Die Crux mit Medikamenten

In Kürze: Wie lassen sich Fehler bei der Einnahme von Medikamenten vermeiden? Welche Hilfsmittel gibt es? Wie tragen digitale Technologien zur Medikationssicherheit bei? Antworten auf Fragen rund um die Herausforderungen mit Medikamenten im Alltag.

Silvia Fux | Urheberin: Silvia FuxBei Pillen können leicht Fehler passieren. Besonders bei Medikamenten im Multipack. Silvia Fux, Pflegeexpertin MScN am Kantonsspital Luzern, beantwortet deshalb sieben Fragen, die für das Medikamentenregime im Patienten- und Angehörigenalltag wichtig sind:

Was müssen Betroffene beachten, die zahlreiche Medikamente einnehmen?

«Besonders im Alter sowie bei chronischer Krankheit und Multimorbidität (mehrere Krankheiten gleichzeitig) verläuft das Medikamentenmanagement oft nicht optimal. Problematisch sind vor allem Medikamentenregime mit fünf oder mehr Präparaten. Zentral ist, wie Patientinnen und Patienten ihre Krankheit selber erleben und damit umgehen, denn das wirkt sich auf ihr eigenes Medikamentenmanagement aus.

Diese Personen brauchen geeignetes Krankheits- und Therapiewissen sowie ein Mindestmass an Achtsamkeit und Selbstbeobachtung, um ihren Gesundheitszustand einschätzen zu können. Nur so ist es ihnen möglich, anbahnende Verschlechterungen und Krisen zu erkennen und diesen mit der richtigen Therapie entgegnen zu können.»

Besonders im Alter sowie bei chronischer Krankheit und Multimorbidität verläuft das Medikamentenmanagement oft nicht optimal.

Silvia Fux

Wo liegen die Schwierigkeiten mit Medikationen?

«Während Spitalaufenthalten werden Medikationen fast täglich geändert. Deshalb weichen Medikamentenregime bei Austritt im Vergleich zum Eintritt oft ab.

Schwierig ist für Betroffene auch die Umstellung der angestammten Medikamente auf Generika. Die Tabletten werden unter einem anderen Namen aufgeführt und sehen anders aus. Gerade bei komplexen Medikamentenregimen, wenn mehr als fünf Präparate einzunehmen sind, ist das besonders anspruchsvoll.

Eine weitere Schwierigkeit ist, dass Betroffene Medikamente nicht korrekt einnehmen. Die Evidenz zeigt, dass bis zu 50 % der verordneten Medikamente gar nicht oder zum falschen Zeitpunkt eingenommen werden (Haynes et al., 2005). Das kann bei Krankheiten wie Diabetes Typ 2 oder bei Herz-Kreislaufereignissen verheerende kurzfristige oder langfristige Folgen haben.

Die korrekte Einnahme der verordneten Medikamente ist wichtig für die wirksame Behandlung. Betroffene müssen wissen und verstehen, welche Faktoren die korrekte bzw. nicht korrekte Medikamenteneinnahme beeinflussen. Angehörige nehmen hier eine besonders wichtige Rolle ein.»

Medikamente | Pixabay.com | Urheber: Pixabay.com
Die korrekte Einnahme der verordneten Medikamente ist wichtig für die wirksame Behandlung.

Welche Hilfsmittel gibt es für die Einnahme von Medikamenten?

«Patientenfreundliche Medikationspläne tragen wesentlich zur Arzneimittelsicherheit bei. Sie geben Patientinnen und Patienten sowie Angehörigen einen Überblick über die aktuellen Medikationen sowie Hinweise, was es bei der Einnahme zu beachten gilt.

Der Medikamentenplan muss aktuell und vollständig sein, und Betroffene sollten ihn immer auf sich tragen. Ein Richtsystem oder eine Medikamentenapp können beim sicheren Umgang mit Arzneien zusätzlich helfen.»

Wie sieht ein patientenfreundlicher Medikationsplan aus?

«Wichtig sind folgende gestalterischen und inhaltlichen Punkte:

  • Nutzerorientierte Sprache
  • Standardisierte Darstellung
  • Lesefreundliche Struktur (z. B. wichtige Informationen hervorheben)
  • Klare, explizite Angaben für die Dosierung und den Einnahmezeitpunkt
  • Angabe der Indikation in verständlicher Sprache
  • Grosse, übersichtliche Schriftart
  • Berücksichtigung der Fremdsprachigkeit (idealerweise schriftliche Übersetzung)»
Medikamentenplan | Urheber: Stiftung für Patientensicherheit
Medikamentenplan | Urheber: Stiftung für Patientensicherheit

Wie können Gesundheitsfachpersonen die Medikationssicherheit fördern?

«Häufig werden Probleme zu Hause manifest, was für Gesundheitsfachpersonen, für Ärzte und Apothekerinnen nur bedingt sichtbar ist. Gerade in frühen Krankheitsphasen, wenn es Betroffenen nach einem akuten Schub wieder besser geht und kaum gesundheitliche Einschränkungen spürbar sind, kommt es oft zum Therapieabbruch.

Genau hier setzen Pflegefachpersonen an. Sie sind direkt bei den Patienten tätig. Sie haben Einblick in die Schwierigkeiten im Alltag und können den Bedarf vor Ort zwischen Betroffenen und Angehörigen klären. Durch Förderung der Patientenkompetenz können sie direkt im Alltag ansetzen und Wissen sowie Können vermitteln. Das Management des Medikamentenregimes ist deshalb eine interprofessionelle Aufgabe in enger Absprache mit Patientinnen und Patienten sowie Angehörigen.

Eine Untersuchung im Home Care-Bereich zeigt, dass 61 % der Klientinnen und Klienten mindestens wöchentlich eine Frage rund um ihren Medikationsprozess stellen (Meyer-Massetti et al., 2012). Dieses Resultat zeigt, dass Betroffene interessiert sind und sich mit ihrer Medikation auseinandersetzen. Das bedeutet, dass Arzneimittelinformationen zu Hause verfügbar sein müssen. Hier können Pflegefachpersonen die Fragen in patientengerechter Form beantworten. Falls nötig können sie die Apothekerin per Telefon oder Videozuschaltung konsultieren. Die häusliche Pflege hat Potenzial für eine optimierte, alltagsnahe Unterstützung sowie bei Monitoringaufgaben.»

Das Management des Medikamentenregimes ist eine interprofessionelle Aufgabe in enger Absprache mit Patientinnen und Patienten sowie Angehörigen.

Silvia Fux

Wie lassen sich Schnittstellenprobleme vermeiden?

«Es braucht eine klare Aufteilung und festgelegte Vorgehensweisen der Gesundheitsprofessionen in der Handhabung der Arzneimitteltherapie, besonders im Bereich der Qualitätssicherung an den Schnittstellen. Jährlich treten immerhin rund 20 000 Personen ins Spital ein. Laut Patientensicherheit Schweiz kommt es bei jedem zweiten Klinikeintritt zu Unstimmigkeiten (Frank & Seeburger, 2016).

Der Übergang von Spitaleintritt und -austritt sowie von Arzt und ambulanter Pflege ist deshalb ein Hochrisiko-Prozessschritt. Regelmässige Medikationschecks durch Fachpersonen – verbunden mit einem Arzneimittelgespräch mit den betroffenen Personen – fördern die Arzneimitteltreue sowie die Sicherheit und Wirksamkeit der Arzneimitteltherapie (Fishman et al., 2015). Hier lassen sich durch systematische Kontrollen der Medikamentenpläne Medikationsfehler vermeiden.»

Welche Möglichkeiten bietet der Einsatz digitaler Technologien beim Medikamentenmanagement?

«Innovative Methoden wie E-Health bieten viele Möglichkeiten, um Menschen in der Arzneimitteltherapie direkt im häuslichen Umfeld zu unterstützen. Gerade für Personen in dünn besiedelten Gebieten kann die Telemedizin die Arzneimittelsicherheit verbessern.

Besonders bei Multimedikationen können elektronisch vernetzte Fachpersonen die gesundheitliche Versorgung gemeinsam optimieren und steuern. Das elektronische Patientendossier soll hier Verbesserungen bringen.»

Diskutieren Sie mit!

– Wenn Sie an ihren beruflichen Alltag denken, wo sehen Sie Lücken im Medikationsprozess, die sich auf die Patientensicherheit auswirken?

– Wo würden Sie ansetzen, um Medikamentenregime sicherer zu gestalten?

– Worauf sollten aus ihrer Sicht Gesundheitsfachpersonen achten, um die Patienten- und Angehörigenkompetenz zu fördern?

 

Mehr erfahren

Blogbeitrag von Silvia Fux zum Thema Medikamente im Multipack

Blogbeitrag von Jörg Haslbeck zum Thema Selbstmanagement bei Medikamenten

Elektronisches Patientendossier

Einzelmodul Medikamente im Patienten- und Angehörigenalltag an der Kalaidos FH Gesundheit

MAS Home Care an der Kalaidos FH Gesundheit

Stiftung Patientensicherheit Schweiz: Progress! Sichere Medikation an Schnittstellen

 

Weiterführende Literatur

– Fishman, L., Gehring, K., Zimmermann, C. & Bezzola, P. (2015). Der systematische Medikationsabgleich im Akutspital. Stiftung für Patientensicherheit. Schriftenreihe Nr. 7. PDF

– Frank, O. & Seeburger, P. (2016). Fokus auf die Medikationssicherheit. Schweizerische Ärztezeitung. 97(36), 1225-1226. PDF

– Haynes, R. B., Yao, X., Degani, A., Kripalani, S., Garg, A., & McDonald, H. P. (2005). Interventions for enhancing medication adherence (Review). Cochrane Database of Systematic Reviews, 4. PDF

– Meyer-Massettti, C., Kaiser, E., Hedinger, B., Luterbacher, S. & Hersberger, K. (2012). Medikationssicherheit im Home-Care Bereich: Identifikation von kritischen Prozessschritten. Pflege, 25(4): 261-269. DOI: 10.1024/1012-5302/a000214

2 thoughts on “Die Crux mit Medikamenten

  • 2018-01-16 at 08:01
    Permalink

    Das beste “Medikamentenmanagement”: weniger Medikamente.

    Was in den meisten Fällen leicht möglich ist, wenn man sich überlegt, welches Medikament WIRKLICH die Lebensqualität verbessert!

    Reply
  • 2018-01-21 at 08:00
    Permalink

    Guten Tag Herr Kuoni,

    besten Dank für Ihren Beitrag.
    In der Tat, steigt mit jedem Medikament das Risiko, dass unerwünschte Wirkungen auftreten.
    Gerade bei Multimedikation lohnt es sich, dass Betroffene mit dem Arzt regelmässig ihre Medikamente wie auch die korrekte Einnahme überprüfen.

    An einem Arzneimittelgespräch können Patientinnen und Patienten dem Arzt Ihre Wünsche, Sorgen mitteilen. So kann gemeinsam entschieden werden, welche Beschwerden dringlich sind und Medikamente benötigen. Dies wirkt sich nicht nur auf die Menge der Anzahl eingenommener Medikamente aus, sondern auch auf die Adhärenz der Betroffenen.

    Mit freundlichen Grüssen
    Silvia Fux

    Reply

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *