Medikamente im Multipack: Die Herausforderung

In Kürze: Der Alltag mit zahlreichen Medikamenten ist anspruchsvoll. 
Vom Einkauf bis zur Entsorgung müssen sowohl Patientinnen und Patienten als auch Angehörige immer an etwas denken. 
Ein Blick hinter die Kulisse am «Gesundheitsstandort Privathaushalt».

Arzneimittel zählen zu den wichtigsten Behandlungen. In der Schweiz nimmt jede dritte Person regelmässig Medikamente ein (Camenzind & Petrini, 2014). Besonders ältere und chronisch kranke Menschen brauchen deutlich häufiger Medikamente, damit sie im Alltag zurechtkommen.

Demografische Prognosen gehen davon aus, dass durch die steigende Lebenserwartung die Zahl älterer Menschen mit Morbidität weiter zunehmen wird (Bundesamt für Statistik, 2010).

Auch die Anzahl der täglichen Medikamenteneinnahme steigt. Deshalb nimmt das Risiko von Medikationsfehlern zu. In der Gesundheitsversorgung geht man davon aus, dass 30–50 % aller Behandlungsfehler mit Medikationen zusammenhängen (Meyer-Massetti & Conen, 2012).

Angesichts einer immer differenzierteren und vielfach wirksameren, aber auch risikoreicheren Arzneimitteltherapie überrascht es nicht, dass 30–50 % aller unerwünschten Ereignisse wegen dieser Therapien für die Spitaleintritte verantwortlich sind (Landrigan, 2010). Das belastet die Betroffenen und ihre Angehörigen, und die vermeidbaren Kosten im Gesundheitssystem steigen in Millionenhöhe.

Probleme mit dem Medikamentenregime

Fachpersonen erleben bei Patientinnen, Patienten und Angehörigen oft Probleme mit der Medikamenteneinnahme und dass komplexe Medikamentenregime nicht optimal verlaufen. Internationale Studienergebnisse bekräftigen dies:

  • Chronisch kranke Menschen nehmen täglich bis zu 11 Medikamente ein (Berben et al., 2012). Die Einnahmen in den Alltag einzubauen, ist für Betroffene oft schwierig und einschneidend. Besonders dann, wenn mehrere Medikamente zu unterschiedlichen Zeiten eingenommen werden müssen.
  • Unangenehme Begleiterscheinungen der Medikamente wie Neben- und Wechselwirkungen machen Betroffenen oft Probleme. Es treten Zweifel und Ermüdungserscheinungen auf, die Adhärenzprobleme verursachen (Geroni et al., 2007).
  • Aus solchen Gründen nehmen Betroffene oft nur die Hälfte der verordneten Dosis ein (Haynes et al., 2005).

Eine Patientin erzählt

Wegen einer chronischen, rheumatologischen Multiorganerkrankung wurde Frau W. (Name geändert) kürzlich hospitalisiert. Am Austrittstag übergab der Arzt ihr das Rezept und klärte sie über die neue Medikation auf. Welche Herausforderungen damit auf die Patientin zukamen, macht folgende Aussage deutlich:

Zu Hause habe ich mit der Einnahme der zwei neuen Medikamenten begonnen.
Ich verspürte Schwindel und eine starke Müdigkeit, führte dies aber auf den anstrengenden Spitalaufenthalt zurück. Der Zustand wurde immer schlimmer.
Ich konnte den Alltag kaum mehr bewältigen. Nach etwa 14 Tagen ist es mit mir immer mehr abwärts gegangen.
Der Hausarzt stellte dann veränderte Quick-Werte fest und reduzierte die Dosis des neuen Medikamentes. Seither geht es mir wieder etwas besser.

— Frau W.

Dieses Beispiel zeigt: Um mit (vielen) Medikamenten im Alltag sicher umgehen zu können, braucht es Wissen, Kompetenz und Motivation – kurz Gesundheitskompetenz.

Damit ist gemeint, dass Betroffene grundlegende Gesundheitsinformationen erhalten, verarbeiten und geeignete Gesundheitsentscheidungen für sich treffen können.

So hätte Frau W. beispielsweise nur mit einem der beiden neuen Medikamente in einer niederen Dosierung beginnen können, um dessen (Neben-)Wirkung abzuwarten. So wäre die Umstellung sanfter und klarer abzugrenzen, und der Besuch beim Hausarzt wäre allenfalls früher erfolgt.

Gerade die Schnittstellen zwischen Spitalaustritt und dem Leben zu Hause sind für Patientinnen und Patienten riskant. Hier ist die enge Begleitung durch Fachpersonen zentral. Für Frau W. hätte rund um die Uhr eine Ansprechperson verfügbar sein müssen.

Selbstmanagement bei Medikamenten

Um den Arzneimittelprozess zu optimieren und ein innovatives Vorgehen zu ermöglichen, ist das Selbstmanagement für Betroffene und Angehörige bedeutsam. Das folgende Modell mit den sechs Schritten zeigt dies auf:

Modell des Selbstmanagements bei Medikation (nach Bailey et al. 2013, modifiziert von Haslbeck 2015)
Modell des Selbstmanagements bei Medikation (nach Bailey et al. 2013, modifiziert von Haslbeck 2015)
Prozessschritt
Empfehlung
Besorgen: Für Patientinnen und Patienten kann z. B. beim Spitalaustritt die Besorgung der Medikamente belastend sein. Nicht immer ist die Apotheke gut erreichbar. Oder Arzneimittel sind nicht vorrätig und müssen nachbestellt werden. Deshalb werden 24 % der verordneten Medikamente von den Betroffenen nicht besorgt (Fischer et al., 2011).
Das Besorgen muss beim Spitalaustritt bereits durch Fachpersonen in Zusammenarbeit mit Patientinnen, Patienten und Angehörigen geregelt sein. Zum Beispiel sollten die Medikamente bereits in der ortsnahen Apotheke oder durch einen Online-Anbieter bereitstehen, damit Betroffene oder ihre Angehörigen ohne Hektik zu Hause ankommen können.
Verstehen: Patientinnen und Patienten müssen verstehen, was und warum sie ein Präparat einnehmen und über Interaktionen und Nebenwirkungen Bescheid wissen. 75 % wissen aber zu wenig über ihre Medikamente (Bailey et al., 2013). Davon haben 54 % Schwierigkeiten, Warnungen zu Medikamenten zu verstehen (Davis et al., 2001).
Fachpersonen unterstützen Betroffene und Angehörige in der sicheren Anwendung, in dem sie z. B. das Wissen überprüfen und bei Bedarf über die Wirkung und wichtigsten Nebenwirkungen eines Arzneimittels aufklären. Betroffene müssen wissen, wo sie welche Fachpersonen bei Bedarf rund um die Uhr erreichen können.
Organisieren und Integrieren: Das Einhalten von langfristigen und komplexen Medikamentenregimen ist für Erkrankte und besonders für die Älteren schwierig. Es braucht Routine, damit die Einnahmen besonders bei unterschiedlichen Medikamenten zu verschiedenen Zeiten nicht vergessen gehen.
Wichtig ist ein aktueller Medikamentenplan, an dem sich Betroffene und Angehörige orientieren können. Ein geeignetes Richtsystem erhöht die Medikamentensicherheit besonders bei vielen Medikamenten mit unterschiedlicher Einnahmeform und verschiedenen Zeiten. Deshalb sollten Fachpersonen mit Betroffenen das Selbstmanagement einüben, damit bei Spitalaustritt eine gewisse Routine möglich ist.
Einnehmen: Ein Arzt muss Patientinnen und Patienten über die Arzneimitteltherapie aufklären. Oftmals ist die Haltung der Betroffenen gegenüber Medikamenten ablehnend. Deshalb nehmen sie nur die Hälfte der verordneten Dosis ein (Haynes et al., 2005).
Pflegefachpersonen können die Gründe gemeinsam mit Betroffenen identifizieren, um die Therapietreue zu verbessern. Ausserdem gibt es nützliche Hilfen wie Medikamenten-Apps, um die Medikamenteneinnahme im Alltag zu unterstützen.
Beobachten: Chronisch kranke Personen haben oft Schwierigkeiten, Krankheitssymptome von Medikamenten-Nebenwirkungen zu unterscheiden. Deshalb ist es besonders wichtig, dass ihnen Fachpersonen Hinweise geben, wie sie Warnzeichen deuten und ab wann sie sich bei einem Arzt melden sollten. Dies setzt Achtsamkeit und Selbstbeobachtung voraus, um unerwünschte Auswirkungen zu erkennen.
Mit proaktiven Follow-ups durch Fachpersonen, beispielsweise durch ein Telefonat nach dem Spitalaustritt, werden Betroffene direkt zu Hause unterstützt. So werden unerwünschte Wirkungen richtig interpretiert, bevor sich die Gesundheitssituation verschlechtert und zu einer notfallmässigen Behandlung führt.
Aufrechterhalten: Es kann für Betroffene schwierig sein, ein komplexes Medikamentenregime z. B. nach Medikamentenänderungen bei Spitalaustritt sicher zu gestalten und aufrechtzuerhalten.
Pflegefachpersonen können Betroffene mit Schulung und Edukation unterstützen, um den Therapienutzen auch bei langfristigen und sich ändernden Medikationen zu erhalten. Ganz besonders im Rahmen des transmuralen Schnittstellenmanagements.

Hilfsmittel für die Einnahme von Medikamenten

WiBox pro | Wiegand AG, Bülach
WiBox pro | Wiegand AG, Bülach

 

Wochenblister | Pharmis GmbH, Beinwil am See
Wochenblister | Pharmis GmbH, Beinwil am See

 

Diskutieren Sie mit!

– Wo sehen Sie die Herausforderungen mit Medikamenten im Alltag?

– Wie erleben Sie die Schnittstellen, zum Beispiel beim Spitaleintritt oder -austritt?

– Wie erleben Sie den Umgang mit einem komplexen Medikamentenregime bei chronisch erkrankten Menschen?

Mehr Erfahren

Blogbeitrag von Jörg Haslbeck zum Thema Selbstmanagement bei Medikamenten

Einzelmodul Medikamente im Patienten- und Angehörigenalltag an der Kalaidos FH Gesundheit

MAS Home Care an der Kalaidos FH Gesundheit

Stiftung Patientensicherheit Schweiz: Progress! Sichere Medikation an Schnittstellen

Weiterführende Literatur

– Bailey, S., Oramasionwu,C. & Wolf, M. (2013). Rethinking Adherence: A Health Literacy-Informed Model of Medication Self-Management. Journal of Health Communication, 18(1), 20-30.

– Camenzind, P. & Petrini, L. (2014). Personen ab 55 Jahren im Gesundheitssystem: Schweiz und internationaler Vergleich. Bundesamt für Gesundheit (BAG), OBSAN Dossier 43. PDF

– Berben, L., Dobbels, F., Engberg, S., Hill, M. & De Geest, S. (2012). An Ecological Perspektictive on Medication Adherence. Western Journal of Nursing Research, 34(5), 635-653.

– Bundesamt für Statistik (2010). Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung der Schweiz 2010-2060. Link zum Download der Publikation

– Davis, T. C., Wolf, M. S., Bass, P. F., Thompson, J. A., Tilson, H. H., Neuberger, M. & Parker, RM. Literacy and misunderstanding prescription drug labels (2001). Annals of  Internal Medicine Journal. Dec 19; 145 (12): 887-94.

– Fischer, M.A., Niteesh, K., Choidhry, M., Brill, G., Avorn, J., Schneeweiss, S., Hutchins, D., Libermann, J., Brennan, T. & Shrank, W. (2011). Trouble Getting Started: Predictors of Primary Medication Nonadherence. American Journal of Medicine, 124(11), 1081.e9-1081.e22.

– Geroni, V., Schönermark, M. & Hagen, A. (2007). Interventionen zur Verbesserng der Compliance bzw. Adherence in der Arzneimitteltherpie mit Hinblick auf den Therapieerfolg. Köln_ DIMDI.

– Haynes, R. B., Yao, X., Degani, A., Kripalani, S., Garg, A., & McDonald, H. P. (2005). Interventions for enhancing medication adherence (Review). Cochrane Database of Systematic Reviews, Oct 19(4):CD0000111.

– Landrigan, C., Parry, G., Bones, C., Hackbarth, A., Goldmann, D. & Sharek, P. (2010). Pemporal trends in rates of patient harm resulting from medical care. N. Eng. J. ed. 363; 2124-2134.

– Meyer-Massetti, C. & Conen, D. (2012). Assessment, frequency, causes, and prevention of medication errors – a critial analysis. Therapeutische Umschau Revue therapeutique. 69, 357-352.

Silvia Fux

Pflegeexpertin in der Pflegeentwicklung und -qualität am Luzerner Kantonsspital, MSc in Nursing Abschluss an der Kalaidos Fachhochschule Gesundheit

15 thoughts on “Medikamente im Multipack: Die Herausforderung

  • 2017-11-17 at 07:44
    Permalink

    Liebe Frau Fux

    Vielen Dank für diesen sehr interessanten Blogbeitrag. Ich stimme mit Ihnen überein: Gesundheitskompetenz kann zu einem besseren Umgang mit Medikamenten beitragen. Aber ich denke, dass der Prozess des Selbstmanagements sogar weiter geht bzw. viel früher anfängt, und zwar schon bei der Medikamentenverschreibung.

    Ich möchte es kurz verdeutlichen: «Die Einnahme der Medikamente verbessert Ihre Gesundheit.» Das hören Patientinnen und Patienten von Gesundheitsfachpersonen. Wenn also das Ziel von Selbstmanagement bei Medikamenten die Verbesserung der Gesundheit ist bzw. die Aufrechterhaltung der Medikation («Compliance») sollte der Prozess der Medikamentenverschreibung (Einigung ob Medikation nötig ist, welches Präparat, welche Dosierung, etc) gemeinsam mit den Betroffenen und Angehörigen gestaltet werden.

    Wir wissen ja: Der Patient ist Experte seiner eigenen Erkrankung. Im Zuge von chronischen Krankheiten haben die Betroffenen (und Angehörigen) bereits jahrelange Erfahrung mit unterschiedlichen Medikamenten gemacht. Diese Erfahrungen sollten auch im Behandlungsprozess wertgeschätzt und aktiv in die Entscheidungsfindung einbezogen werden. Denn sie sind ein entscheidender Faktor bei der Fortführung der Medikation (Adhärenz).

    Ich würde mir wünschen, dass Fachpersonen Patientinnen und Patienten sowie Angehörige nicht nur beim Management der Medikamente unterstützen, sondern auch aktiv in den Prozess der davor stattfindet einbeziehen. Nur so können die besten Voraussetzungen für eine gute Behandlung und Therapietreue geschaffen werden.

    Beste Grüsse,
    Anna Hegedüs

    Reply
  • 2017-11-20 at 08:08
    Permalink

    Liebe Frau Hegedüs

    Sie haben es sehr schön auf den Punkt gebracht. Vielen Dank für Ihren wertvollen Beitrag!

    Sie schreiben: «Ich wünsche mir, dass Fachpersonen, Patientinnen und Patienten sowie Angehörige bereits bei der Medikamentenverschreibung aktiv in den Entscheidungsprozess einbeziehen und ihre Erfahrungen als Experte berücksichtigen.»

    In der Tat wird bereits sehr früh die Basis für eine gute Gesundheitskompetenz gelegt. Gerade bei chronisch erkrankten Menschen ist der Miteinbezug der Betroffenen bereits bei der Medikamentenverschreibung ein entscheidender Faktor und wirkt sich langfristig auf die Adhärenz aus.

    Doch gerade bei Mehrfachmedikationen und komplexen Medikamentenregimen entstehen oftmals erst im Versorgungsalltag dringliche Fragen. Oftmals fehlt in solchen Situationen der Zugang zu Informationen, um (Neben-)Wirkungen richtig interpretieren und einschätzen zu können, und es stehen keine Ansprechpersonen zur Verfügung. Aus meiner Sicht gilt es auch hier anzusetzen.

    Oder wie denken Sie darüber?

    Beste Grüsse,
    Silvia Fux

    Reply
    • 2017-11-20 at 14:39
      Permalink

      Vielen Dank für Ihre Antwort, Frau Fux.
      Ich stimme mit Ihnen überein. Es braucht beides: sowohl die shared decision making in Bezug auf die Medikation, als auch die Begleitung und Unterstützung im Selbstmanagement der Medikamente.
      Ich hoffe, dass vermehrt ein Bewusstsein für diese Vorgehensweisen entwickelt wird!

      Reply
      • 2017-11-20 at 17:46
        Permalink

        Vielen Dank Frau Hegedüs, für Ihre unterstützenden Ausführungen zu diesem Thema.

        Mit herzlichen Grüssen
        Silvia Fux

        Reply
  • 2017-12-14 at 14:44
    Permalink

    Gerne von mir ein Statement zur Diskussion aus der Praxis . Als Stationsleiter auf einer Neurorehabilitation befinde ich mich mit meinen Pflegeteam an einer Schnittstelle zwischen akuten und weiterer Versorgung. Ob der Austritt nun an ein Alters- und Pflegeheime erfolgt oder bestenfalls zurück in den häuslichen Bereich: Ziel der integrierenden Funktion von Pflegefachpersonen in der Rehabilitation ist die Förderung von Partizipation und der Selbstwirksamkeitsüberzeugung der Betroffenen in Alltagssituation (vgl. Suter-Riederer, Imhof und Gabriel, 2012).

    Organisieren und integrieren wird im Modell des Selbstmanagements bei Medikation nach Bailey als Teilprozess beschrieben und auf Ihrer Website auf die Notwendigkeit regelmässige Übung hingewiesen (vgl. Bailey et al., 2013).

    Leider scheiterte gerade dieser Schritt in meiner Organisation an bürokratischen Hürden. So wurde uns vom kontrollierenden Kantonsapotheker 2013 untersagt, Mikroschulungen in bisheriger Form weiter zu führen. Dies aus Gründen der Rechtssicherheit und Haftung. Unser Ziel war es zuvor, dass die Betroffenen neben der Informationsvermittlung in fünf Teilschritten die Medikamente selbständig richten und einnehmen können. Die einzunehmenden Medikamente wurden besprochen und die wichtigsten Wirkungen bzw. Nebenwirkungen auf die Medikamentenliste notiert. Als letzter Schritt wurde mittels einer Medikamentenliste das Richten der Tabletten direkt aus der Orginalpackung mit den Betroffenen geschult.

    Der Lernprozess wurde eng durch Pflegefachpersonen begleitet. Ein schönes Beispiel für die Förderung des Selbstmanagements und nebenbei bemerkt am Ende auch ein Zeitgewinn für das Pflegeteam. Leider ist das heute nur noch in reduzierter Form möglich- die Pflegefachperson richtet die einzunehmenden Medikamente im Dispenser, händigen diese mit Hintergrund Informationen aus und supervisieren die Einnahme.

    Zu den Prozessschritten “aufrechterhalten” ist zu sagen: Haben wir Zweifel, dass die austretenden Personen das Selbstmanagement zu Hause nicht leisten können, äussern wir dies gegenüber den Betroffenen und Angehörigen. Nach Rücksprache mit diesen organisieren wir beispielsweise die Spitex oder leiten die Angehörgen auf Wunsch an.

    Vor Austritt nach Hause wird von den Pflegefachpersonen das Besorgen der Medikamente nach Austritt organisiert. Das Alters- und Pflegeheim, Hausarzt oder die Apotheke wird über den bevorstehenden Austritt informiert und die Medikamentenliste einige Tage vorher gefaxt, damit die Medikamente zeitig zur Verfügung stehen.

    Quellen:
    Bailey, S., Oramasionwu,C. & Wolf, M. (2013). Rethinking Adherence: A Health Literacy-Informed Model of Medication Self-Management. Journal of Health Communication, 18(1), 20-30.
    Suter-Riederer S., Imhof L., Gabriel C., Mahrer Imhof R. (2012). Modell evidenzbasierter Rehabilitationspflege. Pflegewissenschaft, 12, 667-679.

    Reply
    • 2017-12-22 at 09:57
      Permalink

      Sehr geehrter Herr de Boitte,
      für Ihre differenzierten Ausführungen aus Sicht des Managements, danke ich Ihnen sehr herzlich!
      In Ihrem Arbeitsbereich stellen Sie wichtige Weichen im weiteren Versorgungsmanagement und können bereits mit kleinen Prozessverbesserungen an zentralen Schnittstellen ansetzen und Wirkung erzielen.

      Ich stimme mit Ihnen überein: Bestrebungen patientenorientierte Qualitätsprozesse zu verbessern, können an bürokratischen Hürden scheitern!

      Wenn das Ziel die Förderung von Selbstmanagementfähigkeiten von Betroffenen und Angehörigen sein soll, müssen Pflegefachpersonen über die Kompetenz verfügen, Prozesse wie die Arzneimittelsicherheit zu optimieren und Betroffene aktiv in die Entscheidungsfindung miteinzubeziehen.

      Unterstützend können hier evidenzbasierte Assessments wie beispielsweise zur Einschätzung der Adhärenz oder der Kognition von Betroffenen sein. Sie bieten die Grundlage für die interprofessionelle Argumentation, beispielsweise mit dem Arzt oder Pharmakologen. Basierend darauf sind manchmal in gemeinsamer Entscheidung individuelle Lösungen möglich, die als „Vorreiter“ dienen und mit zunehmender Akzeptanz Wege für neue Lösungsansätze schaffen.

      Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg und Elan bei Ihrer Arbeit und bleiben Sie dran: „ steter Tropfen höhlt den Stein“.

      Festliche Grüsse
      Silvia Fux

      Reply
  • 2017-12-19 at 08:06
    Permalink

    Ich arbeite in einer alltagsbezogenen Rehabilitation für Menschen mit einer Hirnverletzung.

    Das Selbstmanagement hinsichtlich der Medikamenten wird bei unseren Klienten/ -innen so früh als möglich gefördert. In mehreren Schritten lernen sie das selbständige Richten der Medikamente und anschliessend auch das selbständige Verwalten. Anhand gezielter Schulung werden sie in die Materie eingeführt.

    Teilweise werden auch verschiedene Hilfsmittel eingesetzt. Bis sich die Klienten/ -innen sicher fühlen, werden sie von der Betreuung unterstützt. Wenn möglich achten wir mit den Ärzten, dass die Medikamente bspw. morgens und abends verordnet werden. So müssen die Klienten/ -innen nur zweimal am Tag die Medikamente einnehmen.

    Auch wird nach Möglichkeit auf verschiedenen Arzneimittelformen verzichtet, so dass es bei Tabletten bleibt und nicht noch Tropfen oder Sachet’s hinzu kommen. Bei einem Austritt nach Hause werden Angehörige, Hausärzte und allfällige weitere Personen informiert, um einen guten Übergang zu gewährleisten.

    Reply
    • 2017-12-22 at 10:18
      Permalink

      Liebe Frau Gassner,
      vielen Dank für Ihren wertvollen Beitrag.

      Mit den von Ihnen illustrierten Beispielen zeigen Sie sehr schön auf wo Optimierungen im Medikationsprozess ansetzen können und gut durchdachte Teilschritte zur Erleichterung der Medikamenteneinnahme für Betroffene führen.

      Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Freude und Erfolg
      Herzlich Silvia Fux

      Reply
  • 2017-12-19 at 09:23
    Permalink

    Gemäss dem Blogbeitrag von Jörg W. Haslbeck hat der “European Health Literacy Survey 2011 gezeigt, dass etwa jede 2. Person mit problematischer oder unzureichender Gesundheitskompetenz lebt ==> Sørensen et al. (2015). In den acht europäischen Ländern, die an der Befragung teilnahmen, waren das vor allem Menschen mit Langzeiterkrankungen und aus sozial benachteiligten Gruppen.”

    Nun habe ich im Modul Patientenedukation der Kalaidos FH erfahren, dass das auf Selbstmanagementförderung aufgebaute Programm EVIVO hauptsächlich von Frauen genutzt wird. Es stellt sich mir die Frage, ob “die Männer” im Allgemeinen hier eine Gruppe wären (neben den Menschen mit Langzeiterkrankungen und aus sozial benachteiligten Gruppen), deren Verhalten in Bezug auf die Gesundheitskompetenz genauer anzuschauen wäre. In einer androzentrischen Gesellschaft, die wir sind (Theunert, M., ….), hat ein Mann es weniger gelernt, ein gutes Selbstwahrnehmungs- und beobachtungsvermögen aufzubauen. Doch genau das benötigt er, wenn er Selbstmanagementkompetenzen wie “Probleme erkennen, definieren und einschätzen” anwenden soll (Haslbeck, J.W., Schaeffer, D., 2007).

    Markus Theunert (2013). Co-Feminismus: Wie Männer Emanzipation sabotieren – und was Frauen davon haben. Verlag: Hans Huber; ISBN-10: 3456852800.
    Haslbeck, J.W., Schaeffer, D. (2007). Selbstmanagementförderung bei chronischer Krankheit: Geschichte, Konzept und Herausforderungen. Pflege, 20(2), 82-92.

    Reply
  • 2017-12-22 at 14:19
    Permalink

    Liebe Frau Steinmann,
    vielen Dank für Ihren informativen und interessanten Beitrag.
    In der Tat benötigen Menschen mit einer chronischen Erkrankung eine gezielte Kompetenzförderung, um ihr Medikamentenregime auch in schwierigen Krankheitsphasen adäquat (selbst-) managen können.

    Wie der Beitrag von Schaeffer, Müller-Mundt & Haslbeck (2007) verdeutlicht, gibt es geschlechtsspezifische Verhaltensmuster, die in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzen sind. Wenn das Verhaltensmuster zwischen Männer und Frauen unterschiedlich ist, braucht es dafür gezielte Ansätze, um beispielsweise auf Motivationseinbrüche in der Arzneimitteltherapie zu reagieren.
    Durch eine solch explizite Wissensbasis zeichnet sich die professionelle Pflege aus.

    Wo stellen Sie in ihrer Pflegepraxis gesundheitliche Verhaltensweisen bei der Bewältigung komplexer Medikamentenregime fest, die geschlechtsspezifisch sind?

    Es würde mich freuen wieder von Ihnen zu hören.

    Mit freundlichen Grüssen
    Silvia Fux

    Reply
  • 2017-12-22 at 21:08
    Permalink

    Die Prozessschritte «Selbstmanagement bei Medikamenten» sind interessant, die Ansätze sicherlich Schritte in die richtige Richtung. Allerdings bin ich der Meinung, dass wir in den Akutspitälern noch weit davon entfernt sind, die Patientinnen und Patienten ausreichend auf das Selbstmanagement mit ihren Medikamenten vorzubereiten.
    Im Sinne von «Sicherheit» und «Kontrolle» werden den Patientinnen und Patienten bei Spitaleintritt die eigenen Medikamente abgenommen und für den Rest des Aufenthalts durch die Pflege gerichtet und abgegeben. Meist kommen während der Hospitalisation noch weitere Medikamente hinzu, manchmal für eine begrenzte Zeit, bei chronisch Erkrankten häufig für immer.
    Die gewünschte Wirkung wird den Patientinnen und Patienten erläutert, mögliche unerwünschte Wirkungen oft nur nebenbei erwähnt- ich erlebe immer wieder, dass gerade ältere Menschen nicht zu viele Informationen aufnehmen können oder bei ausführlichen Informationen desinteressiert abwinken.

    So wird Medikamentenmanagement verbessert.
    Rezepte für (neu) benötigte Medikamente sollten nach Möglichkeit am Tag vor dem Austritt erstellt werden und an die Betroffenen abgegeben werden. Die betreuende Fachperson könnte dann mit Patient und Angehörigen klären, ob sie an diesem Tag in der Apotheke vorbeigehen und die benötigten Medikamente bestellen lassen/organisieren.
    Alternativ könnte die Fachperson das Rezept in die Hausapotheke der Patientin/des Patienten faxen oder mailen und die Medikamente könnten bestellt und vorbereitet werden.
    Und die Begleitung der Patientinnen und Patienten durch die Fachperson nach dem Spitalaustritt sollte ohne viel Kreativität der betreuenden Person verrechenbar sein.

    Reply
  • 2018-01-16 at 07:35
    Permalink

    Guten Tag Frau Krmpotic,
    besten Dank für Ihren wertvollen Beitrag. Ihre Ausführen beschreiben eine Realität, die ich in meinem Praxisalltag selbst oft erlebe und das Selbstmanagement der Betroffenen kaum fördert.

    Doch wieso wird den Patientinnen und Patienten ihr gewohntes Medikamentenregime aus der Hand genommen? Wie Sie schreiben geht die Sicherheit und Kontrolle vor. Das medizinische Fachpersonal will sicher gehen, dass die Medikamente entsprechend der Arztverordnung verabreicht und von den Patienten und Patientinnen eingenommen werden. Es fehlt möglicherweise aber auch die Basis, um die Adhärenz wie auch die Kognition einzuschätzen. Dazu braucht es ein strukturiertes Medikamentengespräch, um das Wissen, welches Patientinnen und Patienten im Umgang mit Medikamenten benötigen zu prüfen. Diese Einschätzungen legen die Grundlage einerseits für die Gestaltung des Medikamentenregimes während dem Spitalaufenthalts, andererseits auch für das Austrittsmanagement, um den Medikationsprozess nach Austritt sicher zu gestalten.

    Ihren Ansatz das Medikamentenmanagement zu verbessern finde ich sehr unterstützenswert. Mit guter Organisation wird hier viel Wirkung erzielt 🙂

    Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg!
    Mit freundlichen Grüssen
    Silvia Fux

    Reply
  • 2018-05-09 at 15:43
    Permalink

    Sehr geehrte Frau Fux

    Vielen Dank für diesen sehr interessanten Beitrag. Da ich zurzeit mich mit dem Thema “Altersheim und Apotheke” befasse sind mit beim Lesen dieses Beitrags folgende Fragen durch den Kopf gegangen:

    – Wie wichtig finden Sie eine Kooperation einer Apotheke mit ein Alters- und Pflegeheim?

    – Wo sehen Sie Schwierigkeiten und Vorteile in dieser Hinsicht?

    – Was wäre Ihrer Meinung nach die beste Möglichkeit den Bewohner im Altersheim und dem Pflegepersonal die Medikamente zur Verfügung zu stellen?

    Könnten Sie diesbezüglich Stellung nehmen?

    Liebe Grüsse

    Reply
    • 2018-05-12 at 08:03
      Permalink

      Vielen Dank für Ihren Imput. Sie werfen damit äusserst relevante Fragestellungen zu einer Patientengruppe mit einer hohen Bedeutung auf.

      Mit dem demografischen Wandel, der mit einem wachsenden Anteil von älteren Menschen in der Gesamtbevölkerung einhergeht, ist die Medikationssicherheit im Alters- und Pflegeheim ein zentraler Hotspot.

      Geriatrische Menschen sind anfälliger für medikationsbedingte Schädigungen. Die Anforderungen an diese Lebensphase sind deshalb besonders hoch. Oft nehmen Bewohnerinnen und Bewohner 5 und mehr Medikamente (Polypharmazie) ein. Damit steigt zum einen die Wahrscheinlichkeit von unerwünschten Arzneimittelwirkungen und zum anderen die Ineffektivität der Arzneimitteltherapie. Die Komplexität und der Umfang des Medikamentenregimes kann das Pflegepersonal an ihre Grenzen bringen. Die Dimension der Arzneimittelversorgung wird gerade bei Multimorbidität und chronisch kranken Seniorinnen und Senioren häufig unterschätzt.
      Es braucht eine Stärkung und Kooperation individueller Kompetenzen aller am Versorgungsprozess beteiligter Personen sowie eine enge Zusammenarbeit einzelner Fachdisziplinen.

      Dazu werden in der Literatur verschiedene Verbesserungsmassnahmen empfohlen (Stiftung Patientensicherheit Schweiz, 2015):
      • Mit der Medikamentenanalyse werden aktuell eingenommene Medikamente hinsichtlich arzneimittelbezogener Probleme von Apothekern oder Ärzten aus der Geriatrie bewertet und Empfehlungen an den behandelnden Arzt oder anderen beteiligten Leistungserbringern gemacht.
      • Im Weiteren bewirken interdisziplinäre Fallbesprechungen beispielsweise bei Patienteninnen und Patienten mit Polypharmazie, dass auffälliges Verhalten frühzeitig erkannt und die Menge der eingenommenen Medikamente reduziert werden kann.
      • Die Schulung und Weiterbildung für Fachpersonen, um arzneimittelbezogene Probleme oder Sicherheitslücken zu erkennen.

      Fazit:
      Die interdisziplinäre Beteiligung und enge Zusammenarbeit aller am Medikationsprozess beteiligter Fachdisziplinen trägt zur Optimierung der Arzneimittelsicherheit und somit zur Verbesserung der Lebensqualität betagter Menschen bei.
      Um eine hohe Medikationssicherheit in einem Betrieb zu gewährleisten braucht es neben den bereits erwähnten Massnahmen eine multimodale Prozessanalyse. Damit sind verschiedene Aspekte wie beispielsweise die Anwendung der 6-R-Regeln, der Verordnungsprozess, die Lesbarkeit von Medikamenten (Übertragungsfehler) das ungestörte Bereitstellen sowie die Verabreichung und die Therapiebeobachtung gemeint.
      Grundsätzlich sind die kantonalen Vorgaben der Heilmittelkontrolle zum korrekten Umgang mit Medikamenten zu beachten und hierzu gilt es die Zusammenarbeit der Apotheken zur pharmazeutischen Betreuung von Institutionen zu prüfen. Diese bilden mit ihrem breiten medizinischen Basiswissen ein wichtiger Knotenpunkt im Netzwerk zwischen Institutionen, Fachpersonen und Betroffenen (Curaviva, 2015).

      Literatur:
      CURAVIVA (2015). Medizinische und Therapeutische Versorgung in Alters- und Pflegeinstitutionen. Curavia Schweiz, Fachbereich Alter. Zugriff am 11.05.2018. Verfügbar unter https://www.curaviva.ch/files/6OFJ101/2017_05_td_med_u_therap_versorgung_all_juni17.pdf
      Niederhauser, A. & Bezzola, P. (2015). Progress! Sichere Medikation in Pflegeheimen. Stiftung für Patientensicherheit Schweiz. Zugriff am 11.05.2018. Verfügbar unter http://www.patientensicherheit.ch/de/themen/Pilotprogramme-progress–/progress—Pflegeheime.html

      Reply
      • 2018-05-15 at 17:04
        Permalink

        Sehr geehrte Frau Fux
        Vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort.

        Der ganze Prozess für eine solche Verbesserung ist ein hoch komplexer Prozess. Als eine aussenstehende Person habe ich das Gefühl, dass es sehr schwierig ist, eine solche Prozessanalyse durchzuführen – vor allem auch dadurch, dass die Alters- und Pflegeheime bekanntlich sehr wenig Zeit haben, um solche Analysen durchzuführen. Ausserdem denke ich, dass diese Branche nicht sehr kommunikativ und dadurch auch nicht gross für Veränderungen bereit ist. Sei es einerseits wegen der mangelnden Zeit andererseits auch wegen den unterschiedlichen Altersgruppen. Ich denke auch, dass es für eine Apotheke sehr schwierig ist, eine Kooperation mit einem Alters- und Pflegeheim einzugehen – was einerseits sicher mit den stetig steigenden Gesundheitskosten und natürlich auch mit dem bekannten Vitamin-B 🙂 zusammenhängt.
        Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass ein Alters- und Pflegeheim die Chance nutzt und die betreuende Apotheke wechselt, um so die Kooperation zu verbessern und somit den Bewohnern und auch den Angestellten einen Mehrwert zu generieren? Und wie denken Sie, dass ein solcher Mehrwert dieser bestimmten Zielgruppe kommuniziert wird?

        Freundliche Grüsse

        Reply

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