Notfallstation: «Meiner Mami geht es nicht gut!»

Dieser Beitrag entstand im Kurs «Schreibkompetenz» während des Studiums zum Bachelor of Science FH in Nursing der Kalaidos Fachhochschule Gesundheit. Die Teilnehmenden wählten ein Thema, mit dem sie in der Regel in ihrem Berufsalltag in Berührung kommen. Sechs Beiträge wurden ausgewählt und für den Blog überarbeitet.

In Kürze: In der Notaufnahme von Kinderspitälern identifiziert man immer wieder Kinder, die Opfer von Kindesmisshandlung oder Vernachlässigung sind. 
Eine Kindeswohlgefährdung wird somit meist erst zu einem späten Zeitpunkt erkannt. Diese Fälle sind mit grosser Wahrscheinlichkeit aber nur die Spitze des Eisberges. 
Das «Haager Protokoll» geht hier einen neuen Weg. Es versucht, Kindeswohlgefährdungen frühzeitig zuerkennen – und zwar auf der Erwachsenennotfallstation.

Notfallstation morgens um 9.48 Uhr. Die Sanität bringt Frau M., eine 28-jährige Frau, ins Spital. Sie ist anfänglich nicht klar ansprechbar und wirkt benommen. Schnell wird bemerkt, dass sie stark alkoholisiert ist. Sie hat zudem Prellmarken im Gesicht. Das Notfallpersonal arbeitet routiniert und professionell. Eine Infusion wird gelegt, Blut abgenommen. Die Ärzte und Pflegenden besprechen die Behandlungsabläufe und die weiteren Verordnungen. Nach drei Stunden auf der Notfallstation wird die Frau zur weiteren Beobachtung auf eine Station verlegt.

Frau M. ist bis zur Verlegung «die Alkoholintoxikation in Zimmer 12». Man wundert sich zwar auf der Notfallstation, wieso die Frau morgens um 10.00 Uhr bereits alkoholisiert ist. Warum das so ist, wird dann wohl auf der Station erfragt werden. Davon geht man jedenfalls aus. Denn auf der Notfallstation hat man dafür keine Zeit. Die nächste Ambulanz wartet.
Eine Tatsache jedoch ist, bereits bei der Übergabe der Rettungssanitäter an das Notfallpersonal, völlig untergegangen: Ein Kind hatte die Ambulanz gerufen. Frau M. ist alleinerziehend und hat drei Kinder. Als sie das Bewusstsein verlor, handelte die zehnjährige Tochter und alarmierte den Rettungsdienst. Während die  Mutter in die Notfallstation gebracht wurde, blieben die Kinder bei der Nachbarin zurück.

Wer kümmert sich jetzt gerade um die Kinder?

Das folgenden Video dient der Schulung des Pflegepersonals. Es wird die Befragung einer Patientin demonstriert.

Eine Mutter wird hospitalisiert (Youtube-Video zum Haager Protokol, Teil 1)

Ist Frau M. einfach nur «Die Alkoholintoxikation in Zimmer 12»? Sollte man nicht in Erfahrung bringen, wer Frau M. wirklich ist? … Und wer hat nochmals den Notruf ausgelöst?

Kindeswohlgefährdung früher erkennen

Kindeswohlgefährdung erkennen anhand des Einweisungsgrundes von Vätern und Müttern als Notfallpatienten auf Erwachsenennotfallstationen: Zu diesem Thema referierte an einem Kongress der Notfallpflege Schweiz im Jahre 2013 die Kinderschutzexpertin Hester Diderich aus den Niederlanden, Leiden University Medical Center LUMC. Ihre eigenen Praxiserfahrungen hatten sie dazu gebracht, sich mit dem Thema zu beschäftigen.

Wie lässt sich Gewalt und Vernachlässigung frühzeitig erkennen – und nicht erst (zu) spät, nämlich dann, wenn Kinder auf der Kindernotfallstation landen? Die Idee war, bei den Erwachsenen anzusetzen. Hester Diderich begann deshalb, ihre Forschung auf Erwachsenennotfallstationen auszuweiten. Mit ihren Studienresultaten über Väter und Mütter als Notfallpatienten konnte sie eine beachtliche Zahl von Kindswohlgefährdungen aufdecken. Eltern, die wegen häuslicher Gewalt, Alkohol- oder Drogenmissbrauch, psychischen Problemen oder nach einem Suizidversuch in die Notfallstation eingewiesen wurden, schloss sie in die Fokusgruppe ein. Den Vätern und Müttern wurden nach dem Eintritt eine entscheidende Frage gestellt: «Haben Sie Kinder? Wenn ja, wer schaut zu ihnen, jetzt wo Sie auf der Notfallstation liegen?»

«Child check»

Das Video: «Child check» erklärt verständlich die Hintergründe zum Screening Protokoll und das damit bezweckte frühzeitige Erkennen von gefährdeten Kindern. Zusätzlich wird auf ein E-Learning Tool hingewiesen.

Das Haager Protokoll

Mit den erfassten Daten konnte Hester Diderich sowie ihre Mitautorinnen und Mitautoren erschreckend hohe Zahlen an Kindeswohlgefährdungen aufzeigen. Sie legten damit die Basis für ein Screening-Protokoll, das sogenannte Haager Protokoll (Hague Protocol). Damit können Pflegende auf der Notfallstation die familiäre Situation der «Risikopatientinnen und -patienten» jeden Tag und in jeder Schicht erfassen. So lassen sich potenzielle Kindeswohlgefährdungen im häuslichen Umfeld frühzeitig erkennen und den betroffenen Familien kann Hilfe angeboten werden.

(Schulungsvideo für Pflegepersonal (Niederländisch mit englischen Untertitel)

Im folgenden Video wird die Funktionsweise und der Zweck des «Hague Protocols» aufgezeigt.

Eine Mutter wird hospitalisiert (Youtube-Video zum Haager Protokol, Teil 2)

Kindeswohl – Kinderschutz

Damit Kinder gesund heranwachsen können, brauchen sie ein Umfeld, das ihnen eine gesunde Entwicklung auf der physischen, psychischen, geistigen, emotionalen und soziokulturellen Ebene ermöglicht. Kinder, die in einer Familie heranwachsen, in der Drogenmissbrauch, Gewalt oder auch psychische Belastungen den Alltag prägen, haben schlechtere Voraussetzungen für eine gesunde Entwicklung. Zugleich besteht ein echtes Risiko einer Kindeswohlgefährdung. Die Studien von Hester Diederich konnten nachweislich aufzeigen: Mit den familiären Risikofaktoren, die mit dem Screening-Instrument berücksichtigt werden, besteht eine bis zu 90 % Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind aus einer belasteten Familie bereits irgendeine Form von Vernachlässigung oder Misshandlung erfahren hatte. Seit Juli 2013 wird auf Grund der Studienresultate das Haager Protokoll in Holland landesweit und verpflichtend auf allen Notfallstationen angewendet.

Kind, Quelle: Rashed Khan/Pixabay
Kinder brauchen Schutz (Foto: Rashed Khan/Pixabay)

Kinderschutz in der Schweiz

Nach diesem Einblick in das Thema Kinderschutz in den Niederlanden stellt sich die Frage, ob in der Schweiz das Thema genau so aktuell ist.

Gemäss Markus Wopmann, Präsident der Fachgruppe Kinderschutz der schweizerischen Kinderkliniken, werden regelmässig Statistiken zu Kindesmisshandlungszahlen aus 25 Schweizer Kinderspitälern und Kinderkliniken erfasst.

Die Zahlen aus dem Jahre 2016 zeigten, dass die Kindesmisshandlungen oder Vernachlässigungen nicht rückläufig, sondern gleichbleibend oder sogar zunehmend sind. Eine Zunahme erkennt man auch bei den gemeldeten Fällen von psychischen Misshandlungen, die vornehmlich Kinder betreffen, welche das Miterleben von Gewalt der Eltern erfahren (Wopmann, 2017). Meist wird man erst zu spät auf die Problematik aufmerksam. Nämlich dann, wenn misshandelte oder vernachlässigte Kinder ins Kinderspital gebracht werden.

Aus diesem Grund kann das Haager Protokoll mit einem neuen und innovativen Ansatz im Sinne der Kinder und der Kinderrechte überzeugen. Es ermöglicht, präventiv einzuschreiten.

Liesse sich das niederländische Modell auch auf die Schweiz anwenden? Wie präsentiert sich die Situation in der Schweiz?

In der Schweiz läuft mittlerweile unter der Leitung von Georg Staubli (Leiter Kinderschutzgruppe und Opferberatungsstelle Universitätskinderspital Zürich) ein ähnliches Pilotprojekt. Ausschlaggebend für die beteiligten Ärzte und Pflegenden waren die steigenden Fallzahlen in der Schweiz, persönliche Erlebnisse sowie die Studienergebnisse von Hester Diderich.

Vor dem Projektstart lud man sowohl Hester Diderich als auch Vertreter verschiedener Berufsgruppen (Polizei, KESB, Rechtsvertreter, Kinderschutz, Pflegende und Ärzte) zu einem Interessensaustausch ein, um die Machbarkeit und Umsetzung in Schweizer Spitälern zu prüfen.

Kinder bereits präventiv oder frühzeitig schützen zu können und nicht erst nach der Tat oder einem jahrelangen psychischen Missbrauch, diese Idee überzeugte alle Beteiligten.

 

Trauriges Kind auf Sofa, Quelle: ambermb/Pixabay
Ziel: Kindswohlgefährdung frühzeitig erkennen (Foto: ambermb/Pixabay)

SPEK – das Schweizer Pilotprojekt

Um in den Pilotspitälern ein besseres Verständnis für das Haager Protokoll zu erreichen, benannte die Projektgruppe das Protokoll in SPEK um: Screening von Patienten auf Erwachsenennotfallstationen bezüglich Kindswohlgefährdung.

Auf drei Zürcher Notfallstationen wurde SPEK als Pilotprojekt lanciert. Die ersten Fallzahlen, die innerhalb der ersten Monate erhoben werden konnten, waren jedoch noch wenig aussagekräftig. Es wird deshalb empfohlen, das Projekt weiterzuführen. Zudem wird angestrebt, die Erhebung auf alle Erwachsenennotfallstationen des Kantons Zürich auszuweiten, um möglichst viele Fallzahlen erfassen zu können (Staubli et al.,2017).

Wie lässt sich Kindeswohlgefährdung besser erkennen?
Eine Kindeswohlgefährdung kann auf Notfallstationen über den elterlichen Eintrittsgrund identifiziert werden. Dieser stellt einen starken Prädiktor dar, welcher anhand des Haager Protokolls eine hohe Erkennungsrate aufweist. Es wird sich zeigen, ob SPEK ähnlich Zahlen identifizieren kann.

Sensibilisieren – wachsam sein

Ein erstes positives Ergebnis konnte in den Pilotspitälern über eine Sensibilisierung des Pflege- und Ärztepersonals erreicht werden. Als Folge davon steht eine familienorientierte Versorgung der Patientinnen und Patienten im Zentrum.

Die einfache Frage «Haben Sie Kinder?» verändert vieles. So wird aus der «Intoxikation in der 12» auf einmal «Frau M., die drei Kinder hat, alleinerziehend ist und finanzielle Probleme hat». Der Miteinbezug der Kinder in die Anamnese veränderte die Perspektive wesentlich.

Die Hoffnung ist, dass in Zukunft auch in der Schweiz auf Erwachsenennotfallstationen Risikopatientinnen und -patienten gefragt werden, ob sie Kinder haben. Potenziell gefährdete Kinder können so frühzeitig erkannt werden. Zudem können Väter und Mütter, die sich in einer schwierigen Lebens- oder gar Notsituation befinden, durch SPEK ein gezieltes Hilfsangebot in Anspruch nehmen und haben dadurch die Chance, wieder Boden unter den Füssen zu gewinnen.

Kinder sind unsere Zukunft – Kinderschutz geht uns alle an!
Junge mit Feldstecher, Quelle: nightowl/Pixabay
Eine einfache Frage verändert die Perspektive (Foto: nightowl/Pixabay)

Literatur

  1. Diderich, H.M., Fekkes, M., Verkerk, P.H., Pannebakker, F.D., Velderman, M.K., P.J., Baeten, P., & Oudesluys-Murphy, A.M.(2013). A new protocol for screening adults presenting with their own medical problems at the Emergency Department to identify children at high risk for maltreatment. Child Abuse & Neglect, 37 (12), 1122 – 1131. Abstract
  2. Diderich, H.M., Dechesne, M., Fekkes, M., Verkerk, P.H., Pannebakker, F.D., Velderman, M.K., Sorensen, P.J.G., & et al. (2014). Facilitators and barriers to the successful implementation of a protocol to detect child abuse based on parental characteristics. Child Abuse & Neglect, 38 (11),1822 – 1831. Abstract
  3. Diderich, H. M., Pannebakker, F. D., Dechesne, M., Buitendijk, S. E., & Oudesluys-Murphy, A. M. (2014). Support and monitoring of families after child abuse detection based on parental characteristics at the Emergency Department. Child: Care, Health and Development, 41(2), 194 -202. Abstract
  4. Wopmann, M. (2017). Erneute Zunahme der Fälle von Kindsmisshandlungen. Schweizer Ärztezeitung, 98 (25), 809 – 810. Link
  5. Scholer, M. im Interview mit Staubli, G. (2018). Kleiner Aufwand, grosse Wirkung Screening von Patienten auf Erwachsenennotfallstationen bezüglich Kindswohlgefährdung (SPEK). Schweizer Ärztezeitung, 99 (21), 656. Zugriff am 25.5.2018. Link
  6. Staubli, G., Sager, R., Schreen, Ch., Eis, D., Schmid, S., Jud, A. (2017). Pilotstudie Screening von Patienten auf Erwachsenennotfallstationen bezüglich Kindswohlgefährdung (SPEK). Link
  7. Kinderschutz Schweiz. (2018). Infografik UNO-Kinderrechtskonventionen. Zugriff am 25.05.2018. Link
  8. Beratungsteam Beobachter. (2018). Kindeswohl. Zugriff am 25.05.2018. Link

Diskutieren Sie mit!

  • Haben Sie in Ihrem (beruflichen) Alltag ähnliche Erfahrungen gemacht?
  • Wie kann man von den niederländischen Erfahrungen/Studien auch in der Schweiz profitieren?
  • Die Schweiz hat fachkompetente Kinderspitäler und Pädiater, die sich des Themas Kinderschutz bewusst und aktiv annehmen. Brauchen wir dennoch ein standardisiertes Screening-Instrument auf Erwachsenennotfallstationen?

Petra Valk-Zwickl

Petra Valk-Zwickl arbeitet mit Herzblut seit 24 Jahren in der Pädiatrie. Am Kinderspital Zürich (Notfallstation) hat sie die Fachverantwortung und ist schweizweit als Fachexpertin Triage (ATS) tätig. Sie ist breit vernetzt durch ihre Vorstandstätigkeiten in drei Berufsverbänden im In- und Ausland. Aktuell ist sie im Bachelorstudium FH für Nursing Science an der Fachhochschule Kalaidos.

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