Früher helfende Engel, heute Wissenschaft

In Kürze: Vor 200 Jahren erblickte die Pflegepionierin Florence Nightingale das Licht der Welt. Zu ihren Ehren machen wir eine Zeitreise durch die Geschichte der Pflege: vom «Liebesdienst» am Menschen bis hin zur evidenzbasierten Wissenschaft.


Florence Nightingale war entsetzt, als sie die Zustände in den Lazaretten der englischen Truppen während des Krimkriegs 1853 sah. Viele der Soldaten starben an Seuchen und infizierten Wunden wegen unsachgemässer Versorgung. Florence Nightingale setzte sich für mehr finanzielle Mittel für die Lazarette ein und legte Hygiene­ und Behandlungsstandards fest. Damit wurde sie weit über die englischen Landesgrenzen hinaus berühmt.

Nach ihrer Rückkehr aus dem Krieg gründete sie Pflegeschulen, veröffentlichte über 200 Schriften zu pflegerischen Themen und prägte die Professionalisierung der Krankenpflege wie wohl kaum jemand zu dieser Zeit. Umso paradoxer war das idealisierte, mütterlich­-aufopfernde Bild, das in der Öffentlichkeit von ihr gezeichnet wurde. Eine gängige Schublade, in die man Pflegende noch lange stecken würde – auch in der Schweiz.

Portrait Of Florence Nightingale

200. Geburtstag der Pflegepionierin

Die britische Krankenschwester Florence Nightingale (12.5.1820–13.8.1910) prägte die Entwicklung zur professionellen Krankenpflege mit ihren Publikationen und der Reform des Sanitätswesens in Grossbritannien. Sie trug wesentlich zur Professionalisierung und zur gesellschaftlichen Anerkennung der Krankenpflege bei. Weil sich der Geburtstag der Pflegepionierin zum 200. Mal jährt, hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf das Jahr 2020 als weltweites Jahr der professionell Pflegenden und Hebammen ausgerufen. Das Ziel ist es, den Beitrag der Pflegefachpersonen und Hebammen zur Verbesserung der Gesundheit weltweit ins Rampenlicht zu rücken.

Aufbruchstimmung – aber nicht in der Pflege

Das 19. Jahrhundert brachte viele medizinische Errungenschaften hervor. Mit der Entdeckung des Penicillins konnten bakterielle Infekte geheilt werden. Die Fortschritte in der Anästhesie ermöglichten grössere Operationen.

So wurden die Siechen­ und Sterbehäuser allmählich zu Spitälern, und die Kran­kenpflege verschob sich von zu Hause in die Krankenhäuser. Der Bedarf an Pflegepersonal stieg und war bald nicht mehr mit den in den Spitälern tätigen Ordensschwestern (daher der Begriff «Krankenschwester») zu decken.

Gleichzeitig veränderte sich mit der Industrialisierung das Frauenbild. Männer sorgten neu für das Einkommen, Frauen erledigten den Haushalt. «Weibliche» Arbeit verlor damit an Ansehen in der Gesellschaft. Pflege fiel unter diese weiblichen Tätigkeiten – undenkbar, dass ein Mann sie ausübte. Entsprechend schlecht waren Lohn, Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen.

Es verwundert also nicht, dass sich damals nur wenige Frauen für die Krankenpflege entschieden. Daran änderten auch die ersten nicht­konfessionellen Krankenpflegeschulen zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorerst nichts. Eine davon war etwa die Schwesternschule mit Ausbildungsspital vom Roten Kreuz Zürich-Fluntern, die auf dem Careum Campus errichtet wurde.

Helfende Engel

Die Ungerechtigkeiten, denen Pflegende sich gegenübersahen, wurden mit demselben überzeichneten mütterlich­-weiblichen Idealbild entschuldigt, das schon Florence Nightingale zuteil wurde. Oft wurden Pflegende als Engel dargestellt und ihre Arbeit als «Liebesdienst» am Menschen bezeichnet, dessen Lohn sich aus dem moralischen Wert ergab.

Durch unvernünftige Arbeitszeit, die nicht selten 15 bis 16 Stunden pro Tag beträgt, durch andauerndes Nachtwachen ohne genügende Gelegenheit zum Tagesschlaf werden konfessionelle und frei erwerbende Pflegerinnen in ihrer Gesundheit geschädigt, ihre Kräfte werden rasch verbraucht, und es ist kein Zufall, dass die Erkrankungs­- und Sterbeziffer beim Pflegepersonal eine abnorm hohe ist.

Walter Sahli (1860–1916), Zentralsekretär des Schweizerischen Roten Kreuzes

Die Krankenpflegeschulen stützten dieses Berufsbild und forderten die «unhinterfragte Entgegennahme und Ausführung von Anordnungen sowie Bescheidenheit und Takt». Selbst Opfer ihrer Zeit, stützten auch viele Pflegende dieses Bild.

Tatsächlich forderten die Zustände aber ihren Tribut. «Durch unvernünftige Arbeitszeit, die nicht selten 15 bis 16 Stunden pro Tag beträgt, durch andauerndes Nachtwachen ohne genügende Gelegenheit zum Tagesschlaf werden konfessionelle und frei erwerbende Pflegerinnen in ihrer Gesundheit geschädigt, ihre Kräfte werden rasch verbraucht, und es ist kein Zufall, dass die Erkrankungs­- und Sterbeziffer beim Pflegepersonal eine abnorm hohe ist», beschrieb Walter Sahli (1860–1916), Zentralsekretär des Schweizerischen Roten Kreuzes, die Situation.

Vom Ideal zur Profession

Ende des Zweiten Weltkriegs sah sich die Schweiz mit einem nie dagewesenen Pflegekräftemangel konfrontiert. Zusammen mit dem Druck von Verbänden ebnete dieser 1947 den Weg für den ersten bundesweiten Normalarbeitsvertrag. Er beinhaltete Massnahmen für den Gesundheitsschutz der Pflegenden – ein Meilenstein.

Der gesellschaftliche Wandel, die zunehmende Komplexität des Gesundheitssystems und neue Therapieformen in der Medizin in den Jahrzehnten danach erforderten auch eine Weiterentwicklung der Pflege. Pflegetheorien und ­-modelle wurden entwickelt – den deutschsprachigen Raum dominierte unter anderen auch die Schweizerin Liliane Juchli mit ihrem Modell der «Aktivitäten des täglichen Lebens».

Die Zeiten des reinen Entgegennehmens und Ausführens von Anweisungen waren vorbei. Die Pflege wurde zur Profession mit eigenen Methoden und Zielen.

Pflege schafft Wissen

Heute ist die Pflege eine evidenzbasierte Wissenschaft. Seit dem Jahr 2000 ist sie universitär vertreten, und in den Spitälern wird klinische Forschung betrieben. Zusätzlich wird etwa am Forschungsinstitut der Careum Hochschule Gesundheit über die Betreuung von und durch Angehörige geforscht. Die Pflege ist überall im Gesundheitswesen aktiv, darin einer der zentralen Akteure und national wie international gut vernetzt.

*Dieser Artikel wurde mit freundlicher Unterstützung vom Universitätsspital Zürich (USZ) zur Verfügung gestellt. Er ist der Auftakt einer Serie zum Jahr der Pflege und Hebammen, mit der das USZ der breiten Öffentlichkeit zeigt, wie professionelle Pflege aussieht und was sie leistet.


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Manuela Britschgi

Manuela Britschgi

Manuela Britschgi ist BSc Angewandte Psychologie und arbeitet als Projektleiterin für interne Kommunikation am Universitätsspital Zürich.

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