Wenn die Begrüssung plötzlich anders wird

In Kürze: Bis vor Kurzem gaben sich die Menschen in der Schweiz bei der Begrüssung häufig drei Küsschen links und rechts auf die Wange. Dies ist ein übliches Ritual unter Freunden. So steht es auch im Knigge für die Schweiz. Müssen wir nun wegen der Corona-Pandemie zukünftig unsere Rituale ändern?


Begrüssungsrituale

Ich habe gelernt, dass man sich die Hand gibt zur Begrüssung. Wenn enge Freunde begrüsst werden, dann darf es auch gerne eine herzliche Umarmung sein. Nicht nur in der Schweiz und in Deutschland ist der Körperkontakt bei der Begrüssung eine «normale» Geste.

Als ich noch ein Kind war, hat meine Mama manchmal ihre Nase an meiner gerieben und mir erklärt: «So machen es die Eskimos*, wenn sie sich begrüssen.» (*Das Wort Eskimo ist hier natürlich nicht als Schimpfwort zu verstehen, sondern war damals so gebräuchlich. Die korrekte Bezeichnung dieser Bevölkerungsgruppe lautet Inuit.)

Es war immer unser Ritual: Wenn meine Mama mich abends ins Bett brachte, wollte ich es genauso wie die Inuit machen. Ich streckte ihr meine Nase unter der Bettdecke hervor, wir rieben unsere Nasen und sagten einander: «Gute Nacht!»

Aber auch in vielen anderen Ländern der Welt gehört der Körperkontakt zur Begrüssung. In grossen Teilen Lateinamerikas begrüssen sich die Menschen mit einem Handschlag, einer Umarmung, einem Wangenkuss und einem wiederholten Händeschütteln, das mit einem anschliessenden «auf die Schulter klopfen» beendet wird.

In der Türkei wird auch der Handkuss noch häufig verwendet. In Polynesien streichelt man sich mit den Händen über das Gesicht. Und die Mongolen, Malaien, Birmanen und Lappen riechen sich gegenseitig an der Wange und berühren und reiben ihren Nasen (siehe Begrüssungsrituale).

Berührungen sind wichtig!

Die Haut ist unser grösstes Sinnesorgan. Millionen von «tastsensiblen Rezeptoren» nehmen ständig Informationen aus unserer Umwelt auf und leiten diese an das Gehirn weiter. Jede Person, die schon einmal versucht hat, mit geschlossenen Augen die Blindenschrift zu entziffern, weiss, welche Höchstleistung in unseren Fingerkuppen vollbracht werden muss.

Beobachtet man Pflegeexpertinnen und Pflegeexperten einer neonatologischen Abteilung bei ihrer Arbeit, wird einem auf ganz besondere Art die Bedeutung und Wirkung einer Berührung bewusst.

Schon 1978 wurde durch Dr. Edgar Rey Sanabria das sogenannte «kangaroo mother care» oder auch «bonding» als alternative Versorgungsmöglichkeit für frühgeborene Säuglinge mit einem geringen Geburtsgewicht empfohlen. Die positiven Auswirkungen dieser Methode werden auch heute noch in zahlreichen Studien untersucht.

Dies veranlasste die Weltgesundheitsorganisation WHO 2003 zur Veröffentlichung eines Handbuchs mit einer detaillierten Empfehlung und Beschreibung der «kangaroo mother care»-Methode. Dabei wird der Säugling mit nacktem Körper auf den unbekleideten Oberkörper der Mutter gelegt.

Diese besondere Form einer intensiven Berührung ist laut mehreren Studien mit einer niedrigeren Sterblichkeit der Frühgeborenen, einem geringeren Risiko für neonatale Sepsis, Hypothermie, Hypoglykämie und erneuten Krankenhausaufenthalten verbunden.

Weiter konnten auch positive Wirkungen auf das Stillen, die mittlere Atemfrequenz, eine verringerte Schmerzempfindung sowie einer verbesserten Sauerstoffsättigung, eine stabilere Temperatur und der Zunahme des Kopfumfangs zugeschrieben werden (Boundy et al., 2016).

In der Schweiz, aber auch in vielen anderen Ländern der Welt, ist das Bonding in die Versorgung von Früh- und Neugeborenen integriert. Das Bonding fördert nicht nur das Gedeihen, sondern auch die Eltern-Kind-Bindung.

Werden wir berührt, finden dabei viele neurobiologische Prozesse statt. Eine sanfte und langsame Berührung regt unser Gehirn zur Ausschüttung des Glückshormons «Oxytocin» an und verändert die Empfindlichkeit gegenüber Endorphinen. Somit können Stresshormone besser abgebaut werden. Wir können uns entspannen.

Corona verändert alles

Der weltweite Ausbruch des neuartigen Coronavirus (SARS-CoV-2) zwingt uns, auf unsere bisherigen Rituale zu verzichten oder diese zu ändern.
Auf den Plakaten des Bundesamtes für Gesundheit steht es deutlich geschrieben: «Halten Sie Abstand!», «Händeschütteln vermeiden».

In meinem beruflichen Umfeld sind die Gesichter meiner Kollegen seither hinter einer Maske versteckt. Die Familie sieht man nur noch zur sonntägigen Online-Konferenz auf dem Smartphone. Die selten gewordenen Treffen mit Freunden enden häufig mit einem betretenen Schweigen und einem unsicheren Blick auf die Füße. Auch hier gilt: «Halten Sie Abstand!»

Manchmal frage ich mich, wann ich das letzte Mal jemanden umarmt habe, einfach, weil man sich gern hat und sich über ein Wiedersehen freut. Wird dies unsere Zukunft sein? Eigentlich war ein «Konnichiwa» mit einer Verbeugung nur meiner Japanreise zu den Olympischen Spielen vorbehalten.

Die liebevolle Begrüssung in meinen nun auch online abgehaltenen Yogastunden mit den Händen vor dem Herzen und einem fröhlichen «Namasté» hilft mir zwar sehr, die Zeit der verschärften Hygienemassnahmen zu überstehen. Aber müssen wir Menschen nun immer auf die drei Küsschen oder eine herzliche Umarmung verzichten? Es ist eine ungewisse Zeit und viele Dinge, die so selbstverständlich waren, werden sich ändern.

Doch es gibt auch Menschen, die versuchen, mit dieser Situation umzugehen. Auf den Social-Media-Kanälen wird der «Wuhan-Shake» als neue Begrüssungsform aus China gezeigt. Auch unter uns Kollegen hat sich eine liebvolle Umarmungsgeste aus der Ferne während dieser Zeit etabliert.

Begrüssen wir uns künftig nur noch mit einem freundlichen Lächeln? Symbolbild: Pixabay

Rituale können sich verändern und sind zeit- und gesellschaftsabhängig. Ob sich noch weitere neue Begrüssungsrituale durchsetzen oder zukünftig ein freundliches Lächeln all unsere bisherigen Begrüssungsrituale ersetzen wird? Vielleicht werden uns die Küsschen in ein paar Jahren «veraltet» vorkommen, und wir werden uns an die neuen Rituale gewöhnt haben. Wer weiss.

*Dieser Beitrag entstand im Kurs «Schreibkompetenz» während des Studiums zum Bachelor of Science FH in Nursing an der Careum Hochschule Gesundheit. Die Teilnehmenden wählten ein Thema, mit dem sie in der Regel in ihrem Berufsalltag in Berührung kommen. Die besten Beiträge wurden ausgewählt und für den Blog überarbeitet.


Literatur

Boundy, E. O., Dastjerdi, R., Spiegelman, D., Fawzi, W. W., Missmer, S. A., Lieberman, E., Kajeepeta, S., Wall, S., & Chan, G. J. (2016). Kangaroo Mother Care and Neonatal Outcomes: A Meta-analysis. Pediatrics, 137(1). Abstract

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  • Welche Begrüssungsrituale kennen Sie?
  • Welche Massnahmen helfen Ihnen, die Zeit während der Pandemie zu bewältigen?
  • Glauben Sie, dass die Corona-Pandemie unsere Begrüssungsrituale verändern wird? Wie sehen unsere Begrüssungsrituale künftig aus?
Stephanie Kreft

Stephanie Kreft

Stephanie Kreft ist Dipl. Expertin Anästhesiepflege im Spital Zollikerberg. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Blogbeitrages arbeitete sie auf der Intensivstation desselben Spitals. Sie absolviert berufsbegleitend an der Careum Hochschule Gesundheit das Studium zum Bachelor of Science in Nursing.

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