Die nächste Generation der Pflegewissenschaft

In Kürze: Das Masterstudium ist im Gesundheitsberufegesetz (GesBG) nicht geregelt. 
Deshalb sind Betriebe und Hochschulen gefragt, zusammen die Aufgaben und Fähigkeiten der Pflegeexpertinnen und -experten MSc weiterzuentwickeln. 
Im Zentrum steht die Patientensicherheit (oder das «Gefährdungspotenzial» gemäss Botschaft des Bundesrates zum GesBG). 
Das Kantonsspital Graubünden engagiert sich zum Thema.

Wer heute im Kantonsspital Graubünden operiert werden muss, hat eine gute Chance, dass zum Beispiel bei einem Delirium oder bei Mangelernährung die Risiken rechtzeitig erkannt werden.

Claudia Zünd, langjährige Pflegemitarbeiterin im Departement Chirurgie, absolvierte zuerst die Pflegeausbildung HF, dann das Bachelor-Aufbaustudium.

Seit 2017 macht sie sich mit dem berufsbegleitenden Masterstudium an der Kalaidos FH Gesundheit fit für umfassende klinische Kompetenzen. Während insgesamt vier Jahren arbeitet sie parallel dazu in einem hohen Teilzeitpensum am bisherigen Arbeitsort.

Claudia Zünd bei der Arbeit | Foto: Claudia Zünd
Claudia Zünd bei der Arbeit. Foto: zvg
Zwei Fragen an Claudia Zünd

Wie hat sich Ihre berufliche Arbeit im ersten MScN Studienjahr verändert?
«Bereits nach dem ersten Drittel der klinischen Module arbeite ich anders als früher. Das hat sich während der letzten 12 Monate in vielen einzelnen Kontakten mit Pflegefachpersonen und dem ärztlichen Dienst herauskristallisiert.

Dank meiner weiterentwickelten Kompetenzen bin ich nun in der Körperuntersuchung, der Anamnese und dem Symptommanagement bei Patientensituationen mit dringenden Pflegeproblemen beratend im Einsatz.

Ich nehme dabei die Bedenken von meinen Pflegekolleginnen und -kollegen auf. Sie sagen mir beispielsweise, dass eine Patientin nicht isst. Ich schätze dann unter anderem das Risiko für Mangelernährung mit dem Nutritional Risk Screening ein. Ich bespreche die objektiven Daten und das subjektive Empfinden der Patientin auch mit dem ärztlichen Dienst. Gemeinsam leiten wir dann gezielte Interventionen ein.

Ich überprüfe anschliessend mit dem Pflegeteam die Pflegeplanung und erkläre, wie sie den Verlauf genau beobachten können und bei welchen Anzeichen sie mich erneut kontaktieren sollen.»

Wie sind Sie im Alltag erreichbar?
«Ich bin nah am Puls des Geschehens. Ich bin auf allen chirurgischen Stationen tätig und gewährleiste durch meine hohe Präsenz kurze Wege für die Beurteilung einer Patientensituation. Das ist entscheidend für ein erfolgreiches Management der oft hektischen Situationen, in denen wir schnell und interprofessionell die beste Entscheidung treffen müssen.»

Pflege Unterernährung | Urheber: Pixabay.com
Pflegeassessment bei einem älteren Mensch. Foto: Pixabay.com

Neben Claudia Zünd haben im Kantonsspital Graubünden inzwischen mehrere Pflegemitarbeitende das berufsbegleitende Bachelor- oder Masterstudium an der Kalaidos FH Gesundheit begonnen.

So wächst eine Pflegecrew heran, die dank der absolvierten Pflegeausbildung HF bereits berufserfahren ist, bevor sie das Hochschulstudium beginnt.

Im berufsbegleitenden Bachelorstudium Pflege lernen sie zusätzlich:

  • Grundkenntnisse im klinischen Assessment,
  • das beste internationale Wissen ans Spitalbett zu bringen, und
  • systematisch an Innovationen mitzuarbeiten.

Mit dem ebenfalls berufsbegleitenden Master Schwerpunkt «Clinical Excellence» gehen sie einen Schritt weiter und

  • vertiefen und trainieren das klinische Assessment intensiv,
  • setzen innovative und patientenzentrierte Projekte um,
  • debattieren aktuelle Themen wie Pflegeökonomie oder Gesundheitspolitik,
  • und praktizieren kritisches Denken anhand des Forschungsprozesses.

Mit all diesen Fähigkeiten sehen sie Schwachstellen schneller und planen vorausschauender, zum Beispiel bei Mehrfachmedikation, Dekubitusrisiken oder beim Austritt von hochaltrigen Personen nach Hause.

Schon während des Studiums lernte Claudia Zünd die höhersemestrige Masterstudentin Stefanie Brown am Kantonsspital Baden kennen, und wie dort das Projektteam die Rolle der klinischen Pflegeexpertin auf einer Medizinischen Abteilung entwickelt.

Auch der ärztliche Dienst macht mit

Offenheit für die Entwicklung zur Pflegeexpertin MSc zeigt auch der ärztliche Dienst am Kantonsspital Graubünden. Die Leiterin des Ressorts Qualität, Dr. med. Marianna Friedli-Braun, wirkt für Claudia Zünd als ärztliche Mentorin. Während 24 Monaten begleitet sie die klinische Ausbildung, und ist nahe an den Fortschritten und Herausforderungen dran.

Erfahrungen der ärztlichen Mentorin Dr. med. Marianna Friedli-Braun

«Der Wissenszuwachs durch die klinischen Module im ersten MScN-Studienjahr unterstützt die interprofessionelle Zusammenarbeit am Patientenbett: Einerseits sprechen wir eine gemeinsame Fachsprache und argumentieren anhand von objektivierbaren Fakten.

Anhand gezielt eingesetzter Untersuchungstechniken oder Assessments kann Claudia Zünd Risikosituationen professionell einschätzen und pflegerische Massnahmen umsetzen. Andererseits bieten die Untersuchungsbefunde und Assessmentergebnisse eine wertvolle Beurteilungsgrundlage für die Massnahmenplanung mit dem ärztlichen Dienst und nehmen diesen auch in die Pflicht.

So lässt sich zum Beispiel ein positiver CAM-Test (Confusion Assessment Method) weniger leicht ignorieren als <der Patient scheint mir heute etwas komisch>.

In interprofessionellen Projektgruppen, zum Beispiel zu den Themen Mangelernährung oder Delirium, leistet Claudia Zünd einen professionellen Beitrag bei der Erarbeitung von evidenzbasierten Behandlungskonzepten. Denn unter dem steigenden Kostendruck ist ein evidenzbasierter Einsatz der vorhandenen Ressourcen zum Erreichen des bestmöglichen Outcomes für unsere Patientinnen und Patienten unabdingbar.»

Zusätzlich unterstützt der in- und ausländisch besetzte klinische Beirat der Kalaidos FH Gesundheit den Schwerpunkt «Clinical Excellence», unter anderem auch die US-Erfahrungen mit Nurse Practitioners.

Welche Bezeichnung für die Praxis?

Das Eidgenössische Parlament verabschiedete am 30. September 2016 das Bundesgesetz über die Gesundheitsberufe (GesBG) und damit die Abschlusskompetenzen der sieben Gesundheitsberufe (6 Berufe mit Bachelor, 1 Beruf mit Master).

Im Art. 12 ist die Berufsausübung geregelt. Hier ist die Pflege FH und auch die Pflege HF aufgeführt. Entsprechend lauten die Bildungsabschlüsse so (Bundesgesetz über die Gesundheitsberufe, S. 7603):

Erforderlich sind folgende Bildungsabschlüsse für:

a. Pflegefachfrau und Pflegefachmann: Bachelor of Science in Pflege FH/UH oder dipl. Pflegefachfrau HF und dipl. Pflegefachmann HF;

Ausweise | Urheber: Pixabay.com

Für die Praxis lassen sich folgende Bezeichnungen ableiten:

  • Pflegefachfrau/mann HF
  • Pflegefachfrau/mann BSc
  • Pflegefachfrau/mann HF, BSc (wer beide Abschlüsse hat)
    So wird die Berufserfahrung mit dem HF-Abschluss deutlich. Mit dem BSc-Kürzel wird die Horizonterweiterung durch die hochschulische Ausbildung gekennzeichnet.
  • Pflegeexperte/in MSc (mit Masterabschluss, das GesBG macht hier keine Vorgaben)
    Mit dieser Bezeichnung wird der Zuwachs an Pflegeexpertise ausgedrückt. Der Zusatz «MSc» entspricht der Bildungssystematik. Zur Betonung der patientennahen Aufgaben ist auch «klinische Pflegeexpertin MSc» denkbar.

Diskutieren Sie mit:

  1. Welcher Mehrwert ist durch klinisch tätige Masterabsolventinnen und -absolventen oder Masterstudierende in Ihrem Betrieb sichtbar?
  2. Welche Erwartungen haben Sie an Pflegeexpertinnen und -experten MSc?
  3. Welchen Bedarf für Spitäler erwarten Sie in den nächsten 10 Jahren?

Weiterführende Informationen

Literatur

Iren Bischofberger

Prof. Dr. Iren Bischofberger ist Prorektorin der Kalaidos Fachhochschule Gesundheit und dort Professorin für Pflege- und Versorgungsforschung. Sie leitet bei Careum Forschung das Programm work & care (www.workandcare.ch).

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