Mein Weg zur Klinischen Fachspezialistin

In Kürze: Ich war 15 Jahre alt, als ich mich für einen Berufsweg entschied, der mich zu meinem Traumberuf führte. Über meine Ausbildung als Pflegefachfrau kam ich dort an, wo ich heute stehe. Als Klinische Fachspezialistin kann ich heute alles vereinen, was mir wichtig ist. Und vor allem: Ich kann die Beziehung zwischen Patientinnen und Patienten sowie Pflege gestalten.


Der Berufsweg war schon früh klar

Bevor mein Berufswunsch feststand, schnupperte ich in verschiedenen Bereichen: in einer Tierarztpraxis, einer Dorfapotheke und bei einem Dermatologen. Für mich stand fest, mein zukünftiger Beruf musste mit Medizin und Menschen zu tun haben. Eine Ärztin sollte aus mir nicht werden, da schien mir der Weg zu lange und zu anspruchsvoll.

Nach einem einmonatigen Praktikum im Regionalspital Beata Vergine in Mendrisio war mir klar, dass ich «Krankenschwester» respektive Pflegefachfrau werden wollte. Das war vor 20 Jahren. Pflegen, unterstützen, helfen, beraten, planen: Das waren die Tätigkeiten, die ich ausüben wollte. Die aussergewöhnliche Beziehung zwischen Patientinnen und Patienten sowie Pflegefachperson faszinierte mich schon damals.

Sich in einer neuen Berufsrolle weiterentwickeln

2011 schloss ich mein Diplom als Pflegefachfrau an der Höheren Fachschule in Lugano ab. Mir war schnell klar, dass mir das Tessin nicht die beruflichen Möglichkeiten und Chancen bieten konnte, die ich mir vorstellte.

Mein nächster Schritt war, in die Westschweiz zu ziehen und dort die nötige Berufserfahrung zu sammeln. Am Universitätsspital CHUV in Lausanne begann ich, als frischdiplomierte Fachkraft auf einer septischen Chirurgie zu arbeiten.

Durch die herausfordernde und anspruchsvolle Tätigkeit auf der Bettenabteilung lernte ich die Arbeitswelt neu kennen. Ich erkannte, dass ich lernen musste, mit Frustrationen, Trauer und Resignation umzugehen. Allmählich wuchs ich in die Rolle hinein und entwickelte mehr Selbstvertrauen und Sicherheit.

Trotzdem kehrte ich der Romandie bald den Rücken zu und zog nach Zürich. Der Neuanfang sollte mir diesmal, zumindest aufgrund der Sprache, leichter fallen. Ich arbeitete fünf Jahre in einer orthopädischen Klinik, bevor ich mich entschied, nochmals zu wechseln.

Im Juni 2013 fing ich in der Schulthess Klinik an. Weitere fünf Jahre kümmerte ich mich als Pflegefachfrau um das Wohlergehen von Patientinnen und Patienten, die muskuloskelettale Eingriffe hatten. In dieser Zeit absolvierte ich verschiedene Weiterbildungen, nahm an klinikinternen Projekten teil, schloss mich Fachgruppen an und weitete mein Netzwerk aus.

Mein Ziel war, mich zu spezialisieren. Ich wollte mein pflegerisches Fachwissen vertiefen und war bereit für eine neue berufliche Herausforderung. Da ich das Glück hatte, in einem modernen und renommierten Betrieb zu arbeiten, der die Mitarbeitenden in der beruflichen Entwicklung unterstützt, standen die Chancen gut, an einem spannenden Projekt mitzuwirken.

Neues Berufsbild: Klinische Fachspezialistin

Mein damaliger Vorgesetzter berichtete mir von einer neuen Funktion, die im klinikinternen Stellenportal ausgeschrieben war: Klinische Fachspezialistin/Klinischer Fachspezialist in der Schulter- und Ellbogenchirurgie. Es handelte sich um eine Anstellung im Rahmen eines klinikinternen Projekts, das auf ein Jahr befristet war.

Ich informierte mich, suchte im Netz und in Fachzeitschriften nach Artikeln und Einträgen über diese neue Berufsrolle. Bei meinen Recherchen fand ich heraus, dass diese Funktion in den Vereinigten Staaten und im Vereinigten Königreich bereits seit den 60er-Jahren existiert, allerdings unter der Bezeichnung Physician Assistant oder Physician Associate. Diese Berufsform wurde in der Nachkriegszeit wegen Ärztemangels eingeführt.

Auf Patientenvisite. Bild: zvg
Physician Assistants: Pionierarbeit am Kantonsspital Winterthur
Physician Assistants übernehmen ärztliche, delegierbare Tätigkeiten und arbeiten praktisch autonom in medizinischen Praxen oder assistieren im Operationssaal. In Deutschland werden Physician Assistants auf Bachelor- oder auf Masterniveau ausgebildet.

In der Schweiz hat das Kantonsspital Winterthur (KSW) Pionierarbeit geleistet. Das KSW war das erste Spital, das 2014 Pflegefachleute in verschiedenen Fachdisziplinen einsetzte.

Seit 2017 besteht ausserdem die Möglichkeit, ein CAS Klinische Fachspezialistin/Klinischer Fachspezialist an der Fachhochschule in Winterthur (ZHAW) zu absolvieren. So ergibt sich für Pflegende und medizinisches Fachpersonal die Möglichkeit, sich mit klinisch- medizinische Themen auseinanderzusetzen und diese zu vertiefen.

Eine ehemalige Arbeitskollegin, die bereits im Kantonsspital Winterthur in dieser Funktion tätig war, lud mich zu einer Hospitation ein. Danach war mir klar, dass das genau die Tätigkeit war, die ich machen wollte.

Im Sommer 2019 schloss die Schulthess Klinik das Projekt «Klinische Fachspezialistin» erfolgreich ab. Meine Stelle in der Schulter- und Ellbogenchirurgie wurde bis auf Weiteres bewilligt. Nun war ich nicht mehr dem Pflegebereich angegliedert, sondern Teil des ärztlichen Teams.

Brückenbauerin mit Fokus auf Patientenwohl

Laut Stellenbeschrieb und dem vorherrschenden Verständnis besteht die primäre Aufgabe von Klinischen Fachspezialistinnen und Fachspezialisten darin, Assistenzärzte zu entlasten. Sie sollen traditionelle, delegierbare ärztliche Tätigkeiten im stationären Bereich übernehmen. Angehende Ärztinnen und Ärzte erhalten somit die Möglichkeit, sich effizienter auf das Hinarbeiten und Erreichen ihres Curriculums zu konzentrieren. Sie haben mehr Zeit für die Tätigkeiten im Operationssaal und für die Sprechstunde mit Patienntinnen und Patienten.

Klinische Fachspezialistinnen und Fachspezalisten übernehmen die tägliche Patientenvisite auf den Bettenstationen, stellen Verordnungen aus, ordnen Untersuchungen an, bereiten Austrittspapiere und Rezepte vor, führen Patienten- und Angehörigengespräche sowie klinische Untersuchungen durch.

Büroarbeit gehört auch dazu. Bild: zvg

Was diese Funktion ausmacht, ist die Konstanz: Man arbeitet werktags von 7 bis 16 Uhr und kann somit Kontinuität in der Betreuung bieten. Dies wirkt sich wiederum positiv auf klinikinterne Abläufe aus und kann zu einer Qualitätssteigerung führen.

Keine ärztliche Lightversion
Klinische Fachspezialistinnen und Fachspezialisten sind keine ärztliche Lightversion. Sie sollen keine Ärztinnen und Ärzte ersetzen, sondern diese entlasten. Der Arzt behält die Anordnungsverantwortung bei geltendem Arztvorbehalt.

Davon abgesehen ist die ärztliche Aus- und Weiterbildung mit der einer Klinischen Fachspezialistin oder eines Klinischen Fachspezialisten nicht vergleichbar. Klinische Fachspezialistinnen und Fachspezialisten übernehmen ärztlich delegierbare Tätigkeiten und verschaffen dadurch angehenden Ärztinnen und Ärzten den nötigen Freiraum für das Erreichen ihres Curriculums.

Sie sind eine eigene Berufsgruppe, die in den Spitälern dem ärztlichen Dienst zugeordnet ist und nicht der Pflegedirektion untersteht.

Klinische Fachspezialistinnen und Fachspezialisten arbeiten an der Schnittstelle zwischen Patient-Arzt-Pflege. Ihre Aufgabe besteht meist darin, Anliegen, Probleme und Unklarheiten, die in der Regel von einer Patientensituation ausgehen, direkt vor Ort und Stelle anzugehen. Ihre Kompetenzen unterscheiden sich primär von denen der anderen Pflegefachleute, da sie dank ihrer Verordnungsbefugnis autarke Entscheidungen treffen können.

Unabdingbar in dieser Funktion sind hohe Fach-, Sozial- und Organisationskompetenzen. Selbstständigkeit und Verantwortungsbewusstsein sind Voraussetzungen. Im Praxisalltag müssen Klinische Fachspezialistinnen und Fachspezialisten Fragen von Patientinnen und Patienten oder deren Angehörigen fachkundig beantworten. Anleitungen und Instruktionen (zum Beispiel von Therapien) müssen adressatengerecht vermittelt werden. Gespräche sollten den richtigen Anteil an Empathie und Professionalität vermitteln.  

Medizinisches Know-how ist unerlässlich, zum Beispiel bei der Verordnung von Schmerzmitteln. Kritische Situationen müssen schnell erkannt und rasch möglichst priorisiert werden. Fingerspitzengefühl braucht es auch im Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen der Pflege und der Ärzteschaft. Es geht oft nicht darum, wer recht hat, sondern darum, zusammen nach Lösungen zu suchen.

Dabei bleiben die Patientinnen und Patienten im Zentrum. Ihr Wohlergehen hat oberste Priorität. Eine optimale und möglichst individuelle Betreuung ist das Ziel. Bei den täglichen Entscheidungsfindungen wird nach der bestmöglichen Lösung ganz im Sinne der Patientin oder des Patienten gesucht.

Besprechung mit der Tagesärztin. Bild: zvg

À jour bleiben und das Wissen erweitern

Nachdem ich ein Jahr in der Funktion tätig war, erkannte ich die Notwendigkeit, meinen Horizont zu erweitern und mich weiterzubilden. Ich hatte zwar meinen Traumjob gefunden, wünschte mir aber eine weitergehende fachliche und forschungsgestützte Vertiefung und vermehrten Austausch mit Interessierten.

Mit voller Unterstützung der Klinik nahm ich deshalb den Studiengang «Bachelor of Science in Nursing» an der Careum Hochschule Gesundheit in Zürich in Angriff. Es war mir bewusst, dass Schule, Arbeit und Privatleben einen Spagat erforderten. Aber mit einem guten Mix aus Lässigkeit und Gewissenhaftigkeit werde ich auch diese Herausforderung packen und mich so beruflich nochmals spezialisieren und weiterentwickeln.

*Dieser Beitrag entstand im Kurs «Schreibkompetenz» während des Studiums zum Bachelor of Science FH in Nursing an der Careum Hochschule Gesundheit. Die Teilnehmenden wählten ein Thema, mit dem sie in der Regel in ihrem Berufsalltag in Berührung kommen. Die besten Beiträge wurden ausgewählt und für den Blog überarbeitet.


Literatur

Mehr zum Thema rund um die Funktion der Klinischen Fachspezialistinnen und Fachspezialisten:

Die Website vom Kantonsspital Winterthur (KWS) und der ZHAW gibt einen Überblick über die Funktion der Klinischen Fachspezialisten.

Der Careum Blogartikel «Neue Berufsprofile erreichen die Schweiz: ANP, NP, PA – Wer versteht etwas?» von Iren Bischofberger (2016) orientiert über die zwei neuen Rollen Advance Practice Nurse und Physician Assistant.

Der Blogartikel «Klinische Fachspezialisten: Ausbildung, Beruf, Kosten» von Jana Görgen (2019) behandelt die Ausbildung, die Kosten und das Berufsbild von Klinischen Fachspezialistinnen und Fachspezialisten.

Der Blogartikel «Zwischen Ärzteschaft und Pflegeteam» von Andrea Söldi (2019) informiert über den Weiterbildungslehrgang CAS Klinische Fachspezialistin/Klinischer Fachspezialist.

Diskutieren Sie mit!

  • Sind Klinische Fachspezialistinnen und Fachspezialisten einfach billigere Arbeitskräfte als Assistenzärztinnen und Assistenzärzte?
  • Arbeiten Sie in einem ähnlichen Bereich und was sind Ihre Erfahrungen?
  • Klinische Fachspezialistinnen und Fachspezialisten können ihre Leistungen selbständig abrechen: Wo sehen Sie Chancen und Risiken?

Rahel Käufeler

Rahel Käufeler

Seit 2013 arbeitet Rahel Käufeler in einer orthopädischen Klinik in der Stadt Zürich. Sie hat ein NDS in Pflegeberatung am Bildungszentrum Pflege in Bern abgeschlossen. Vor zwei Jahren wirkte Rahel Käufeler als Klinische Fachspezialistin im Rahmen eines klinikinternen Projekts mit. Seit 2019 ist sie fester Bestandteil des Ärzteteams der Schulter- und Ellbogenchirurgie und der Handchirurgie. Sie besucht seit 2019 den BScN-Studiengang an der Careum Hochschule Gesundheit.

One thought on “Mein Weg zur Klinischen Fachspezialistin

  • Avatar
    2021-02-24 at 07:58
    Permalink

    Sehr geehrte Frau Käufeler

    Da haben Sie einen sehr interessanten Werdegang bis jetzt absolviert. Ich finde es enorm wichtig, dass den Pflegefachpersonen mehr Kompetenzen zugesprochen werden. Die Pflegefachpersonen sind “am Bett” und können mit dem Patienten eine engere Beziehung aufbauen, als ein Arzt. Die Pflege weiss meist mehr über den Patienten, seinen Sorgen, seinen Beschwerden und kann so dem Arztteam wichtige Informationen zukommen lassen. Die Ausbildung in der HF aber auch vorallem in der FH Stufe mit dem klinischen Assessment ist so ausgebaut worden, dass dies in der Praxis nur die logische Konsequenz sein kann. Diese Unterstützung des Ärzteteams und die Möglichkeit eigenständiger Tätigkeiten in diesem Rahmen ist auch ein wesentlicher Punkt in der Pflegeinitiative des SBK. Es ist bewiesen durch Studien, dass je höher das Fachwissen, desto kürzer die Verweilzeit der Patienten, desto weniger Komplikationen und Wiedereintritte und sogar weniger Todesfälle oder Fälle mit schwerem verlauf auftreten. Die Gesundheitskosten können gesenkt werden. Die Pflege muss aus ihrem Schatten heraustreten und die Verantwortung ihres Fachwissens wahr nehmen.

    Ich persönlich danke Ihnen, Frau Käufeler für ihren Einsatz auch wärend meines Spitalaufenthaltes in der Schulthess von Ende November/Anfang Dezember 2020. Ich musste mich einer etwas komplizierten Schulteroperation mit Beckenkammplastik unterziehen und fühlt mich von Ihnen Frau Käufeler kompetent, empathisch und professionell betreuut. Vielen Dank!

    Christian Braunschweiger

    Reply

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.