«DoDuCa+»: Forschungserkenntnisse im Praxistest

In Kürze: In einem Workshop mit Fachexpertinnen aus der Praxis sowie Forscherinnen und Forschern wurden die ersten Ergebnisse des Forschungsprojekts «DoDuCa+» gemeinsam erörtert. Was dabei herauskam: wertvolle Anknüpfungsmöglichkeiten sowohl für die Verbesserung der Praxis als auch zum Weiterforschen.


Wissen weiterentwickeln

Im Januar 2020 trafen sich 14 Fachexpertinnen aus verschiedenen pflegerischen Institutionen zum Austausch auf dem Careum Campus. Im Rahmen eines Workshops erfuhren sie die Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt «DoDuCa+» aus erster Hand. Sie waren eingeladen, die Forschungserkenntnisse kritisch zu kommentieren und sich untereinander sowie mit den Forscherinnen und Forschern darüber auszutauschen. Dies soll dazu beitragen, die richtigen Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen abzuleiten und somit die Praxis optimal zu unterstützen.

Das Forschungsprojekt «DoDuCa+»
«DoDuCa+» ist das Folgeprojekt von «DoDuCa» (Double-Duty Caregiving) aus dem Forschungsbereich «work & care» der Careum Hochschule Gesundheit. Es geht der Frage nach, welche Rolle fachkundige Angehörige in der Patientensicherheit einnehmen. Im Mittelpunkt stehen dabei der mögliche Beitrag von fachkundigen Angehörigen beim Erkennen von Fehlern in der Gesundheitsversorgung ihrer Nächsten und der Umgang von Fachpersonen mit Angehörigen bei sicherheitsrelevanten Ereignissen. Das Forschungsprojekt wurde finanziert von der Stiftung Pflegewissenschaft Schweiz und dem SBK Forschungsfonds.

Die Teilnehmenden des Workshops kamen aus verschiedenen Institutionen der Gesundheitsversorgung, wie zum Beispiel Spitex-Organisationen, Spitälern und Pflegeeinrichtungen. Sie bekleiden dort unterschiedliche Positionen in der Pflegeentwicklung, im Kader oder im Qualitätsmanagement. Zudem waren zwei Vertreterinnen des Berufsverbands SBK aus den Sektionen Zürich/Glarus/Schaffhausen und Zentralschweiz dabei.

Last but not least nahm eine «Expertin aus Erfahrung» teil, die als Angehörige mit einem Gesundheitsberuf eine nahestehende Person betreut und über langjährige Erfahrung in «Double-Duty Caregiving» verfügt. Sie ist Mitglied der wissenschaftlichen Begleitgruppe des Forschungsprojekts «DoDuCa+».

Im Verlauf der Diskussion wurde schnell klar, dass die «Expertin aus Erfahrung» nicht alleine in dieser Situation ist, sondern dass einige der Teilnehmenden diese Perspektive der pflegenden Angehörigen aus eigener Erfahrung sehr gut kennen.

Patientensicherheit: zur Rolle der Angehörigen

Nach der Begrüssung durch Iren Bischofberger, Programmleiterin des Forschungsbereichs «work & care» der Careum Hochschule Gesundheit, wurden die Forschungsergebnisse vorgestellt.

Als erstes stellte Anke Jähnke die Ergebnisse des qualitativen Forschungsteils vor. Diese stützen sich auf Interviews mit 23 Expertinnen und Experte aus unterschiedlichen Bereichen der Gesundheitsversorgung. Im Mittelpunkt der Präsentation standen die folgenden Fragestellungen: Welche Möglichkeiten haben Angehörige in den unterschiedlichen Betrieben, um mit ihren Beobachtungen zur Verbesserung der Patientensicherheit beizutragen? Welche Haltung nehmen Fachpersonen und Betriebe gegenüber Angehörigen ein, wenn Fehler passieren? Anhand von Beispielen wurde gemeinsam mit den Beteiligten reflektiert, wie Gesundheitsfachpersonen mit Angehörigen umgehen.

Anschliessend präsentierte Marco Riguzzi die Vorgehensweise bei der Erhebung und Auswertung der quantitativen Daten. Die Präsentation finden Sie gleich hier:

Präsentation_DoDuCa_Blog

Methodik
Das Forschungsprojekt «DoDuCa+» hat ein Mixed-Methods Design. Es wurden zuerst qualitative Daten mit Experteninterviews und daran anschliessend quantitative Daten mit einer Online-Umfrage erhoben. Dabei wurden Vignetten eingesetzt, um die Einschätzungen und Einstellungen der Befragten zu erfahren.

Das Wichtigste in Kürze

  • Interessen und Bedürfnisse von Angehörigen werden in den verschiedenen Betrieben in unterschiedlichem Ausmass wahrgenommen, interpretiert und verfolgt.
  • Angehörige werden in den verschiedenen Settings unterschiedlich stark eingebunden. Stärker in der häuslichen Versorgung, der Pädiatrie und der Geriatrie im Vergleich zur Versorgung im Akutspital, insbesondere den chirurgischen Fachbereichen mit kurzer Hospitalisationszeit.
  • Fehlende Handlungsstrategien können bei sicherheitsrelevanten Ereignissen für alle Betroffenen einschneidende Konsequenzen nach sich ziehen, zum Beispiel Konflikte, Rückzug, Stress etc.
  • Auf der Grundlage einer vertrauensvollen Beziehung von Fachperson und Angehörigen können schwierige Situationen besser gelöst werden.
  • Ob Angehörige gehört werden, ist aus der Perspektive der Expertinnen und Experten abhängig davon, wie sie ihr Anliegen formulieren und umgekehrt, wie darauf geantwortet wird. Nach dem Motto «Der Ton macht die Musik».
  • Betriebskultur und betriebliche Rahmenbedingungen können wesentliche Orientierung bieten für den Umgang von Fachpersonen mit Angehörigen bei sicherheitsrelevanten Ereignissen.

Voneinander, miteinander, übereinander lernen

Die anschliessende Diskussion warf Fragen auf und gab wichtige Anregungen zum Weiterdenken:

Mindmap | Quelle: Careum Hochschule Gesundheit
Mindmap während der Diskussion. Bild: Anke Jähnke, Careum Hochschule Gesundheit

Brennpunkt 1: Welche Regeln gelten in den unterschiedlichen Settings und weshalb?

Alle waren sich einig, dass die Haltung zur Rolle von Angehörigen in den verschiedenen Settings des Gesundheitswesens nicht einheitlich ist. Mögliche Erklärungen wurden diskutiert:

  • Pflegefachpersonen der Spitex begegnen Angehörigen anders, weil sie bei ihnen zu Hause zu Gast sind. Der Wille der Patientinnen und Patienten sowie das Unterstützungssystem stehen im Vordergrund ganz im Sinne einer familienzentrierten Pflege.
  • Im Spital definieren stärker die Spitalstrukturen und die Mitarbeitenden die Regeln, und man weicht eher ungern von diesen ab. Kurze Liegezeiten stehen einem Beziehungsaufbau mit Angehörigen entgegen.
  • In der Pädiatrie und der Langzeitpflege gewinnen Pflegefachpersonen hingegen durch Angehörige einen besseren Zugang zu den Patientinnen und Patienten und sind auf sie angewiesen. Eine Teilnehmende erzählte aus ihrem Alltag im Pflegeheim (Beispiel verkürzt): Eine Pflegefachperson rätselte, wieso ein Bewohner an gewissen Tagen stärker verwirrt war als an anderen. Als seine Ehefrau vorbeikam und bemerkte, dass er nicht gerne braune Socken trug, zogen die Pflegefachpersonen nur noch Socken anderer Farbe an. Der Bewohner liess sich ab dann besser führen und war weniger verwirrt. Es sind manchmal einfache Sachen, aber man muss es wissen!

Nicht überall, in jeder Situation und in allen Settings ist die Mitwirkung von Angehörigen gleich erforderlich. Jedoch sollte grundsätzlich in jedem Setting überlegt werden, wie Angehörige unterstützen können und wo sie selbst Unterstützung benötigen. Ebenso wichtig ist, wie die Zusammenarbeit mit Fachpersonen gestaltet werden kann, welche Kompetenzen dafür auf beiden Seiten notwendig und welche Rahmenbedingungen dienlich sind.

Brennpunkt 2: Welche Worte wählen wir – Einmischung, Mitwirkung, Mitbestimmung?

Mit unserer Wortwahl schaffen wir Fakten. Wenn wir sagen, dass Angehörige «sich einmischen», wenn sie Unstimmigkeiten äussern, bedeutet dies im Klartext, dass sie sich übergriffig verhalten und sich in fremdes Hoheitsgebiet wagen. Im Unterton schwingt sogar mit, dass sie nicht das Recht dazu haben. Anders verhält es sich, wenn wir sagen, dass Angehörige «mitwirken» oder «mitbestimmen». Hier bekommen sie eine aktive Rolle auf Augenhöhe. Dieser Hinweis aus der Praxis zeigt, wie wichtig es für alle Beteiligten ist, auf die verwendete Sprache und Wortwahl zu achten.

Brennpunkt 3: Wie kommen wir zu einer angehörigenfreundlicheren Haltung?

Wenn Pflegefachpersonen Konfliktpotential mit Angehörigen wahrnehmen, gehen sie diesen manchmal aus dem Weg und meiden den Kontakt. Wenn Angehörige auf Pflegefachpersonen zugehen und dabei ignoriert werden, dann kann es sein, dass sie gerade deswegen zu «schwierigen Angehörigen» werden. Um Konflikte zu vermeiden, wäre es deswegen sinnvoll, dass Pflegefachpersonen sich Zeit für die Anliegen und Fragen der Angehörigen nehmen – besonders dann, wenn sie dem am liebsten aus dem Weg gehen.

Eine angehörigenfreundliche Haltung sollte bereits in allen Ausbildungsgängen und -stufen der Pflege zum Thema gemacht und vermittelt werden. Feedback einzuholen und Handlungen kritisch reflektieren zu können, sind gerade im Hinblick auf den Einbezug von Angehörigen bei Medikamentenfehlern enorm wichtige Kompetenzen.

Wenn Angehörige ihre Nächsten pflegen, besteht die Gefahr, dass sie sich überlasten. Pflegefachpersonen sollten auch für diese Thematik sensibilisiert sein und wissen, wie und wo in solchen Fällen Unterstützung angeboten wird. Eine angehörigenfreundliche Haltung kann vermittelt und in Zukunft vermehrt gefördert werden. So könnten beispielsweise Skills-Trainings für Fachpersonen angeboten oder schwierige Gesprächssituationen simuliert werden.

Doch es braucht neben der Aufklärung in (Hoch-)Schulen und Ausbildungsstätten auch die Mitarbeit von Institutionen. Diese sind gefragt, sich mit der Thematik der Angehörigen strategisch und operativ zu beschäftigen. Dafür braucht es auch die entsprechenden Rahmenbedingungen.

Fazit

Im Interesse der Patientensicherheit sind alle gefragt: Einzelpersonen, Betriebe und die Gesellschaft. Denn Angehörige sind wir letztendlich alle.


Diskutieren Sie mit!

  • Was denken Sie zur Mitwirkung von Angehörigen bei Fragen der Patientensicherheit?
  • Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
  • Welche Verbesserungsvorschläge haben Sie?
Viola Lorenz

Viola Lorenz

Viola Lorenz hat 2019 den Bachelor in Pflegewissenschaften abgeschlossen und wirkt nun in der Forschungsabteilung der Careum Hochschule Gesundheit als Forschungspraktikantin mit. Sie hat während des Studiums den Fachverband für Pflegestudierende Swiss Nursing Students geleitet und bringt sich heute weiterhin als Coach für den neuen Vorstand ein. Im August 2019 hat sie die Ausbildung zur Naturheilpraktikerin mit Fachrichtung Traditionelle Europäische Naturheilkunde begonnen.

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