10 Jahre «work & care»

In Kürze: Erwerbstätig sein und kranke, behinderte oder hochaltrige Angehörige haben – das ist kein Einzelphänomen. Rund 300'000 Personen in der Schweiz sind in dieser Situation, in Betrieben mindestens 12 Prozent der Mitarbeitenden. In 10 Jahren «work & care» hat Careum Forschung Hintergründe erarbeitet, Impulse für die Praxis und für Medien geliefert sowie eng mit Behörden zusammengearbeitet.

Ein Stein im Wasser zieht seine Kreise

Alles begann 2007 mit einem Projekt von Careum Forschung zusammen mit der damaligen Bank Coop (heute Bank CLER) und der Schweizerischen Alzheimervereinigung. Dies mündete in ein Forschungs- und Entwicklungsprogramm mit drei Handlungsfeldern. Nun zieht es weiter seine Kreise:

Ein Meilenstein war 2014 der Bundesratsbericht und Aktionsplan zu pflegenden und betreuenden Angehörigen, in dem die Vereinbarkeit für erwerbstätige Angehörige mehrfach aufgenommen wurde. Davor fand zwischen den Bundesdepartementen ein mehrjähriger Prozess in der «Interdepartementalen Arbeitsgruppe work & care» statt. Ich bin allerdings froh, dass diese Arbeitsgruppe den Fokus von den erwerbstätigen Angehörigen hin zu den Angehörigen generell erweiterte, denn Angehörige sind seit Jahrzehnten die wesentliche Stütze in der häuslichen Pflege. Nicht erst seit die Angehörigen Beruf und Pflege vereinbaren sowie die Wirtschaft und Behörden darauf aufmerksam wurden. Inzwischen sind auch junge pflegende Angehörige im Gespräch, dank den Arbeiten meiner Kollegin Prof. Dr. Agnes Leu und ihrem Team.

Nach zehn Jahren Aktivitäten zu «work & care» freuen wir uns nun sehr, dass das Förderprogramm «Entlastungsangebote für pflegende Angehörige 2017–2020» des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) Fahrt aufnimmt und 2018 erste Ergebnisse zeigen wird. Careum Forschung ist mit starken Partnern in mehreren Mandaten beteiligt, u. a. bei einer repräsentativen Umfrage der Schweizer Bevölkerung zusammen mit gfs.Bern.

Dennoch: Etwas mehr Mut erwünscht

Aus Angehörigensicht hätte der Bundesratsbericht allerdings etwas moderner und mutiger formuliert werden können. Dies schildert eine Angehörige mit langjähriger Vereinbarkeit so:

Die Sicht einer Angehörigen: «Nötig sind passgenaue und bezahlbare Unterstützungsangebote»
Die Pflegefachfrau und Pflegepädagogin Elsbeth Fischer-Doetzkies – bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 2012 stets Vollzeit berufstätig – unterstützt(e) als pflegende Angehörige seit rund 20 Jahren nahestehende Personen.

«Der Bundesratsbericht ist ein wichtiger Schritt. Denn erstmals wird die immense und unentgeltliche Arbeit der Angehörigen in der Gesundheitsversorgung von höchster politischer Ebene wahrgenommen. Erkannt wird, dass es für Angehörige immer schwieriger wird, die Unterstützung für ihre Nächsten in vollem Umfang zu leisten – u. a. wegen der vermehrten Erwerbstätigkeit von Frauen oder kleineren Familien. Gleichzeitig postuliert der Bundesrat mehrmals, dass der steigende Pflegebedarf vom Gesundheitswesen allein nicht geleistet werden könne. Pflegende Angehörige sollen nun also adäquate Rahmenbedingungen und Angebote erhalten, damit sie die unentgeltliche Unterstützungsarbeit weiterhin leisten, dabei gesund bleiben und ihre eigene Existenz sichern können. Mein Eindruck ist aber auch, dass Angehörige im Bericht stark als Mängelwesen dargestellt werden. Es ist oft von Überforderung, Überlastung, Erschöpfung, Gesundheitsstörungen etc. die Rede.

Nicht nur eine «Last»
Langandauernde, sich ständig verschlechternde und oft unplanbare Pflegesituationen rund um die Uhr strapazieren natürlich die Ressourcen der Angehörigen. Aber den Begriff «Entlastung» verwende ich nicht gern. Er impliziert zu einseitig die «Last». Es ist nicht immer und nicht für alle Angehörigen eine Last, zu pflegen. Es kann sich jedoch immer wieder als Belastung auswirken, aber dann möchte ich wählen können, was ich wann, wie lange, wo, mit wem und in welchem Umfang an Unterstützung nutze. Deshalb sind passgenaue und bezahlbare Unterstützungsangebote dringend nötig. Zudem: für Menschen in der Arbeitswelt gelten seit langem Schutzgesetze – für pflegende Angehörige gibt es bis heute nichts Vergleichbares.

Aber: Angehörige sind nicht nur unterstützungsbedürftig, sie haben auch Substanzielles zu bieten. Sie sind Expertinnen und Experten auf ihrem Gebiet und wissen genau, was sie alles tun. Sie können in der Regel ziemlich genau sagen, was sie wann und wo in welchem Umfang an individueller Unterstützung brauchen und welche Arrangements die Pflegearbeit erleichtern können. Deshalb finde ich wichtig, Angehörige an den Strategien und Prozessen zur Verbesserung ihrer Situation aktiv zu beteiligen. Ihre Expertise und ihre Nutzer-Perspektive müssen bei der Angebotsentwicklung im Zentrum stehen.

Etwas mehr Mut
Der Bericht sollte etwas mutiger umgesetzt werden als im Original-Text vorgesehen, denn die Massnahmen in den vier Handlungsfeldern entsprechen nicht ganz der Vehemenz, mit der die Angehörigen als unverzichtbare Leistungserbringer postuliert werden. Mut heisst dabei, den Föderalismus in den Hintergrund und die Anliegen der Angehörigen in den Vordergrund zu rücken. Zudem: Angebote, die Angehörige nutzen können, sind fast alle kostenintensiv. Eine finanzielle Unterstützung darf deshalb nicht bei der Massnahme «ist zu prüfen» stehen bleiben. Zudem braucht es für das umfassende Leistungsspektrum der Angehörigen Informationen, die zentral zugänglich, aktuell, korrekt, koordiniert und konkret sind. Genauso notwendig sind verbesserte Datengrundlagen, damit Angebote nicht nach Gutdünken, sondern datenbasiert entwickelt werden. Dazu gehört auch, dass Angebote zusammen mit Angehörigen gestaltet und geprüft werden. Das bedeutet, Angehörige wirklich als Mit-Versorgende und Koproduzierende von Gesundheit anzuerkennen.»

— Elsbeth Fischer-Doetzkies (aus: Jähnke, A., & Bischofberger, I. (2015). Entlastung von Angehörigen neu denken: Bundesrätlicher Aktionsplan zur Unterstützung für betreuende und pflegende Angehörige. Krankenpflege – Soins infirmiers, 108(5), S. 20. PDF)

work & care in Organisationen und Betrieben

Seit 2007 haben sich verschiedenste Organisationen und Betriebe mit work & care beschäftigt. Hier eine Auswahl:

Langjähriges work & care-Team

Ein zehnjähriges Forschungsprogramm wäre ohne ein eingespieltes Team nicht möglich. Zusätzlich zu den gemeinsamen Projekten fokussiert jedes Teammitglied Themen, die für erwerbstätige Angehörige auch wichtig sind:

Portraitfoto Karin van Holten | Urheber: Careum

Karin van Holten, Sozialanthropologin: Sie beschäftigt sich mit transnationaler Sorgearbeit, u. a. wie erwerbstätige Angehörige mit Care Migrantinnen zusammen den Alltag ihrer Nächsten meistern. Ihr Steckenpferd sind zudem Genderfragen und wie Männer und Frauen die Vereinbarkeit angehen.

Portraitfoto Anke Jaehnke | Urheber: Careum

Anke Jähnke, Pflegefachfrau, Soziologin und Gesundheitswissenschafterin: Ihr Fokus ist auf Gesundheitsfachpersonen, die sich in der Freizeit um ihre Nächsten kümmern. In ihrer klinischen Arbeit in der Onkologiepflege im Robert Bosch Krankenhaus leistet sie regelmässig den Transfer von der Forschung in die Praxis.

Portraitfoto Andrea Kaeppeli | Urheber: Careum

Andrea Käppeli, Pflegefachfrau und Pflegewissenschaftlerin: Sie sorgt als Bachelor-Studiengangleiterin dafür, dass der pflegewissenschaftliche Nachwuchs mit Fragen zu work & care vertraut ist. Auch in ihrer Arbeit als Pflegeexpertin MSc am Spital Muri fliessen work & care-Themen ein.

work & care in der Aus- und Weiterbildung

Modul Family Care | Urheber: Careum
Das Modul Family Care während des Leistungsnachweises als Posterpräsentation | Foto: Christine Rex, Kalaidos Fachhochschule Gesundheit

Alle Teammitglieder übernehmen Lehrveranstaltungen zu work & care in verschiedenen Studiengängen an der Kalaidos Fachhochschule Gesundheit, z. B.:

  • Anonymisierte Datensätze zu work & care-Betriebsumfragen werden im Studiengang BSc in Nursing im Statistikunterricht verwendet.
  • Im MSc in Nursing Studiengang entwickeln die berufstätigen Studierenden innovative Betreuungsmodelle zugunsten von erwerbstätigen Angehörigen, die sie an ihrem Arbeits- oder Wohnort soweit möglich auch konkret umsetzen.
  • Care Migration und work & care sind im Modul «Family Care» integriert und erreichen so Studierende aus Spitex, Pflegeheimen, Spitäler und Kliniken.
  • Kurze oder längere Seminare halten wir für Betriebe oder an Kongressen. Sie sind hier dokumentiert.

Die nächsten 10 Jahre…

Laptop und Stethoskop | Pexels: #263370 | Urheber: Pexels.com

… braucht es v. a. Begleitforschung, um zu sehen, wie Veränderungen in Betrieben vorankommen und was nachhaltig wirkt. Zudem braucht es in unserem «Stammland» – der Gesundheitsversorgung – Anschub für work & care.

… können erwerbstätige Angehörige oft nicht zeitnah und zeitintensiv vor Ort sein. Deshalb brauchen sie andere Kommunikationswege und bessere Koordination der Leistungen. Auch unser neues Thema «Distance Caregiving» wird hier wichtig, denn Angehörige können über geographische Grenzen hinweg helfen. Dies zu würdigen, ist für Gesundheitsprofis oft noch ein neuer Gedanke.

… wollen wir im «work & care»-Team noch mehr und enger mit ausländischen Kolleginnen und Kollegen zusammenarbeiten, denn z. B. in Australien oder Grossbritannien sind work & care-Aktivitäten weiter vorangeschritten.

Impulsveranstaltung : «Berufstätig sein und Angehörige pflegen: Wie gelingt dies?»

Einer Erwerbsarbeit nachgehen und gleichzeitig Angehörige betreuen, ist eine grosse Herausforderung. Am Montag, 30. Oktober 2017, organisiert der Entlastungsdienst Schweiz zum Tag für pflegende und betreuende Angehörige die Impulsveranstaltung «Berufstätig sein und Angehörige pflegen: Wie gelingt dies?» im Careum Auditorium in Zürich. Wie der Spagat zwischen Job und Angehörigenbetreuung gelingt, welche Modelle Erfolg versprechen und konkrete Beispiele aus dem Alltag sind Themen der verschiedenen Referate der Tagung.

Diskutieren Sie mit!

– Was sind Ihre Erfahrungen als Arbeitgeber oder Arbeitnehmerin?

– Welches sind Ihre Erfolgsfaktoren für eine gelingende Vereinbarkeit von work & care?

– Was sind Ihre Empfehlungen, was wir bei Careum Forschung zu work & care weiter tun können?

Hier erfahren Sie mehr…

– Laufende Informationen für die Praxis und die Forschung.
– Publikationen und Präsentationen von Careum Forschung

Iren Bischofberger

Prof. Dr. Iren Bischofberger ist Prorektorin der Kalaidos Fachhochschule Gesundheit und dort Professorin für Pflege- und Versorgungsforschung. Sie leitet bei Careum Forschung das Programm work & care (www.workandcare.ch).

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