«Time is brain!» – Schlaganfall erkennen

In Kürze: Dem Schlaganfall wird weniger Aufmerksamkeit gewidmet als dem Herzinfarkt. Trotzdem ist es wichtig, den Schlaganfall frühzeitig zu erkennen, um die Sterblichkeit zu senken oder schwerwiegende Behinderungen zu vermeiden. Kennen Sie das Krankheitsbild des Schlaganfalls? Wissen Sie, wie reagieren?


Aus meinem Alltag als Pflegefachperson auf einer Stroke Unit (Station für Patientinnen und Patienten mit Schlaganfall) weiss ich, dass viele Betroffene zu spät ins Spital kommen. Häufig erzählen mir Patientinnen und Patienten, dass sie eine halbe Stunde kein «Gespür» im Bein mehr hatten. Danach sei alles wieder gut gewesen. Am nächsten Tag konnten sie jedoch nicht mehr laufen und kamen deswegen ins Spital.

Die Symptome eines Herzinfarktes sind in der Regel vertrauter. Meist ist klar, dass es sich um einen Notfall handelt. Kennen Sie die Anzeichen eines Schlaganfalls? Und handelt es sich um eine Notfallsituation oder kann zuerst einmal abgewartet werden? Dieser Blogbeitrag soll helfen, das Krankheitsbild des Schlaganfalls bekannter zu machen, damit in Akutsituationen richtig gehandelt wird.

Schlaganfall, CT-Scan
Ein Hirninfarkt im linken Stirnlappen. Bild: Stockdevil_666/Depositfoto

Es kann alle treffen!

Gemäss dem schweizerischen Gesundheitsobservatorium sind Herzkreislauferkrankungen die häufigste Todesursache in der Schweiz. Dazu gehört auch der Schlaganfall. In der Schweiz erleiden jedes Jahr 16’000 Personen einen Schlaganfall. Mit zunehmendem Alter steigt zudem die Wahrscheinlichkeit, einen Schlaganfall zu erleiden. Häufig führt er zu einer Behinderung mit anschliessender Pflegebedürftigkeit oder dem Tod (vgl. OBSAN, 2019 & Swiss medical weekly, 2009).

Schlaganfall einfach erklärt
Unser Hirn wird von grösseren und kleineren Arterien mit Sauerstoff versorgt. Wird die Durchblutung unterbrochen, durch einen Gefässverschluss (ischämischer Schlaganfall, im Volksmund «Schlägli» genannt) oder durch eine Blutung (hämorrhagischer Schlaganfall), so kommt es zu einem Sauerstoffmangel. Dieser führt zur Zerstörung von Nervenzellen (Neurone), was zu den Symptomen eines Schlaganfalls führt. Nervenzellen braucht unser Gehirn, um Informationen weiterzugeben.
Bei einer transitorischen ischämischen Attacke (TIA), im Volksmund Streifung genannt, handelt es sich um eine temporäre Durchblutungsstörung. Die Symptome bilden sich nach Minuten oder Stunden zurück (vgl. Fragile Suisse, 2019).
Je nach Hirnregion des Gefässverschlusses oder der Blutung zeigen sich verschiedene Symptome. Aus einer Auswertung mehrerer Studien wissen wir (vgl. Saver, 2006): Pro Minute sterben bei einem ischämischen Schlaganfall mit einem kompletten Verschluss eines grösseren Gefässes 1.9 Billionen Nervenzellen. Es ist normal, dass mit zunehmendem Alter Neuronen absterben. Bei einem ischämischen Schlaganfall ohne Behandlung altert das Hirn jedoch pro Stunde rund 3.6 Jahre. Deswegen gilt: «Time is brain!»

Was sind die Warnzeichen?

Ein wichtiger Faktor, die Sterblichkeit und die Schwere der Behinderung zu reduzieren, ist die Früherkennung. Ganz einfach, um Zeit zu sparen, sprich Hirnzellen. Deswegen sind Sie gefragt!

Häufige Symptome für einen Schlaganfall sind:

  • Halbseitige Lähmung, Schwäche oder Gefühlsstörung in Gesicht, Arm oder Bein:
    Versucht die Person zu lächeln, steht der Mund schief oder die Mundwinkel hängen einseitig herunter.
    Versucht die Person, ihre Arme nach vorne zu strecken und die Handflächen nach oben zu drehen, hängt oder fällt einer der Arme runter.
  • Probleme zu sprechen, Worte zu finden oder Sprache zu verstehen:
    Versucht die Person, einen einfachen Satz nachzusprechen, ist die Sprache undeutlich, verwaschen oder schwer verständlich.
  • Sehstörungen
  • Schwindel, Erbrechen, Übelkeit
  • Gangunsicherheit, Gleichgewichtsstörung
  • Plötzliche heftige Kopfschmerzen (bei Hirnblutungen)
Symptome eines Schlaganfalles
Die Symptome eines Schlaganfalles bildlich dargestellt. Bild: Sonulkaster/Depositfoto

Jede Minute zählt!

Wie reagieren Sie richtig, wenn Sie nun eines oder mehrere solcher Symptome bei einer Person bemerken? Wichtig ist: Reagieren Sie auf jeden Fall! Bei einem Schlaganfall handelt es sich um eine Notfallsituation, auch wenn die Symptome vielleicht zu Beginn nicht ganz so lebensbedrohlich wirken. Denken Sie daran: Time is brain!

Für Notfallsituation gibt Fragile Suisse (2019) die folgenden klaren Anweisungen:

Flowchart Schlaganfall erkennen
Eigene Darstellung, gestützt auf Fragile Suisse, 2019

Risikofaktoren ausschalten

Um selber gar nicht erst in diese Situation zu kommen, ist es wichtig, mögliche Risikofaktoren auszuschalten. In der Fachsprache wird von vaskulären Risikofaktoren gesprochen. Es gibt Faktoren, die sich nicht beeinflussen lassen. Dazu gehören Alter, Geschlecht, familiäre Belastung, soziale Schicht und ethnische Zugehörigkeit.

Wichtiger sind die Faktoren, auf die Sie Einfluss nehmen können (vgl. Nückel, 2017, S.35–38):

  • Bewegen Sie sich: Bereits 15 Minuten pro Tag wirken sich positiv aus! Bewegungsmangel verdoppelt das Schlaganfallrisiko. Mit steigendem Body-Mass-Index steigt das Risiko ebenfalls. Zudem beeinflusst Übergewicht auch andere Risikofaktoren negativ.
  • Konsultieren Sie Ihren Hausarzt: Lassen Sie Ihren Blutdruck, Blutzucker und Cholesterinspiegel regelmässig kontrollieren. Der Bluthochdruck ist der stärkste Risikofaktor. Mit hohem Blutdruck steigt das Schlaganfallrisiko stark an. Diabetes mit zu hohen Blutzuckerwerten über längere Zeit erhöht das Schlaganfallrisiko für einen ischämischen Schlaganfall um das Zwei- bis Dreifache. Ein zu hoher Cholesterinspiegel verdoppelt das Schlaganfallrisiko.
  • Rauchstopp: Nikotinkonsum verdoppelt das Schlaganfallrisiko. Fünf Jahre nach dem Rauchstopp entspricht das Risiko wieder dem eines Nichtrauchers.
  • Alkoholkonsum mässigen: Zu viel Alkohol kann zu Bluthochdruck, Herzschwäche oder Gerinnungsstörungen führen.
  • Keine Drogen: Amphetamine und Kokain können die Gerinnung verändern und zu Entzündungen in den Gefässen führen und so Schlaganfälle provozieren.

Je mehr Risikofaktoren, desto höher das Schlaganfallrisiko!

Fazit

Reagieren Sie bei den ersten Symptomen, die auf einen Schlaganfall hindeuten könnten. Sprechen Sie bei Unsicherheiten mit Ihrem Hausarzt und denken Sie daran: Vorbeugen ist besser als Behandeln!

*Dieser Beitrag entstand im Kurs «Schreibkompetenz» während des Studiums zum Bachelor of Science FH in Nursing der Careum Hochschule Gesundheit. Die Teilnehmenden wählten ein Thema, mit dem sie in der Regel in ihrem Berufsalltag in Berührung kommen. Die besten Beiträge wurden ausgewählt und für den Blog überarbeitet.


Weiterführende Informationen

Fragile Suisse: Informationen rund um den Schlaganfall

Swissheart: Informationen zu Herzkrankheiten und Hirnschlag

Literatur

Nückel, M. (2017). Risikofaktoren eines Schlaganfalls. In Fiedler, C., Köhrmann, M., & Kollmar, R. (Hrsg.), Pflegewissen Stroke Unit: für die Fortbildung und die Praxis (2. Aufl., S. 35-38). Berlin: Springer.

OBSAN (2018). Hirnschlag. Zugriff am 24. März 2019. Verfügbar unter https://www.obsan. admin.ch/de/indikatoren/hirnschlag

Fragile Suisse (2019). Schlaganfall – Symptome, Folgen und Prävention. Zugriff am 10. Mai 2019. Hier abrufbar.

Meyer, K., Simmet, A., Arnold, M., Mattle, H., & Nedeltchev, K. (2009). Stroke events, and case fatalities in Switzerland based on hospital statistics and cause of death statistics. Swiss MED WKLY. (Infos hier)

Saver Jeffrey L. (2006). Time Is Brain—Quantified. Stroke, 37(1), 263–266. Abstract hier

Diskutieren Sie mit!
  • Sind Sie schon einmal mit dem Thema Schlaganfall in Kontakt gekommen?
  • Kannten Sie die Symptome eines Schlaganfalls?
  • Wussten Sie, dass es sehr wichtig ist, rasch zu handeln?

Kathrin Binder

Kathrin Binder

Kathrin Binder arbeitet seit 2020 als Klinische Fachspezialistin für Interventionelle Radiologie und Gefässchirurgie im Kantonsspital Winterthur. Zuvor war sie drei Jahre als Pflegefachfrau auf einer akut-medizinischen Abteilung mit integrierter Stroke Unit tätig. Sie absolviert berufsbegleitend an der Careum Hochschule Gesundheit das Studium zum Bachelor of Science in Nursing.

2 thoughts on “«Time is brain!» – Schlaganfall erkennen

  • Avatar
    2020-12-16 at 10:36
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    Liebe Frau Binder
    Vielen Dank für Ihren wertvollen Beitrag zum Schlaganfall. Tatsächlich erreichen diese wichtigen Informationen noch immer zu wenig Menschen in der Schweiz.
    Eine gute Ergänzung zu Ihren Ausführungen ist ein Beitrag, der in den FachNews von Careum Weiterbildung erschienen ist und der vor allem die Prävention des Schlaganfalls und die geplanten Massnahmen im Rahmen der Nationalen Strategie zur Prävention nicht übertragbarer Krankheiten in den Blick nimmt
    https://www.careum-weiterbildung.ch/blog/index.php?fid=54
    Mit freundlichen Grüssen
    Elke Steudter, Studiengangleitung DAS Stroke Care, Careum Hochschule Gesundheit

    Reply
    • Kathrin Binder
      2020-12-28 at 20:28
      Permalink

      Liebe Frau Steudter
      Vielen Dank für Ihren Kommentar. Die zwei Beiträge ergänzen sich in der Tat sehr gut! Schaut man sich die Prognose hinsichtlich Prävalenz und die Folgen für Betroffene an, muss sowohl die Prävention als auch die Früherkennung verbessert werden. Aktuell macht Prävention nur 2.8% der Gesundheitskosten (pro Einwohner) aus (BFS, 2020). Um die nationale Strategie zur Prävention nicht übertragbarer Krankheiten zu realisieren und die Informationen bezüglich Schlaganfall verfügbar zu machen, muss es gelingen, mehr finanzielle Ressourcen für Prävention zu sichern.
      Mit freundlichen Grüssen
      Kathrin Binder

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