Digital – genial oder fatal?

In Kürze: Haben Sie das Careum Forum 2019 verpasst? Kein Problem. In diesem Blogbeitrag finden Sie ausgewählte Ausschnitte aus der Podiumsdiskussion und Feedbacks der Teilnehmenden. Wie wird Digitalisierung in der Berufsbildung gelebt? Und wie geht es 2020 weiter?

Mitmachkonferenz für 2020 in Aussicht

Ein Resultat aus der Podiumsdiskussion vom Careum Forum 2019 gleich vorweg: Das nächste Careum Forum am 27. August 2020 soll eine neue Ausrichtung als Mitmachkonferenz bekommen. Das Ziel ist, das Publikum sowie Lernende und Studierende mehr einzubinden. Die Idee: Initiative Patientinnen und Patienten kommen an einem Nachmittag mit Gesundheitsfachpersonen aus Schule, Betrieb und Berufsbildung als Teilgebende der Veranstaltung zusammen, um miteinander Projekte und Erfahrungen auszutauschen. Dieses Konzept hat sich aus der Podiumsdiskussion herauskristallisiert.

Die Mitmachkonferenz will den Know-how Transfer zwischen Betroffenen und angehenden Health Professionals im täglichen Umgang mit Gesundheitsdaten und Arbeitsprozessen unter die Lupe nehmen. Dass eine aktive Beteiligung von Lernenden und Studierenden sehr gewünscht ist, zeigen auch die Rückmeldungen der Teilnehmenden des Careum Forum 2019. Wie viele Personen aus dem Publikum Beiträge für die Mitmachkonferenz liefern möchten, ist noch offen. Wir gehen deshalb jetzt schon in die Planung.

Machen Sie mit beim Careum Forum 2020!
Schreiben Sie uns eine E-Mail auf bildungsentwicklung@careum.ch, wenn auch Sie mit Ihrem Beitrag am Careum Forum 2020 vom 27. August 2020 dabei sein möchten. Wir nehmen gerne mit Ihnen Kontakt auf.

Digitale Kompetenzen noch mehr stärken

Das Podiumsgespräch am Careum Forum 2019 zum Thema «Digital – genial oder fatal?» hat gezeigt, dass die Digitalisierung in der Berufsbildung definitiv angekommen ist. In der Schule sind Unterlagen und Lernarrangements digital aufbereitet. «Für mich ist das einfach normal», bestätigte Daniel Ammann, Leiter Höhere Fachschule Pflege am Bildungszentrum Gesundheit und Soziales in Chur. Gleichzeitig forderte er aber die Einbettung von neuen digitalen Inhalten im Curriculum. Es reiche nicht, nur Kommunikation und Reflexionsfähigkeit zu fördern. Es müssten auch handfeste Inhalte in die Curricula integriert werden.

Am Schluss ist nicht die Maschine verantwortlich, sondern derjenige, der die Entscheidung fällt.

Daniel Ammann, Bildungszentrum Gesundheit und Soziales Chur

Health Professionals sollten auf allen Stufen eine Vorstellung davon haben, wie angewandte Datenverarbeitung funktioniert, wie eine Pflegeprozessdokumentation aufgebaut ist und welche Abhängigkeiten bestehen. Dazu gehören auch Themen wie eHealth und Decision Support durch die Nutzung von Apps. «Es gibt immer mehr Systeme und Geräte, die helfen, mit Daten zu einer Entscheidung zu kommen. Und am Schluss ist nicht die Maschine verantwortlich, sondern derjenige, der die Entscheidung fällt», so Daniel Ammann.

Mit echten Falldaten arbeiten

Digitales Lernen führe zu einer neuen Gestaltung der Zusammenarbeit in geschützten Bildungsräumen, meinte Monika Wieland, Bildungskoordinatorin am Kantonsspital Baden. Aber auch im Berufsalltag, wenn als Beispiel Lernende und Studierende bei der Visite den Laptopwagen im Einsatz haben. Es könne dann leicht geschehen, dass Pflegende im Gespräch mit den ärztlichen Kollegen plötzlich nur noch auf den Bildschirm schauen, ohne die Patientin, die im Bett liege, direkt ins Gespräch einzubeziehen. «Diese Herausforderungen lernt man am besten vor Ort. Da mitzuhalten und die Veränderungen in der Rolle anzupassen, ist nicht so einfach und muss jetzt gelernt werden», so Monika Wieland.

Die Einstellung zum Lernen verändere sich auch im Spital. So rücke das Lernen in Gruppen mit dem neu eingerichteten Kompetenzzentrum Pflege im Kantonsspital Baden ins Zentrum. «Das ist keine Lernwerkstatt und auch kein Skillslabor, sondern eine Mischform, denn dort wird an den Studientagen mit echten Falldaten gearbeitet», erklärte Monika Wieland.

Die Berufsbildnerin und die Studierenden greifen auf Patientendaten zu, um eine Situation nachzubesprechen. Dabei können sie gleich das Prozedere in Echtsituation ausprobieren. Sie lernen dabei, wie sie Datenschutzregelungen einhalten können und erkennen, welche Informationen an wen gehen. Alles was passiert, wird gegengezeichnet. «Es ist für alle wichtig, das Bewusstein zu haben, dass wer mit Daten jongliert, immer seine Spuren hinterlässt», erläuterte Monika Wieland.

Patienten auf der digitalen Überholspur

Am eigenen Beispiel zeigte Hansueli Trüeb, Patientenvertreter vom Diabetesclub Schweiz, wie sich Auftreten und Ansprüche von informierten und digitalisierten Patientinnen und Patienten anfühlen. Er weiss, wie er als Experte seiner Krankheit mit Blutzuckerdaten umgehen muss. Seinen Diabetes verwaltet und dokumentiert er eigenständig und lässt sich davon auch nicht bei einem Spitalaufenthalt abbringen.

Es besteht die Gefahr, dass wir Patienten die Gesundheitsprofis irgendwann digital überholen.

Hansueli Trüeb, Patientenvertreter vom Diabetesclub Schweiz

Er arbeitet aufmerksam mit den Gesundheitsfachleuten zusammen und kann zu seinem Gesundheitszustand jederzeit Auskunft geben. Nicht überall trifft er auf Verständnis und bemerkt: «Es besteht die Gefahr, dass wir Patienten die Gesundheitsprofis irgendwann digital überholen.»

Neue Formen der Zusammenarbeit in der Spitex

In der Spitex Zürich Limmat ermöglichen digitale Werkzeuge wie Chat und Newsfeedfunktionen eine schnelle Kommunikation mit allen Mitarbeitenden. Alle haben Zugang zu einem Gerät mit Anschluss an Internet und den entsprechenden Vorkehrungen zum Datenschutz. So sei auch gewährleistet, dass Lernende und Studierende jederzeit an die Lernmaterialien herankommen, erklärte Kerstin Schmölzer, Bildungsverantwortliche der Spitex Zürich Limmat.

Ebenso könnten Berufsbildnerinnen und Berufsbildner ihren Dienstplan und ihre Einsätze von zu Hause aus organisieren. Die dezentrale Organisation des Betriebs fördere mit Digitalisierung eine bessere Selbstverwaltung und Übernahme von Verantwortung. «Es werden aber keine Patientendaten über diese Plattformen kommuniziert», betonte Kerstin Schmölzer.

Für das Thema Datenschutz sensibilieren

Laut Patientenvertreter Hansueli Trüeb liegt das grösste Risiko in Sachen Datenschutz beim Patienten selber, denn mit einem Klick auf dem Smartphone können viele Daten gestreut werden. In Spital und Spitex gingen Health Professionals generell sorgfältig mit Daten und dem Datenschutz um, bestätigten die beiden Bildungsverantwortlichen. Allerdings müsse immer wieder bewusst für das Thema sensibilisiert werden.

Das Beispiel aus der Spitex zeigte, dass Berufsbildnerinnen besonders für selber aufbereitete Lernszenarien schnell in einen Graubereich geraten können, wenn sie fachgerechtes Handeln in Alltagssituationen veranschaulichen. Fallbeispiele aus der Praxis sollten deshalb so verallgemeinert werden, dass kein direkter Bezug zu konkreten Örtlichkeiten und Personen bestehen. «Datenschutz ist eine Multiplikatorenaufgabe und jemand sollte da immer den Hut aufhaben», betonte Kerstin Schmölzer.

Gespannte Gesichter am Careum Forum. Bild: Frederike Asael
Gespannte Gesichter im Publikum am Careum Forum 2019 in Zürich. Bild: Frederike Asael

Nachholbedarf bei der Lernortkooperation

Beispiele aus der Schule zeigen: Vor einigen Jahren war die Internetverbindung eine Hürde. Wenn bei einer vierstündigen PBL-Sequenz die Verbindung immer wieder unterbrochen wurde und neu aufgebaut werden musste, war es wenig realistisch, ein spannendes E-Learning aufzubauen.

Heute ist die Herausforderung auf der Ebene der Zusammenarbeit. Wenn für die Lernenden zu viele Feedbackschlaufen eingebaut werden, kommt dies bei ihnen nicht gut an und der Unterricht wird dadurch mühsam. Die Herausforderung ist es, das richtige Mass zwischen Präsenz- und Online-Lernen zu finden.

Der Austausch zwischen Schule und Praxis könnte noch besser funktionieren. Einerseits fehlen für die Lernortkooperation die digitalen Strukturen, andererseits gibt es viele Schnittstellen, die koordiniert werden müssen. Dazu kommen datenschutzrechtliche Massnahmen, die beachtet und geregelt werden müssen.

Digitalisierung alleine, ohne dass das jemand so wirklich in die Hand nimmt, funktioniert noch nicht wirklich.

Monika Wieland, Kantonsspital Baden

Eine wichtige Schlussfolgerung für Lernortkooperation und Digitalisierung brachte Monika Wieland in der Podiumsdiskussion auf den Punkt: «Ich denke, dass Digitalisierung alleine, ohne dass das jemand so wirklich in die Hand nimmt, wahrscheinlich noch nicht wirklich funktioniert. Das könnte ein Risiko sein.»

Eine Stimme aus den Rückmeldungen zum Careum Forum 2019 stützt diese Aussage. Digitalisierung in der Bildung fokussiere noch zu sehr auf administrative Prozesse. Das didaktische Potenzial von Lehr- und Lernszenarien könne noch besser ausgeschöpft werden. Ebenso sollte der Erwerb von digitalen Kompetenzen bei pädagogischen Mitarbeitenden an den Schulen und bei den Berufsbildenden in der Praxis noch mehr gefördert werden.

Mehr erfahren

Einen Kurzbericht mit Impressionen und Präsentationen vom Careum Forum 2019 finden Sie hier.


Diskutieren Sie mit!

  • Welche Chancen sehen Sie in der digitalen Lernortkooperation?
  • Wie können Betroffene noch direkter in die digitale Beziehungsgestaltung mit Health Professionals einbezogen werden?
  • Wer soll die Digitalisierung in der Bildung begleiten?

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Yvonne Vignoli

Wissensmanagement, Webentwicklung, Web- und Lerntechnologien bei Careum Bildungsentwicklung – seit September 2014 Meine Arbeitsfelder der letzten Jahre Konzeptarbeit für Lernen mit neuen Medien und Internet in Bildungsinstitutionen Dozententätigkeit und Projektmanagement – Ausbildung der Ausbildenden, Webauftritte, Projekte mit Social Media Plattformen

5 thoughts on “Digital – genial oder fatal?

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    2019-10-17 at 08:16
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    Die Digitalisierung kann zu entmündigten und manipulierten Bürgern führen, sie kann aber auch das Gegenteil bewirken, indem sie uns Zugriff auf qualitativ hochstehende Informationen gewährt. Wir unterstützen letzteres, wenn wir Zusammenarbeitsformen entwicklen, die davon ausgehen, dass Wissen und Erfahrung aller Lernenden den Wissenstand einer einzelnen Lehrperson übertrifft. Das erfordert mediatorische und kommunikative Fähigkeiten von Wissensmanagerinnen und -managern. Die Bedeutung des Fachwissens der Lehrperson tritt dabei in den Hintergrund, wobei zu erwähnen ist, dass sich Mediatoren und Mediatorinnen durch partizipative Lernmethoden in ständiger Weiterbildung befinden. Die Chance, dass sie über ein umfangreiches und aktuelles Fachwissen verfügen wird dadurch grösser und die Gefahr der Vermittlung überholter Inhalte kleiner. Eine Mitmachkonferenz würde diesen Erkenntnissen gerecht, wobei hier ja angepasstere und radikalere Formen denkbar sind.

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      2019-10-19 at 16:30
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      Liebe Frau Hämmerli
      Vielen Dank für Ihre Überlegungen zur Mitmachkonferenz. Ja, wie auch schon in der Diskussion im Podiumsgespräch angedeutet, nimmt die Bedeutung von mediatorischen und kommunikativen Fähigkeiten an Wichtigkeit zu. Wir versprechen uns von der Mitmachkonferenz, genau Ihre Anliegen einzulösen. Gerne denken wir auch über weitere Bildungsformate nach. Die Careum Summer School zeigte z.B., dass offene Lernformen, gekoppelt mit klarer Moderation und Steuerung von Lernprozess zu konkreten Resultaten führen, die direkt in die Praxis zurückfliessen können. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass z.B. ein Treffen zwischen Fachpersonen ganz frei gestaltet werden kann, eingebettet in einen allgemeinen Rahmen. Wir ermöglichen so neue Lernräume, die über Bildungsanlässe hinaus auf das Lernen in der Praxis nachwirken und digitale Gemeinschaften stärken können.

      Ich freue mich auf konstruktive Begegnungen und viel Austausch an der Mitmachkonferenz 2020.

      Freundliche Grüsse
      Yvonne Vignoli

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        2019-10-21 at 13:49
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        Guten Tag Frau Vignoli
        Vielen Dank für Ihre Antwort auf meinen Beitrag. So habe ich das Careum bisher kennengelernt, als innovative Bildungsstätte und bin gespannt auf die kommenden Angebote. Ich sehe als Vertreterin der Palliative Care grosse Chancen für die Interprofessionalität durch die Möglichkeiten der digitalen Workflows. Dort wo die technische Entwicklung durch starke soziale Visionen geprägt ist, wird sie für die Palliative Care hilfreich sein. Sie kann ihr aber auch schaden, wenn zum Beispiel proprietäre Geschäftsinteressen im Vordergrund stehen. Die Digitalisierung bringt uns neue Werkzeuge, sie ist kein Wert an sich und ersetzt keine Visionen. Ich hoffe nächstes Jahr dabei sein zu können.
        Mit herzlichen Grüssen
        Matina Hämmerli

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    2019-10-18 at 12:09
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    Für mich hat der Patientenvertreter Herr Trüeb die Situation bestechend auf den Punkt gebracht «Es besteht die Gefahr, dass wir Patienten die Gesundheitsprofis irgendwann digital überholen.»

    Lösungsansätze sehe ich auf verschiedenen Ebenen der Zusammenarbeit von Patient/innen mit Health Professionals, u.a. bei der Erhebung der Anamnese, gemeinsamen Zielfestlegung und Massnahmen-planung sowie Evaluation der Zielerreichung und Zufriedenheit des/der Patient/in. Auch die Reflexion der eigenen Haltung gegenüber der digitalen Expertise der Betroffenen und der Angehörigen ist ein wichtiger Faktor.

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      2019-10-19 at 16:46
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      Liebe Ursina
      Vielen Dank für die konkreten Anregungen zur Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten. Ich denke, die Health Professionals sind stark gefordert, noch genauer hinzusehen und aufeinander zu hören. Wie du sagst, spielt zusätzlich die eigene Haltung gegenüber digitaler Expertise sei es bei sich selber, wie auch bei den Betroffenen, eine wichtige Rolle. Und der persönliche Kontakt im direkten Gespräch kann hier viel Klärungen bringen, auch zum Umgang mit dem Digitalen. In der riesigen Informationsflut von heute können alle nur voneinander lernen und sich miteinander dazu austauschen, welches der sinnvollste Weg in einer bestimmten Situation ist.

      Herzliche Grüsse
      Yvonne

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