Im Zentrum steht immer der Mensch

In Kürze: Ob in der Ausbildung oder im Berufsalltag von Health Professionals, in der Forschung oder in der Politik – immer gilt: Nicht über Patienten und Angehörige reden, sondern mit ihnen! Was die Qualität betrifft, belegt das schweizerische Gesundheitssystem international einen Spitzenplatz. Im Bereich Patientenzentrierung lässt sich aber noch einiges erreichen – so der allgemeine Tenor am diesjährigen SCHP-Kongress, der am 3.–4. September auf dem Careum-Campus in Zürich stattfand.

Alle zwei Jahre stellt der «Swiss Congress for Health Professions» eine Plattform, um sich über Trends in der Gesundheitwelt auszutauschen. Personenzentrierte Gesundheitsversorgung war das Schwerpunktsthema des SCHP-Kongresses, der dieses Jahr von der Kalaidos Fachhochschule Gesundheit organisiert wurde. (Lesen Sie dazu auch «Personenzentriertes Gesundheitswesen – Alltag oder Luftschloss?» von Iren Bischofberger)

Das Publikum war gut durchmischt: Die rund 180 Tagungsteilnehmenden vertraten Fachhochschulen (Lehre und Forschung), sind Gesundheitsfachpersonen oder aber kamen in ihrer Funktion als Patientenvertreterinnen und -vertreter. Gemeinsam suchten sie im Careum Auditorium nach gängigen Wegen, wie Patientinnen, Patienten und Angehörige besser ins Gesundheitssystem eingebunden werden. Denn diese sind nicht die Summe ihrer Organe, sondern möchten aktiv und selbstbestimmt über ihre Gesundheit mitreden können – und zwar auf Augenhöhe.
(Mehr erfahren: Hier finden Sie das detaillierte Kongressprogramm)

Wenn man kein «Medizinisch» spricht

Woran liegt es, wenn die Kommunikation zwischen Gesundheitsfachpersonen und Patienten (oder deren Angehörigen) scheitert? Kann es sein, dass Patientinnen und Patienten kein Gehör finden, weil sie die medizinische Fachsprache nicht beherrschen? «Mir ist aufgefallen, dass Betroffene eine eigene Sprache sprechen. Sie drücken sich meist so aus, wie es ihnen der Bauch sagt», so eröffnete Prof. Ursina Baumgartner (Rektorin Kalaidos Fachhochschule Gesundheit und SCHP-Organisatorin) den Kongress.

Häufig würden solche Aussagen von Fachpersonen übergangen und nicht ernst genommen. Sie bat deshalb alle Teilnehmenden, kurz innezuhalten und sich zu erinnern, dass alle irgendwann in die Situation kommen können,  Angehörige zu pflegen. In diesem Moment findet man sich dann selbst als Gesundheitsfachperson auf der anderen Seite wieder. Auf die Situation in der französischsprachigen Schweiz ging Nicole Seiler (Fachhochschule Westschweiz, HES-SO) in ihren Begrüssungsworten an die Tagungsteilnehmenden ein.

Wichtig: Adressatengerechte Kommunikation!

Der Zürcher Regierungspräsident Dr. Thomas Heiniger stellte in seiner Rede die Frage in den Raum, ob denn die Gesundheitsversorgung nicht sowieso per Definition personenzentriert sei. Schliesslich seien doch die Gesundheit der Patientinnen und Patienten der Existenzgrund der Gesundheitsversorgung. Aber, so führte er sogleich aus, er wisse wohl, dass dem in der Schweiz nicht so sei. So haben die zahlreichen involvierten Akteure in der komplexen Gesundheitsversorgung verschiedene Interessen – und manchmal werden Patienten in den Hintergrund gedrängt. Dabei können gesundheitskompetente und motivierte Personen selbst viel bewirken: Sie können gesundheitsbezogene Informationen nutzen und Entscheidungen treffen, die sich positiv auf ihre Gesundheit auswirken.

Patientinnen und Patienten sind die absoluten Experten, wenn es um ihre eigene Gesundheit geht!Regierungsrat Thomas Heiniger

In diesem Zusammenhang erwähnte er auch das geplante Dachprojekt «Gesundheitskompetentes Zürich» (in Zusammenarbeit mit Careum), dessen Ziel es ist, die Gesundheitskompetenz im Kanton Zürich sowohl auf individueller als auch auf institutioneller Ebene zu verbessern.

Auch er ging auf die Kommunikationsprobleme ein. Gesundheitskompetenz ist zwar Sache der Patientinnen und Patienten, aber sie betrifft alle Akteure des Gesundheitssystems. Fachpersonen sind deshalb zentrale Ansprechpersonen in Gesundheits- und Krankheitsfragen. Ihnen gehört das Vertrauen der Patientinnen und Patienten. Sie können dabei helfen, die Komplexität des Systems und die Anforderungen an Patienten zu reduzieren. Ihre Art zu kommunizieren unterstützt (oder behindert) Patientinnen und Patienten bei der Krankheitsbewältigung, bei Prävention und Gesundheitsförderung oder bei Behandlungsentscheiden.

Adressatengerechte Kommunikation erleichtert die Navigation im komplexen Gesundheitswesen. Auch Fachhochschulen können gemäss Thomas Heiniger viel bewirken, indem sie sich sich mit aktuellen Trends auseinandersetzen, über Kantonsgrenzen und Sprachgrenzen hinweg. Gemeinsam, aktiv und zukunftsorientiert.

Regierungsrat Thomas Heiniger (Foto: Careum/Svec Goetschi)
Regierungsrat Thomas Heiniger (Foto: Careum/Svec Goetschi)

Wer Prämien zahlt, soll ernst genommen werden

Die oberste Patientenschützerin Susanne Hochuli (Präsidentin SPO Patientenschutz) und Cristina Galfetti (Patientencoach) vertraten an der Tagung die Patientensicht. Woran man denn erkenne, dass man chronisch krank sei, fragte Cristina Galfetti pointiert in die Runde. Wenn einen der Apotheker mit Namen kennt! Sie selbst bezeichnet sich als «heavy userin des Gesundheitswesen», benutzt sie es doch das ganze Jahr über. Wer zahlt, bestimmt auch mit. Patienten sind demgemäss nicht nur User, sondern auch Kunden. Susanne Hochuli: «Wir alle zahlen vom ersten bis zum letzten Tag Prämien – und die meisten von uns auch Steuern! Denken Sie daran, dass Sie mit Personen sprechen, die Ihre Arbeit finanzieren!»

Woran merkt man, dass man chronisch krank ist? Wenn einen der Apotheker beim Namen nennt!Cristina Galfetti, Patientencoach

Für eine bessere Personenzentrierung wünschen sich die beiden Patientenvertreterinnen ebenfalls direktere Kommunikationswege, vor allem zwischen Hausärzten und Spezialisten. Patientengespräche sollen zudem mehr geübt werden. Oftmals schauen Ärzte lieber in den Computer, als in die Augen ihrer Patienten. Gewünscht ist deshalb ein Dialog auf Augenhöhe, statt in eine Schublade gesteckt zu werden.

Es brauche auch Verständnis dafür, dass Patientinnen und Patienten nicht immer in der Lage sind, medizinische Fachsprache zu verstehen oder zu verwenden. Meist benötige man das medizinische Vokabular sowieso erst dann, wenn man krank sei – und dann habe man sonst schon genug um die Ohren. Informationen müssten deshalb so vermittelt werden, dass sie auf Anhieb verstanden würden. Es darf, gemäss Susanne Hochuli, dabei keine Rolle spielen, welche Sprache man spricht oder welchen Bildungshintergrund man hat.

Ein Herzensanliegen wäre für die beide, als eigenständige Organisation eine ernstzunehmende politische Stimme zu haben, wie z. B. WWF oder Greenpeace, und so referendums- und initiativfähig zu sein. Patienten und Angehörige lassen sich jedoch nicht so einfach mobilisieren. Galfetti: «Wenn man krank ist, hat man andere Sorgen, als sich für andere einzusetzen. Und wenn man genesen ist, will man manchmal nicht mehr an die Krankheit erinnert werden. Mit diesen Mechanismen kämpfen auch Selbsthilfegruppen, wenn sich Mitglieder nach der Akutphase zurückziehen.»

Susanne Hochuli, Christina Galfetti Foto: Careum/Svec Goetschi)
Susanne Hochuli, Christina Galfetti (Foto: Careum/Svec Goetschi)

Von Bevormundung zum Gesundheitsmanagement

In den Keynotes des ersten Tages stand vor allem die Einbindung von Patientinnen und Patienten im Zentrum. Prof. Dr. Bernhard Güntert (Private Universität im Fürstentum Liechtenstein, UFL/curafutura) zeigte in seiner Keynote «Patientenbeteiligung neu denken» auf, wie sich die Rolle von Patienten im Alltag wie auch in der Forschung stark verändert hat. Früher sahen es auch Soziologen, wie z. B. Talcott Parsons (1902-1979), als das Beste an, wenn sich Patienten vetrauensvoll in die Obhut von Ärzten übergaben und das taten, was diese ihnen sagten. So wurden kranke Menschen von ihren Alltagspflichten entlastet. Sie gaben aber mit dem Eintritt in das Spital auch ein Stück ihrer Identität auf. Durch diesen «wohlwollenden Paternalismus» ergibt sich aber gemäss Bernhard Güntert eine Beziehungsasymmetrie: Kranke Menschen werden bevormundet.

Seither hat sich die Patientenrolle stark gewandelt. Statt bevormundete Kranke ergeben sich heute andere Rollenmuster: Gesundheitskompetente und mündige User, fordernde Klienten, informationssuchende Manager der eigenen Gesundheit, autonome Self Carer bei der Organisation von Pflegeleistungen, selbstverantwortliche Versicherungsnehmer …

Es wird von Patientinnen und Patienten heute erwartet, dass sie sich informieren, gesundheitskompente Entscheidungen fällen, ihr Versorgungsnetz frei wählen oder rechtliche Aspekte richtig einschätzen können. Jedoch, so ein Fazit der Konferenz, heisst «gut informiert zu sein» noch lange nicht, dass man auch mitsprechen und mitentscheiden kann.

Forschung: Nicht ohne Patientinnen und Patienten

Prof. Dr. Sabine Hahn (Berner Fachhochschule) plädierte in ihrer Keynote «Fachkräftemangel – Patientenpartizipation: Fachkräfte und Betroffene: Gemeinsam zu mehr Qualität und Effizienz» dafür, die Einbindung von Patientinnen und Patienten (Stichwort: Service-User Involvement) zu verstärken. Das Schweizer System habe ein Effizienzproblem.

Sie verwies auf andere Länder, wo beispielsweise Koproduktion an der Tagesordnung ist. In den UK beispielsweise findet Forschung über Patienten nur mit Patienten statt. In der Schweiz hingegen funktioniert laut Sabine Hahn die interprofessionelle Zusammenarbeit aus Mangel an Koordination und wegen veralteter hierarchischer Strukturen noch nicht wirklich. Versorgungsbereiche arbeiten eher parallel , statt Hand in Hand. Dabei werden alle Akteure kompetenter, wenn sie zusammenarbeiten.  Auch das ambulante Setting erfahre noch nicht die nötige Wertschätzung.

Alle Akteure werden kompetenter, wenn sie zusammenarbeiten. Man sieht sich dann mit anderen Augen.Sabine Hahn, Berner Fachhochschule

Es ist zwar Realität, dass alte, körperliche und psychisch kranke Menschen so lange als möglich zu Hause leben wollen. Sabine Hahn konstatiert aber, dass die schweizerische Finanzstruktur noch längst nicht so weit sei. Auch hier werde der Service-User-Willen missachtet. Wichtig ist es deshalb, bereits in der Ausbildung, aber auch in der Forschung, das Service-User-Involvement voranzutreiben.

Dabei stellt sich natürlich die Frage, wie man Menschen mit einer fragilen Gesundheit einbeziehen kann, z. B. in der Forschung. Welches ist der richtige Service-User? Ist es der bestinformierte User? Oder ist dieser bereits zu nahe am System, um es kritisch zu betrachten? Es braucht also Regeln. Auch dahingehend, was Patientenvertreter in Projekten verdienen sollen. Denn nicht alle wollen Lohn, da es ja auch darum geht, die IV nicht zu verlieren. Hier gilt es, gute Lösungen zu finden. Patientenvertreter müssen zudem richtige Teammitglieder sein. Denn, so Sabine Hahn, meist ist die Grenze fliessend, wer krank ist und wer nicht.

Publikum SCHP-Kongress 2018 (Foto: Careum/Svec Goetschi)
SCHP-Kongress 2018 mit Posterpräsentation (Foto: Careum/Svec Goetschi)

Integer Forschung betreiben, spielerisch vermitteln

Der Montag schloss mit zwei Keynotes, die sich mit verschiedenen Aspekten von Forschung befassten. Prof. Dr. Beatrice Beck Schimmer (SAMW-Vorstandsmitglied, UniversitätsSpital Zürich) referierte über «Wissenschaftliche Integrität – aktueller Diskurs in der Schweiz im Dienste von Patientinnen und Patienten». Wissenschaftliches Fehlverhalten (z. B. gefälschte Daten, Plagiate, nachlässiger Umgang mit vertraulichen Patientendaten) fügen nicht nur der Forschung und der Science Community Schaden zu, sondern auch Patienten. Auch Beatrice Beck Schimmer findet es ein Muss, Patientinnen und Patienten in Forschungsprojekte einzubinden. Sie begrüsste es deshalb, dass Patienten (und Angehörige) zunehmend in Ethikkommissionen Einsitz finden oder um Gutachten gebeten werden.

Wissenschaft niederschwellig einer breiten Öffentlichkeit vermitteln und gleichzeitig Unternehmertum zu fördern, das ist die Idee hinter dem Programm «First Ventures» der Gebert Rüf Stiftung (Geberit). Wie man die Denkwelt des Unternehmertums ins Gesundheitswesen bringt, erklärte Dr. Marco Vencato (Gebert Rüf Stiftung) in seiner Keynote über «Wissenschaft und Unternehmertum: Das Programm ‹First Ventures› der Gebert Rüf Stiftung». Gefördert werden junge Forschende mit innovativen Businessideen, die z. B. ihre Bachelor- oder Masterarbeit ausbauen und sich spielerisch mit Wissenschaft beschäftigen wollen. Mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit will die Gebert Rüf Stiftung gerade auch tendenziell wissenschaftsskeptische und -ferne Zielgruppen ansprechen.

Gesundheitsfachleute in die Forschung!

Der zweite Tag war geprägt von Paneldiskussionen. Im Tagungsblock «Nachwuchsförderung an Fachhochschulen» diskutierten Prof. Dr. Luca Crivelli (Direttore Dipartimento economia aziendale, sanità e sociale, SUPSI), Prof. Dr. Andreas Gerber-Grote (Direktor Departement Gesundheit, ZHAW), Prof. Dr. Claudia Witt (Prodekanin Interprofessionalität, Medizinische Fakultät UZH), Prof. Dr. Nicolas Kühne (Filière Ergothérapie, HES-SO), Prof. Ursina Baumgartner (Rektorin Departement Gesundheit, Kalaidos FH) und Bettina Kuster (Direktorin Pflege, Kinderspital Zürich) über Chancen und Hürden kooperativer Doktoratsprogramme. Es herrschte Einigkeit darüber, dass ein PhD-Studiengang für Gesundheitsberufe wichtig sei. Dieser ermöglicht das nötige Rüstzeug für Lehre und Forschung und erhöht die Zufriedenheit der Berufsgruppen.

Es macht Spass, Forschung zu machen. Junge Leute in den Gesundheitsberufen sollten die Chance haben, dies auch an den Universitäten zu tun. Claudia Witt, Medizinische Fakultät UZH

Es braucht Gesundheitsfachleute, die für die Forschung ausgebildet werden und eigene Forschungsergebnisse erarbeiten, damit man nicht mehr auf Daten anderer Disziplinen oder anderer Länder zurückgreifen muss. Hochspezialisierte Medizin benötigt deshalb auch hochspezialisierte Pflege und Therapie. So wird auch die Qualität der Versorgung erhöht.

In der Theorie sei dies akzeptiert, aber in der Praxis funktioniere es dann nur bedingt, meine Bettina Kuster. Zudem werde akademische Pflege oftmals in Verbindung gebracht mit Verlust von Pflegequalität und Menschlichkeit. Diese Unvereinbarkeit würde Ärztinnen und Ärzten nie unterstellt – ein Doktorat bedeute bei ihnen kein Verlust an Menschlichkeit. Mit diesem Widerspruch gelte es zu leben.

Hochspezialisierte Medizin benötigt auch hochspezialisierte Pflege und Therapie. Bettina Kuster, Kinderspital Zürich

«Basiswissen Unternehmertum» für die Ausbildung

Wenn Gesundheitsfachpersonen sich beruflich auf eigene Beine stellen, benötigen sie Unternehmergeist, Inspiration, Durchhaltewillen und Risikobereitschaft. Im Rahmen der 2. Paneldiskussion «Unternehmen gründen und führen – Health Professionals im Aufwind» erzählten drei Berufsleute, wie sie den Sprung in die Selbstständigkeit geschafft haben: Marcel Napierala (Physiotherapeut und CEO Medbase), Claudia Bettenmann (Hebamme und Gründerin, Praxiszentrum Arcus, Thalwil) und Barbara Aegler (Inhaberin und Leiterin der Praxis für Handrehabilitation und Ergotherapie GmbH, Zürich). Alle würden es sehr begrüssen, ein gewisses Grundwissen im Bereich Unternehmertum bereits in der Ausbildung an den Fachhochschulen erlernen zu können. So ist es möglich, frühzeitig Fähigkeiten zu erwerben, die über das reine Berufswissen hinausgehen. Auch Weiterbildungsmöglichkeiten sind eine grosse Hilfe.

Technik für und mit älteren Menschen

Den Bogen zurück zum personen- resp. seniorenzentrierten Gesundheitswesen schlugen Prof. Dr. Ulrich Otto (Leiter Careum Forschung) und Lukas Bäumle (Präsident Arbeitsgruppe Gesundheit, Schweizerischer Seniorenrat) in der 3. Paneldiskussion «Digitales und analoges Gesundheitswesen: Was will die Generation 65+?».

Prof. Dr. Iren Bischofberger, Lukas Bäumle, Prof. Dr. Ulrich Otto (Foto: Careum/Svec Goetschi)
Prof. Dr. Iren Bischofberger, Lukas Bäumle, Prof. Dr. Ulrich Otto (Foto: Careum/Svec Goetschi)

Lukas Bäumle eröffnete mit dem konkreten Beispiel seines 98-jährigen Schwiegervaters, der von der Spitex betreut wird. In einem ersten Schritt erfolgte die Bedarfsabklärung auf Papier. Nun aber berichtete der Schwiegervater erstaunt, sei eine Person gekommen, die «eine Art Schiefertafel» mit sich getragen habe. Die Person habe mit einem Stift Eintragungen gemacht und ihm dabei kaum in die Augen geschaut. Für Lukas Bäumle illustriert dieses Beispiel einerseits, dass die Entwicklung nicht aufhaltbar ist und auch alte Leute mit Technik in Kontakt kommen. Trotzdem muss aber der Mensch im Mittelpunkt stehen. Es muss eine Beziehung von Mensch zu Mensch bleiben, bei der man sich auch im wahrsten Sinne in die Augen schaut.

Mein Schwiegervater erzählte mir dann, es sei einer zu ihm gekommen, mit so einer Schiefertafel. Der hätte mit einem Stift Eintragungen gemacht, ihn dabei kaum angeschaut. Lukas Bäumle, Schweizerischer Seniorenrat

Ulrich Otto ging das Thema aus der Sicht der Forschung an. Zentrale Linien in der Gerontologie laufen auf ein analoges Weltbild hinaus. Menschen wollen verbunden in einer berührungsorientierten Umgebung leben. Dem muss sich die Technik unterordnen. Nach Ulrich Otto sind die wesentlichen technischen Entwicklungen nicht die gehypten Pflegeroboter oder die Robbe Paro, sondern andere, technisch  unauffälligere.

Allgemein gilt nach Otto: Je unauffälliger Technik, umso nützlicher und alternsfreundlicher ist sie. Für das digitale Gesundheitswesen heisst das: Die Technik darf nicht zum Selbstzweck vorangetrieben werden, sondern muss den Bedürfnissen der User entsprechen. Ziel ist es, nicht an den älteren Menschen vorbeizuentwickeln. Senioren müssen frühzeitig in die Evaluation einbezogen werden – und nicht erst (zu) spät im Rahmen eines Usability-Überprüfungsschritts.

Eine sinnvolle Art der Forschung sind gemäss Ulrich Otto z. B. die IBH Living Labs: Alle Projekte müssen mit Usern auf ihre Usability getestet werden, z. B. mittels Testwohnen. Er erinnerte daran, dass bereits Milliarden ausgegeben wurden, um assistenzorientierte Technologien zu entwickeln. «Aber, wenn wir anschauen, was wirklich bei den Menschen angekommen ist, dann ist da nicht viel!» Auch liesse sich der Standard der Notruftechnologie um einiges verbessern. Man setze noch zu oft auf vertraute, klobige Notrufarmbänder, obwohl es technologisch viel ausgereiftere Systeme gäbe.

Je unauffälliger Technik ist, umso nützlicher und alternsfreundlicher ist sie!Ulrich Otto, Careum Forschung

Konsumgesellschaft und Gesundheitswesen

Prof. Dr. Ilona Kickbusch (Careum Stiftung) nahm in der letzten Keynote «Personenzentrierung in der Gesundheitsversorgung – wie gut sind wir?» nochmals die wichtigsten Gedanken des Kongresses wie Gesundheitskompetenz, Patientenpartizpation oder Digitalisierung auf. Sie sponn den Faden aber noch weiter. Unser Anspruch an das Gesundheitswesen sei derjenige einer Konsumgesellschaft. Man sei sich daran gewöhnt, auf bestimmte Art und Weise bedient zu werden. Es herrsche die Erwartung, dass schnell auf Bedürfnisse reagiert werde und man Wahlmöglichkeiten habe. Auch die Mobilität bestimme das Verhalten.

Prof. Dr. Ilona Kickbusch, Keynote 5 (Foto: Careum/Svec Goetschi)
Prof. Dr. Ilona Kickbusch, Keynote 5 (Foto: Careum/Svec Goetschi)
Wir sind eine Konsumgesellschaft. Wir sind es uns gewöhnt, auf bestimmte Art und Weise bedient zu werden. Dieses Verhalten wirkt sich auch auf andere Systeme aus.Ilona Kickbusch, Careum Stiftung

Gemäss Ilona Kickbusch stellt sich deshalb die Frage, wo das System sein soll: Dort, wo die Menschen und ihre sozialen Räume sind? Oder soll ein separater Raum geschaffen werden, wo Menschen hineingehen? Als Beispiel für ersteres nannte sie die Permanence Zürich: Wer mit SBB zur Arbeit fährt, hat die Möglichkeit, am Bahnhof zum Arzt zu gehen. So wäre es unter Umständen sinnvoll, Kliniken dort zu eröffnen, wo Menschen einkaufen oder ihre Freizeit verbringen.

Wichtig ist, dass das bestehende Gesundheitssystem weiter für alle funktionieren muss, damit es von allen getragen wird. Es sei auch immer wieder eindrücklich, so Kickbusch, dass die Schweiz als einziges Land über das Gesundheitswesen abstimmen dürfe. Die Solidarität darf jedoch nicht geschwächt werden – eine Gefahr, die sich bei einer Konsumgesellschaft ergeben kann.

Parallveranstaltungen und Peer-Pool

Der SCHP-Kongress besteht nicht nur aus Keynotes und Plenumsdiskussionen, sondern ist auch eine Plattform für den Wissensaustausch unter den Fachhochschul-Gesundheitsberufen. Auch dieses Jahr fanden an beiden Tagen Parallenveranstaltungen statt, so dass sich die Tagungsbesucher ein individuelles Tagungsprogramm zusammenstellen konnten.

Spannende und vielfältige Referate gaben Einblicke in diverse Praxis- und Forschungsprojekte. Lebhafte Diskussionen entwickelten sich so auch im kleineren Rahmen, beim Mittagessen oder beim Abendessen auf der ETH-Terasse mit Blick über Zürich. Diese Vielfalt an Inputs kann im begrenzten Blograhmen nicht wiedergegeben werden. Für Interessierte stehen jedoch die Präsentationen und Poster hier zum Download bereit.

Peer Pool: Christina Schelosky, Isabelle Früh, Petra Burkhardt. (Foto: Careum/Svec Goetschi)
Peer Pool: Christina Schelosky, Isabelle Früh, Petra Burkhardt. (Foto: Careum/Svec Goetschi)

Patientenzentrierung soll nicht nur eine Worthülse bleiben, sondern auch gelebt werden. Dies war auch das Credo des diesjährigen SCHP-Kongress. Patientinnen und Patienten sind «Menschen mitten unter uns» (so auch der Titel des Peer-Posters) – jede und jeder kann jederzeit krank werden, unvermittelt und unvorbereitet. Zentral im Auditorium war deshalb ein Peerpool mit Posterpräsentation eingerichtet worden. Am Infostand konnten so die drei Peer-Beraterinnnen Christina Schelosky, Isabelle Früh und Petra Burkhardt aktiv mit den Tagungsteilnehmenden ins Gespräch kommen und ihr Erfahrungswissen über Recoverywege teilen. Ihr Fazit war positiv: «Für uns war es sehr spannend, mit dem Peer-Infostand am Kongress vertreten zu sein. Wir konnten mit einigen Kongressteilnehmenden intensive Gespräche führen. Sehr gefreut hat uns, dass sich ein paar Personen an unser Spiel ‹Die Recovery-Reise› gewagt haben und sich so unseren Fragen zu Themen wie Recovery, personenzentrierter Gesundheitsversorgung, seelischer Gesundheit und Peer-Arbeit stellten!» Sie wünschen sich, dass immer mehr Leute die Gelegenheit für einen direkten Austausch mit Betroffenen nutzen.

Im Gesundheitswesen ist es wie im Fussball: Nach dem SCHP-Kongress ist vor dem SCHP-Kongress! Zum Vormerken: Der nächste SCHP-Kongress findet vom 31. August bis 1. September 2020 in St. Gallen statt. Er steht unter dem Motto: «Young interprofessionals working culture today and in the future – best practice and methods for health care and education».

Diskutieren Sie mit!

– Waren Sie selbst am Kongress? Teilen Sie doch ihre Gedanken darüber mit uns!
– Was liesse sich verändern, damit die Personenzentrierung in der Gesundheitsversorgung besser wird?

Mehr erfahren

Website SCHP-Kongress 2018
– Careum News: SCHP 2018: Patienten mehr ins Zentrum rücken
Präsentationen und Unterlagen zum Kongress

Milena Svec

Milena Svec Goetschi ist seit April 2016 bei Careum Forschung in der Wissenschaftskommunikation tätig. Forschungsergebnisse in verständlicher Sprache zu vermitteln, ist ihre Hauptaufgabe – mit Text, Bild und Ton. Sie studierte Allgemeine Geschichte, Deutsche Literatur und Linguistik an der Universität Zürich und schrieb eine Dissertation in mittelalterlicher Geschichte. Als Lehrbeauftragte leitete sie Lehrveranstaltungen zu Techniken des wissenschaftlichen Schreibens an der Universität Zürich und der Kalaidos Fachhochschule.

4 thoughts on “Im Zentrum steht immer der Mensch

  • 2018-09-13 at 10:27
    Permalink

    Alle sind dafür – für PatientInnenzentrierung, für mehr Einbeziehung und Partizipation der Betroffenen. Das Thema ist in aller Munde – warum dann noch so einen Kongress?

    Weil das Abziehbildchen “Wir stellen Menschen in den Mittelpunkt” und wohlfeile Bekenntnisse allzuoft nur ganz wenig aussagen, wie ernst es wirklich gemeint ist. Wie grundlegend wirklich darum gerungen wird – mit Mut zum Experiment, mit einer grundlegenden Haltung, mit dem Willen, auch die systemischen (vermeintlichen?) Imperative infragezustellen. Und auf ganz vielen Ebenen – von der konkreten Interaktion über Gruppenprozesse bis zu Steuerungsmechanismen. Und in ganz vielen Bereichen – vom Gesundheitsstandort Zuhause bis zum Spital und zur Heimumgebung, von der Forschung bis zur Betreuung und Versorgung.

    Und hier war der Kongress stark: er hat deutlich gemacht, wie dick das Brett ist, das hier zu bohren ist. Wie entschieden der Wille sein muss, um hier tiefer zu kommen. Aber auch wie systematisch hier vorgegangen werden kann: von entsprechenden Einzelmassnahmen bis hin zu umfassenden Entwicklungsprozessen.

    Das war eine der starken Botschaften des SCHP-Kongresses für mich: hier gibt es – jenseits der affirmativen Haltung “wir sind dafür” – ganz viele tolle ernsthafte Bemühungen, das Brett wirklich gründlich zu bohren. Und es lässt sich hier ganz viel voneinander lernen. Gerade auch zwischen den einzelnen Professionen und zwischen den völlig unterschiedlichen Settings.

    So hat der Kongress auch beflügelt, und Mut und Lust gemacht. Und das braucht es dringend… für langen Atem!

    Reply
  • 2018-09-17 at 08:26
    Permalink

    Lieber Ulrich Otto
    Das ist es auf den Punkt gebracht – es braucht nicht viel Einsatz und Mühe, das Schlagwort Patientenzentrierung gut zu finden. Es ist wie ein «Like» auf Social Media: Schnell gemacht, aber wenig Einsatz. Mühe und Aufwand benötigt es hingegen, es tatsächlich zu realisieren – das ist das dicke Brett, das es zu bohren gilt! Und hier müssen alle Akteure im Gesundheitswesen bereit sein, mitzumachen.

    Für Patientinnen und Patienten ist es oft eine Gratwanderung. Einerseits wird man geradezu angehalten, gesundheitskompetent zu und informiert sein. Gleichzeitig sollte man aber dann auch ja nicht zu gesundheitskompetent sein, um nicht in die Schublade «fordernder» oder «lästiger» Patient (oder Angehöriger), der zu viel Dr. Google konsultiert hat, gesteckt zu werden. Und dann gibt es auch auf Patientenseite in gewissen Situationen das Bedürfnis, die Verantwortung bei schwierigen und belastenden Gesundheitsentscheiden teilen zu können und auf Expertenwissen vertrauen zu können. Man gibt zwar die Identität an der Spitalpforte nicht mehr auf, aber übergibt sich teilweise doch in fremde Hände.

    Ein gutes Votum, das auch am Kongress diskutiert wurde, ist, betroffene Personen noch viel mehr und bewusster einzubinden, vor allem auch in die Forschung. Da lässt sich noch viel machen.
    Es gilt sicher, immer wieder dem Finger draufzuhalten und sich der Problematik bewusst zu sein. Gewisse Entwicklungen brauchen ihre Zeit – und wie Sie richtig festgestellt haben: langen Atem!

    Reply
  • 2018-09-17 at 08:43
    Permalink

    “…im Zentrum steht der Patient und deshalb ist er allen im Weg…”; mit diesem Zitat eines Patienten möchte ich meine Gedanken beginnen. Seit Jahren darf ich immer wieder gemeinsam mit Careum unterwegs ein- u.a. auch mit EVIVO. Ich durfte viel lernen und bin froh, dass es jemanden gibt, der ernsthaft versucht, diese neue so notwendige Denken umzusetzen.

    “Die Gesundheit vom Patienten her denken”. Seit Jahren höre ich das, auch all das über Empowerment, Gesundheitskompetenz, Partizipation usw. all das, was “wir” von den Patienten wünschen und fordern. Doch: Was wollen sie? Wie viele Studien gibt es darüber, was sie brauchen?

    Seit Jahren ver-suchen wir eben diesen Dialog auf Augenhöhe (dialog-gesundheit) und sind immer wieder erstaunt, wie verschieden unsere Welten immer noch sind. Das beginnt mit der Sprache und dem gemeinsamen Verstehen, was gewisse Begriffe heissen: z.B. Gesundheit oder Gesundheitskompetenz. Darum verblüfft es mich sehr, dass die Keynote lectures alle in Englisch sind…..Vor Jahren haben wir ein Netzwerk D-A-CH gegründet- für deutschsprechende Prävention und Gesundheitsförderung. Dazu gehören auch die Kongresskosten – ganz allgemein. Mit der Sprache und dem Preis werden sehr viele ausgeschlossen – in erster Linie auch Patienten.

    Letztes Wochenende war ich am 1. nationalen Patientenkongress in Bern, organisiert von pro mente sana und Netzwerk psychische Gesundheit. Sie haben versucht, sowohl von den Themen wie vom Programm “beide Seiten” zusammen zu bringen. Der Kongress war für mich ein Vorbild für die möglichen neuen Wege.

    Auch wir sind auf diesem Weg. Seit 2016 versuchen wir eine Gesundheitsregion aufzubauen – im Norden von Bern (www.xunds-grauholz.ch). Vorbild ist das gesunde Kinzigtal. Sie hatten 10 Jahre Vorlaufzeit, um genügend Vertrauen zu finden und eine gemeinsame Sprache zu finden. Diese Erfahrung und Erkenntis scheint mir sehr wichtig, weil solche bottom-up Prozesse viel länger brauchen, dafür sind sie in der Regel nachhaltiger. Persönlich bin ich aber überzeugt, dass der Paradigmawechsel im Gesundheitswesen von der Basis her mitgetragen werden muss und am besten regional stattfindet.
    Hier wünsche ich mir von Careum, auch betreffend Forschung, Unterstützung und Begleitung. Dieser gemeinsame Lernprozess ist äusserst spannend und ermutigend.

    Reply
    • 2018-09-17 at 12:07
      Permalink

      Sehr geehrter Herr Deppeler
      Herzlichen Dank für Ihre weiterführenden Anmerkungen und Anregungen! Ihr Anfangszitat ist sehr bezeichnend.
      Eine gemeinsame Sprache und Verständlichkeit, das sind sehr wichtige Punkte. Am SCHP-Kongress wurde von der Kalaidos Fachhochschule Gesundheit sehr viel Wert darauf gelegt, dass es keine Kommunikationshürden gab. Dafür sorgten z.B. die Simultanübersetzer/innen, die dafür sorgten, dass die angereisten Teilnehmenden aus den verschiedensprachigen Landesteilen den Vorträgen und Diskussionen folgen konnten. Die Keynotes wurden alle auf Deutsch gehalten (nur die Powerpointpräsentationen sind teilweise in der schriftlichen Form auf Englisch, damit für das französisch- und italienischsprachige Publikum leichter lesbar).
      Wie Sie richtig sagen: Nachhaltige Prozesse brauchen Ausdauer und den Einbezug und die Zusammenarbeit aller Personen.
      In der Forschung ist die Einbindung von betroffenen Personen und ihren Angehörigen ein wichtiger Faktor – auch bei Careum. In der Young Carers-Forschung werden beispielsweise junge Leute bereits zu Beginn in die Projekte miteinbezogen und ihre Bedürfnisse abgeholt. Aber auch in diversen anderen Projekten im Bereich Ageing oder work&care, z.B. im Rahmen von Interviews/Befragungen/Erhebung der Bedürfnisse, finden betroffene Personen Gehör. Eine spannende Zusammenarbeit ergab sich auch durch das Praktikum einer Peerperson im Rahmen ihrer Ex-In-Weiterbildung. Hier gibt es zukünftig sicher noch weiteren Spielraum und fruchtbare Zusammenarbeit!

      Reply

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *