Technik im Alter: Senioren entwickeln mit

In Kürze: Die Beteiligung von Patientinnen und Patienten in Forschungsprojekten ist das Ziel der modernen Pflegewissenschaften. Auch in der Informatik hat die Beteiligung von Nutzerinnen und Nutzern bereits mehrjährige Tradition. Dieser Beitrag skizziert die Entwicklung der Partizipationsforschung und beleuchtet besondere Herausforderungen für Projekte mit älteren und technikfernen Menschen.
Neues SNF-Projekt

Aktuell hat Careum Forschung mit Sozio-Informatikern der Universität Siegen (D) das SNF-Projekt «Innovative Home Care Models for People with Comprehensive Care Needs: Caring Community Living Labs» im Rahmen der Ausschreibung des Nationalen Forschungsprogramms 74 «Gesundheitsversorgung» (Zweitausschreibung «Homecare») eingeworben. Das Projekt CareComLabs erforscht und setzt innovative und gemeinschaftsbasierte Versorgungsmodelle für die Langzeitpflege zu Hause um.

Beteiligung in der IT: Skandinavien als Vorreiter

Die Gestaltung von Software unter Einbezug der zukünftigen Nutzenden, beziehungsweise das Participatory Design, startete in den 1970er Jahren in Skandinavien. Der Ursprung war die Kooperation zwischen Technikforschenden, Unternehmen und Gewerkschaften. Es wurde das gemeinsame Ziel verfolgt, die Computerisierung von Arbeitsplätzen auf demokratische Weise umzusetzen.

Gründe für die aktive Beteiligung von Arbeitnehmenden im frühen gewerkschaftsorientierten partizipativen IT-Design
  • Forschungsethische Sicht: Informatik soll der Lösung gesellschaftlicher Probleme dienen.
  • Steigerung der Produktqualität: Die Beteiligung von Nutzerinnen und Nutzern ermöglicht die Gestaltung von Produkten, die die Arbeitsaufgaben und -prozesse passgenau adressieren.
  • Akzeptanzsteigerung: Die Beteiligung von Nutzerinnen und Nutzern schafft Engagement und fördert die Bereitschaft, die neuen softwarebasierten Lösungen zu nutzen.
  • Qualität des Arbeitslebens: Engagement und bessere Systeme fördern die Arbeitsplatzzufriedenheit.
  • Arbeitsorganisation: Die Nutzung der Ressourcen der Mitarbeitenden fördert die Verbesserung der Arbeitsorganisation.

In der Folge sind aus den skandinavischen Ansätzen zahlreiche Projekte und Vorhaben entstanden in der Zusammenarbeit mit ganz unterschiedlichen Zielgruppen. Berühmt ist vor allem das UTOPIA-Projekt, das in den 1980er Jahren mit Arbeitenden in der Zeitungsindustrie wichtige konzeptuelle Grundlagen erarbeitet hat (Sundblat 2011).

Der skandinavische Ansatz folgt drei Kernprinzipien, die heute noch für das Participatory Design richtungsweisend sind:

  • Demokratie
  • Emanzipation
  • Qualität im Produktdesign (Bødker und Pekkola 2010)

Dabei ging es nicht nur darum, den Arbeitenden Mitbestimmung im Gestaltungsprozess zu übertragen. Der Anspruch ging darüber hinaus:

The point of participation was not just ‘giving workers a voice’, but (researchers assisting in) providing workers with the knowledge and the tools that would enable them to organize for the purposes of becoming masters of their working lives. (Wagner 2018: 250)

Im Fokus stand die Entwicklung von Wissen, Methoden und Werkzeugen, die die Arbeitenden dabei unterstützte, sich ihre Arbeitsplätze selbst einzurichten, so wie sie es für ihre Arbeitsprozesse benötigten.

Vom Arbeitsumfeld zu privaten Lebenswelten

Zwei wichtige Unterschiede kennzeichnen die frühen arbeitsprozessorientierten Beteiligungsprojekte von der aktuellen IT-Gestaltung für private Haushalte und insbesondere für die ältere Generation. Diese sind bisher in der Forschung noch unzureichend durchdacht. Eine Zusammenschau von interdisziplinären Ansätzen aus Pflege- und Technikwissenschaft erscheint hier hilfreich für die Zukunft.

1. Klar umrissene Arbeitsprozesse versus vielfältige Alltagskultur

Der wichtigste Unterschied besteht darin, dass die Arbeitsprozesse in den frühen Participatory Design-Projekten relativ klar umrissen waren. Im Gegensatz dazu sind die privaten Lebenswelten und die Alltagskultur sehr unterschiedlich und individuell. Wie man seinen Lebensalltag gestaltet und an welchen Stellen Technik eine echte Unterstützung sein kann, ergibt sich oft nicht auf den ersten Blick. Die Forschenden stehen daher vor der grossen Herausforderung, die Lebenswelten, Interessen und Bedürfnisse älterer Menschen möglichst gut zu kennen, damit Technologie einen sinnvollen Platz im Alltag finden kann.

2. Motivation und digitale Kompetenz

In der älteren Generation ist die Lust, sich mit Digitaltechnologie zu beschäftigen, sehr unterschiedlich ausgeprägt. Es kommt daher häufig vor, dass Forschende zunächst auf Unwohlsein und Desinteresse gegenüber der Technikwelt stossen. Daher müssen sie erst einmal das Interesse an einer Zusammenarbeit in einem Technikprojekt wecken. Ausserdem müssen Forschende die älteren Projektteilnehmenden häufig dabei unterstützen, die digitale Kompetenz zu erlangen, damit sie auch wirklich auf Augenhöhe im Projekt mitarbeiten können.

Der Ansatz der Living Labs, der Forschen und Lernen in realen Alltagsumgebungen ermöglicht, bietet einen Forschungsrahmen, der diese Herausforderungen systematisch adressiert (Müller et al. 2015).

Der Siegener Living Lab-Ansatz: PRAXLABS, www.praxlabs.de
Der Siegener Living Lab-Ansatz: PRAXLABS, www.praxlabs.de

Voneinander lernen im Living Lab

Die Sozio-Informatik-Gruppe an der Universität Siegen hat in ihren Projekten mittlerweile eine Reihe an best practices erarbeitet. Sie können die gemeinsame Erforschung von möglichen Unterstützungspunkten durch Technologie im Alltag sowie das Interesse an und die Befähigung zur Beteiligung systematisch fördern.

Alle Projekte finden zu grossen Teilen direkt in den Lebensräumen der sich beteiligenden Gruppen statt, beispielsweise im Quartier oder im Dorf. Forschungs- und Gestaltungsaktivitäten finden somit «im Feld» statt. Also direkt vor Ort. So kann ein langfristiger, gemeinsamer Lernprozess eingerichtet werden. Anstatt erst am Ende eines Projektes die entwickelten Geräte und Software mit Vertretenden der Zielgruppe zu evaluieren, werden die Vertretenden der Zielgruppe bereits zu Beginn und über die gesamte Projektlaufzeit einbezogen (Wulf et al. 2015, Ogonowski et al. 2018).

Neben dem physischen Raum für die gemeinsame Arbeit ist es ebenso wichtig, einen gemeinsamen gedanklichen Raum aufzubauen. Eine Art «Möglichkeitsraum» zwischen den Forschenden und den älteren Projektteilnehmenden, der die gemeinsame Ideenentwicklung möglich macht. Denn Wünsche und Bedarfe an technische Assistenzsysteme können nicht einfach abgefragt werden. Insbesondere nicht, wenn es sich um Technologien handelt, für die es bisher kaum Anwendungsbeispiele gibt, wie etwa Sensortechnologien oder Anwendungen mit künstlicher Intelligenz.

Die Forschenden lernen von älteren Projektteilnehmenden wie sie ihren Alltag leben. Und die Projektteilnehmenden lernen im Gegenzug, wie Technik eingesetzt werden könnte in deren jeweiligen individuellen Alltagszusammenhängen. Wichtig ist der gemeinsame, dialogische Lernprozess in der Auseinandersetzung mit technologischen Optionen. Regelmäßig stattfindende Treffen in angenehmer Atmosphäre bilden die Basis des gemeinsamen und langfristigen Lernwegs.

Beteiligung auf Augenhöhe

Ein weiteres wesentliches Element, wie Beteiligung auf Augenhöhe ermöglicht werden kann, ist die frühe Einführung von digitalen Geräten. Eine langsame und schrittweise Auseinandersetzung damit ist hilfreich. Dazu eignen sich gängige mobile Geräte, wie Smartphones, Tablets oder Smartwatches. In den Zeiträumen zwischen den Treffen (meist 14 Tage) nehmen die älteren Projektteilnehmenden die Geräte mit nach Hause. Sie diskutieren ihre Nutzungsweisen mit den Personen, die sie umgeben. Also zum Beispiel Familienangehörige, Nachbarinnen und Nachbarn oder Freunde. Dann kommen sie meist mit weiteren Ideen und auch Fragen wieder zum nächsten Treffen zurück.

Hier können die Forschenden dann wiederum anknüpfen und weitere Optionen vorschlagen. So erfolgt meist über mehrere Monate ein langsames Herantasten an Geräte und Internet (-anwendungen), das tief im jeweiligen Lebensalltag eingebettet ist. Es entsteht allmählich ein Verständnis dafür, was mit der Technik möglich ist und was sich individuell jeweils als sinnvoll zeigt. So können Ankerpunkte in den Lebenswelten entdeckt werden, an denen Techniknutzung für die Personen wirklich sinnvoll und sinnstiftend ist.

Exploration einer Software zur Bewegungsförderung | Foto: Claudia Müller
Exploration einer Software zur Bewegungsförderung | Foto: Claudia Müller

Dieses in mehreren Monaten entwickelte tiefgreifende Verständnis ist schliesslich die Basis für die Aufnahme gemeinsamer Designworkshops. In diesen wird eine Produktidee schrittweise entwickelt und gemeinsam geprüft. In vielen Einzelschritten entsteht so am Ende ein Produkt, das unter Anleitung und Hilfestellung der Forschenden durch die Teilnehmenden in deren Haushalten genutzt und getestet werden kann.

Ein Beispiel dafür ist das Projekt «Hilfe, Rat und Tat für Mieterinnen und Mieter». Dabei ging es darum, gemeinsam mit Mieterinnen und Mietern eine Plattform für Nachbarschaftshilfe im Wohnquartier zu entwickeln.

Kreativworkshop zum Thema Nachbarschaftshilfe | Foto: Claudia Müller
Kreativworkshop zum Thema Nachbarschaftshilfe | Foto: Claudia Müller

Partizipatives IT-Design und Nachhaltigkeit

Solch intensive Projekte können nicht nach der meist dreijährigen Laufzeit einfach aufhören. Die Teilnehmenden haben neue technikgestützte Alltagspraktiken entwickelt, und die Geräte und Anwendungen fördern die Lebensqualität enorm. Zu einem Technikgestaltungsprojekt gehört also auch, sich frühzeitig über Projektaustritts- und Nachhaltigkeitsstrategien zu verständigen (Meurer et al. 2018). Der Frage nach Nachhaltigkeit muss sich auch das Gesamtprojekt stellen. Ist es gelungen, Prototypen im Konsortium zu gestalten, die die Chance haben, in Marktprodukte transferiert zu werden? Neben dieser zentralen Frage, die die Fördergeber verfolgen, stehen weitere Aspekte der Ergebnissicherung im Fokus:

  • Was hat sich durch die partizipative Konstellation in den Lebenswelten der Menschen verändert?
  • Gab es Partizipation nur, um die Produktentwicklung abzusichern,
  • oder hat die Partizipation auch den Teilnehmenden darüber hinaus etwas gegeben?
  • Was wurde sonst gelernt und im Projekt erreicht? Was haben die teilnehmenden Industriepartner oder die Verbände für sich mitgenommen?
  • Dient das Projekt als Basis für ein Folgeprojekt? Konnten Studierende die Praxisumgebung für ihre eigene Weiterentwicklung nutzen, oder auch die Doktorierenden?

Die Ergebnisse sind oft vielfältig. Vieles bleibt aus IT-Forschungssicht jedoch bisher häufig eher unsichtbar, wie beispielsweise die sozialen Lernprozesse, die im Rahmen der Projektkooperation stattfinden.

Living Lab nach dem Siegener PRAXLABS-Modell umfasst darüber hinaus auch die Reflektion der Lernprozesse aller Akteursgruppen, die in die Technikentwicklung involviert sind. So auch der interdisziplinären Gruppen und der Beteiligten aus Politik, Organisationen und Industrieunternehmen. Auch hier gilt es, genau hinzuschauen und gute Lern- und Austauschumgebungen einzurichten. Dies bleibt eine Herausforderung für zukünftige interdisziplinäre Projekte in der IT-Gestaltung.

Sozio-informatische IT-Gestaltung richtet den Blick auf die Aneignung: die Aneignung von Technik, von Themen und Agenden. Technikentwicklung findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern ist in vielfältige Arenen verwoben. Diese gilt es, auf dem Weg zu einer menschenorientierten Technikgestaltung besser zu erfassen, insbesondere mit Blick auf vulnerable IT-Anwender-Gruppen.

Diskutieren Sie mit!

– Welche Erfahrungen können Sie aus eigenen Beteiligungsprojekten berichten? Was hat gut geklappt, was waren die Herausforderungen?

– Können Sie von interprofessionellen Ideen, Projekten und Erfahrungen im Feld der Technikunterstützung älterer Menschen berichten?

– Welche Methoden sind hilfreich, um Technikaneignung von Menschen mit bisher geringen digitalen Kenntnissen zu unterstützen?

Literatur

– Bødker, S. & Pekkola, S. (2010). “A short review to the past and present of participatory design.” Scandinavian journal of information systems 22.1: 45-48.
– Müller, C., Hornung, D., Hamm, T. & Wulf, V. (2015). Practice – based Design of a Neighborhood Portal: Focusing on Elderly Tenants in a City Quarter Living Lab, Proceedings of the International Conference on Human Factors in Computing Systems (CHI), S. 2295-2304.
– Meurer, J., Müller, C., Simone, C., Wagner, I. & Wulf, V. (2018). Designing for Sustainability: Key Issues of ICT Projects for Ageing at Home. Journal of Computer Supported Cooperative Work (JCSCW) 27(3): 495-537
– Wagner, I. (2018). Critical Reflections on Participation in Design, in: Wulf, V., Pipek, V., Randall, D., Rohde, M., Schmidt, K., & Stevens, G. (Eds.). (2018). Socio-Informatics. Oxford University Press.
– Wulf, V., Müller, C., Pipek, V., Randall, D., Rohde, M. & Stevens, G. (2015). Practice-based computing: Empirically grounded conceptualizations derived from design case studies. In: Designing socially embedded technologies in the real-world (pp. 111-150). Springer, London.
– Sundblad; Y. (2011). UTOPIA: Participatory Design from Scandinavia to the World, in: John Impagliazzo, Per Lundin, Benkt Wangler: History of Nordic Computing 3 – Third IFIP WG 9.7 Conference, HiNC 3, Stockholm, Sweden, October 18-20, 2010, Revised Selected Papers. IFIP Advances in Information and Communication Technology 350, Springer 2011, S. 176-186 ISBN 978-3-642-23314-2

Claudia Müller

Claudia Müller

Claudia Müller ist Research Fellow im Careum Forschungsprogramm «Ageing at home» und leitet gleichzeitig als Juniorprofessorin den Bereich «IT für die alternde Gesellschaft» an der Universität Siegen (D).

One thought on “Technik im Alter: Senioren entwickeln mit

  • 2018-12-07 at 14:15
    Permalink

    Die Idee finde ich gut und unterstützenswert, sofern ein Kommerzialisierungs-Druck ausgeschlossen und ergebnisoffen in Fokus- und Anwendergruppen kommuniziert werden kann.

    Pflege unterscheidet sich von der klinischen Medizin vorallem durch die Priorisierung der Bedürfnisse und Wünsche der zu pflegenden mitmenschlichen Person.

    Für die Pflege der Technik sind dagegen Ingenieure gefragt. Daraus ergeben sich hoffentlich weiterhin klare und verbindliche Unterschiede in den jeweiligen Verantwortungen.
    Die Frage nach einer konvivialen Technik (Illich) sollte immer auch Reflektionen anregen, welche persönlichen Potentiale durch die Übernahme der technischen Anwendungen ggf. organismisch und sozial geschwächt werden.

    Der “technische Fortschritt” im Mobilitätsbereich hat wesentlich dazu beigetragen, dass körperliche Inaktivität und sedentative Arbeitsformen zu einem massgeblichen Risikofaktor verschiedener “Zivilisationskrankheiten” geworden sind und Menschen inzwischen dann durch Fitness-Maschinen wieder mobilisiert werden müssen. Das sind absurde Entwicklungen, die aber das Bruttosozialprodukt von zwei Seiten befeuern und sich daher “auf dem Markt” verbreiten.
    Daran müßte sich eine Stiftung wie Careum freiwillig nicht beteiligen.

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