Wie Pflegeexpertinnen psychosozial unterstützen

In Kürze: Pflegeexpertinnen begleiten Menschen in komplexen Lebenssituationen im Spital und Zuhause. Dies gilt insbesondere auch bei psychosozialem Unterstützungsbedarf. Was sie dabei genau tun und wie sie Praxis und Forschung verbinden, illustrierten drei Pflegeexpertinnen APN im Forschungskolloquium Pflege Zürich.

Das Universitäts-Kinderspital Zürich lud am 4. November 2019 zum Herbstkolloquium 2019 ein. Auf dem Programm stand die psychosoziale Begleitung von Menschen sowohl bei stationärem Aufenthalt als auch in ihrem häuslichen Umfeld.

Den Grundstein zur Diskussion legte eine Präsentation des Rollenmodells von Ann Hamric. Im Hamric Modell steht Advanced Nursing Practice (ANP) für eine erweiterte und vertiefte Pflegepraxis, die auf Einzelpersonen, Familien und Gruppen mit komplexen gesundheitlichen Problemen fokussiert ist.

Tragende Beziehung zu Patienten und Familien

Die ANP-Rolle nach Hamric basiert auf den Grundsätzen der evidenzbasierten Pflege. Dabei wird das Ziel verfolgt, die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten sowie ihrer Familien in der Gesundheitsentwicklung zu erkennen, die Betreuung darauf auszurichten, eine situativ bestmögliche Pflege zu gewährleisten und diese bewusst Fortschritten und Veränderungen anzupassen. ANP verlangt eine wertschätzende und tragende Beziehung zu Patientinnen und Patienten sowie ihren Familien (Caring).

Im deutschsprachigen Raum wird die Rolle der Pflegeexpertin APN (Advance Practice Nurse) so charakterisiert:

Eine Pflegeexpertin APN ist eine Pflegefachperson, welche sich Expertenwissen, Fähigkeiten zur Entscheidungsfindung bei komplexen Sachverhalten und klinische Kompetenzen für eine erweiterte pflegerische Praxis angeeignet hat. Die Charakteristika der Kompetenzen werden vom Kontext und/oder den Bedingungen des jeweiligen Landes geprägt, in dem sie für die Ausübung ihrer Tätigkeit zugelassen ist. Ein Masterabschluss in Pflege gilt als Voraussetzung.

Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK

Lesenswert zu den neuen Berufsprofilen der Pflege ist der 2016 veröffentlichte Blogbeitrag von Iren Bischofberger, Programmleiterin «work & care» an der Careum Hochschule Gesundheit. Darin führt sie den Mehrwert aus, den Pflegeexpertinnen und -experten für die Verbesserung der Gesundheitsversorgung bieten: «Klinische Pflegeexpertinnen sind ein Garant für Kontinuität und Stabilität, sie denken proaktiv und präventiv.»

Einblick in die Tätigkeiten dreier Pflegeexpertinnen

In Impulsreferaten gaben die drei Pflegeexpertinnen APN Mirella Palamar (USZ), Esther Indermauer  (Spitex Zürich Limmat) und Stefanie Sonderegger (Universitäts-Kinderspital Zürich) im Forschungskolloquium interessante Einblicke, wie sie mit ihrer Tätigkeit Menschen psychosozial unterstützen.

  • Mirella Palamar arbeitet seit September 2019 als Pflegeexpertin APN für «Psychische Gesundheit» am Universitätsspital Zürich. Sie zeigte eindrücklich, dass die Edukation von Pflegeteams und Gesundheitsfachpersonen bei der Betreuung von Menschen mit psychischen Störungen als Begleitsymptomen im Akutspital von grosser Relevanz ist. Wissen zu Krankheitsbildern, Verhalten und Symptomen, aber auch Unterstützung im Symptommanagement sind zentrale Aspekte dieser neu geschaffenen Rolle.
  • Esther Indermauer hat die psychosoziale Unterstützung in der häuslichen Versorgung der Stadt Zürich als Projekt der Spitex Zürich Limmat AG aufgebaut. Eindrücklich schilderte sie die Arbeit und Interventionen, welche die mittlerweile 25 Pflegefachpersonen, Fachpersonen Gesundheit und Pflegeexpertinnen APN in unterschiedlichen Situationen bei Menschen aller Altersstufen im Raum Zürich leisten. Symptommanagement, Haushaltsführung und Tagesgestaltung sind dabei die vorwiegenden Themen, welche den Kolleginnen in der Stadt Zürich bei Menschen in erschwerten Situationen oder Krisen Unterstützung und Halt im Alltag geben.
  • Stefanie Sonderegger ist Pflegeexpertin APN für Jugendliche mit Essstörungen in der poststationären Betreuung des Universitäts-Kinderspitals Zürich. Alltagsgestaltung und Bewältigung, Begleitung der Jugendlichen in ihrem Umfeld, essen lernen – auch auswärts sowie die Begleitung und das Coaching der Familien der betroffenen Jugendlichen sind zentrale Inhalte ihrer Tätigkeit.

Alle drei Pflegeexpertinnen gaben überaus spannende Einblicke in ihre Tätigkeitsfelder und Aufgabenbereiche. Ihre Präsentationen und die anschliessenden Fragen aus dem Publikum legten die Basis für die Gruppendiskussion mit allen Teilnehmenden. Hier stand die Frage nach den Verbindungen von Praxis und Forschung im Fokus.

Vernetzung als Kernaufgabe

Die Gruppendiskussionen spiegelten die aktuelle Dynamik und notwendige Veränderungen in der Gesundheitsversorgung von Menschen im Spital und Zuhause wider. Vernetzung zwischen Patient/in, Familie und dem häuslichen Umfeld, aber auch zwischen den verschiedenen involvierten Berufsgruppen ist Kernaufgabe der Pflegeexpertinnen APN. Verantwortung im Sinne einer Triage in der Wahrnehmung von Symptomen, des Umgangs mit den betroffenen Menschen und der entsprechenden weiterführenden Schritte ist ebenso Kernaufgabe. Dazu braucht es Erfahrungen und Expertise, Beziehungsaufbau und Coaching für diese verantwortungsvolle Funktion.

Forschungskolloquium Pflege Zürich
Das Organisationsteam des Forschungskolloquiums Pflege Zürich mit zwei der Rednerinnen.

Die Verbindung von Praxis und Forschung kann aufbauend auf eine fundierte Situationsanalyse und in einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit gelingen. Um die Wirksamkeit von Pflegeexpertinnen nachweisen zu können, ist begleitende Evaluationsforschung nötig.

Das Fazit: Viele Teilnehmende hörten zum ersten Mal von diesen hilfreichen Angeboten der Pflegeexpertinnen APN für Menschen mit psychischen Herausforderungen im Raum Zürich. Sie erweiterten ihren Kenntnisstand und damit ihren Horizont über Institutionsgrenzen hinweg.

Forschungskolloquium Pflege Zürich
Das Forschungskolloquium Pflege Zürich findet seit 2011 zweimal jährlich statt (Mai/Oktober). Es fördert die klinische Pflegewissenschaft und Pflegeforschung in der Stadt Zürich, unterstützt die Weiterbildung der Teilnehmenden durch State of the Art-Inputreferate und trägt zum Austausch und zur Vernetzung von Pflegewissenschaftlerinnen und Pflegewissenschaftlern in der Stadt Zürich bei. Das Forschungskolloquium Pflege Zürich ist eine Kooperation zwischen dem Zentrum Klinische Pflegewissenschaft des Universitätsspitals Zürich (Koordination), der Careum Hochschule Gesundheit/Forschung und der Careum Stiftung, dem Universitäts-Kinderspital Zürich und der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Die Veranstaltungen finden alternierend bei den beteiligten Institutionen statt.

Rückblick: Im Mai 2019 stand die partizipative Gesundheitsforschung in der Praxis im Zentrum des Forschungskolloquiums Pflege Zürich. Einen Blogbeitrag dazu finden Sie hier.

Ausblick: Das nächste Forschungskolloquium findet am 18. Mai 2020 am Balgrist statt. Reservieren Sie sich diesen Termin unbedingt schon jetzt!

Literatur

Hamric AB, Spross JA, Hanson CM. (2004) 3rd Ed. Advanced Nursing Practice: An integrative Approach. Philadelphia: Saunders.

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  • Was sind Ihre Erfahrungen? Kennen Sie ähnliche Erfolgsgeschichten von klinischen Pflegeexpertinnen und Pflegeexperten?
  • Welches sind ihrer Meinung nach die entscheidenden Rahmenbedingungen, damit sich eine APN-Rolle entwickeln kann?
  • Wie ist die APN in das multiprofessionelle Versorgungsteam eingebunden?
  • Inwiefern unterscheiden sich die Verantwortlichkeit einer APN in ihrer täglichen Arbeit von den übrigen Pflegemitarbeitenden?
Anna-Barbara Schlüer

Anna-Barbara Schlüer

Anna-Barbara Schlüer leitet seit 2009 die klinische Pflegewissenschaft als Teil der Pflegeentwicklung am Universitäts-Kinderspital Zürich. Daneben ist sie als Pflegeexpertin APN am Zentrum Kinderhaut der gleichen Institution tätig. Ihr besonderes Interesse gilt der professionellen und vernetzten Pflege – partnerschaftlich und interprofessionell.

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