Bildung ohne mitgestaltende Patienten?

Folgsames Therapieobjekt oder mitgestaltender Akteur – eine Frage, die in der Ausbildung von Health Professionals selten ergründet wird. Informed consent für möglichst hohe adherence geht vor. Das dominierende Modell der beruflichen Sozialisation ist entsprechend immer noch der gütige Paternalismus einer wissenden Fachperson – mit einem mehr oder minder dicken Empathie-Überzug. Die gegenwärtigen Bildungsstrategien reflektieren diese Ausgangslage kaum, weil sie weiterhin auf akutmedizinischen Prioritäten des frühen 20. Jahrhunderts basieren.

Lancet Report – Health Professionals für das neue Jahrhundert: Über 100 Jahre nachdem Abraham Flexner ein bahnbrechendes Lehrkonzept für die Medizin veröffentlichte, gibt es jetzt eine neue globale Initiative zur Reform der Ausbildung von Gesundheitsfachleuten

Dabei erfordern die Trends und gesellschaftlichen Realitäten eine ernsthafte Auseinandersetzung und Neubestimmung:

  1. die Dauerhaftigkeit von Leiden und Krankheitslast nimmt zu und damit wächst das individuelle Erfahrungswissen,
  2. mit dem steigenden Anteil von Menschen mit chronischen Krankheiten verliert die Akutversorgung relativ an Bedeutung und damit passen die Spital-zentrierten Ausbildungen nur noch bedingt zum Bedarf,
  3. der Bildungsgrad der Bevölkerung steigt stetig und mit erleichtertem Informationszugang erwerben Bürger und Patienten mehr Aushandlungskompetenzen, und
  4. die Patienten- und Angehörigenrolle langsam wandelt sich als Effekt dieser Trends: sie werden zu Experten ihrer Situation und damit zu Ressourcen für eine konstruktive Gestaltung.

Betroffene könnten auch in der Bildung eine enorm wertvolle Ressource sein. Im Gegensatz zu standardisierten Schauspieler-Patienten können sie (und vielfach auch ihre Angehörigen) zeigen, wie Ko-Produktion in Realität entstehen kann, also wie eine kompetentere Entscheidungsfindung und gesteigerte Adherence als Ergebnis des Einbezugs und der Mitgestaltung des Therapieverlaufs möglich wird.

In der Bildungspolitik braucht es deshalb ein Redesign der Bildung und einen Kurswechsel hin zu neuen Lernarrangements:

Careum Working Paper 7 – Umrisse einer neuen Gesundheitsbildungspolitik: Welche Bildung benötigt das Gesundheitssystem?

Wenn Patienten, Bürger und Angehörige eine Schlüsselressource im Gesundheitssystem sind, müssen sie in der Ausbildung einen Platz als erstgenommene und mitgestaltende Subjekte erhalten. Studierende können auf diese Weise früh lernen, dass es sich (auch wirtschaftlich) lohnt, aufmerksam hinzuhören und den Dialog zu suchen, wenn mündige Bürger mitbestimmen wollen – oder dazu ermuntert werden.


Wann werden nach den Simulationspatienten Freiwillige für neue Lernarragements eingesetzt?
Wer hilft mit, solche zu entwickeln (und zu finanzieren?)

 

Author: Dr. Beat Sottas,  Stiftungsrat, Mitglied Leitender Ausschuss, Careum Stiftung Schweiz

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