Wenn der Krebs die Stimme raubt

In Kürze: Die Diagnose Kehlkopfkrebs löst Angst aus, bedroht sie doch ein wichtiges Organ, das uns als Menschen ausmacht – die Stimme. Im Zentrum dieses Beitrages stehen Diagnosestellung, Operation und die Reaktion von Betroffenen auf die neue Situation.


Beim Kehlkopfkrebs bilden sich bösartige Tumore im Halsbereich. Wird der Krebs frühzeitig erkannt, kann der Kehlkopf trotz Operation oftmals erhalten bleiben. Muss der Kehlkopf entfernt werden, kann nicht mehr durch Mund oder Nase geatmet werden, sondern durch einen Luftröhrenschnitt am Hals, ein sogenanntes Tracheostoma. Auch das normale Sprechen ist nicht mehr möglich, sondern muss mit Hilfsmitteln neu erlernt werden. Der Krebs raubt im wahrsten Sinne des Wortes die Stimme.

Laut dem nationalen Institut für Krebsepidemiologie und -registrierung (NICER) erkrankten in der Schweiz zwischen 2011 und 2015 total 1127 Männer und 198 Frauen neu an Kehlkopfkrebs (NICER, 2018). Trotz dieser Anzahl von Inzidenzfällen stellt der Kehlkopfkrebs nur gerade mal rund 1 Prozent aller Krebserkrankungen der Schweiz dar (Krebsliga Schweiz, 2017).

Um zu verstehen, welche Auswirkungen dieser Krebs für die Betroffenen haben kann, muss die Funktion des Kehlkopfes angeschaut werden.

Funktion des Kehlkopfes (Larynx)

Larynx Anatomie (Foto: Depositphotos)

Der Kehlkopf bildet das Verbindungsstück zwischen Rachenraum und Luftröhre. Seine Aufgaben spielen beim Schlucken wie auch beim Sprechen eine zentrale Rolle. So schliesst sich zum einen der Kehldeckel beim Schlucken über die Luftröhre (Trachea) und verhindert damit, dass Nahrung in die Atemwege gelangt.

Zum anderen regulieren die Stimmlippen, welche etwa mittig im Kehlkopf liegen, die Atemluft und erzeugen durch ihre Schwingungen die Stimme.

Daher ist es nicht verwunderlich, wenn Betroffene bereits vor der Diagnosestellung über folgende Symptome berichten:

Symptome
• Heiserkeit
• Husten, evtl. mit blutigem Auswurf
• Gefühl, sich dauernd räuspern zu müssen
• Atembeschwerden
• Schluckbeschwerden
• Schmerzen, die ins Ohr ausstrahlen
Tabelle 1: Symptome Kehlkopfkrebs (Krebsliga Schweiz, 2018)

Diagnostik

Oft ahnen Betroffene bereits im Voraus, dass sie an einem möglichen Krebsleiden erkrankt sind. Oben genannte Symptome bleiben über längere Zeit bestehen und intensivieren sich über die verstreichende Zeit.

Betroffene fürchten sich vor einer möglichen positiven Krebsdiagnose. Dies führt dazu, dass sie erst in einem späten oder fortgeschrittenen Krebsstadium den Arzt aufsuchen (Stiftung Deutsche Krebshilfe, 2016).

Dieser späte Gang zum Arzt führt oft dazu, dass der Krebs nicht mehr nur durch einen kleinen, invasiven Eingriff entfernt werden kann. Bei der Diagnostik geht es darum, die Diagnose zu sichern. Es geht darum, den Verdacht, dass eine Person an Krebs erkrankt ist, zu bestätigen oder auszuräumen.

Die Diagnostik sollte folgenden Fragen nachgehen:
• Hat der Betroffene wirkliche einen Tumor?
• Ist dieser gut- oder bösartig?
• Um welche Krebsart handelt es sich?
• Wo befindet sich der Tumor?
• Wie ist der Allgemeinzustand des Betroffenen?
• Wie weit ist die Erkrankung bereits fortgeschritten?
• Gibt es Metastasen?
• Welche Behandlung bringt den besten Erfolg für den Betroffenen?
• Welche Behandlung kann dem Betroffenen überhaupt zugemutet werden?
Tabelle 2: Untersuchungen bei Verdacht (Angelehnt an Stiftung Deutsche Krebshilfe, 2016)

Um diese Fragen zu beantworten, kommen diverse Untersuchungen und Gespräche auf den Betroffenen zu. Der behandelnde Arzt wird den Betroffenen um ein Gespräch bitten, bei dem die Krankengeschichte (Anamnese) erhoben wird.

Unter anderem wird sich der Arzt über aktuelle Beschwerden, Risikofaktoren, Vor- und Begleiterkrankungen, sowie über die aktuelle Medikamenteneinnahme erkundigen.

Damit die Verdachtsdiagnose bestätigt oder ausgeräumt werden kann, sind weitere Untersuchungen wie sonographische Darstellungen des Halses, Kehlkopfspiegelungen, Biopsien, Darstellung des Blutbildes sowie Bildgebungen (MRT, CT, PET-CT) notwendig.

Dieser Prozess braucht Zeit. Zeit, die für die Betroffenen oft unerträglich lang erscheint. Angst und eine Machtlosigkeit vor der Ungewissheit machen sich breit.

Krebs, wie weiter?

Der Satz «Sie haben Krebs» wird das Leben jedes Betroffenen ab sofort verändern. Betroffene berichten, wie sie die Diagnostik und die ersten Tage nach einer Kehlkopfentfernung erleben.

«Nichts wird mehr so sein, wie es mal war. Das Gefühl machte sich breit: Mein Leben zerbricht, entgleitet mir.»

Betroffene A
Krebs: Eine Diagnose, die Angst macht (Foto: Depositphotos/B.Zyczynski)

«Ich weinte … stumm!»

Betroffene A

Ungewissheit, Angst, Trauer, Wut, Verzweiflung sind nur einige Gefühlszustände, die Betroffene durchleben werden. Was folgt, ist ein Wechselbad der Gefühle.

Es bleibt kaum Zeit, die Diagnose annähernd zu verstehen, geschweige denn zu akzeptieren, schon werden Betroffene mit den Therapiemöglichkeiten und deren möglicher Nebenwirkungen konfrontiert.

«… Kehlkopfentfernung… Nährsonde… Schlucktraining… Bestrahlung… Infekte… Sprechen lernen… Nachblutung… Kontakt mit Betroffenen… Nervenschädigungen… POD… NICHT SPRECHEN KÖNNEN…»

Wörter und Begriffe, die laut einer Betroffenen A nach einem Aufklärungsgespräch geblieben sind.

Leben nach der Kehlkopfentfernung

Eine Kehlkopfentfernung wird den Betroffenen vor neue Herausforderungen stellen. Das Sprechen muss neu erlernt werden, der Klang der Stimme wird nie mehr so sein wie früher.

Das Körperbild hat sich für immer verändert. Die Atmung erfolgt ab sofort nur noch über den Luftröhrenschnitt. Betroffene müssen sich mit einer täglichen Pflege des Luftröhrenschnitts auseinander setzen.

«Ich wusste, dass ich nach der Operation nicht mehr sprechen werden kann. Ich hatte vor dem Eingriff Kontakt mit einer kehlkopflosen Person – und trotzdem erwischte mich diese Situation wie ein Hammerschlag»

Betroffener B

«Wie soll ich so aus dem Zimmer gehen? Was werden die Anderen denken?»

Betroffener A

«Ich hatte Angst, in der Nacht die Augen zu schliessen. Was wenn ich keine Luft mehr bekommen würde?»

Betroffene C

Trotzdem, es gibt auch Licht im Dunkel. Nach der ersten, schwierigen Zeit finden viele Patientinnen und Patienten einen Umgang mit ihrer neuen Situation.

Sobald die Betroffenen Sicherheit im Handling der neuen Situation erlangen, werden sie feststellen, dass sie viele Tätigkeiten wie vor der Kehlkopfentfernung durchführen können (ATOS MEDICAL).

*Dieser Beitrag entstand im Kurs «Schreibkompetenz» während des Studiums zum Bachelor of Science FH in Nursing an der Careum Hochschule Gesundheit. Die Teilnehmenden wählten ein Thema, mit dem sie in der Regel in ihrem Berufsalltag in Berührung kommen. Die besten Beiträge wurden ausgewählt und für den Blog überarbeitet.


Weiterführende Links und Literatur

Website von Atos Medical, Das Leben nach totaler Laryngektomie: Betroffene erzählen

Themenseite Kehlkropfkrebs der Krebsliga Schweiz

Krebsliga Schweiz (2017), Leben ohne Kehlkopf. Ein Ratgeber für Betroffene und Angehörige, Bern. Hier herunterladen

Stiftung Deutsche Krebshilfe (2016), Krebs im Rachen und Kehlkopf. Antworten, Hilfen, Perspektiven, Bonn. Hier herunterladen

NICER Interactive Atlas: Krebsinzidenz in der Schweiz, Mundhöhle Rachen

Diskutieren Sie mit!

  • Kennen Sie eine betroffene Person?
  • Hatten Sie schon Kontakt mit einer kehlkopflosen Person?
  • Was bedeutet die Sprache für Sie? Können Sie sich ein Leben ohne gewohnte Stimme vorstellen?
Elisabeth Loi

Elisabeth Loi

Elisabeth Loi arbeitet seit 2005 als Dipl. Pflegefachfrau HF im Kantonsspital Graubünden auf einer Abteilung für Allgemeinchirurgie mit Fachgebiet HNO. Seit 2015 hat sie zusätzlich die Pflegefachverantwortung der ambulanten HNO-Tumorsprechstunde des Kantonsspitals Graubünden übernommen. Sie hat kürzlich an der Careum Hochschule Gesundheit den Bachelor of Science in Nursing abgeschlossen.

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