Burnout in der Pflege

In Kürze: Burnout ist mittlerweile zu einem Modewort geworden. Wo liegen die Gründe für die Zunahme dieser noch nicht anerkannten Erkrankung? Und in welchem Masse sind Pflegepersonen davon betroffen? Wie können Betroffene Hilfe erhalten, damit sie in den Arbeitsprozess zurückkehren können?


«Bewahre mich vor dem naiven Glauben, es müsse im Leben alles gelingen. Schenke mir die nüchterne Erkenntnis, dass Schwierigkeiten, Misserfolge und Krisen eine selbstverständliche Zugabe des Lebens sind, um zu reifen.»

Antoine de Saint-Exupery

Burnout ist etwas, das mir auch in meinem eigenen beruflichen Werdegang widerfahren ist. Nie hätte ich gedacht, dass es mich einmal betreffen könnte. Das obige Zitat des erfolgreichen Schriftstellers Antoine de Saint-Exupery hat mich in dieser schwierigen Zeit stets begleitet und ermutigt. Meine eigenen Erfahrungen waren es denn auch, die mich dazu bewogen, mir Gedanken darüber zu machen, wie mein eigener Berufsstand davon betroffen ist und damit umgeht. Und wie es sein kann, dass sich immer mehr junge Frauen und Männer in ihren Zwanzigern aufgrund einer Erschöpfung krankmelden.

Burnout als Modeerscheinung?

In meinem Berufsumfeld gab es einige Kolleginnen oder Kollegen, die der Arbeit wegen eines Burnouts fernblieben. Bei solchen Absenzen gab es auch Kommentare, dass manche bloss simulieren würden oder es eine reine Modeerscheinung sei.

Als ich selbst erkrankt bin, habe ich anfangs die Symptome nicht wahrgenommen. Mit der Zeit musste ich mir aber eingestehen, dass ich ein schwerwiegendes Problem hatte.

Ich wollte die Gründe für dieses Phänomen erfahren. Es stimmte mich nachdenklich, dass ein Burnout keine eigenständige Erkrankung ist. Krollner und Krollner (2020) beschreiben, dass nach dem ICD 10 Code (der internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) das Burnout-Syndrom als «ausgebrannt sein» und «Zustand der totalen Erschöpfung» im Diagnoseschlüssel Z73.0 erfasst ist.

Aufgrund dieser Einordnung wird ein Burnout als «Depression» eingestuft. Das ist jedoch irreführend, da viele Betroffene gar nicht typisch depressiv sind. Teilweise herrscht gar die Meinung vor, dass nur instabile Personen an einem Burnout erkranken. Laut Eugster (2020) kann es aber jede und jeden treffen, gerade in so schwierigen Zeiten wie zum Beispiel einer Pandemie.

Wie man damit umgeht, hängt von der eigenen Fähigkeit zur Resilienz ab. So kann es helfen, sich jeden Tag etwas Gutes zu tun und sich auf einzelne Dinge bewusst zu fokussieren. Das hilft auch, Stress zu vermindern (siehe dazu auch Eugster (2020))

Evidenzbasierte Programme

Es gibt einige evidenzbasierte Programme, die Resilienz zu stärken. Eines davon ist das MindBodyStrong-Programm. Es lindert die Symptome von Angst, Stress und Depression und fördert eine gesunde Lebensweise sowie die Arbeitszufriedenheit. Die positiven Effekte des MindBodyStrong-Programms wurden in der Studie von Sampson M., Melnyk B. M., Hoying J. (2019) bestätigt.

Leider ist das Thema bei vielen Arbeitgebenden noch nicht als dringliches Problem erkannt. Nach einer Literaturrecherche und Kontaktaufnahme mit dem Bundesamt für Statistik habe ich erfahren, dass es noch keine Erhebung gibt, die zeigt, wie es um die psychische Gesundheit von Pflegepersonen steht. Das könnte ein Grund sein, warum die Problematik bei Arbeitgebenden in der Schweiz noch nicht richtig angekommen ist.
In diesem Zusammenhang soll auf die kürzlich erschienene Studie von Riguzzi und Gashi (2021) hingewiesen werden, die Gesundheitsfachpersonen darüber befragten, wie sie die erste Welle der Covid-19-Pandemie psychisch und physisch gemeistert haben.

Das Bundesamt für Statistik führte die letzte schweizerische Gesundheitsbefragung (SGB) 2012–2017 durch. Diese bildet die Situation der Arbeitsbedingungen und des Gesundheitszustandes der Arbeitnehmenden in der Schweiz ab. Die Ergebnisse aus dieser repräsentativen Stichprobe stimmen nachdenklich. Es wurde festgehalten, dass die psychosozialen Risiken stark zunehmen. Vor allem Arbeitnehmenden in der Altersgruppe von 15 bis 29 Jahren fühlen sich deutlich mehr belastet, verglichen mit den anderen Alterskategorien der Erhebung.

Burnout: Man fühlt sich wie in einem Tunnel. Bild: Depositphotos

Dieses Ergebnis bestätigt jene Beobachtung, die ich in meiner Berufslaufbahn ebenfalls schon oft gemacht habe. Ausserdem ist laut der Gesundheitsbefragung das Gefühl, emotional verbraucht zu sein, ein Warnsignal für das Risiko, an einem Burnout zu erkranken. Erschreckenderweise gaben im Jahr 2017 20 Prozent der Erwerbstätigen an, sich emotional erschöpft zu fühlen. Interessant ist, dass diese Personen den eigenen Gesundheitszustand doppelt so oft als mittelmässig oder schlecht einstufen.

In der Studie von Agarwal S. D., Pabo E., Rozenblum R., Sherritt K. M. (2020) wurde qualitativ zu der Thematik geforscht. Es wurden mögliche Lösungsansätze identifiziert, um Probleme bei der Arbeitsplatzkultur, Arbeitseffizienz, Work-Life-Balance und Belastbarkeit zu verbessern. Beispielsweise wurde festgehalten, dass es immer mehr Büroarbeit zu erledigen gibt. Täglich gebe es eine grosse Menge an Arbeit, die kaum zu bewältigen ist. So erlebten die Studienteilnehmenden eine Dissonanz zwischen ihrer geleisteten Arbeit und den eigenen persönlichen Werten.

Lage in der Schweiz

Pflegepersonen sind in ihrem Berufsalltag physisch wie auch psychisch grossen Belastungen ausgesetzt. Im Gegensatz zur Schweiz wurde im Ausland bereits viel zum Thema «Pflege und Burnout» geforscht. Dass dies in der Schweiz nicht passiert ist, könnte daran liegen, dass das Burnout keine offizielle Erkrankung ist.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass eine Stigmatisierung der von Burnout erkrankten Pflegepersonen vom Team wie auch von den Vorgesetzen keine Seltenheit ist. Es gibt nichts Schlimmeres, als einer erkrankten Person deutlich zu machen, dass ein Burnout doch nichts Ernstes ist.

Mit dem Wort «Modeerscheinung« kann ich mich inzwischen arrangieren. Ich habe erkannt, dass ein Burnout häufig in unserer Gesellschaft auftritt: So kennen wohl die meisten Arbeitnehmenden eine Person, welche der Arbeit aufgrund eines Burnouts fernblieb. Einem Burnout können wirtschaftliche Faktoren wie das ständige Wachstum der Unternehmung oder auch die ständig geforderte Erreichbarkeit der Arbeitnehmenden zugrunde liegen.

Es wäre wünschenswert, wenn Betroffene mit dieser Erkrankung ernst genommen werden. An Burnout erkrankte Arbeitnehmende möchten wieder zu ihrer Arbeit zurückfinden. Eine Unterstützung vom persönlichen Umfeld, aber noch wichtiger, vom eigenen Team und den Vorgesetzten, ist hier nötig. Durch gezielte Schulungen, zum Beispiel innerhalb von Teams, könnte ein besseres Verständnis für die Erkrankung erreicht werden. So kann eine offene Gesprächskultur entstehen. Dies ist für eine erfolgreiche Wiedereingliederung einer an Burnout erkrankten Pflegeperson in den Arbeitsmarkt unabdingbar.

Das Obsan-Referenzszenario zeigt bis 2030 eine Zunahme des Bedarfs an Pflegepersonal um 36 Prozent. Gleichzeitig geben jährlich viele Pflegepersonen ihren Beruf auf. Die Studie von Lobsinger zeigt, dass im Jahre 2013 45,9 Prozent aller Pflegepersonen ihren Beruf an den Nagel gehängt haben. Seit dem Ausbruch von Covid-19 ist ein Grossteil des Pflegepersonals zusätzlich stark gefordert.

Alleine diese Zahlen sollten Arbeitgeber dazu veranlassen, ihren Pflegefachkräften Sorge zu tragen. Weitere Berufsaustritte aufgrund einer psychischen Erkrankung scheint sich das Schweizer Gesundheitssystem nicht länger leisten zu können. Weiterbildungen und Angebote, die persönliche Widerstandskraft zu stärken, sollen präventiv angeboten werden. Denn in den meisten Fällen merkt eine betroffene Person erst zu spät, dass sie bereits erkrankt ist.

Diesen Beitrag beende ich mit einem Satz, den damals meine Psychologin gesagt hat: «Du hast kein Burnout, weil du schwach bist, sondern weil du viel zu lange stark warst.»

*Dieser Beitrag entstand im Kurs «Schreibkompetenz» während des Studiums zum Bachelor of Science FH in Nursing an der Careum Hochschule Gesundheit. Die Teilnehmenden wählten ein Thema, mit dem sie in der Regel in ihrem Berufsalltag in Berührung kommen. Die besten Beiträge wurden ausgewählt und für den Blog überarbeitet.


Literatur

Krollner, B., Krollner, D (2020). ICD-Code Zugriff am 20.05.2020. Hier verfügbar.

Sampson, M., Melnyk, B. M., Hoying, J. (2019). Intervention Effects of the MIND BODY STRONG Cognitive Behavioral Skills Building Program on Newly Licensed Registred Nurses Mental Health, Healthy Lifestyle Behaviors, and Job Statisfaction. In: The Journal of Nursing Administration 49 (10) 487-495. Abstract

Eugster, R. (2020). In der Krise wachsen. In: Krankenpflege – SBK 05 2020 S.2-3. PDF

Bundesamt für Statistik (Hrgs) (2012-2017). Arbeitsbedingungen und Gesundheitszustand. Publikation

Agarwal S. D., Pabo E., Rozenblum R., Sherritt K. M. (2020). Professional Dissonance and Burnout in Primary Care, a qualitative Study. In: JAMA Internal Medicine, 180 (3) 395-401. Abstract

Schweizerisches Gesundheitsobservatorium (Hrgs) (2016). Berufsaustritte von Gesundheitspersonal. In: OBSAN Bulletin (07/2016). Hier verfügbar.

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  • Was benötigt es Ihrer Meinung nach für Massnahmen, um die psychische Gesundheit von Pflegefachpersonen zu schützen?
  • Was kann man sich selbst Gutes tun? Wie stärkt man die Resilienz? Haben Sie Tipps?
  • Was tun Sie selbst, um auf Ihre psychische Gesundheit zu achten?
Sandra Meier

Sandra Meier

Sandra Meier arbeitet seit ihrem sechzehnten Lebensjahr in der Pflege. Seither konnte sie Berufserfahrung sammeln in Fachgebieten der Orthopädie, Chirurgie, Wochenbett und Gynäkologie, Pädiatrie und Neurologie. Sie ist ausgebildete Fachfrau Gesundheit und hat eine Weiterbildung zur Pflegefachfrau HF. Sandra Meier hat in verschiedenen Funktionen gearbeitet; als Pflegefachfrau, Berufsbildnerin und Fachverantwortliche Pflege. Seit 2019 besucht sie den Studiengang BSCN an der Careum Hochschule Gesundheit.

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