Fragen aus dem Careum Forum 2017

In Kürze: Eine umfangreiche Sammlung von Fragen zum #careumforum 2017 ist aus dem Publikum bei uns eingegangen.
Prof. Dr. Iren Bischofberger,  Programmleiterin «work & care» bei Careum Forschung, liefert nun die Antworten dazu. 
Neben praktischen Anliegen der «Gesundheitsversorung zu Hause» finden Sie hier auch Beiträge zur Finanzierung.

Gelingt Austausch unter Fachpersonen?

Die beiden Gesprächsrunden zum Thema «So gelingt Gesundheitsversorgung zu Hause» haben es am Careum Forum 2017 gezeigt. Kommunikation zwischen allen Beteiligten ist in der Zusammenarbeit enorm wichtig. So unterstützt ein gemeinsam nutzbares Instrument vor Ort – oft genügt ein Heft, es gibt aber auch schon Whatsapp-Gruppen – den einfachen Austausch über Verlauf, Massnahmen, Kontakte und Wünsche von Angehörigen. Wer neu hinzukommt, muss informiert und eingebunden werden. Sobald eine Fachperson  auf dem aktuellen Informationsstand ist, kann sie wirklich mitreden. Fragen und Anliegen von Betroffenen und Angehörigen brauchen Aufmerksamkeit und genügend Zeit.

Interprofessionelle Zusammenarbeit entsteht über:

  • Klare Absprachen
  • Round-Table-Gespräche
  • Fallbesprechungen
  • Gemeinsame Treffen in Netzwerken
Patientendossier einführen und aktuell halten

FRAGE__ Im ambulanten Bereich sind die Absprachen unter Fachpersonen teilweise noch sehr beschränkt. Wie könnte die ambulante Rehabilitation und Betreuung von Betroffenen gefördert und auch entsprechend finanziert werden (Abrechenbarkeit von interdisziplinärer Zusammenarbeit)?

ANTWORT Iren Bischofberger__ Hier verspreche ich mir einen Druck von der Bevölkerung, dass sie das Patientendossier von den ambulanten und häuslichen Leistungserbringern einfordert, denn diese sind ja gemäss Gesetz nicht zur Anwendung verpflichtet. Oder dass die Bevölkerung andere Leistungserbringer wählt, die digital mit der Zeit gehen. Es braucht hier sicher auch Anreize von Gemeinden, Kantonen und auch Kostenträgern, dass sie die Leistungserbringer bei der Infrastruktur unterstützen.


Erste Gesprächsrunde mit Dr. Philippe Luchsinger, Dr. Judith Alder, Kristina Levine-Bürki und Moderator Dr. Beat Sottas.

Mobile Dienste – flexible Angebote

Mit den wechselnden Anforderungen an die Gesundheitsversorgung zu Hause passen sich auch die Angebote an. So bekommen mobile Kliniken Aufwind.

Mobile Zahnarztpraxis auf Achse

FRAGE___  Chronisch kranke und/oder multimorbide hochaltrige (und oft demente) Menschen können zu Hause häufig nicht mehr oder nur unter grösstem Aufwand mobil sein.  Es fällt ihnen auch schwer, ausserhäusliche Dienstleistungen zu beanspruchen. Gerade bei zunehmender Isolation und/oder Demenz ist die Hör- und Sehfähigkeit und der Zahnstatus wichtig, sprich das Prothesenmanagement und die damit verbundene Fähigkeit zu Essen.
Inwiefern bestehen Ansätze, mobile Dienste für Augenkontrollen, Brillenanpassungen, Prothesen- und Zahnmanagement und Hörtests/Hörgerätmanagement für diese Population aufzubauen, resp. auszubauen. Was besteht schon diesbezüglich?

ANTWORTEN AUS DEM FORUM__ Aufgrund der rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen können heute solche Dienste nur punktuell angeboten werden. Wichtig ist daher, dass die jeweiligen Beratungsstellen auf die Bedarfe angesprochen werden. Sie können die Kontakte gut herstellen.

ANTWORT IREN BISCHOFBERGER___ Es gibt Zahnkliniken, wie z. B. die Universitätszahnklinik am UniversitätsSpital Zürich, die eine mobile Zahnklinik  führen. MobiDent heisst das Angebot der Höheren Fachschule für Dentalhygiene des Careum Bildungszentrums: Studierende der Zahnmedizin behandeln zusammen mit angehenden Dentalhygienikerinnen und Dentalhygienikern im Team Bewohnerinnen und Bewohner vor Ort in Alterseinrichtungen.

In unserem MSc in Nursing Studiengang an der Kalaidos Fachhochschule absolvieren die Studierenden eine Lerneinheit in der Zahnklinik, da in der Tat der Mundstatus bei Patientinnen und Patienten im Privathaushalt oder im Pflegeheim problematische Folgen haben kann. Im Kanton Uri hat sich ein Zahnarzt selbstständig gemacht und dazu ein Auto umgebaut. Er fährt so zu seinen Klientinnen und Klienten.

Pflegeberatung zu Hause durchführen

FRAGE__ Welche Rolle sollte zukünftig die Pflegeberatung bei der Gesundheitsversorgung zu Hause spielen?

ANTWORT IREN BISCHOFBERGER___ Beratung im Sinne der Krankenpflege-Leistungsverordnung (KLV, Art. 7), die für Spitex- und Pflegeheim-Leistungen gilt, ist für Patientinnen und Patienten sowie für Angehörige vorgesehen und wird auch von der Krankenversicherung vergütet.

Was Pflegefachpersonen der Spitex inhaltlich konkret an Beratung anbieten, entscheiden sie selber. Dazu macht der Gesetzgeber keine Vorgaben. Entsprechend müssen sie Beratungskompetenzen haben und auch eine Vorstellung davon, zu welchen Inhalten eine Beratung im Patienten- und Angehörigenalltag nötig ist. Angehörige werden in der KLV als «nicht beruflich an der Krankenpflege Beteiligte» bezeichnet.

Stolperfallen ausräumen

Je nach Lebensphase passt sich die Wohnsituation und der Lebensraum an die jeweiligen körperlichen und geistigen Verhältnisse an. Einrichtungen und Infrastrukturen sollen so gestaltet sein, dass sie sicher, angenehm und freundlich sind. Miteinander leben und wirken soll bis ins höchste Alter möglich sein.

Digitale und andere Helferlein erleichtern den Alltag

FRAGE__ Thema «smart home»: Wie sehen Einsatzszenarien für digitale Helfer und Vernetzung – von Trackern bis Alarmsystemen und Sensoren (Sturz/Bewegungsmelder/Kommunikationssysteme) – aus?

ANTWORT IREN BISCHOFBERGER__ Hier gibt es viele viele interessante Ansätze und auch bereits Produkte. Nur schon die Weiterentwicklung altbekannter Hilfen, wie z. B. ein wasserdichter Notruf, der in der Dusche getragen werden kann. Oder auch die Rollatoren, die immer leichter und wendiger werden, erlauben bessere Mobilität im Haus und unterwegs.

Neuere, IT-gestützte Hilfen werden v. a. im Rahmen von «Active & Assisted Living» (AAL) Programmen entwickelt und getestet. Bei der Markteinführung harzt es dann allerdings oft. Denn diese Tools brauchen auch eine digitale Begleitung der Nutzerinnen und Nutzer, z. B. bei Softwarefragen. Und diese Hilfen müssen in sehr vielen Haushalten individualisiert greifen. Das wird rasch zu einer logistischen und personellen Knacknuss.


Zweite Gesprächsrunde mit Barbara Pfenninger, Silvia Rigoni, Petra Kern und Moderator Dr. Beat Sottas.

«Hilfe ist da, aber man muss sie holen»

Den einzeln betroffenen Bürgerinnen und Bürgern stehen Anlaufstellen für Sozialversicherung und Zusatzleistungen, Beratungsstellen und Begleitmassnahmen zur Seite. Gleichzeitig ist das Geflecht von Bestimmungen und Gesetzen so komplex und in jedem Fall wieder spezifisch unterschiedlich, dass dringender politischer Handlungsbedarf besteht.

Informationsdrehscheibe für Entlastungen

FRAGE__ Welche Kantone sind in der Thematik mit den Entlastungsmöglichkeiten führend (Steuern, Pflegeangebote, Nottelefon für heikle Situationen, Anstellungen von Angehörigen bei Spitex, betriebliche Unterstützung, etc.)?

ANTWORT IREN BISCHOFBERGER__ Sehr fortschrittlich ist der Kanton Waadt. Generell ist die französische Schweiz weiterentwickelt bei der Unterstützung der «proches aidant(e)s» (also der pflegenden und betreuenden Angehörigen).

In der Deutschschweiz ist die Vielfalt sehr gross, so dass der Überblick über «die Besten» bei Kantonen und Gemeinden schwierig ist. Das Fördeprogramm zu Entlastungsangeboten von pflegenden Angehörigen vom Bundesamt für Gesundheit soll genau hier wesentlich bessere Aussagen ermöglichen.

Grundsätzlich gilt, was am Careum Forum 2017 öfters wiederholt worden ist: Es gibt für viele Sachfragen und Problemlagen Beratungsangebote und Unterstützungsinstrumente, aber sie müssen gesucht und gefunden werden. In der Regel besteht gerade in der Deutschschweiz eine Holschuld der Betroffenen und Angehörigen. Darum ist es wichtig, sich an eine der vielen Beratungsstellen zu wenden.


Benedikt Fischer aus Gipf-Oberfrick, Vater einer mehrfach-beeinträchtigten Tochter zu den Herausforderungen im Alltag als pflegender Angehöriger

Informationen in Aus- / Weiterbildungen verankern

FRAGE__ Warum werden Anlaufstellen bzw. Fachstellen für Angehörige und ältere Menschen, die es in der Zwischenzeit in zahlreichen Gemeinden im Kanton Zürich gibt, von den Ausbildungsstätten kaum als Teil der ambulanten Versorgung wahrgenommen?
Hat dies eventuell auch damit zu tun, dass sich die Aus- und Weiterbildungsstätten mehrheitlich an den urbanen Verhältnissen (und Akutstrukturen) orientieren?

ANTWORT IREN BISCHOFBERGER__ Wo sich Case Management in Gemeinden oder die Koordinationsleistungen (KLV Art. 7) in der Spitex etabliert haben, ist das Bewusstsein für diese Angebote deutlich besser. Wir integrieren den breiten Horizont von Angeboten z. B. in unser Modul «Case Management» oder den MSc in Nursing Studiengang. Im Modul Case Management haben die Studierenden den Auftrag, Angebote aus ihrem Arbeits- oder Wohnumfeld zu recherchieren und mitzubringen. Am Präsenztag wird dann deutlich, wo sie Lücken bei ihrer Recherche haben, die wir gezielt aufzeigen, z. B. eben bei den Anlaufstellen.
Für die MScN Studierenden ist das Chronic Care Modell ideal, um die vielen Akteure in der Primärversorgung aufzuzeigen. Beim Punkt «Gemeinwesen» ist es immer wieder ein Augenöffner, wenn sie erkennen, dass es nicht nur Spitex und Arztpraxen gibt.

Wir bedanken uns bei Prof. Dr. Iren Bischofberger, Programmleiterin «work & care» bei Careum Forschung für die Antworten. Sie hat auch das Impulsreferat am Careum Forum 2017 gehalten.


Impuls aus Forschungs- und Bildungssicht – Zukunftsszenarien Gesundheitsstandort Privathaushalt, Prof. Dr. Iren Bischofberger

Führen Sie hier den Dialog weiter …

– Welche Zukunft erkennen Sie für den Gesundheitsstandort Privathaushalt?

– Wie schaffen Sie Durchsicht im Dschungel der Sozialversicherungen?

– Wie könnte das digitale «smart home» der Zukunft aussehen?

Mehr erfahren

Bericht Careum Forum 2017

Blogbeitrag zum Thema «Home Care» von Prof. Dr. Iren Bischofberger

Yvonne Vignoli

Wissensmanagement, Webentwicklung, Web- und Lerntechnologien bei Careum Bildungsentwicklung – seit September 2014 Meine Arbeitsfelder der letzten Jahre Konzeptarbeit für Lernen mit neuen Medien und Internet in Bildungsinstitutionen Dozententätigkeit und Projektmanagement – Ausbildung der Ausbildenden, Webauftritte, Projekte mit Social Media Plattformen

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