Hinter Schloss und Riegel

In Kürze: Wie stellen Sie sich die Psychiatrie von heute vor? Diese Frage kann ein beklemmendes Gefühl auslösen. Psychisch bedingte Krankheiten sind schwer fassbar. Auch für Betroffene und Fachkräfte. Die Behandlung psychisch Kranker hat sich verändert. Gehen wir den Weg hin zu einer «offenen Psychiatrie»?


Das Bild der Psychiatrie in der Öffentlichkeit ist verzerrt. Filme suggerieren uns eine Welt, die abschreckt. Selbst seriöse Dokumentationen starten mit einer Kamerafahrt durch die Eingangstür, die dramatisch ins Schloss fällt. Angst, Stigma und surreale Erwartungen sind das Ergebnis.

Woher kommt die Psychiatrie? Wie ist dieses düstere Bild entstanden? Die modernen Behandlungsstrategien setzen ganz andere Normen. Recovery, Resilienz und Ressourcen sind drei Schlüsselwörter.

Wie ist die heutige Behandlung psychisch kranker Menschen? Wie wird die Behandlung in Zukunft aussehen? Das sind Fragen, denen der folgende Beitrag nachgehen will – aus dem Blickwinkel eines Psychiatriepflegers.

Ein Ausflug in die Geschichte

Die Psychiatrie entspringt den Grenzen der Medizin und geht darüber hinaus. Erklärungsmodelle der körperzentrierten Medizin reichten nie ganz aus, das Verständnis für die Psychiatrie zu steigern.

Zum ersten Mal erschienen psychiatrische Argumentarien im 16. Jahrhundert im Streit zwischen Naturwissenschaften und der Kirche über Hexen und Dämonen. Die endgültige Daseinsberechtigung erhielt die Psychiatrie durch die Einflussnahme der Medizin auf die Rechtsprechung und den Strafvollzug.

Anfangs des 18. Jahrhunderts wurden erstmals Straftäter zu Kranken erklärt. Das gilt gemeinhin als Geburtsstunde der Psychiatrie. Nach den beiden Weltkriegen erlebte sie ihren Aufschwung. Mit dem Ausbau von öffentlichen Angeboten erhielt die Bevölkerung Zugang zu psychiatrischen Behandlungen. Seit den 50er-Jahren wurden diese durch Psychopharmaka ergänzt.

Vergangenheit: Flur in einer alten psychiatrischen Klinik. Bild: Depositphoto/giggietto

Parallel dazu begann der Wandel hin zur mündigen Patientin oder zum mündigen Patienten. Propagiert wird deswegen bis heute die Hilfe zur Selbsthilfe. In den letzten Jahrzehnten begann sich die Psychiatrie zu öffnen. Auch das Rollenverständnis der Ärzte und ihrer Patientinnen und Patienten änderte sich: Der Patient oder die Patientin wird in den Behandlungsprozess einbezogen. (E. Fischer-Homberger, 1980)

Die Situation heute

Heutige Therapieansätze entwickeln sich hin zu einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Patientin oder Patient und Therapeutin oder Therapeut. Dennoch werden Patientinnen und Patienten immer noch auf geschlossenen Stationen behandelt. Dies vor allem wegen des Doppelmandats der Psychiatrie: Als helfende Organisation tritt sie offen und zugänglich auf. Als Ordnungs- und Sicherheitsbeauftragte restriktiv.

Das eine entspringt der Prämisse der Medizin, zu helfen und zu heilen. Das andere ergibt sich aus dem Auftrag zum Schutz der Gesellschaft vor psychisch Erkrankten.

Das stellt Mitarbeitende in der Psychiatrie vor ein Dilemma. Sie treten als Helfende auf, die im nächsten Moment für Ordnung und Ruhe sorgen müssen. Diesem Spannungsfeld ausgesetzt, sind Pflegende oft hilflos. Dies widerspiegelt sich auch in einer hohen Fluktuation und hohen Burnout-Zahlen. (U. Lang, 2013)

Das Recovery-Modell

Der Recovery-Ansatz in der Psychiatrie gewinnt seit Jahren an Bedeutung. Er gilt vor allem in den englischsprachigen Ländern als State of the Art. Laut diesem Ansatz durchwandern Menschen in ihrem Genesungsprozess Phasen, in denen sie sich besonderen Aufgaben stellen. Oft ist der Zustand von Abhängigkeit, verursacht durch die Krankheit und damit verbundene Verluste, Belastungen und Verletzungen, der Ausgangspunkt. In dieser ersten Phase der Krise herrschen Verwirrung, Verleugnung, Hoffnungslosigkeit, Identitätsverlust und Rückzug vor.

Angestrebt wird im Recovery-Modell ein Zustand psychischen Wohlbefindens, gekennzeichnet durch persönliches Wachstum, Selbstakzeptanz, Unabhängigkeit und das Wissen um den eigenen Sinn und Zweck im Leben. Dieser Prozess zielt auf möglichst hohe Symptomfreiheit.

Wichtiger ist jedoch, dass die Patientinnen und Patienten ihr Selbstbild überdenken. So soll der Weg zu neuem Selbstbewusstsein mit der eigenen Krankheit reflektiert werden.

Recovery-Orientierung kann für professionelle Betreuungspersonen auch bedeuten, dass die eigenen Werte und Einstellungen neu überdenkt werden. Betreuungspersonen entwickeln sich weg von ihrer Expertenrolle für Krankheiten in der Aussenperspektive. Sie werden zu Begleitern und Unterstützern auf individuellen Lebenswegen. Es entstehen gleichwertige Partnerschaften mit ihren Patientinnen und Patienten, die zum Instrument der Behandlung werden. Als Grundlage dazu dient die Selbsthilfe. (B. Schrank & M. Amering, 2007)

Betreuung heisst: Begleitung in der Krankheit. Bild: Depositphotos

Die Zukunft der Sozialpsychiatrie

Die Zahl der Hospitalisationen in der Psychiatrie nimmt ab. So gewinnt die nichtstationäre Behandlung an Bedeutung. Ein Ziel ist, dass die Patientin oder der Patient möglichst früh eine Behandlung in seinem gewohnten Lebensumfeld erhält.

Wissenschaftliche Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die Behandlung zu Hause so erfolgreich ist wie die stationäre. Den stationären Aufenthalt zu ersetzen oder zu verkürzen, diesen Anspruch verfolgt der Home-Treatment-Ansatz. Der Besuch zu Hause bei den Betroffenen ermöglicht einen ganzheitlichen Blick auf die Lebensumstände.

Diese interprofessionelle Behandlung in den eigenen vier Wänden besteht meist aus pflegerischen und sozialarbeiterischen Massnahmen, Psycho-, Pharmako- und Ergotherapie. Eine weitere zentrale Rolle erhalten die Angehörigen. Sie sind Teil der Behandlung.

Skandinavische Länder praktizieren dieses Versorgungsmodell schon länger. In der Schweiz ist es von Kanton zu Kanton verschieden, wie weit die Institutionen mit ihren Angeboten sind. Vielerorts steht die Finanzierung noch nicht fest. Unter dem Druck, möglichst viel für möglichst wenig Geld anzubieten, sind die Krankenkassen noch nicht so weit, Home Treatment in die Grundversorgung aufzunehmen.

Das Motto der Hilfe zur Selbsthilfe hat sich seit Jahrzehnten bewährt. Es liesse sich noch viel weiterführen. Die systemische Sozialpsychiatrie mit dem Konzept des Home Treatment bringt die dafür die nötigen Werkzeuge mit.

Wir benötigen aber auch ein Umdenken in der Gesellschaft. Die Anforderungen und Erwartungen an die Psychiatrie müssen sich ändern. Der Auftrag zum Schutz der Bevölkerung vor psychisch Kranken ist grundsätzlich zu überdenken. Das wird uns hoffentlich zu einer Psychiatrie führen, die keine geschlossenen Türen mehr kennt. Vielleicht irgendwann auch zu einer Psychiatrie, die keine Wände mehr kennt.

*Dieser Beitrag entstand im Kurs «Schreibkompetenz» während des Studiums zum Bachelor of Science FH in Nursing an der Careum Hochschule Gesundheit. Die Teilnehmenden wählten ein Thema, mit dem sie in der Regel in ihrem Berufsalltag in Berührung kommen. Die besten Beiträge wurden ausgewählt und für den Blog überarbeitet.


Literatur

B. Schrank, & M. Amering. (2007). «Recovery» in der Psychiatrie. Neuropsychiatrie, Band 21, Nr. 1/2007, S. 45–50, Abstract hier.

E. Fischer-Homberger. (1980). Psychiatrie im Umbruch, Psychiatrie im Wandel der Zeit. Schweizer Spital, S. 24ff., PDF hier.

U. Lang. (2013). Innovative Psychiatrie mit offenen Türen, Deeskalation und Partizipation in der Akutpsychiatrie (1. Auflage). Springer-Verlag Berlin Heidelberg.

Diskutieren Sie mit!

  • Wie ist ihr Bild der Psychiatrie?
  • Kennen Sie das Recovery-Modell? Wo sind Sie diesem schon begegnet?
  • Ist die Vorstellung einer offenen Psychiatrie realistisch?

Nico Gerster

Nico Gerster

Nico Gerster arbeitet seit 2016 auf der Akutstation für Erwachsene in der Integrierten Psychiatrie Winterthur - Zürcher Unterland als Pflegefachmann. Er ist Berufsbildner und engagiert sich als Lehrperson am dritten Lernort der Tertiärstufe Pflege. Zur Zeit absolviert er den Bachelor of Science in Nursing an der Careum Hochschule Gesundheit.

4 thoughts on “Hinter Schloss und Riegel

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    2021-03-20 at 18:10
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    Sehr geehrter Herr Gerster
    Sehr wertvoller Artikel, den Sie da geschrieben haben. Es weckt Hoffnung für die Zukunft, auch wenn der Prozess noch lange dauern wird, bis die Wichtigkeit der Betreuung von psychisch Kranken so wie Sie es beschreiben, überall Realität wird. Leider ist es in der Gesellschaft immer noch so, dass psychisch Kranke stigmatisiert werden und auch im Gesundheitssystem nicht ebenbürtig behandelt wie die physischen Krankheiten. Beispiel Finanzierung durch Krankenkassen in der Grundversicherung und Beispiel der uralten, dunklen Bauten, welche als Psychiatriekliniken genutzt werden… (Bsp. IPW Schlosstal Winterthur, Rheinau alter Trakt, Breitenau SH, PUK etc.)
    Leider haben wir es als betroffene Familie mit einer jungen Tochter, die an einer hebephrenen Schizophrenie erkrankt ist, alles andere wie dass Sie das beschreiben, erlebt von wegen Einbezug und Teil der Behandlung. So bleibt mir entweder die Resignation und das Fazit, dass Papier geduldig ist – oder ich teile Ihre Hoffnung, dass die Psychiatrie im Wandel ist und Schritte in eine gute Richtung gehen, auch wenn die Schritte klein sind…

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    2021-03-24 at 09:38
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    Sehr geehrter Herr Gerster

    Wie zeitgemässe und vor allem patientenorientierte Psychiatrie auszugestalten sein muss, ist unendliche Male treffend beschrieben worden. Die Realität hinkt diesem Wissensstand leider weit hinterher. Das erlebt nicht nur Bettina Canty, sondern unzählige Betroffene und deren Angehörige. Letztere werden von den psychiatrischen Institutionen in ihren Imagebroschüren als wichtige Partner in der Behandlung bezeichnet. Und für Nico Gerster sind sie Teil der Behandlung. Davon sind wir aber noch weit entfernt. Der Einbezug der Angehörigen wird nicht wirklich konsequent und systematisch umgesetzt und hängt noch viel zu stark ab vom Engagement einzelner Mitarbeiter*innen.

    Auch der Devise, dass jede Psychopharmaka-Behandlung von einer Psychotherapie begleitet werden soll, wird kaum nachgelebt. Nicht zuletzt deshalb, weil es in den psychiatrischen Institutionen an entsprechend ausgebildeten Therapeuten fehlt. Von den Assistenzärzten mit ungenügenden Deutschkenntnissen und mangelndem Verständnis unserer Kultur ganz zu schweigen.

    Die beiden Felder Angehörigenarbeit und gleichzeitige Anwendung von Psychopharmaka-Therapie und Psychotherapie sind unterentwickelt. Ohne diese beiden ist eine moderne Psychiatrie nicht denkbar. Um letztere zu realisieren sind die verantwortlichen Gesundheitspolitiker*innen in Bund und Kantonen in der Pflicht.

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    • Nico Gerster
      2021-03-28 at 10:47
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      Sehr geehrter Herr Facci
      Die Pflege ist durch eine lange Geschichte geprägt und vieles ist thematisiert und beschrieben, dies sehe ich auch so. Der Baby-Boomer-Wechsel und die Akademisierung der Pflege ist zum Beispiel ein aktueller Umbruch, welcher aber auch Chancen bietet. Meine Generation erlebe ich als klar und hat nicht mehr das Bild eines helfenden Berufes, sondern möchte bewirken und prägen. Deshalb bin ich Berufsbildner, um im Bereich der Bildung die wichtigen Werte und Normen der Pflege gegenüber dem Nachwuchs zu vertreten aber auch vorzuleben. Das Bachelor-Studium habe ich gewählt um zukünftig spannende ANP-Rollen mitgestalten zu können, diese sind für mich nicht nur im klassischen Sinne im Bereich der medizinischen Diagnostik sondern auch ANP-Rollen im Bereich Deeskalationsmanagement, Peer- und Angehörigenarbeit oder auch im Bereich der berufspolitischen Ausrichtungen.

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  • Nico Gerster
    2021-03-28 at 10:30
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    Sehr geehrte Frau Canty
    Vielen Dank für Ihren Kommentar. Die Schilderung Ihrer persönlichen Erlebnisse machen mich betroffen. Sie zeigen ganz eindeutig, dass einige der positiven Ansätze leider an manchen Orten nicht gelebt werden und immer wieder an ihrer Komplexität kranken. Veraltete Rahmenbedingungen fördern das auch nicht gerade. Dennoch wird auch im grossen Stil gegengesteuert. Am Beispiel der VASK wird klar, dass der Missstand erkannt ist und dagegen vorgegangen wird. Sie sind eine Anlaufstelle für Angehörige und für Sie ein wichtiges Beratungsangebot. Jede psychiatrische Institution verfügt über ein Angehörigenkonzept und ich kann Sie nur ermutigen, Ihre Rechte als Mutter einzufordern.
    In meinem nahen Arbeitsumfeld, darüber kann ich zuverlässig Auskunft geben, ist die Angehörigenarbeit zentral. Es bestehen immer Gesprächsangebote. Die Anliegen der Mitbetroffenen werden gehört und wenn möglich einbezogen. Das Wochenende zu Hause, Standortbestimmungen und Planungen des Aufenthaltes gehören zu meinem Verständnis guter Angehörigenarbeit, das bei uns auch gelebt wird.
    Besonders hilfreich, so meine Erfahrung, ist immer der Kontakt betroffener Eltern untereinander. Ich schätze Ihre ehrliche Meinung sehr und dass Sie die Erkrankung Ihrer Tochter nicht tabuisieren sondern benennen.

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