb mussten die Angehörigen von ihrem Ersparten zusammenlegen.
Seit 2012 ist Koordination dank der Initiative des Bundesamtes für Gesundheit in der Krankenpflege-Leistungsverordnung im Art. 7 aufgeführt. Koordination wird aber erst auf wenigen Spitex-Webseiten als Leistung neben Abklärung und Beratung genannt.

Ein Artikel in der Berner Zeitung vom Mai 2017 fasst den finanziell schwierigen Spitex-Alltag in Wort und Bild und macht auf wunde Punkte in der Finanzierung, speziell zur mobilen Palliative Care, aufmerksam.

Es wird deutlich: High-Tech wird im Spital gefördert und finanziert, bei High-Tech Home Care verschliessen sich aber Augen und Portemonnaie.

Neue Ansätze für eine bezahlbare Pflege zu Hause will das Start-up Unternehmen Belvita entwickeln. Die Kombination aus drei Elementen ist vielversprechend:

bezahlbare Pflege zu Hause Grafik: Careum

Mit diesem Ansatz, in dem auch High-Tech Home Care mitgedacht ist, wird «high-touch» als soziale Nähe durch die Nachbarschaftshilfe gefördert. Vielleicht kann so der Bedarf an Care Migrantinnen reduziert werden.

Diskutieren Sie mit:

  • Welche positiven und negativen Erfahrungen mit High-Tech Home Care und Care Migration haben Sie bisher gemacht? Was wünschen Sie sich dazu?
  • Wohin sollte sich die häusliche Pflege in der Schweiz in den nächsten zehn Jahren entwickeln?
  • Welche wichtigen Aufgaben stehen bis dann an?
Careum Forum 2017

Eine Möglichkeit zur Diskussion bietet auch das diesjährige Careum Forum zum Thema «So gelingt Gesundheitsversorgung zu Hause» am 5. September 2017 im Careum Auditorium.

Weitere Informationen finden Sie hier.

Weiterführende Lektüre

Dybwik, K.; Tollali, T.; Nielsen, E.; Brinchmann, B. (2011). „Fighting the system“: Families caring for ventilator-dependent children and adults with complex health care needs at home. BMC Health Services Research.

Lademann, J. (2007). Intensivstation zu Hause. Pflegende Angehörige in High-Tech Home Care. Bern: Huber.

Lademann, J.; Schaepe, C.; Ewers, M. (2017). Die Perspektive Angehöriger in der häuslichen Beatmungspflege – „Dass ich dann auch ernst genommen werde und nicht nur die Bürde zu tragen habe“. Pflege 30(2), 77-83.

McDonald, J.; McKinlay, E.; Keeling S.; & Levack, W. (2016). Becoming an expert carer: the process of family carers learning to manage technical health procedures at home. Journal of Advanced Nursing. 72(9), 2173-2184.

Reinhard, S. C., Levine, C., & Samis, S. (2012). Home Alone: Family Caregivers Providing Complex Chronic Care. Washington, D.C.: American Association of Retired Persons (AARP)

Iren Bischofberger

Prof. Dr. Iren Bischofberger ist Prorektorin der Kalaidos Fachhochschule Gesundheit und dort Professorin für Pflege- und Versorgungsforschung. Sie leitet bei Careum Forschung das Programm work & care (www.workandcare.ch).

2 thoughts on “Home Care: Ein wachsender Trend

  • 2018-06-15 at 14:00
    Permalink

    Herzlichen Dank für den sehr instruktiven Beitrag, Iren!
    Was mir gefällt: Du hast ganz zu Beginn die Perspektive der selbst Betroffenen ganz in den Fokus gestell: was wollen sie, wie wollen sie wo leben – auch dann, wenn das Leben schwerer wird, wenn mit Beeinträchtigungen und Pflegebedarf umzugehen ist?
    Das eigene Zuhause steht hier bei der riesigen Mehrheit ganz weit oben. Wenn nun – wie Du es zeigst – auch technische und organisatorisch-fachliche Entwicklungen dies in immer noch mehr Fällen eigentlich ermöglichen…., sollte man denken, dass der Gesundheitsstandort Privathaushalt fast automatisch immer mehr Aufwind bekommen sollte.
    So einfach aber ist es – zumindest ind er Schweiz – offenbar überhaupt nicht. Aus meiner Sicht nur einige wenige ausgewählte Anmerkungen dazu:

    Mit Sorge verfolge ich eine Diskussion, die in der Schweiz derzeit an Stärke zu gewinnen scheint – u.a. aufgrund Wortmeldungen seitens avenir suisse, senesuisse und anderen:
    Ihr gemäss sollen

      (a) Menschen mit nur relativ niedrigem Hilfe- und Pflegebedarf künftig nicht mehr in stationären Langzeitversorgung – in Alters- und Pflegeheimen – versorgt werden. Einige Kantone, bspw. Schaffhausen, machen damit bereits Ernst und verweisen diesen Personenkreis aufs zuhause.
      Versorgungspolitisch und gesundheitsökonomisch gibt es dafür gute Gründe, eine Orientierung am Betroffenenwillen und deren spezifischer Lebenssitutation sollte aber differenzierter sein.
      Gleichzeitig sollen
      (b) Menschen mit “zu hohem” Pflegebedarf nicht ambulant gepflegt werden. im Klartext: Sie sollen also nicht mehr zu Hause wohnen bleiben dürfen – es sei zu teuer: “Laut Studien der Spitex Schweiz und des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) ist die Behandlung durch die Spitex günstiger für jene Menschen, die weniger als 60 Minuten Pflege pro Tag benötigen. Hingegen ist die Pflege in einem Heim, inklusive Betreuung und Hotellerie, ab einem täglichen Pflegebedarf von 120 Minuten ökonomisch sinnvoller.” (https://www.avenir-suisse.ch/mehr-ambulante-alterspflege-kann-zum-eigengoal-werden/)

    Aus dem international immer klareren “ambulant VOR stationär” (was die Notwendigkeit eines Grundangebots stationärer Langzeitversorgung überhaupt nicht infrage stellt) wird so in der Schweiz immer häufiger eine kompromisslerische Formel des “Ambulant UND Stationär”. Oder neuerdings des “Ambulant MIT Stationär”, was den Fokus auf Zusammenwirken und eine integrierte Perspektive unterstreichen soll.

    Diese Betrachtung gewinnt mehr und mehr AnhängerInnen – im übrigen im Gegensatz zum Diskurs in den meisten Nachbarländern! Das Problematische: die Finanzierungsseite gewinnt erneut die Oberhand (so wie sie schon in höchst problematischer Weise durch die Pflegefinanzierung private Präferenzen und Wünsche übersteuert). All diejenigen, die auch bei komplexen Bedarfssituationen zuhause wohnen bleiben wollen – und entsprechende Hilfebedarf haben – geraten demgegenüber in die Defensive.
    Aus mindestens zwei Gründen ist dies eine hochproblematische Diskussion:

    > Problematisch, weil es zu allererst um die Wünsche der betroffenen Menschen gehen sollte. Und von dort aus Lösungen gesucht werden sollten, die sich in mehr Fällen finden lassen, als heute gedacht.
    > Problematisch also auch deshalb, weil genau dazu auch hybride und unkonventionelle Wohnpflegeformen erst einmal entwickelt werden müssen. Modelle wie Carenet+ in Affoltern a.A. – die mangels Regelfinanzierung möglicherweise nicht überleben werden. Stattdessen sollten sie in die Breite gebracht werden und dazu ist politischer Wille notwendig.

    Das Schubladendenken – Wohnortdiktat nach Pflegeminuten – führt so auch versorgungspolitisch gerade nicht zu zukunftsfähigen Entwicklungen. Und es verhindert das, was eine alternsfreundliche Gesellschaft dringend immer stärker in den Vordergrund stellen sollte: die Orientierung am Willen der Betroffenen – der Menschen mit Pflegebedarf ebenso wie der betreuenden und pflegenden Angehörigen.

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  • 2018-06-15 at 15:37
    Permalink

    PS:
    Zum Case Management Ansatz des oben in meinem Kommentar erwähnten Carenet+ Modells ist übrigens soeben ein sehr aufschlussreicher Aufsatz erschienen – aufschlussreich daran nicht nur der sehr befürwortende Text, sondern auch die Tatsache, dass ihn ein hochrangiger Krankenkassen-Vertreter verfasst hat: Erich Scheibli von der swica:
    Scheibli, Erich (2018), “CareNet+: Ein CM-Projekt mit Zukunft. Case Management an der Schnittstelle von Gesundheits- und Sozialpolitik”, Case Management, 15. Jg., Nr. 2, S. 59-67

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