Angehörige betreuen und selber gesund bleiben

In Kürze: Angehörige pflegen und betreuen Nahestehende oft über Jahre und mit viel Engagement. Doch wenn die Betreuungsaufgabe zur Belastung wird, können Angehörige leicht selbst gesundheitlichen Schaden nehmen. Eine Broschüre von Gesundheitsförderung Schweiz zeigt auf, wie die Ressourcen der betreuenden Angehörigen und deren psychische Gesundheit gestärkt werden können.

Viele ältere Menschen möchten möglichst lange zu Hause wohnen. Oft geht das nur dank der Unterstützung ihrer Angehörigen. Diese leisten Hilfe, betreuen, pflegen – aus der Nähe und der Ferne. Solange jedenfalls, wie sie selbst gesund bleiben. Eine chronische Überlastung kann die Gesundheit der betreuenden Angehörigen gefährden. Soweit muss es aber nicht kommen! Gesundheitsförderung Schweiz hat für Interessierte eine Broschüre mit Grundlagenwissen zur gesundheitlichen Situation von betreuenden Angehörigen älterer Menschen veröffentlicht. Darin werden auch Ansätze zur Gesundheitsförderung aufgezeigt.

Faktoren, welche die Gesundheit beeinflussen

Wissenschaftliche Quellen und die Praxis zeigen, dass bei Angehörigen die Motive «Liebe» und «etwas zu tun, das ein gutes Gefühl gibt» starke Motivatoren für ihr Engagement darstellen. Viele erleben die Betreuungsaufgabe als erfüllend und sinnstiftend. So kann es lange gut gehen. Manchmal aber kippt das Empfinden in Überdruss oder Überforderung und die psychische Gesundheit gerät in eine Schieflage. Dies passiert, wenn es der betreuenden Person nicht mehr gelingt, eine Balance zwischen den vorhandenen Belastungen und den zur Verfügung stehenden Ressourcen herzustellen. Hier wirken auch sozioökonomische Faktoren ein: Angehörige in einer schwierigen finanziellen Lage oder mit fehlenden Kompetenzen in der gängigen Landessprache sind beispielsweise benachteiligt (Gesundheitsförderung Schweiz, 2019).

Grafik Gesunde Balance

Folgen einer belastenden Betreuungssituation

Ein hohes Stressempfinden in einer längeren Betreuungssituation kann psychisch und körperlich krank machen. Eine internationale Studie zeigte gar eine um 63 % erhöhte Sterblichkeit bei betreuenden Angehörigen (Schulz & Beach, 1999). Wichtig ist jedoch: diese Resultate beziehen sich auf Personen, die eine hohe subjektiv erlebte Belastung angaben, und gelten nicht generalisiert für alle betreuenden Angehörigen.

Schematisch lassen sich die Zusammenhänge und möglichen Gesundheitsfolgen wie folgt darstellen:

Grafik Zusammenhänge und mögliche Gesundheitsfolgen durch Belastatung in Betreuungs- und Pflegesituationen

Was die Gesundheit von Angehörigen fördert

Aus der Perspektive der Gesundheitsförderung interessiert uns vor allem die Seite der Ressourcen. Folgende Ressourcen können betreuende Angehörige bis ins eigene hohe Alter nutzen und weiterentwickeln:

Interne Ressourcen Externe Ressourcen
• Wissen und Hilfe suchen und annehmen • Gute Beziehung zur unterstützten Person
• Optimistische Lebenseinstellung • Verständnis und emotionale Unterstützung durch das Umfeld
• Selbstwirksamkeit* • «Inseln der Normalität»
• Kohärenzgefühl* • Konkrete Hilfe und Informationen
• Flexibilität und Ambiguitätstoleranz* • Entlastungs- und Krisenangebote (und deren Vermittlung)

Quelle: (Gesundheitsförderung Schweiz, 2019); *Definitionen und weitere Ausführungen zu diesen Begrifflichkeiten finden sich auf Seite 17 der Broschüre.

Tipps und Tricks: 5 Modelle guter Praxis

Passgenaue Unterstützung kann Betroffene auf ihrem Weg stärken. Welche gesundheitsförderlichen Massnahmen und Angebote für betreuende Angehörige gibt es, welche die Akteure in den Gemeinden und Kantonen umsetzen können? Nachfolgend finden Sie eine Auswahl von Modellen guter Praxis.

Der 30. Oktober: Tag der betreuenden Angehörigen
Der Kanton Waadt lancierte 2012 den 30. Oktober als Tag der betreuenden Angehörigen. Seither hat dieser Aktionstag in der Westschweiz ein interkantonales, mehrtägiges Format angenommen. Was 2019 an diesem Tag im Kanton an Aktivitäten geboten wurde, füllte schon eine 10-seitige Broschüre. Bemerkenswert ist auch das Angebot eines vierstündigen Betreuungsgutscheins im Haus der unterstützungsbedürftigen Person, welcher den Angehörigen eine Teilnahme an den Aktivitäten erlauben sollte. Auch in der Deutschschweiz wurde die Initiative von einigen Kantonen aufgegriffen. Mit einem Porträt über den Tag der betreuenden Angehörigen im Kanton Waadt möchte das Bundesamt für Gesundheit die Bedeutung dieses Aktionstags unterstreichen und seine schweizweite Weiterverbreitung fördern.
Die Angehörigenschulung «Dich betreuen und mich beachten»
Das Schulungsangebot der Beratungsstelle Leben im Alter (LiA) des Zentrums für Gerontologie der Universität Zürich wird von der Leiterin Bettina Ugolini in verschiedenen Formaten angeboten. Sie hält schweizweit Vorträge und führt Kurse durch. Um ihre Angebote möglichst vielen betreuenden Angehörigen zugänglich zu machen, hat die Universität Zürich zusätzlich den Film «Dich betreuen und mich beachten» produziert. Die DVD richtet sich an Angehörige und umfasst Informationen und Übungen zu zentralen Fragestellungen von betreuenden Angehörigen. Weitere Ausführungen finden sich in der Broschüre in der Box Nr. 5 auf Seite 20.
Treffpunktangebote
Es gibt Treffpunkte, welche spezifisch auf betreuende Angehörige ausgerichtet sind. Zu nennen wären beispielsweise: das Café des proches im Espace Proches in Lausanne, das Café des aidants in der Cité Seniors in Genf oder die Alzheimer-Cafés, die in verschiedenen Kantonen angeboten werden. Es existieren zudem verschiedene Gruppen der gemeinschaftlichen Selbsthilfe für Angehörige. Zu prüfen wäre zudem, wie bestehende Angebote stärker auf die Bedürfnisse von betreuenden Angehörigen ausgerichtet werden könnten, zum Beispiel Angebote wie die Erzählcafés, das Café Santé im Kanton Bern oder bestehende intergenerationelle Treffpunkte, welche heute in verschiedenen Kantonen existieren.
workandcare.ch
Eine Erwerbstätigkeit mit privater Care-Arbeit in Form von Unterstützung von kranken, behinderten oder hochaltrigen Angehörigen zu vereinbaren, stellt eine Herausforderung dar – für den einzelnen Menschen, für die Gesellschaft und für die Wirtschaft. Das Forschungsinstitut der Careum Hochschule Gesundheit entwickelt auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse Praxisprodukte zum Thema. Mit workandcare.ch hat das Team des Forschungsprogramms «work & care» eine Infoplattform für Vorgesetzte, Personalverantwortliche und Mitarbeitende geschaffen. Betriebe und Mitarbeitende werden sensibilisiert, finden wertvolle Informationen (z. B. zum Thema Finanzierung) aber auch hilfreiche Tools (z. B. ein Instrument für eine Online- Betriebsumfrage).
Neue Weiterbildung: Professionelle Beratung von alten Menschen und ihren Angehörigen
Neu bietet Careum Weiterbildung ein Modul an, welches sich an Personen richtet, die in ihrem Tätigkeitsfeld im Kontext der Altersarbeit eine beratende Funktion einnehmen. Neben Pfelgefachpersonen sind auch Mitarbeitende von Fachstellen, Sozialdiensten, Gemeinden, Kirchen etc. mit Beratungsaufgaben im Seniorenbereich Zielgruppe für das Angebot. Weitere Informationen zum Lehrgang «Professionelle Beratung von alten Menschen und ihren Angehörigen» finden sich hier.

Weitere Informationen und Downloads

Lust auf mehr? Werfen Sie einen Blick in die Broschüre «Förderung der psychischen Gesundheit von betreuenden Angehörigen älterer Menschen – eine Orientierungshilfe für die Gesundheitsförderung im Alter». Es gibt sie in Deutsch, Französisch oder Italienisch. Zusammenfassungen finden Sie in der Form einer Powerpoint-Präsentation und einer Liste mit einer Zusammenstellung aller in der Broschüre erwähnten Modelle guter Praxis. Alle Produkte stehen Ihnen hier zum Download zur Verfügung.

Gerne machen wir Sie auf weitere Empfehlungen in der Broschüre aufmerksam:

  • Box 6 (Seite 21) geht der Frage nach, wie die Nutzung von Angeboten zur Stärkung der personalen und sozialen Ressourcen gefördert werden kann.
  • Box 7 (Seite 24) vermittelt Tipps und Tricks für die Kommunikation mit betreuenden Angehörigen.

Diskutieren Sie mit!

  • Welche Erfahrungen haben Sie in Sachen Gesundheit von betreuenden Angehörigen gemacht? Welche Lösungen und Antworten haben Sie zu welchen Problemen und Herausforderungen gefunden?
  • Wie lässt sich vermeiden, den betreuenden Angehörigen Unterstützung und Lösungen gegen ihren Willen «aufzudrängen»? Wie könnten andere (Familienmitglieder, Freiwillige, Fachpersonen, Anbieter und Behörden) Hilfe anbieten, sodass sie auch angenommen wird?
  • Haben Sie weitere Empfehlungen oder Hinweise aus Ihrer Erfahrung, wie wir alle zukünftig die Gesundheit der betreuenden Angehörigen besser schützen und unterstützen könnten?

Literatur

Kessler, C., & Boss, V., Gesundheitsförderung Schweiz (2019). Förderung der psychischen Gesundheit von betreuenden Angehörigen älterer Menschen – eine Orientierungshilfe für die Gesundheitsförderung im Alter. PDF

Schulz, R., & Beach, S. R. (1999). Caregiving as a Risk Factor for Mortality. American Medical Association, 282(23), 2215–2219. Link

Eine Liste mit weiteren wissenschaftlichen Quellen zum Thema kann per Mail angefordert werden.

Claudia Kessler

Claudia Kessler

Claudia Kessler ist Ärztin, spezialisiert auf öffentliches Gesundheitswesen und Prävention. Angestellt bei Public Health Services (PHS), arbeitet Sie für verschiedene Auftraggeber im Schweizerischen Gesundheitswesen. Für Gesundheitsförderung Schweiz hat Sie die Grundlagen zum Thema Gesundheitsförderung/betreuende Angehörige erarbeitet und zeichnet als Hauptautorin für den Blog. Selbst seit 10 Jahren betreuende Angehörige liegt ihr dieses Thema aus eigener Erfahrung am Herzen.

5 thoughts on “Angehörige betreuen und selber gesund bleiben

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    2019-12-04 at 07:28
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    Vielen Dank für die hilfreichen Informationen und Möglichkeit mitzudiskutieren. Wir leiten den Blogpost gerne an unsere Mitglieder weiter.

    Reply
  • Claudia Kessler
    2019-12-04 at 14:01
    Permalink

    Lieber Herr Hofer,
    es freut mich natürlich sehr, dass der erste Beitrag in unserem Blog von einem Vertreter der betreuenden Angehörigen kommt. Wir sind auf Ihre Expertise aus Erfahrung angewiesen, wenn wir auf Augenhöhe mit den Betroffenen nach Lösungen suchen wollen. Unsere Broschüre gibt erste Hinweise. Aber die Frage richtet sich auch an die Teilnehmenden dieses Blogs: wie können wir als “Fachpersonen” die Belastung und psychische Gesundheit der engagierten Angehörigen von aussen durch bedarfsgerechte Angebote unterstützen?

    Fachpersonen und Betroffene sind zudem ja auch keine distinkte, separaten Gruppen. Viele von uns tragen beide Hüte. Ich denke, das macht unsere Beiträge in diesem Feld dann umso wertvoller.

    Ein Problem, das viele betreuende Angehörige beschreiben, ist, dass es zwar zu Beginn, nach einer akuten Krise oft viel Unterstützung und Hilfe aus dem Umfeld gibt – oft ebbt diese Unterstützung über die Zeit dann ab und viele betreuende Angehörige, aber auch chronisch erkrankte Menschen, fühlen sich einsam, allein gelassen. In unserer Broschüre weisen wir auf die Wichtigkeit der gemeinschaftlichen Selbsthilfe und der sozialen Unterstützung für die psychische Gesundheit der Betroffenen/Angehörigen hin.

    Gerne möchte ich bei dieser Gelegenheit darauf hinweisen, dass We+Care ein Community Netzwerk lanciert hat, an welches sich Angehörige mit Fragen wenden können. Ich zitiere aus Ihrem Newsletter:

    “Falls Sie in der Angehörigenbetreuung nicht weiter wissen, können Sie uns ihre Frage schicken. Die Community wird versuchen sie zu beantworten”

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  • Avatar
    2019-12-12 at 22:39
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    Liebe Frau Kessler
    Vielen Dank für den wertvollen Beitrag zu dem nach wie vor höchst aktuellen Thema.
    Sie fragen nach weiteren Lösungen, um Belastungen bei pflegenden Angehörigen zu reduzieren. Aus meiner Erfahrung (pflegende Angehörige und Pflegeexpertin MScN) ist die Wertschätzung und das Ernstgenommen werden durch Professionelle enorm wichtig. Eine meiner Rollen als pflegende Angehörige besteht darin, die Wünsche meiner Liebsten umzusetzen. Es ist sehr belastend, wenn in Pflege und Behandlung gerade dies “erkämpft” werden muss. Nicht überall sind Angehörige, die pflegen – und schon gar nicht, wenn sie einen gesundheitsberuflichen Hintergrund haben- gern gesehen. Hier besteht in den Institutionen nach wie vor grosses Potenzial.

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  • Claudia Kessler
    2019-12-13 at 10:01
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    Ganz herzlichen Dank Ihnen, liebe Frau Käppeli, dass Sie diesen wichtigen Aspekt in die Diskussion einbringen. In unserer Broschüre «fordern» wir ja den Einbezug der betreuenden Angehörigen auf Augenhöhe durch die Fachpersonen. Leider ist die Praxis im Gesundheitswesen noch weit von diesem Ideal entfernt, nicht nur in der Pflege- wohlgemerkt… Wie Sie richtig aufzeigen wird die «Ressource betreuende Angehörige» – also ihre Expertise und ihr Erfahrungswissen – noch viel zu wenig wertgeschätzt, genutzt und konstruktiv in die Versorgung von unterstützungsbedürftigen Menschen eingebunden. Da gibt es bei vielen Professionen im Gesundheitswesen noch grossen Aufholbedarf. Sie selbst gehören mit Ihrem Hintergrund in der Pflege und der Lehre zu den sogenannten Double Duty Care Givers. (Link: https://www.kalaidos-fh.ch/de-CH/Forschung/Fachbereich-Gesundheit/work-and-care/Abgeschlossene-Projekte/Double-Duty-Caregiving). Als Leiterin des Studiengangs «Bachelor of Science in Nursing (BScN)» bei Careum sitzen Sie wohl an einer Schlüsselstelle und können dazu beitragen, dass sich Haltung und Kompetenzen der Pflegefachkräfte in Zukunft entsprechend verändert. Was denken Sie/was denken andere Blogleser/innen: was braucht es konkret in der Aus-, Weiter- und Fortbildung der verschiedenen Professionen, um diesen Paradigmenwechsel einzuläuten? Was könnten nächste Schritte sein?

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