Viel Lärm auf der Intensiv

Dieser Beitrag entstand 2019 im Kurs «Schreibkompetenz» während des Studiums zum Bachelor of Science FH in Nursing der Careum Hochschule Gesundheit. Die Teilnehmenden wählten ein Thema, mit dem sie in der Regel in ihrem Berufsalltag in Berührung kommen. Die besten Beiträge wurden ausgewählt und für den Blog überarbeitet.

In Kürze: Wer auf einer Intensivstation liegt oder arbeitet, kennt ihn: den Lärm. Wie wirkt sich eine hohe Geräuschkulisse im Intensivalltag aus? Wie geht das Pflegepersonal mit dem konstanten Lärmpegel um? Und wie lässt sich unnötiger Lärm verhindern?

Wenn Piepsen Leben rettet

Der Aufenthalt in einer Intensivstation ist meist vorübergehender Natur: Patientinnen und Patienten verbringen dort einige Tage oder Wochen in einer kritischen Lebenssituation. Ist die unmittelbare Lebensgefahr gebannt, werden sie auf die Allgemeinstation verlegt. Dann kehrt zumindest für sie Ruhe ein. Wer bleibt, ist das Intensivpflegepersonal. Dieses ist mit einem hohen Arbeitspensum weiterhin dem stetigen Piepsen ausgesetzt.

Eine Intensivbehandlungseinheit ist eine «Betteneinheit für Schwerkranke, deren vitale Funktionen in lebensbedrohlicher Weise gestört sind und wiederhergestellt bzw. durch besondere Massnahmen aufrechterhalten werden müssen.
Die Behandlungsdauer ist unterschiedlich und kann in einzelnen Fällen Wochen bis Monate dauern».

(Van Aken, Reinhart, Welte & Weigand, 2014, S. 41 )

Die Aufgabe der Intensivmedizin ist, für den Erhalt der lebenswichtigen Körperfunktionen bei kritisch kranken Patienten zu sorgen. Das Überleben wird mit Hilfe moderner Technik und mit Medikamenten unterstützt.

Der bekannte Mensch erscheint Angehörigen plötzlich fremd, unerreichbar und verletzlich. Aber die Massnahmen sind notwendig: Eine Vielzahl von Messungen, Überwachungen und Optimierungen sichern das Überleben.

Lebensbedrohliche Situationen erfordern komplexere Massnahmen und Betreuung. Wer an eine Intensivstation denkt, bringt diese meist mit unzähligen Kabeln in Verbindung. Und mit schwer kranken Menschen hinter Geräten und Schläuchen.

Auf der Intensivstation herrscht hörbare Alarmbereitschaft (Foto: S. Septinus)

Lärm kann Angst machen

Natürlich besteht dadurch die Gefahr, dass die vielen (Lärm-)Reize zu einer Überstimulation führen. Die Patientinnen und Patienten empfinden den Aufenthalt auf der Intensivstation oft als sehr stressig und anstrengend: Die konstanten Alarmtöne der Geräte, die Hektik, Schlaflosigkeit, der Verlust der Selbstständigkeit sowie Kommunikations- und Bewegungsunfähigkeit wegen Beatmungsmaschine oder Verkabelung.

Das führt zu einer körperlichen und psychischen Belastung von Patienten. Die unbekannten Alarmtöne und der stetig hohe Geräuschpegel erzeugen Angst oder lösen Schlafstörungen aus. (Lorenz et al., 2017).

Wann wird aus Geräuschen Lärm?

Geräusche in der Umgebung helfen uns bei der Orientierung und sorgen für den eigenen Schutz. Wir nehmen die Geräusche dann als Lärm wahr, wenn diese als störend empfunden werden. Abhängig vom jeweiligen Schallvorgang und der Persönlichkeit des Individuums ist die negative Auswirkung des Lärmes bei jedem Menschen anders.

Jede und jeder besitzt seine eigene Toleranzgrenze gegenüber Lärm. Es gibt viele Menschen, die selbst bei lauten Geräuschen wie zum Beispiel Donner ruhig weiterschlafen. Andere erwachen schon beim leisesten Öffnen einer Tür. Das Gehör dient als Sinnesorgan, das uns vor potenziellen Gefahren schützen soll. Somit ist es auch im Schlaf aktiv. Unbekannte Geräusche können deshalb zum Erwachen des Schläfers führen (Schneider, 2016).

Was als Lärm empfunden wird, ist individuell (Foto: Unsplash/Jason Rosewell)

Lärmquelle Überwachung

Patientinnen und Patienten sind auf der Intensivstation einer grossen Lärmquelle ausgesetzt. Durch die verschiedenen Geräte und der Notwendigkeit der Überwachung entstehen viele Alarmgeräusche. Eine genaue Zuordnung der einzelnen Töne ist für den Patienten oft nicht möglich. Es kommt zu einer Verunsicherung und der Lärm wird so zu einem belastenden Stressfaktor.

Stetige Handlungen, die in einem Zimmer oder an Patienten selbst durchgeführt werden müssen, sind Alltag auf einer Intensivstation. Intensivpatienten werden häufig aus dem Tiefschlaf gerissen und müssen sich immer wieder neu orientieren. Sie besitzen keinerlei Möglichkeit, sich dem Lärm zu entziehen und sich auszuruhen.

Bei einem dauernden Lärmpegel von 55–60 dB in der Nacht kann es sogar zu Herz-Kreislauf-Störungen kommen (Schneider, 2016).

Fehlalarme und Intensivpersonal

Alarm sollte im Prinzip nur dann ausgelöst werden, wenn Gefahr droht. Einfach in der Theorie, schwierig in der Praxis. Zudem wird ein Grossteil der Alarme durch die Pflegefachpersonen selbst ausgelöst, beispielsweise Blutdruckalarme bei falscher Messhöhe, Verrutschen des Sauerstoffsättigungsklipps, Bewegungsartefakte etc.

Eine bewusste Pflegeplanung und individuelle Alarmeinstellungen können dabei helfen, die Fehlalarme zu reduzieren. Das Personal muss geschult darin sein, die Geräte mit Überwachungsumfang und Alarmgrenzen den individuellen Bedürfnissen eines Patienten anzupassen. Natürlich muss die Patientensicherheit immer gewährleistet bleiben.

Eine täglich hohe Geräuschkulisse beeinträchtigt nicht nur die Patientengenesung, sondern den Arbeitsalltag des Intensivpersonals. Viele (unnötige) Alarme unterbrechen den Arbeitsablauf und die Patientenversorgung.

Je mehr Patienten eine Pflegeperson betreut, desto höher ist die Gefahr, dass auf Alarme nicht zeitnah reagiert werden kann. Sie muss zunächst ihre Arbeit unterbrechen, um zu prüfen, wo der Alarm ausgelöst wurde und in welche Prioritätsstufe dieser einzuordnen ist. Ursache und Sicherheitsrelevanz des Alarms müssen stets überprüft werden.

Solche Unterbrüche erfordern ein hohes Mass an Konzentration. Fehlalarme führen deshalb zu einer unnötigen Arbeitsbelastung. Weiter steigt dadurch auch das Fehlerrisiko, es entstehen Kommunikationsprobleme und das Stresslevel der Mitarbeitenden steigt. Die dauernde akustische Belastung kann krankmachende Mechanismen aktivieren, die Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit sich ziehen können (Lorenz et al., 2017).

Frau, Nackenschmerzen, gequält (Foto: Pixabay/Nastya Gepp)
Wenn Lärm gesundheitliche Folgen hat (Foto: Pixabay/Nastya Gepp)

Lärm kann krank machen

Lärm kann sich vielseitig auswirken: beispielsweise durch Leistungsminderung, Unproduktivität, Konzentrationsschwäche, Schwächung des Immunsystems. Die Arbeitsumgebung verlangt dem Intensivpflegepersonal ein hohes Mass an körperlicher sowie psychischer Leistung ab (Fritzsche, et al., 2019).

Neben physischen und psychischen Folgen des Lärms kann auch das soziale Verhalten negativ beeinflusst werden und sich beispielsweise in Aggressivität oder Isolation äussern. Dies kann zu fehlerbehafteten Pflegehandlungen gegenüber Patienten oder zu unprofessionellem Verhalten in der Zusammenarbeit mit anderen Mitarbeitenden führen.

Eine ständige Belastung beeinträchtigt auch das Sozialleben. Der Stress kann sich in psychischen Erkrankungen wie Burn-out oder Depressionen äussern. Oft führt dies zu einer längeren Krankheitsphase. Das noch verbleibende Personal muss die Krankheitsausfälle kompensieren. Und so kommt es zu einem Teufelskreis. Die kognitiven Komponenten, die der Beruf mit sich bringt, dürfen nicht unterschätzt werden.

Er reicht von der Patientenbeobachtung und klinischen Untersuchungen über das richtige Einordnen der Symptomatik mit adäquater Handlungsreaktion, von der Dokumentation bis hin zur Gerätebedienung. Der Schichtdienst wird durch den Arbeitslärm zusätzlich erschwert, da vor allem im Nachtdienst die Reizschwelle für das Lärmempfinden tiefer ist (Fritzsche, et al., 2019).

Fazit

Sowohl für Patientinnen und Patienten wie auch für Pflegefachpersonen kann Lärm belastend sein. Die Gegenüberstellung von Patienten und Pflegefachpersonen zeigt, dass sich beide Seiten beeinflussen. Es entsteht ein dynamischer Prozess. Je nach Situation ergibt sich eine positive oder negative Beeinflussung. Daher sind gezielte Massnahmen zum Schutz der Patienten und Intensivpflegekräfte aber auch zur Sicherstellung der Mitarbeitergesundheit und einer hohen Arbeitsqualität zu ergreifen.


Literatur

Van Aken, H., Reinhart, K., Welte, T. & Weigand, M. (2014). Intensivmedizin (3. Auflage). Stuttgart: Thieme Verlag.
Hannich, H.-J. (2016). Intensivmedizin und ihre psychischen Folgen. PiD – Psychotherapie im Dialog, 17 (01), 48–51. Link
Lorenz, B., Peters, J., Frey, U. (2017). Alarm-Fatigue – wieviel Alarm verträgt der Mensch? AINS-Anästhesiologie · Intensivmedizin · Notfallmedizin · Schmerztherapie, 52(7/8):564–70. Link
Schneider, A. (2016). Geht das auch leiser? Intensiv, Fachzeitschrift für Intensivpflege und Anästhesie 24(3), 142–47. Link
Fritzsche, C., Heinicke, T., & Siegel, D. (2019). Wie laut ist das denn?! Intensiv, Fachzeitschrift für Intensivpflege und Anästhesie, 27(02), 70–76. Link

Diskutieren Sie mit:

  • Arbeiten Sie in einem Bereich mit dauernden Lärmemissionen? Wie gehen Sie damit um?
  • Wie sehen Sie die Situation auf der Intensivstation?
  • Wie kann man im Arbeitsalltag mit Lärm umgehen?
Samanta Septinus

Samanta Septinus

Samanta Septinus arbeitet als Expertin Intensivpflege im St. Claraspital in Basel Stadt auf einer interdisziplinären Intensivstation. Sie absolviert berufsbegleitend an der Careum Hochschule Gesundheit ein Studium zum Bachelor of Science in Nursing.

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