10 Jahre Masterstudium Pflegewissenschaft

In Kürze: Masterstudiengänge in Pflegewissenschaft gibt es an Schweizer Hochschulen seit dem Jahr 2000. Das ist spät im internationalen Vergleich. Aber: Das Wachstum war 2018 gross. Das 10-jährige Jubiläum des Masterstudiengangs an der Careum Hochschule Gesundheit – ehemals Kalaidos Fachhochschule Gesundheit – zeigt exemplarisch auf, warum es sich lohnt, in die Pflegewissenschaft zu investieren.

Pflegewissenschaft wächst besser als die Börse

Die Pflegewissenschaft startete an Schweizer Hochschulen im internationalen Vergleich im Jahr 2000 spät, holt aber mächtig auf. Die Anzahl Mitglieder des Schweizerischen Vereins für Pflegewissenschaft (VFP) erhöhte sich 2018 um satte 9 Prozent auf 660, Master-Studierende inklusive. In derselben Zeit schrieb die Schweizer Börse ein deutliches Minus ;-).

Foto: Production Perig/Shutterstock.com
Foto: Production Perig/Shutterstock.com

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Die Master of Science in Nursing (MScN) Studiengänge sind in der Schweiz stark nachgefragt: Das INS in Basel musste 2018 wegen hoher Anmeldezahlen erstmals den Numerus Clausus anwenden. Die Universität Lausanne startete im Herbst 2018 einen Studiengang basierend auf neuen rechtlichen Grundlagen im Gesundheitsgesetz des Kantons Waadt. Die ZHAW, BFH und FHSG starten ab Sommer 2019 nach dem Ende des Kooperationsstudiengangs eigene MScN-Studienprogramme. Und die Careum Hochschule Gesundheit – ehemals Kalaidos Fachhochschule Gesundheit – feiert als erste Fachhochschule in der Deutschschweiz das 10-jährige MScN-Jubiläum.

Ein Blick zurück

Kalaidos FH LogoGenau vor 10 Jahren, im Januar 2009, startete der erste MScN-Studiengang – ohne Bewilligung des Bundes! Das Bewilligungsverfahren beim damaligen Bundesamt für Bildung und Technologie (BBT) zog sich Jahr für Jahr in die Länge. Die Betriebe der angemeldeten Interessentinnen wollten aber, dass ihre Mitarbeitenden endlich mit dem MScN-Studium beginnen konnten. Sie brauchten das pflegewissenschaftliche Know-how zur Sicherung der Pflegequalität und für Innovationen in der Praxis. Als Hochschule für Berufstätige war und ist die Careum Hochschule Gesundheit der Praxis verpflichtet. So war das Motto zum Start: just do it.

Acht mutige MScN-Studierende starteten ihr Studium. Im Januar 2010 folgte dann die BBT-Bewilligung, unterzeichnet von Alt-Bundesrätin Doris Leuthard.

MScN-Bewilligung Kalaidos Fachhochschule 2010
Auszug aus der MScN-Bewilligung für die Kalaidos Fachhochschule Gesundheit (Januar 2010)

MScN-Alumni mit gefragter Expertise

Das Palmarès aller acht MScN-Alumnae , die 2009 das Studium als Pionierinnen und Pioniere starteten, ist eindrücklich – in der Praxis, Wissenschaft, Führung, bei einer Gesundheitsbehörde und als Firmeneigentümerin:

Sie alle haben ihre Stellen während und nach dem Studium massgeblich weiterentwickelt. So ist zum Beispiel Gianni Zuaboni inzwischen ein international anerkannter Experte für Peer-Arbeit und Recovery, einem Konzept zur Zusammenarbeit mit Psychiatrie-Erfahrenen, die ihr Know-how aktuellen Patientinnen und Patienten weitergeben.

Peer Pool: Christina Schelosky, Isabelle Früh, Petra Burkhardt. (Foto: Careum/Svec Goetschi)
Peer-Pool am Swiss Congress for Health Professions 2018: Christina Schelosky, Isabelle Früh, Petra Burkhardt. | Foto: Careum/Svec Goetschi

Auch spätere Absolventinnen sind heute an einflussreichen Stellen in ihren Betrieben:

Mit der Zeit gehen – neuer Studienschwerpunkt

Die junge Disziplin entwickelt sich rasch, erkennt Versorgungslücken und entwickelt Lösungen. Dazu gehört das international weit verbreitete Profil der Nurse Practitioner und ihre vielfältigen Aufgaben in der Patientenbetreuung. Die Nurse Practitioner – zu Deutsch «klinische Pflegeexpertin» – beherrscht das klinische Assessment, das inzwischen an Schweizer Hochschulen mit Unterstützung der Ärzteschaft massgeblich auf- und ausgebaut wird.

Nicht alles dabei ist neu. Die altehrwürdige «Krankenbeobachtung» heisst heute aber «Inspektion» und wird viel systematischer durchgeführt und sprachlich ausdifferenziert, zum Beispiel wird eine gestaute Halsvene exakt beschrieben und der Zusammenhang zum Verdacht auf Herzinsuffizienz getestet und formuliert. Neue Untersuchungstechniken kommen auch hinzu: das Abhören (Auskultation), Abklopfen (Perkussion) und Abtasten (Palpation):

Abhören mit Stethoskop und Abklopfen | Fotos: Gesundheit/Medizin und Ocskay Bence/Shutterstock.com
Abhören mit dem Stethoskop und Abklopfen mittels Finger-Finger-Methode | Fotos: Gesundheit/Medizin und Ocskay Bence/Shutterstock.com

So können die klinischen Pflegeexpertinnen etwa mittels Auskultation Lungenentzündungen frühzeitig erkennen und die Behandlung mit den Ärzten zeitnah einleiten. Das ist in den aktuellen Grippemonaten ein grosser Vorteil und verhütet unnötige Spitalaufenthalte, vor allem bei älteren oder chronisch kranken Menschen.

Die objektiven Daten, zum Beispiel zur Beschreibung des abgeschwächten Klopfschalls einer Pneumonie, erleichtern die Kommunikation und Zusammenarbeit mit der Ärzteschaft massgeblich.

Ärztliche Starthilfe für neue Rollen

Dies erkannte auch Dr. med. Regula Kaufmann von Centramed. Sie bot 2012 zusammen mit der «grand old lady» des klinischen Assessments in der Schweiz, Dr. med. Lyn Lindpaintner, Starthilfe für den Schwerpunkt «Clinical Excellence». Die Pflegefachfrau und Ärztin Dr. med. Ute Lohmeyer half massgeblich mit, dass die Studierenden der Careum Hochschule Gesundheit ab 2015 die klinische Ausbildung durchlaufen und 2016 abschliessen konnten.

Im Jubiläumsjahr 2019 baut die Careum Hochschule Gesundheit nun die Zusammenarbeit mit dem Ärztenetzwerk zmed.ch in der Stadt Zürich auf. Damit sollen Positionen in Hausarztpraxen gefördert werden, wie zum Beispiel diejenige von Claudine Lüscher in einer Arztpraxis im Kanton Uri, wo sie unter anderem Hausbesuche macht.

Das Institut für Hausarztmedizin und Community Care in Luzern wertet die Erfahrungen zurzeit aus, und auch wie sich die Weiterbildung DAS in Complex Care für die pflegeerweiterte ärztliche Grundversorgung eignet. Diese Weiterbildung dient Bachelor- und MasterabsolventInnen dazu, ihre klinischen Kompetenzen massgeblich zu erweitern.

Gesamtbild der Pflegewissenschaft als Mehrwert

Wichtig ist schliesslich, dass in den nächsten 10 Jahren das Gesamtbild der Pflegewissenschaft noch deutlicher positioniert wird, denn das Studium umfasst immer alle drei Ebenen:

  • Mikroebene: Verbesserung der Patientenbetreuung und berufsethisches Engagmenet durch klinische Pflegeexpertinnen
  • Mesoebene: Entwicklung für innovative und forschungsgestützte Angebote bei Leistungserbringern, in Versicherungen, bei Gesundheitsligen, in Verbänden, bei Gesundheitsdepartementen oder in der Medizinalindustrie
  • Makroebene: Engagement für modernisierte und interprofessionelle Prozesse und Strukturen, vor allem in der integrierten Gesundheitsversorgung in Gesundheitsregionen

Diese Breite des pflegewissenschaftlichen Mehrwerts betont auch Prof. Dr. Mary Jo Vetter von der New York University (NYU), die dort das DNP-Programm leitet. Sie unterstützt den Schwerpunkt Clinical Excellence mit ihrem langjährigen Know-how seit Beginn. Ihre zentrale Botschaft ist:

Pflegewissenschaftlich ausgebildete Fachpersonen haben eine breite und eigenständige Palette von Angeboten für Patientinnen, Patienten und Angehörige sowie für das interprofessionelle Team. Sie verstehen ihre Aufgabe nicht primär als das Ausführen ärztlicher Anordnungen oder delegierter Tätigkeiten.Prof. Dr. Mary Jo Vetter anlässlich einer Podiumsdiskussion vom 1.12.2016 in Zürich

Dornröschchen in 25 Kantonen?

Inzwischen sind die MScN-Studiengänge in der Schweizer Hochschullandschaft etabliert und eidgenössisch akkreditiert. Die nächsten 10 Jahre werden von der Rolle der klinischen Pflegeexpertin geprägt sein, und wie die Patientensicherheit mit den erweiterten Kompetenzen der Pflegeexpertise gewährleistet ist. Dazu gibt es zwei Diskurse:

  • Standards für den Anteil der klinischen Ausbildung in Masterstudiengängen: Die Leistungserbringer müssen wissen, welche Masterabsolventin welche klinischen Kompetenzen im Studium erlangt hat, um die Patientensicherheit zu gewährleisten. Es gibt erhebliche Unterschiede bei den in- und auch ausländischen MScN-Studiengängen. Aber: Für die klinische Ausbildung gibt es aktuell keinen schweizweiten Konsens und keine gesetzliche Grundlage im Gesundheitsberufegesetz (GesBG). Denn der Bundesrat wollte die Masterstufe nicht ins GesBG aufnehmen. Er überträgt somit die Verantwortung den Betrieben. Damit sich die Betriebe angesichts der steigenden Anzahl von Masterabschlüssen orientieren können, müssen die Hochschulen zusammen mit klinischen Pflegeexpertinnen aus Betrieben die Standards für die klinische Ausbildung erarbeiten. Vorarbeiten dazu wurden mit den berufsspezifischen Masterkompetenzen Pflege im Rahmen des Vollzugs des GesBG in den Jahren 2017/18 geleistet. Diese Kompetenzen müssen nun auf die Patientensicherheit zugespitzt werden. Ob es danach eine freiwillige Akkreditierung oder Reglementierung braucht, damit sich die Betriebe für die Anstellung von klinisch tätigen Pflegewissenschafterinnen und Pflegewissenschaftern orientieren können, ist noch zu klären.
  • Gesetzliche Grundlagen für die Berufsausübung von klinischen Pflegeexpertinnen: Das Waadtländer Kantonsparlament passte 2017 das Gesundheitsgesetz an. Im Art. 124b wurde die «Infirmier Practicien Spécialisé IPS» aufgenommen, was dem Profil der Nurse Practitioner entspricht. War dies der Startschuss für 25 weitere Modernisierungen von Gesundheitsgesetzen? Solange die Kantone die Inhalte der klinischen Ausbildung nicht im Detail kennen und die Bedeutung für die Patientensicherheit nicht erkennen, ist die Bewilligung für die Berufausübung für klinischen Pflegeexpertinnen schwierig. Auch für die Kantone sind deshalb Standards der Ausbildung wichtig, die sie der Berufsausübungsbewilligung zugrunde legen können.
    Infirmier_Praticien_Spécialisé_IPS
    Auszug aus dem Gesundheitsgesetz des Kantons Waadt

Der Kanton Waadt ging mit der Anpassung des Gesundheitsgesetzes und dem neuen MScN-Studiengang an der Universität Lausanne proaktiv voran. Und was machen nun die anderen 25 Kantone? Ein Dornröschenschlaf ist nicht angezeigt. Denn der nördliche Nachbar klopft bereits an die Tür und will seine Fachkräfte zurück. Dies ist gleichzeitig ein Weckruf für Betriebe, Politik und Behörden, den Mehrwert der relativ kostengünstigen MScN-Studiengänge voranzubringen und dabei vor allem klinische Pflegeexpertinnen zu fördern.

Der Careum Hochschule Gesundheit geht also auch nach 10 Jahren MScN-Studium die Arbeit nicht aus.

Diskutieren Sie mit!

– Was prophezeien Sie den MScN-Studiengängen in der Schweiz in 10 Jahren?

– Welche Erfolgsgeschichten haben sie dank klinischer Pflegeexpertinnen erlebt? Was sind die Erfolgsfaktoren für die Bevölkerung?

– Was ist die dringlichste Aufgabe der Pflegewissenschaft der nächsten Jahre?

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Master of Science in Nursing an der Careum Hochschule Gesundheit

Blogbeitrag zum Thema «Spitex – Anreize zur Pflegexpertise»

Blogbeitrag zum Thema «Die nächste Generation der Pflegewissenschaft»

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Schweizerischer Verein für Pflegewissenschaft

Stiftung Pflegewissenschaft Schweiz

Swiss ANP – Interessengruppe SBK für Advanced Nursing Practice

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Iren Bischofberger

Prof. Dr. Iren Bischofberger ist Professorin für Pflege- und Versorgungsforschung an der Careum Hochschule Gesundheit. Beim dazugehörigen Forschungsinstitut leitet sie das Programm work & care (www.workandcare.ch).

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