Bildung und Kompetenz: 5 Prinzipien für den Erfolg

Kurz: Moderne Bildungskonzepte bauen auf Qualifikationsrahmen und Praxishandeln auf. Dies wurde in den vorangehenden Beiträgen gezeigt.

Was bedeutet dies nun für didaktische Arrangements, wie z.B. PBL, im handlungs- und berufsorientierten Bildungskontext?

Für die Planung von kompetenzorientierter Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen an der Pädagogischen Hochschule Zürich (2014/2015) hat eine Steuergruppe zusammen mit dem Autor Lernprinzipien formuliert: Die didaktischen Konsequenzen lassen sich ableiten aus folgenden fünf Prinzipien für erwachsenenbildnerische Konzepte und Kompetenzorientierung in der beruflichen Praxis.

Checkliste mit Handlungsanweisen für Lernen und Unterricht

Prinzip 1: Lernen ist Anschlusslernen

Bereits erworbene Kompetenzen werden nutzbar gemacht.

  • Erfahrungen von Aus- und Weiterbildungsteilnehmenden werden anerkannt und einbezogen.
  • Expertenwissen und unterschiedliche Ressourcen der Aus- und Weiterbildungsteilnehmenden werden für die Weiterbildungen genutzt.

Im Vorfeld werden bei Aus- und Weiterbildungsteilnehmenden vorhandene Kompetenzen abgeklärt (Bedingungsanalyse), falls notwendig validiert und anerkannt bzw. darauf aufgebaut für spezifische Weiterbildungs-/ Ausbildungssequenzen.

Prinzip 2: Lernen richtet sich an Ergebnissen aus

Zielüberprüfung und Ergebnissicherung erfolgen gemeinsam entlang dem Kompetenzprofil.

  • Ziel- und Vorgehenstransparenz werden in den Aus- und Weiterbildungen gepflegt, gesetzte Ziele und Ergebniserwartungen werden wo möglich gemeinsam überprüft.
  • Die Kohärenz von Zielen, methodischer Gestaltung und Ergebnissicherung zeichnet die Aus-/Weiterbildungsangebote aus.

Die Ziele beziehen sich auf ein transparentes übergeordnetes Kompetenzprofil des Aus-/Weiterbildungsprogrammes. Dieses Profil setzt sich zusammen aus vorgegebenen und von Aus- und Weiterbildungsteilnehmenden eingebrachten Kompetenzansprüchen.

Prinzip 3: Lernen geschieht in einer (sozialen) Vereinbarungs- und Auseinandersetzungskultur
Kompetenzerwerb erfolgt immer in sozialen Kontexten und im sozialen Eingebundensein.

  • Gegenseitige Verbindlichkeit wird im Rahmen der Aus- und Weiterbildungen gepflegt mit Vereinbarungen zur Ziel- definierung, zur Ergebnissicherung und zur Lehr-/Lernkultur.
  • Eine konstruktive Feedbackkultur ist dafür unabdingbar, sei dies in formativer (Kalibrierung zwischendurch) oder in summativer Art und Weise (Evaluationen).
  • Der Perspektivenwechsel wird durch Austausch und Auseinandersetzungen in den Aus- und Weiterbildungen gefördert, Lernergebnisse und Lernschritte werden sichtbar gemacht und anderen zur Verfügung gestellt, Wertehaltungen werden thematisiert.

Gemeinsam vereinbarte und gestaltete Lehr-/Lernkultur ermöglicht die Erfahrung von Differenz und damit den für die Kompetenzentwicklung notwendigen Perspektivenwechsel.

Prinzip 4: Lernen ist ein aktiver und selbstgesteuerter Prozess
Die vorhandenen individuellen Ressourcen werden aktiviert, zusätzliche zur Verfügung gestellt.

  • Für ihren Lernerfolg und die Gestaltung von Lernprozessen sind die Aus- und Weiterbildungsteilnehmenden mitverantwortlich.
  • Sie erhalten im Rahmen der Weiterbildungen die Möglichkeit, selbstorganisiert Themen und deren Bearbeitungsform zu wählen und werden dabei unterstützt und begleitet.
  • Handlungsorientierung und –wirksamkeit sind dabei leitende Prinzipien.

Kompetenzen werden unter anderem durch die Erfahrung von Selbstwirksamkeit sowie durch Handlungswirksamkeit («Können») aufgebaut. Beides soll im Rahmen der sozialen Situation innerhalb der Aus- und Weiterbildung («hier und jetzt») erfahrbar werden.

Prinzip 5: Lernen ist kontextorientiert
Einige Kompetenzen sind im Rahmen der Aus-/Weiterbildung förder- und überprüfbar, der praxisrelevante Kompetenzerwerb kann jedoch erst in der entsprechenden Praxissituation überprüft werden (Performanz).

  • Für die reflexive und antizipative Bearbeitung von Themen hat die Praxis- und Kontextorientierung eine hohe Bedeutung.
  • Anwendung, Umsetzung und Überprüfung von innerhalb der Aus- und Weiterbildung thematisierten Ideen, Modellen und Vorhaben für verschiedene Praxissituationen sind zentrale Aspekte der Gestaltung der Aus-/Weiterbildungsangebote (Situationsbewältigung in der Praxis).
  • Daraus sollen auch Schlüsse in Bezug auf Wirksamkeit und Nachhaltigkeit der Themenauswahl und -bearbeitung gezogen werden können.

Der Kompetenzerwerb erfolgt kontextorientiert und situationsbezogen; der Kontext der Aus-/Weiterbildung entspricht nicht demjenigen der Praxis. Präzise Situationsanalysen erhöhen dabei die Chance des Transfers.

Diese 5 Prinzipien bestimmen, nach unseren Erfahrungen, erfolgreiches Lernen. Denken Sie über Ihren Unterricht, z.B. mit PBL, nach und vergleichen Sie.

Lesenswert: Problem-based Learning greift Kompetenz auf

Diskutieren Sie mit! Kommentieren Sie!

– Was sind Ihre Erfahrungen mit diesen 5 Prinzipien?

– Welches Prinzip gibt besonders zu denken?

– Worauf achten Sie bei der Planung von Unterricht?

Geri Thomann

Aufbau und Leitung des ZHE - Zentrum für Hochschuldidaktik und Erwachsenenbildung (seit 2009) |Professur der ZFH für Hochschuldidaktik und Erwachsenenbildung (seit 2012) | web:<a href="https://www.phzh.ch/personen/geri.thomann">Geri Thomann - Portrait PHZH</a> |

6 thoughts on “Bildung und Kompetenz: 5 Prinzipien für den Erfolg

  • 2016-04-11 at 08:44
    Permalink

    Lieber Herr Thomann

    Transfer findet erst in der realen Arbeitsumgebung statt.

    Eine Überprüfung 3-6 Monate nach der Weiterbildungsmassnahme wirkt stark transferfördernd.

    Reply
  • 2016-05-04 at 12:36
    Permalink

    Lieber Herr Thomann

    Vielen Dank fuer die praegnante Darstellung der entwickelten Lernprinzipien.

    Mit unserem Modell Schluesselsituationen der Sozialen Arbeit (Tov, Kunz, Staempfli, 2013, hep) haben wir versucht diese verschiedenen Prinzipien in einem Reflexions und Diskurs Modell umzusetzten.

    In einem Reflexionsprozess wird ausgehend von einer erfahrenen Situation, diese Mittels Erarbeitung von unterschiedlichen Wissensformen in einem PBL Verfahren erweitert. Dabei steht immer wieder die Frage nach generalisierbarem und spezifischem Wissen bezueglich der typischen, wiederkehrenden Situation im Zentrum. Im Prozess wird dann das Gelernte auf Qualitaetskriterien hin fokussiert, anhand derer die Ausganssituation reflektiert wird und Handlungsalternativen entworfen werden.

    Der Ansatz von Wenger (1998) zu Communities of Practice hat uns neben dem integrierenden Lernmodell von Kaiser (2005) neben anderen stark inspiriert.

    Sie finden weitere Informationen auf unserer Webseite http://www.schluesselsituationen.ch/ oder im folgenden Erklaerungsvideo: https://www.youtube.com/watch?v=WNK5vXseEVA

    Ich wuerde mich ueber ein Feedback freuen.

    Freundliche Gruesse

    Adi Staempfli
    Co-President
    Verein Netzwerk Schluesselsituationen Soziale Arbeit
    Lecturer in Social Work
    Goldsmiths, University of London

    Reply
  • 2016-05-15 at 08:29
    Permalink

    Lieber Herr Stämpfli

    Spannend, vielen Dank für den Hinweis, ich habe grad Ihr Buch bestellt!
    Donald Schön beschrieb diese Form von Reflexion unter Bezugnahme auf Modelle so viel ich mich erinnere auch als „Konversation mit der Situation“.
    Analogien und Vergleiche mit anderen, selber erlebten Situationen lassen handlungsrelevantes Wissen verdichten. Nicht der Einzelfall als Fundament einer ganzen Klasse von Fällen steht im Zentrum, sondern der Versuch, an der ausweisbaren Vielfalt von Fällen das Gemeinsame einer Beziehung aufzunehmen und begrifflich zu fassen, das Allgemeine erscheint somit nur in besonderen Fällen von je spezifischer Ausprägung.
    Reflexion ist auch für mich ein berufslebenslanger Prozess, in welchem professionelle „Komplexitätsbewältiger“ ihr persönliches, praktisches Wissen und ihre vorhandenen Annahmen und Deutungen immer wieder vergewissern, überprüfen und modifizieren, um ihre Praxis im Sinne der Professionalisierung zu verbessern.
    Distanz zur eigenen Tätigkeit, Selbstwahrnehmung, Selbstkritik als produktives Zweifeln sowie Motivation und Lust an erweiternder professioneller Veränderung sind unabdingbare Voraussetzungen für den Erfolg solcher Reflexionsarbeit. Diese kann nicht einfach so und schlecht alleine erfolgen, dafür werden gute “Geschichten” (z.B. Ihre Schlüsselsituationen), interessierte Zuhörer/innen und eine strukturierte Vorgehensweise (wie die Ihre) benötigt.

    Beste Grüsse
    Geri Thomann

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