Depression: Allgegenwärtig, aber stigmatisiert?

Dieser Beitrag entstand im Kurs «Schreibkompetenz» während des Studiums zum Bachelor of Science FH in Nursing der Kalaidos Fachhochschule Gesundheit. Die Teilnehmenden wählten  ein Thema, mit dem sie in der Regel in ihrem Berufsalltag in Berührung kommen. Sechs Beiträge wurden ausgewählt und für den Blog überarbeitet. Der Beitrag von Inka Bornhauser eröffnet die Reihe, die anderen Texte folgen in regelmässigen Abständen.

In Kürze: In der modernen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist der Begriff «Psychiatrie» häufig immer noch negativ behaftet. Jemand, der in psychiatrischer Behandlung ist – ob ambulant oder stationär – erhält von der Gesellschaft schnell einen «Stempel» aufgedrückt. Diese Stigmatisierung kann das Leid der Betroffenen verstärken.

Heutzutage belegen Studien, dass psychische Krankheiten immer präsenter werden. Depressionen zählen nachweislich zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Und dennoch ist erkennbar, dass an Depressionen erkrankte Menschen in der Gesellschaft immer noch stigmatisiert werden.

Definition Depression gemäss WHO
«Eine Depression ist eine weit verbreitete psychische Störung, die durch Traurigkeit, Interesselosigkeit und Verlust an Genussfähigkeit, Schuldgefühle und geringes Selbstwertgefühl, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Müdigkeit und Konzentrationsschwächen gekennzeichnet sein kann.» (Weltgesundheitsorganisation, 2018).

Depression: Das «Stigma des schwarzen Hundes» (Video der WHO)

Gemäss der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leiden europaweit ca. 25% der Bevölkerung an Depressionen und/oder Angstzuständen (Weltgesundheitsorganisation 2018). Die Betroffenen werden teilweise ausgegrenzt, abgelehnt, abgestempelt und haben einen schwierigeren Stand im Alltag. Weiter konstatiert die WHO, dass über 50% der schweren Depressionen nicht behandelt werden, da Betroffene Strategien finden, eine Therapie zu vermeiden, aus Scham, wegen fehlender Informationen oder wegen Ablehnung durch die Gesellschaft.

Das zeigt, dass Aufklärung und Information über dieses Thema wichtig und notwendig sind.

Definition psychische Gesundheit gemäss WHO
«Zustand des Wohlbefindens, in dem der Einzelne seine Fähigkeiten ausschöpfen, die normalen Lebensbelastungen bewältigen, produktiv und fruchtbar arbeiten kann und imstande ist, etwas zu seiner Gemeinschaft beizutragen» (WHO & WPA 2002)

Die hohe Zahl psychischer Erkrankungen führte das Schweizer Bundesamt für Gesundheit (BAG) zum Monitoring psychischer Erkrankungen: «Psychische Gesundheit in der Schweiz. Bestandsaufnahme und Handlungsfelder» (BAG, 2015). In der Folge wurde ein Massnahmenkatalog erstellt (BAG 2016).

Bei der Bestandsaufnahme im Jahr 2012 gaben gut drei Viertel (77%) der über 15-Jährigen der Schweizer Bevölkerung an, «vital und energiegeladen» zu sein. Auch fühlt sich die Mehrheit der Bevölkerung (82%) meistens oder immer glücklich. Dabei wurde ebenfalls erhoben, dass 17% der Bevölkerung von einer oder gar mehreren psychischen Erkrankungen betroffen sind. Aufgrund eines Vergleiches internationaler Studien geht man davon aus, dass ein Drittel der Bevölkerung der Schweiz innerhalb eines Jahres an einer psychischen Erkrankung leidet. (BAG 2015)

Massnahmen und Handlungsfelder des BAG

Im Massnahmenkatalog wurden vier Handlungsfelder mit jeweils zwei Massnahmenbereichen festgelegt, die zur Gesundheitsförderung und Prävention im Bereich psychischer Krankheit umgesetzt werden sollen (siehe Abbildung «Psychische Gesundheit in der Schweiz»).

Psychische Gesundheit in der Schweiz - Bestandsaufnahme und Handlungsfelder. Quelle: BAG
Psychische Gesundheit in der Schweiz – Bestandsaufnahme und Handlungsfelder (Quelle: BAG 2015)

Depression zieht sich durch alle Altersklassen, jedoch mit unterschiedlich ausgeprägter Symptomatik. In jüngeren Jahren und im Erwachsenenalter zeigen sich die Symptome einer mittleren bis schweren Depression eher gleichbleibend. Die Symptome einer schwachen Depression nehmen jedoch mit zunehmendem Alter zu (siehe Abbildung «Depressionen in der Schweiz»). Nach der Pensionierung zeigt sich dies deutlich bei einem einschneidenden Lebensereignis (Obsan Bericht 56).

Depression & die Generation 65plus

Depression im Alter ist ein Thema, das vielfach stigmatisiert wird und weitere Aufklärung benötigt (Gaebel & Baumann, 2005).

Depressionen in der Schweiz. Daten zur Epidemiologie, Behandlung und sozial- beruflichen Integration (Obsan Bericht 56)
Depressionen in der Schweiz. Daten zur Epidemiologie, Behandlung und sozial- beruflichen Integration (Obsan Bericht 56)

Im Alter – hier sind die über 65-jährigen gemeint – ist das Thema Depression noch mehr mit einem Stigma behaftet. Menschen, die bis ins Alter keine Depression hatten und dann erkranken, verstecken dies noch mehr. Warum?

Vielleicht, weil die Vorstellung psychisch krank zu sein und sich dies gegenüber Familien, Bekannten und Freunden einzugestehen, sehr viel Mut und Kraft kostet, weil man nicht als «durchgeknallt» abgestempelt oder für «verrückt» erklärt werden will (Wolfersdorf, Schüler, & LePair 2005).

Vielleicht schwebt auch die Angst mit, dass man dann endgültig als nicht mehr allein lebensfähig gilt und in ein Heim o.ä. umziehen muss? Die Einsamkeit ist ein zentrales Thema im Alter. Oft sind Partner, Familie und Freunde eventuell nur sehr wenig bis gar nicht mehr vorhanden und Symptome werden folglich nicht vom Umfeld wahrgenommen.

Generation 65plus & die Geschichte der Psychiatrie

Die Generation 65plus hat oftmals eine andere Wahrnehmung von Psychiatrie. Das liegt auch daran, dass sie die Institution auf eine andere Art erlebt haben – denkt man an die Vergangenheit der Psychiatrien, ihre Namen und Reputation, ihren früheren Umgang mit Patienten. Lange wurde auch sprachlich ein sehr negatives Bild vermittelt, wie z. B. «Befreien vom Wahnsinn», «Betreueung unheilbarer Irrer», «Irrenanstalten», «Klappsmühlen» und «in die Zwangsjacke stecken».

Ältere Menschen, die an einer Erstmanifestation einer Depression leiden, müssen deshalb grössere Hürden überwinden, da ihre Generation mit diesen Negativ-Bildern und -Vorstellungen gross geworden ist. Dementsprechend ist es eine Herausforderung für sie, sich und anderen gegenüber einzugestehen, eine Depression zu haben, geschweige denn in psychiatrischer Behandlung (ambulant oder stationär) zu sein (Wolfersdorf, Schüler, & LePair 2005).

Alte Frau, dement, Quelle: Gerd Altmann/Pixabay
Einsamkeit im Alter kann zu einer Depression führen. Quelle: Gerd Altmann/Pixabay

Die Herausforderung der Depression im Alter beginnt schon bei der Diagnose. Ältere Menschen haben Symptome, die sie auf körperliche Erkrankungen zurückführen, obwohl sie zu einer Depression gehören könnten. Der Gedanke an eine eventuelle Depression kommt erst gar nicht auf oder wird nicht in Betracht gezogen.

Stigmatisierung

Definition Stigma nach WHO

«Stigma ist das Ergebnis eines Prozesses, durch den bestimmten Menschen oder Gruppen ungerechtfertigt Schande vorgeworfen wird und durch den sie ausgeschlossen bzw. diskriminiert werden» (WHO & WPA 2002)

Die Stigmatisierung findet auf zwei Ebenen statt:

Selbststigmatisierung

  • Negative Bewertung der eigenen Krankheit
  • Verzehrte Wahrnehmung aufgrund der Depression

Fremdstigmatisierung

  • Diskrepanz zu gesellschaftlichen Normen und Werten
  • Mediale Darstellung des Idealbildes eines Menschen.

⇒ Mehr Informationen dazu in der Studie «Das Stigma Depression – eine Interaktion zwischen öffentlichem Diskurs und Erfahrungsberichten Betroffener» aus dem Jahr 2015. (Baer, N. et al. 2015)

Die Stigmatisierung der psychisch erkrankten Generation 65plus und die daraus entstehenden negativen Folgen für die Behandlung, Prävention und Gesundheitsförderung sind in der heutigen Gesellschaft für die Betroffenen und das Versorgungssystem ein grosses Problem. Die WHO geht davon aus, dass depressive Störungen bis ins Jahr 2020 den zweiten Platz unter allen globalen Krankheitslasten einnehmen werden und damit direkt hinter der ischämischen Attacke stehen würde (Moreau-Gruet 2013).

Um diesem Problem entgegenzuwirken, wurden bereits verschiedene Massnahmen zur Gesundheitsförderung und Prävention gestartet und Anti-Stigma-Kampagnen (vgl. z. B. Wundsam, K. 2004) ins Leben gerufen, dies sowohl europaweit als auch innerhalb der Schweiz.

Die Recherche in der einschlägigen Literatur zeigt, dass das Thema aktuell ist. Allerdings beschäftigt sich die Mehrzahl der Studien mit der Situation jüngerer Menschen. Depression im Alter wird stärker stigmatisiert, sowohl von den Betroffenen selbst wie auch von ihrem Umfeld. Es benötigt weitere intensive Programme zur Aufklärung und Information, um hier Änderungen herbeizuführen.

Die Programme zur Aufklärung hätten einen positiven Effekt auf die Prävention, Gesundheitsförderung, das Gesundheitssystem, die Gesundheitskosten und würden Rückfällen einer Depression sowie der Stigmatisierung entgegenwirken.

Ein aktuelles Thema? Diskutieren Sie mit!

  • Haben auch Sie Erfahrungen mit dem Thema Depression und Stigma gemacht?
  • Wie gehen Sie mit solchen Situationen um?
  • Sind Ihnen diese Kampagnen begegnet und sprechen diese Sie an?

Literaturverzeichnis

Gaebel, W., & Baumann, A. (Hrsg.). (2005). Stigma – Diskriminierung – Bewältigung: der Umgang mit sozialer Ausgrenzung psychisch Kranker (1. Aufl.). Stuttgart: Kohlhammer.

Wolfersdorf, M., Schüler, M., & LePair, A. (2005). Depressionen im Alter: Diagnostik, Therapie, Angehörigenarbeit, Fürsorge, gerontopsychiatrische Depressionsstationen (1. Aufl.). Stuttgart: Kohlhammer.

Weiterführende Literatur:

Bahlmann, J., Angermeyer, M., & Schomerus, G. (2013). „Burnout“ statt „Depression“ – eine Strategie zur Vermeidung von Stigma? Psychiatrische Praxis, 40(02), 78–82. https://doi.org/10.1055/s-0032-1332891

Martino, H., Rabenschlag, F., Koch, U., Attinger-Andreoli, Y., Michel, K., Gassmann, J. et al. (2012). PHS 2012 Entstigmatisierung. Zugriff am 28.05.2018. Hier verfügbar

 

Inka Bornhauser

Inka Bornhauser arbeitet aktuell als Fachexpertin in der PUK auf einer Station der Klinik für Alterspsychiatrie. Angefangen hat sie als Pflegehelferin SRK. Mittlerweile hat sie den Abschluss zur Pflegefachfrau HF absolviert und studiert aktuell den BScN an der Kalaidos Fachhochschule.

2 thoughts on “Depression: Allgegenwärtig, aber stigmatisiert?

  • 2018-11-08 at 13:26
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    Ich habe im nahen Umfeld eine Depression im Alter erlebt.

    Die Betroffene (80 jährig) hat nie von einer Depression gesprochen, sondern immer weniger gegessen und sie kam kaum noch aus dem Bett. Erst als die Töchter beim Hausarzt interveniert haben, konnte ein Klinikaufenthalt Besserung bringen. Sie konnte danach wieder alleine ihren Haushalt führen.

    Dieser Artikel bestätigt wie wichtig eine Aufklärung in der gesamten Bevölkerung ist, damit solche Situationen richtig interpretiert und Betroffene rechtzeitig fachlich betreut werden.

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    • 2018-11-08 at 15:59
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      Liebe Frau Baumgartner

      Ich danke Ihnen für Ihr Kommentar und den Einblick in Ihre persönliche Erfahrung mit dem Thema Depression im Alter.

      Dies zeigt wie wichtig es ist über dieses Thema aufzuklären und das es eben allgegenwärtig ist, aber eben auch „schwer“ oder selten wahrgenommen wird.
      Wie bei Ihnen im Umfeld, ist es oft möglich, auch wieder selbständig den Alltag nach oder mit Therpaie und Unterstützung selbst gestalten zu können.

      Es gibt schweizweit einige Ansätze und Kampagnen, gleichzeitig zeigt sich auch dabei, wie schwierig es ist die Einstellung/Wahrnehmung der Bevölkerung zu ändern oder zu sensibilisieren.

      Dazu habe ich einen interessanten Artikel „Eine Anti-Stigma-Kampgne für 30 Millionen Franken?“ in der Schweizerischen Ärztezeitung 2013 von Prof. Dr. med. Konrad Michel gelesen, siehe https://saez.ch/de/resource/jf/journal/file/view/article/saez/de/saez.2013.01785/SAEZ_01785.pdf/

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