Personenzentriertes Gesundheitswesen – Alltag oder Luftschloss?

In Kürze: Menschen mit Würde behandeln – das ist die alltägliche Kunst in der oft hektischen Gesundheitsversorgung. Der Tunnelblick auf die Behandlung oder die Administration versperren aber zu oft den Blick fürs Wesentliche. Hier setzt die personenzentrierte Gesundheitsversorgung an. Wer leistet dazu welchen Beitrag? Was sind die Trends und Strategien?

Der Augenöffner

Studierende unseres Masterstudiengangs in Pflegewissenschaft diskutierten neulich über die Arbeit auf interdisziplinären Spitalstationen:

Seit Kurzem gilt in unserem Spital die Weisung, dass wir uns auf zwei Stationen – Augenheilkunde und Bauchchirurgie – gegenseitig aushelfen müssen, wenn hüben oder drüben Personalmangel herrscht. Das ist sehr schwierig, denn die Behandlungen sind total unterschiedlich und haben nichts mehr gemeinsam.

Das war ein Steilpass für die personenzentrierte Gesundheitsversorgung. Ich diskutierte mit:

Ich glaube schon, dass sie etwas wichtiges gemeinsam haben: Sie pflegen immer noch Patientinnen und Patienten.

Die Studierenden erkannten rasch ihren Tunnelblick der Spezialisierung. Sie hatten die Sicht auf das Wesentliche verloren – die menschliche Erfahrung im Spital: Angst vor der Operation, Hilflosigkeit bei Immobilität, Schmerzen nach der Operation usw. Der US-amerikanische Kinderarzt, Don Berwick – ein Vordenker der patientenzentrierten Gesundheitsversorgung – formuliert dies eindrücklich. Beachtenswert ist vor allem sein Einleitungssatz «Ich habe Angst, ein Patient zu sein.» (Video auf Englisch)

Die Prinzipien

Personenzentrierte Gesundheitsversorgung meint also: Der Mensch steht im Zentrum und nicht seine Behandlung oder Krankheit. Das ist zwar ein altes Prinzip, braucht aber immer wieder Fürsprache, wie die Diskussion mit den Studierenden zeigte. Das folgende Video (auf Englisch) illustriert die Prinzipien und erläutert auch den Unterschied zwischen «personen-» und «patientenzentriert»:

Im deutschsprachigen Raum wurde die personenzentrierte Pflege vor allem für die würdevolle Begleitung von Menschen mit Demenz bekannt, angestossen vor 30 Jahren durch das wegbereitende Buch des englischen Psychologen Tom Kitwood.

Anfangs 2018 widmete die Fachzeitschrift «PADUA» einen Heftschwerpunkt der personenzentrierten Pflege (z.B. Grossmann et al.) und auch die Zeitschrift «Krankenpflege» publizierte jüngst einen Artikel. Der Ansatz der personenzentrierten Gesundheitsversorgung ist aber auch in anderen Gesundheitsberufen präsent, etwa bei Hebammen, in der Altersmedizin oder in der Physiotherapie.

Die Weiterentwicklung

Auf dem Weg der personenzentrierten Gesundheitsversorgung begegnet man unweigerlich dem Peer-Ansatz oder «Expertinnen und Experten aus Erfahrung». Dieses Konzept ist im letzten Jahrzehnt vor allem in der psychischen Gesundheit gewachsen und wurde jüngst auch vom Schweizer Fernsehen in der Serie «Die Idee» aufgegriffen. Die Reportage zeigt, wie es Personen mit psychischen Erschütterungen wieder besser geht, was sie daraus lernen und wie sie ihre Erkenntnisse weitergeben:

Inzwischen haben sich bereits mehrere Dutzend Personen in einem «Peer Pool» bei der Pro Mente Sana eingetragen und stehen für unterschiedlichste Anfragen und Aktivitäten zur Verfügung.

Noch einen Schritt weiter geht der US-amerikanische Arzt und Autor Eric Topol mit seinem Bestseller «The patient will see you now». Er beschreibt, wie sich Patientinnen und Patienten individualisiert und digitalisiert im Gesundheitssystem bewegen, dabei das Steuer in die Hand nehmen und Entscheidungen für ihre Gesundheit und Krankheit treffen.

Der Alltag für Gesundheitsfachpersonen, die diesem selbstbestimmten Verhalten in der Gesundheitsversorgung begegnen, ist – folgt man Topol’s Gedanken – deutlich näher als das Luftschloss.

Zum Schluss: 3 Fragen an Patientencoach Cristina Galfetti

Was ist Ihnen bei Ihrer Behandlung besonders wichtig?
Das Vertrauensverhältnis und gute Kommunikation. Ich will meine 15000 Tage Erfahrung mit meinem Körper mit einbringen können.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Die Physiotherapeutin gibt mir Übungen, die ich in meinen Tagesablauf einbauen kann (in der Küche, auf dem Weg zum Bahnhof, im Geschäft etc.).

Was erwarten Sie von den Profis in der Gesundheitsversorgung?
Dass sie mit mir und nicht nur über mich sprechen. Dass sie ihre Behandlungen nachvollziehbar erklären. Und zwar in einer Sprache, die ich verstehe.

Als Fachperson und persönlich Betroffene berät und unterstützt Cristina Galfetti Patientinnen und Patienten auf ihrem Weg zur Gesundheits- und Patientenkompetenz. 2006 gründete sie cg-empowerment, eine Einzelunternehmung mit dem Ziel der Förderung von Verständnis und Verständigung zwischen Patienten, Ärzten und Health Professionals.

Diskutieren Sie mit

– Was sind Ihre drei wichtigsten Prioritäten für die Gesundheitsversorgung?

– Was waren Ihre schönsten und Ihre schlimmsten Erfahrungen während Krankheit, Behinderung oder Hochaltrigkeit?

– Was können oder wollen Sie selber dazu beitragen, dass die personenzentrierte Gesundheitsversorgung zukünftig besser wird?

Swiss Congress for Health Professions 2018

Der diesjährige Swiss Congress for Health Professions (SCHP) steht ganz im Zeichen der «personenzentrierten Gesundheitsversorgung» und bietet eine ausgezeichnete Gelegenheit, das Thema in einem breiten, interprofessionellen Umfeld zu diskutieren.

Weitere Informationen finden Sie hier.

Literatur

Grossmann, F.; Barandun Schäfer, U.; van Lieshout, F. & Frei I.A. (2018). Personenzentriert pflegen am Universitätsspital Basel – Eine Annäherung an das Person-Centred Practice Modell, PADUA (13),7-12.

Hall, A. J., Burrows, L., Lang, I. A., Endacott, R., & Godwin, V. A. (2018). Are physiotherapists employing person-centred care for people with dementia?: An exploratory qualitative study examining the experiences of people with dementia and their carers, 18(63). doi:10.1186/s12877-018-0756-9

Kitwood, T., & Herrmann, M. (2016). Demenz: Der person-zentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten Menschen (7., überarbeitete Auflage). Bern: Hogrefe.

Labrusse, C. de, Ramelet, A. S., Humphrey, T., & MacLennan, S. (2017). Patient-Centred Care in Maternity Services. In O. Sayligil (Ed.), Patient Centered Medicine. InTech.

Topol, E. (2016). The Patient Will See You Now: The Future of Medicine Is in Your Hands. New York: Basic Books.

The American Geriatrics Society Expert Panel on Person-Centered Care. (2016). Person-Centered Care: A Definition and Essential Elements. Journal of the American Geriatrics Society, 64(1), 15–18.

Iren Bischofberger

Prof. Dr. Iren Bischofberger ist Prorektorin der Kalaidos Fachhochschule Gesundheit und dort Professorin für Pflege- und Versorgungsforschung. Sie leitet bei Careum Forschung das Programm work & care (www.workandcare.ch).

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