Partner-Pflege und Lebenszufriedenheit

In Kürze: Angehörigen-Pflege wird derzeit breit diskutiert. 
Klar ist: Pflege ohne die Unterstützung der Angehörigen ist für das Sozialsystem nicht zu bewältigen.
In Deutschland werden 73% der Pflegebedürftigen zu Hause betreut und gepflegt.
Doch was macht das mit den Angehörigen? Wie wirkt sich die Betreuungs- und Pflegetätigkeit auf die Lebenszufriedenheit aus?

Wenn Menschen dazu befragt werden, wo sie bei einer möglichen Hilfebedürftigkeit am liebsten versorgt werden möchten, lautet ihre Antwort meist: Zu Hause! (Lamura et al. 2006) Dieser individuelle Wunsch trifft auf sozialpolitische Gegenliebe: Denn Pflege ohne die Unterstützung der Angehörigen ist für ein Sozialsystem nicht zu bewältigen (Rothgang et al. 2015).

Obwohl die unterstützenden Angehörigen im Zentrum dieser Überlegungen sind, weiss man noch zu wenig über sie. In welcher Situation befinden sie sich? Sind sie zum Beispiel gleichzeitig noch berufstätig? Was sind ihre Bedürfnisse? Wie können sie entlastet werden? Immerhin: Forschung und Politik fokussieren sich immer mehr auf pflegende Angehörige, um diese Wissenslücken zu schliessen.

In der Schweiz forscht Careum u. a. zur Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Betreuung kranker, behinderter oder betagter Angehöriger im Forschungsprogramm «work&care». Bundesweit läuft derzeit auch das Förderprogramm «Entlastungsangebote für pflegende Angehörige». (Wollen Sie mehr erfahren über die Situation in der Schweiz? Lesen Sie den Blogbeitrag 10 Jahre «work & care» von Iren Bischofberger oder den Kurzbericht des BAG von 2016 Statistische Auswertungen zur Anzahl Angehöriger, die Betreuungs- und Pflegeleistungen erbringen.)

Angehörigen-Pflege: eine psychische Belastung

Längsschnitt-Forschungen zur Angehörigen-Pflege in Deutschland zeigen, dass die familiäre Pflegetätigkeit das Wohlbefinden, die Lebenszufriedenheit und die mentale Gesundheit der Pflegenden (negativ) beeinflusst (z. B. Hajek & König 2016). Für die Schweiz stehen bislang nur Querschnittsdaten zur Verfügung, die aber letztendlich dasselbe Ergebnis zu Tage bringen (z.B. Perrig-Chiello et al. 2010).

Wir (Regina Gerlich, Careum Forschung, und Tobias Wolbring) forschen mitunter zu den Mechanismen, die die Lebenszufriedenheit beeinflussen. Im Fokus dieses Beitrags steht der Eintritt in die Pflegetätigkeit innerhalb desselben Haushalts (in Deutschland). Genauer: Die Pflege des eigenen Partners oder der eigenen Partnerin.

Lebenszufriedenheit «messen»

Doch wie «misst» die Forschung überhaupt Lebenszufriedenheit? Gewöhnlich geschieht das auf einer Skala von 0 (=ganz und gar unzufrieden) bis 10 (=ganz und gar zufrieden). Auf dem Fragebogen der jährlich stattfindenden deutschen Haushaltsbefragung (SOEP; siehe Infobox) sieht das dann so aus:

Screenshot SOEP-Fragebogen v31, 2014)
Allgemeine Lebenszufriedenheit. (Quelle: SOEP-Fragebogen v31, 2014)
Fragebogen der deutschen Haushaltsbefragung
Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist eine deutsche repräsentative Wiederholungsbefragung, die seit 1984 durchgeführt wird. Jährlich werden derzeit etwa 30’000 Befragte in über 10’000 Haushalten in Deutschland befragt. Bedeutende Themen in der Befragung sind: Haushaltszusammensetzung, Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung oder Gesundheit.

Weil jedes Jahr dieselben Personen befragt werden (sog. «echter Längsschnitt»), können (individuelle) Veränderungen über den Zeitverlauf besonders gut verfolgt werden. Damit ist es auch möglich, dass der Eintritt in die innerhäusliche Pflegetätigkeit «eingefangen» werden kann. Die anonymisierten SOEP-Daten dürfen ausschliesslich zu wissenschaftlichen Forschungszwecken verwendet werden. Die Nutzung ist kostenlos und wird vertraglich geregelt.

Von allen Befragten wird dann der Durchschnittswert für das jeweilige Jahr berechnet. Dabei variieren die Fallzahlen naturgemäss, weil nicht alle Pflegenden über einen längeren Zeitraum von z. B. 4 Jahren pflegen. Daher ist die Fallzahl zum Pflege-Start recht hoch  (772 Personen) und nimmt dann im Laufe der Jahre stetig ab. Zum Zeitpunkt 4 Jahre und mehr nach Pflege-Start sind es nur noch etwa 30% davon (232 Personen).

In folgender Graphik ist gut zu erkennen, wie die Lebenszufriedenheit über die Zeit abnimmt, wenn man den Partner oder die Partnerin pflegt:

Animierter Graph_Lebenszufriedenheit (Quelle: R. Gerlich)

Abnehmende Lebenszufriedenheit im Pflegeverlauf (Quelle: R. Gerlich)

Auf der vertikalen Achse ist die Lebenszufriedenheit angegeben. Auf der horizontalen Achse haben wir den Zeitverlauf. Er beginnt mit den beiden Jahren vor dem Eintritt in die Pflegetätigkeit. Zum Zeitpunkt Start (gekennzeichnet mit der roten Linie) beginnt die Pflege. Nachfolgend wird angezeigt, wie viele Jahre die Pflege schon andauert.

Und wir sehen: Sobald die Pflegetätigkeit beginnt, nimmt die Lebenszufriedenheit ab. Über die Jahre hinweg sinkt sie sogar noch etwas weiter. Solange also die Pflegetätigkeit andauert, erholt sich die Lebenszufriedenheit der Pflegenden nicht wieder. Das überrascht nicht, wenn man bedenkt, wie kräftezehrend die Pflegetätigkeit sein kann.

Sie bedeutet Einschnitte für das persönliche Leben auf verschiedenen Ebenen (zeitlich, emotional, psychisch, körperlich). Um untersuchen zu können, welche Lebensbereiche hier eine besondere Rolle spielen, sehen wir uns nun die Unterkategorien an.

Facetten der Lebenszufriedenheit

Die Forschung geht davon aus, dass sich die Lebenszufriedenheit aus mehreren unterschiedlichen Komponenten (auch: Unterkategorien) zusammensetzt. Diese Unterkategorien werden ebenfalls gemessen mit einer «Zufriedenheitsskala». (Einen Ausschnitt aus dem SOEP-Fragebogen sehen Sie hier.)

Das SOEP bietet nicht für jedes Jahr Daten zu allen Kategorien. Für eine angemessene Vergleichbarkeit über die Jahre haben wir in der aktuellen Studie folgende Kategorien betrachtet:

Zufriedenheit mit …

  • dem Haushaltseinkommen
  • dem persönlichen Einkommen
  • der eigenen Gesundheit
  • der eigenen Tätigkeit im Haushalt
  • der eigenen Freizeit

Es zeigt sich sehr deutlich, dass die Zufriedenheit in manchen dieser Kategorien über die Zeit nahezu unverändert bleibt. Dazu gehören die Einkommenszufriedenheiten.

Zufriedenheit mit dem Einkommen

Animierter Graph_Haushaltseinkommen (Quelle: R. Gerlich)
Zufriedenheit mit dem Haushaltseinkommen: Kaum Veränderungen (Quelle: R. Gerlich)
Animierter Graph_eigenes Einkommen (Quellen: R. Gerlich)
Zufriedenheit über eigenes Einkommen: stabil (Quelle: R. Gerlich)

 

Tiefergehende Analysen zeigen: Das Haushaltseinkommen verändert sich über den beobachteten Zeitraum kaum. Dasselbe gilt für das persönliche Einkommen. Der Hauptgrund: ca. 80 Prozent der hier untersuchten Pflegenden waren vor dem Eintritt in die Pflegetätigkeit bereits erwerbslos und blieben es auch. Erwerbslos kann «arbeitslos» bedeuten oder «in Rente». Frauen waren zu Beginn ihrer Pflegetätigkeit durchschnittlich 62 Jahre alt, Männer 67 Jahre.

Eine Schwankung im Einkommen ist daher kaum beobachtbar. Da die beiden Einkommen relativ konstant bleiben, ist es nicht verwunderlich, dass die Einkommenszufriedenheiten davon kaum berührt werden.

Zufriedenheit mit der Gesundheit

Die Zufriedenheit mit der eigenen Gesundheit nimmt ab – wenn auch nur im geringen Ausmass.

Animierter Graph_eigene Gesundheit (Quelle: R. Gerlich)
Zufriedenheit mit der Gesundheit im Pflegeverlauf  (Quelle: R. Gerlich)

Betrachtet man im Vergleich dazu den Gesundheitszustand der unterstützenden Angehörigen, wird sichtbar: Es gibt eine Tendenz zu einem schlechter werdenden Gesundheitszustand der Pflegenden – was ein Indiz dafür sein könnte, dass der Gesundheitszustand unter der Pflegetätigkeit im Laufe der Zeit immer mehr leidet.

Eine tiefergehende Analyse bestätigt dies nur bedingt: Statistisch zeigt sich zwar ein Zusammenhang über die Zeit, dieser ist aber nicht signifikant. Selbst die Unterscheidung von Betreuungs-, einfachen und schweren Pflegetätigkeiten zeigt weder eine statistisch bedeutsame Veränderung in der Zufriedenheit mit der eigenen Gesundheit noch mit dem tatsächlichen Gesundheitszustand.

Zufriedenheit mit Haushaltstätigkeiten

Auch die Zufriedenheit mit der Tätigkeit im Haushalt nimmt nur leicht ab.

Animierter Graph_Taetigkeiten Haushalt (Quelle: R. Gerlich)
Zufriedenheit mit der Haushaltstätigkeit im Pflegeverlauf: sinkend (Quelle: R. Gerlich)

Während bislang Geschlechterunterschiede nicht erkennbar waren, so spielen sie beim Thema Haushaltstätigkeiten durchaus eine Rolle. Der erste erkennbare Unterschied ist, dass etwa 20 Prozent der hier untersuchten Männer angeben, gar keine Hausarbeit zu machen, weswegen sie auch nicht in die Berechnung miteinfliessen (zum Vergleich: bei den Frauen sind es 5 Prozent).

Der nächste Unterschied ist, dass Männer – bevor sie ihre Partnerinnen betreuten oder pflegten – minimal zufriedener waren als Frauen. Mit dem Eintritt in die Pflegetätigkeit ändert sich Verhältnis: Frauen, die ihre Partner pflegen, sind nur geringer unzufriedener mit ihren Haushaltsaufgaben  (von durchschnittlich 6.7 auf 6.4). Die Zufriedenheit der Männer mit ihrer Haushaltstätigkeit hingegen sinkt hingegen stärker (von durchschnittlich 6.8 auf 6.2).

Der Grund hierfür scheint in der nun aufgewendeten Zeit für Haushaltstätigkeiten zu liegen: Männer geben vor ihrer Pflegetätigkeit an, unter der Woche durchschnittlich 1.3 Stunden pro Tag im Haushalt zu arbeiten. Während der Pflege sind es 2.4 Stunden. Frauen geben vor ihrer Pflegetätigkeit bereits 3.2 Stunden pro Tag an Haushaltsarbeiten an. Während der Pflegezeit erhöht sie sich «nur» auf 3.4 Stunden. Eine weitere Studie zu Geschlechterunterschieden bei Partner-Pflege und Haushaltstätigkeiten zeigt ähnliche Resultate (Langner & Fürstenberg 2018).

Zufriedenheit mit der Freizeit

Am deutlichsten zeigt sich die abnehmende Zufriedenheit, wenn es um die Bewertung der eigenen Freizeit geht.

Animierter Graph_freizeit (Quelle: R. Gerlich)
Zufriedenheit mit der eigenen Freizeit: abnehmend (Quelle: R. Gerlich)

Dieser «Einbruch» ist nicht verwunderlich, wie die nähere Betrachtung zeigt: Die Freizeit reduziert sich werktags von durchschnittlich 2.4 auf 1.8 Stunden. Und hier gibt es einen paradoxen Geschlechterunterschied: Zwar haben Männer durch die Pflege werktags 1 Stunde weniger Freizeit zur Verfügung als zuvor (Frauen: ca. 30 Minuten), aber bei Männern scheint dies eine geringere Auswirkung auf die Freizeitzufriedenheit zu haben als bei Frauen. Bei Männern sinkt die Freizeitzufriedenheit von durchschnittlich 7.6 auf 6.9. Bei Frauen von durchschnittlich 7.3 auf 6.3. Welcher Mechanismus dahintersteckt, muss noch genauer untersucht werden.

Weitere Analysen für andere Länder?

Bislang fanden diese Berechnungen nur mit deutschen Daten statt. Derzeit werden Daten von weiteren längsschnittlichen Haushaltsbefragungen aus anderen Ländern differenziert betrachtet, um annähernde Wiederholungsstudien anzustreben. Annähernd deswegen, weil nicht alle Daten 1:1 verfügbar sind. Länder mit wiederholten Haushaltsbefragungen sind neben Deutschland z. B. die Schweiz, Grossbritannien und Kanada.

Fazit

Die Aufdeckung des Mechanismus’ hinter der Veränderung der Lebenszufriedenheit bei informeller Pflegetätigkeit sind noch sehr oberflächlich. Längsschnittbefragungen können helfen, zeitliche Verläufe zu diesen Mechanismen abzubilden. Erste Forschungsergebnisse – wie die hier vorgestellten – zeigen, dass das Einkommen, bedingt durch das höhere Lebensalter und der damit einhergehenden Nicht-Veränderung im Erwerbsstatus, keinen Erklärungswert liefert. Grossen Erklärungswert hingegen hat die Zufriedenheit mit den Haushaltstätigkeiten und der eigenen Freizeit.

Was denken Sie? Diskutieren Sie mit!

  • Welche Erfahrungen haben Sie in der häuslichen Pflege gemacht?
  • Was hat Ihre Lebenszufriedenheit dabei positiv beeinflusst?
  • Welche Möglichkeiten sehen Sie, der teilweise doch sehr stark abfallenden Zufriedenheit in den einzelnen Lebensbereichen entgegenzuwirken?
Regina Gerlich

Regina Gerlich

Regina Gerlich studierte Soziologie an den Universitäten Konstanz und Mannheim. Ihr methodischer Schwerpunkt liegt in der quantitativen Sozialforschung. Sie promoviert an der Universität Bremen zum Thema Pflegende Angehörige. Seit Februar 2018 ist sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Careum Forschung beschäftigt.

2 thoughts on “Partner-Pflege und Lebenszufriedenheit

  • 2018-10-11 at 21:06
    Permalink

    Ohne Angehörigen-Pflege würde unser Gesundheitssystem gar nicht funktionieren. Stimmt! Unsere gesamte Gesellschaft würde ohne unentgeltliche Arbeit nicht funktionieren. Wenn die Ökonomen ein relevantes Problem noch nicht gelöst haben, dann dieses.

    Reply
    • Regina Gerlich
      2018-10-22 at 15:46
      Permalink

      Vielen Dank für Ihren Beitrag, Herr Schneuwly. Ich stimme Ihnen zu, dass Gesundheit und Pflege nicht die einzigen Bereiche sind, die von den ehrenamtlichen (Mit-)Arbeiten von Angehörigen und weiteren sozial engagierten Personen sehr profitieren.
      Sie sind wichtige Pfeiler für ein funktionierendes Miteinander. Denn Vereine, Feuerwehr, Nachbarschaftshilfe – und nicht zuletzt auch das politische System – beruhen ja auf Freiwilligenarbeit. Einblick über die Freiwilligenarbeit in der Schweiz geben auch die Zahlen des Bundesamtes für Statistik.
      Damit Pfeiler auch ein tragbares und nachhaltiges Fundament bilden, muss man Sorge zu ihnen tragen. Dies gilt auch für die Pflege für Angehörige. Ohne sie funktioniert unser Gesundheitssystem nicht – deshalb ist es wichtig, dass sie die nötige Unterstützung erhalten.
      Mit den besten Grüssen
      Ihre Regina Gerlich

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