Kommunikationskompetenzen von Patienten

In Kürze: Im Alltag hört man immer wieder Menschen, die sich über ihr Arztgespräch beschweren. Nur ein kleines Ärgernis, ein Problem Einzelner? Studien zeigen die Relevanz der Patienten-Arzt-Kommunikation auf: Sie kann nicht nur die Zufriedenheit des Patienten und die Patienten-Arzt-Beziehung beeinflussen, sondern auch ganz konkret die Behandlungsergebnisse.

Man kommt aus der Arztpraxis und ist unzufrieden. Der eine, weil er das Gefühl hat, dass für seine Fragen keine Zeit war. Der andere, weil er vor lauter Fachwörtern nichts verstanden hat. Kann ich als Patient daran etwas ändern?

Die American Medical Association schätzt, dass 80 Prozent der medizinischen Fehler auf Kommunikationsstörungen zurückzuführen sind (Sparks & Nussbaum, 2008). Schulungen für Medizinstudenten und Ärzte werden häufig als Lösung für Kommunikationsprobleme angesehen. Aber was ist mit den Patienten?

Über das Sprechen sprechen

Bei der Kommunikation zwischen Arzt und Patient können beide zum Gelingen des Gesprächs beitragen. Im Gegensatz zu Ärzten erhalten Patienten aber wenig Unterstützung, wenn sie ihre Gesprächskompetenzen verbessern wollen.

Es gibt viele Tipps im Internet zur Patienten-Arzt-Kommunikation. Es fehlt aber an Übungsmöglichkeiten, damit Patienten das Gelernte später im konkreten Gespräch auch umsetzen können. Im deutschsprachigen Raum gibt es nur wenige Schulungen, die das Thema überhaupt aufgreifen – obwohl es vielversprechende Ergebnisse aus internationalen Studien gibt.

KOKOS -Die Patientenschulung für Kommunikationskompetenzen in Arztgesprächen

Am Universitätsklinikum Freiburg wurde deshalb in einem vom deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt »KOKOS« entwickelt: Eine Patientenschulung für Kommunikationskompetenzen in Arztgesprächen. Die Gruppenschulung richtet sich an chronisch kranke Patienten und deren Angehörige. Sie soll ihnen helfen, sich auf Arztgespräche vorzubereiten und die oftmals knappe Gesprächszeit bestmöglich für sich zu nutzen.

Schulungsinhalt
  • Wer und was beeinflusst das Patienten-Arzt-Gespräch?
  • Aktives Gesprächsverhalten
  • Vorbereiten der Gespräche
    • Auflisten von Informationen
    • Zielsetzung für das Arztgespräch
  • Barrieren für aktives Verhalten
  • Aktives Verhalten während des Arztgesprächs
    • Fragen stellen
    • Bedürfnisse und Wünsche äussern
    • Meinungen äussern und argumentieren
    • Feedback geben
  • Nachbereiten der Arztgespräche

In der Schulung werden kurze Präsentationen durch Diskussionen und Übungen ergänzt.

Was sagen die Teilnehmer?

Die KOKOS-Schulung wurde in einer Pilotstudie bei fünf Selbsthilfegruppen erprobt. Dazu wurde den Teilnehmern am Ende jedes Moduls ein Bewertungsbogen ausgeteilt.
Die ersten Ergebnisse sind positiv.

„Ich halte Ihre Schulung für sehr wichtig, um Patienten im heutigen Gesundheitswesen, in dem immer mehr Eigenverantwortung von den Patienten erwartet wird, auf Gespräche mit Ärzten gut vorzubereiten.“

Die meisten Teilnehmer konnten einen persönlichen Nutzen aus der Schulung ziehen. Sie wollen in Zukunft ihr Arztgespräch sowohl besser vor- und nachbereiten als auch während des Gesprächs aktiver sein. Dazu gehört auch, dass sie an Barrieren für aktives Gesprächsverhalten arbeiten wollen. Sie möchten

  • „den Konflikten nicht ausweichen“
  • „selbstsicherer auftreten“
  • „mutiger sein“.

Die Teilnehmer wünschten sich „mehr Beispiele“, „mehr Zeit für persönlichen Austausch innerhalb der Gruppe“ und „mehr Übungen, z.B. Rollenspiele“. Dies verdeutlicht die Bedeutung von praktischen Übungs- und Diskussionsmöglichkeiten.

Wie geht es weiter?

Nach diesem guten Start stellt sich die Frage: Wie geht es weiter?
Zum einen werden die Erkenntnisse für die Entwicklung einer Kommunikationsschulung spezifisch für rheumakranke Personen genutzt. Dieses Projekt wird von der Deutschen Rheuma-Liga gefördert. Zum anderen arbeiten wir daran, Möglichkeiten zu finden, KOKOS mehr Patienten zugänglich zu machen. Denn wir sind uns mit unseren Teilnehmern einig:

„Es sollten möglichst viele Patienten die Chance erhalten, die Schulung zu machen.“

Was denken Sie?

Wie könnte man die Schulung mehr Patienten zugänglich machen?

Was sollte bei einer tiefergehenden wissenschaftlichen Bewertung (Evaluation) von KOKOS beachtet werden?

Welche anderen Möglichkeiten gibt es, um Patienten auf ein Arztgespräch vorzubereiten?

 

Weiterführende Literatur zum Thema:

Ha, J. F., & Longnecker, N. (2010). Doctor-patient communication: A review. The Ochsner Journal, 10, 38–43.

Harrington, J., Noble, L.M., & Newman, S.P. (2004). Improving patients’ communication with doctors: A systematic review of intervention studies. Patient Education and Counseling, 52, 7–16. doi: http://dx.doi.org/10.1016/s0738-3991(03)00017-x.

Post, D.M., Cegala, D.J. & Miser W.F. (2002). The other half of the whole: teaching patients to communicate with physicians. Family Medicine, 34(5), 344-352. http://www.stfm.org/FamilyMedicine/Vol34Issue5/Post344

Rao J.K., Anderson, L.A., Inui, T.S. & Frankel, R.M. (2007). Communication interventions make a difference in conversation between physicians and patients: a systematic review of evidence. Medical Care, 45, 340-349. doi: http://dx.doi.org/10.1097/01.mlr.0000254516.04961.d5

Stewart, M.A. (1995). Effective physician-patient communication and health outcomes: a review. Canadian Medical Association Journal, 152(9): 1423–1433.

Sparks, L., & Nussbaum, J.F. (2008). Health literacy and cancer communication with older adults. Patient Education and Counseling, 71(3), 345-350.

 

2 thoughts on “Kommunikationskompetenzen von Patienten

  • Avatar
    2016-07-05 at 12:52
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    Vielen Dank für den interessanten Beitrag. Die von Ihnen beschriebene Situation kann sicher jeder gut nachfühlen. Was sind denn aus Ihrer Erfahrung die “Top 3” Tipps für ein gelungenes Patienten-Arzt-Gespräch?

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    • Avatar
      2016-07-05 at 13:54
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      Liebe Frau Langosz,

      Vielen Dank für Ihren Kommentar.

      Ein gelungenes Patienten-Arzt-Gespräch hängt natürlich von vielen Einflussfaktoren ab und deshalb gibt es keine Patentlösung. Folgende Dinge haben sich während der bisherigen Schulungen allerdings als wichtig herausgestellt.

      1. Wir merken oft schnell, dass ein Gespräch gut oder schlecht läuft, aber es ist nicht immer so einfach zu erkennen, warum das so ist. Gerade wenn man mit seinen Arztgesprächen oft unzufrieden ist, ist es gut, sich zu überlegen, warum sie nicht gelungen sind und ob man selber daran etwas ändern kann. So kann es beispielsweise sein, dass man als Patient Angst vor Arztgesprächen hat und man sich deshalb gar nicht richtig konzentrieren kann und vergisst Dinge anzusprechen. Sobald man dies erkannt hat, kann man versuchen, Lösungen zu finden, z.B. das man Informationen und seine Ziele aufschreibt oder einen Angehörigen zum Gespräch mitnimmt.

      2. Als Patient sollte man sich auch überlegen, welche konkreten Ziele man für ein anstehendes Arztgespräch hat. Geht es Ihnen zum Beispiel vor allem darum, bestimmte Informationen zu erhalten, Befürchtungen mitzuteilen oder dem Arzt zu sagen, dass Sie die Medikamente anders als verordnet einnehmen?

      3. Außerdem ist es wichtig, sich nicht entmutigen zu lassen. Selbst nach dem Besuch einer Schulung wird nicht immer alles klappen. Deshalb ist es wichtig zu üben, wenn wir etwas an unserer Kommunikation ändern wollen. Wenn man sich zum Beispiel nicht sicher ist, ob man sein Anliegen klar formulieren kann, kann man dies mit Angehörigen oder Freunden ausprobieren. Unsere Teilnehmer haben uns viele positive Beispiele genannt, wie kleine Veränderungen ihres Verhaltens sich positiv auf ihre Gespräche mit dem Arzt ausgewirkt haben. Denn bei allen negativen Geschichten, die man oft zum Thema Patienten-Arzt-Gespräch hört, sollte man nicht vergessen, dass es eben auch schon viele gelungene Patienten-Arzt-Gespräche gibt.

      Mich würden nun natürlich auch die Tipps von anderen Lesern interessieren.

      Herzliche Grüße,
      Andrea Schöpf

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