Open Access: Frei zugänglich = besser sichtbar?

Open Access ist auf dem Vormarsch. Wird wissenschaftliche Literatur leichter gefunden, wenn sie frei zugänglich ist? Nicht immer, was hier an einem Recherche-Beispiel zu «work and care» gezeigt wird. Dabei kann mit wenigen, leicht umsetzbaren Tipps die Sichtbarkeit von Publikationen verbessert werden.

Als «freien Zugang zu wissenschaftlicher Information» wird Open Access im Allgemeinen definiert. Gemeint ist, dass Artikel aus wissenschaftlichen Zeitschriften und zunehmend auch Büchern im Internet kostenlos und öffentlich zugänglich sind. So sollen sie grösstmöglich verbreitet werden, damit sie für die weitere Forschung verwendet und zitiert werden können.

Einfach, niederschwellig und schnell

Dass der Zugriff auf wissenschaftliche Information möglichst einfach und schnell sein soll, bestreitet niemand ernsthaft. Aber die Umsetzung birgt zahlreiche Fallstricke. Um Überzeugungsarbeit zu leisten, publizierte die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften im Sommer 2014 ein Positionspapier. Am häufigsten diskutiert werden die rechtlichen Hindernisse und Kostenfragen.

Eine ebenso wichtige Frage tritt dabei oft in den Hintergrund: Die Sichtbarkeit. Kostenfreier und niederschwelliger Zugang bedeutet nicht automatisch, dass relevante Information auch gefunden wird.

Fraunhofer e-Prints 2013: «Open Access auf dem Vormarsch»

4 Millionen Treffer oder 3 relevante?

Eine kurze Beispielsuche zum Thema «Erwerbstätige mit pflegebedürftigen Angehörigen»: Sucht man bei Google Scholar nach den allgemeinen Stichworten «work» und «care», erhält man fast vier Millionen Treffer – nützliche und wenig brauchbare. Wer sucht, kommt nur mit ausgefeilten Suchstrategien zum Ziel, zum Beispiel mit der Abfrage «”paid work” “family care”». Hinzu kommt der übliche Google-Vorbehalt: Weil die Suchalgorithmen undurchsichtig sind, ist nicht klar, was als relevant angezeigt wird und was nicht.

  • Ausweg Nummer 1 – Kataloge von Bibliotheken: Wer im Rechercheportal der Hauptbibliothek der Universität Zürich die gleiche Suche nach «work» und «care» durchführt, findet auf Anhieb drei Publikation, die noch kein Jahr alt sind. Wer Open Access publiziert, sollte dafür besorgt sein, dass seine Publikationen in Bibliothekskataloge Eingang finden. Sie erhöhen die Sichtbarkeit.
  • Ausweg Nummer 2 – DOI-Nummern: Ein damit versehener Text lässt sich schnell finden, auch wenn er bloss als Referenz in einer Bibliografie auftaucht. Die «Digital Object Identifier» sind wie die ISBN-Nummern bei Büchern eindeutige und dauerhafte Adressen. Ursprünglich für Online-Artikel von wissenschaftlichen Journals geschaffen, werden die DOI-Nummern inzwischen zunehmend auch für andere Arten von Publikationen eingesetzt. Ihr konsequenter (und korrekter) Einsatz trägt viel zur Sichtbarkeit bei. Wer seine Publikation in einem Repositorium ablegt, das DOI-Nummern vergibt, verbessert die Sichtbarkeit.

Gezielt Open Access-Alternativen suchen!

Letztlich ist es das Knowhow der Verlage, das die Sichtbarkeit erhöht. Sie sind dafür besorgt, dass eine Publikation ihr Publikum findet – auch indem sie Bücher an Bibliotheken vertreiben und DOI-Nummern vergeben. Sie für Open Access zu gewinnen, ist wesentlich. Vor allem seit nicht mehr nur Zeitschriftenartikel sondern immer öfter auch Buchpublikationen frei zugänglich sind. Solange restriktive Bedingungen verhindern, dass Artikel online zugänglich sind, empfiehlt es sich für Autorinnen und Autoren vor jeder Publikation, gezielt nach einer Open-Access-Alternative zu suchen. Zu nicht wenigen «geschlossenen» Zeitschriften bestehen gute Alternativen mit offenen Modellen.

Und Ihre Meinung?

Lohnt es sich, gezielt in Fachzeitschriften mit freiem Zugang zu publizieren?
Oder sind Zeitschriften mit restriktivem Zugang unumgänglich?
Nutzen Sie die Suchmöglichkeiten in Repositorien grosser Forschungsinstitutionen, um Literatur zu finden?


Die Careum Stiftung und die Kalaidos Fachhochschule begrüssen und unterstützen Open Access. Zum Repositorium mit allen frei zugänglichen Publikationen von Careum Forschung: www.careum.ch/publikationen


Lesenswert

Aguzzi, A. (2015). Scientific publishing in the times of open access. Swiss Med Wkly, 145, w14118. doi:10.4414/smw.2015.14118

Scheufen, M. (2015). Copyright Versus Open Access: On the Organisation and International Political Economy of Access to Scientific Knowledge. Cham: Springer International Publishing. doi:10.1007/978-3-319-12739-2

Wang, X., Liu, C., Wenli, M., & Fang, Z. (2015). The open access advantage considering citation, article usage and social media attention. Scientometrics, 103(2), 555-564. doi:10.1007/s11192-015-1547-0

Sehenswert

The Rise of Open Access. Science, 4 october 2013: doi:10.1126/science.342.6154.58

8 thoughts on “Open Access: Frei zugänglich = besser sichtbar?

  • 2015-05-04 at 08:51
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    Lieber Adrian,

    ein hoch informativer Beitrag, vielen Dank!

    Ich halte es für absolut wichtig, dass open access publiziert wird. Forschungsergebnisse auf diese Art und Weise zugänglich zu machen ermöglicht es bspw. Patienten, Angehörigen und Akteuren, die diese Gruppe vertreten (‘advocacy’), Einblick in Evidenz zu nehmen und sich am Forschungsprozess aktiv zu beteiligen, der dann nicht mehr nur im «Elfenbeinturm» stattfindet…

    Wie du ja schreibst: Der Zugang zu neuem Wissen bliebe sonst eingeschränkt, würde «restriktiv» gehandhabt – was nicht mehr wirklich in unsere Wissensgesellschaft passt, oder?

    Beste Grüsse, Jörg

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    • 2015-05-04 at 16:28
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      Lieber Jörg

      Vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich stimme Dir ganz zu. Der grösste Trumpf von open access ist sicher die leichte und ortsunabhängige Zugänglichkeit und zwar – wie Du sagst – auch für Gruppen, die bislang diese Zugänge nur eingeschränkt hatten. Dennoch muss man sich die Frage stellen, ob die relevanten Informationen in der Datenflut auch gefunden werden. Welches könnten die Wege sein, um den von Dir angesprochenen Gruppen bei der Navigation durch die Fülle der Informationen behilflich zu sein?

      Adrian

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      • 2015-05-10 at 06:40
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        Lieber Adrian,

        du legst den Finger genau auf die richtige Stelle – wie kann ich als Versicherter, Patient oder Angehöriger angesichts der Flut an Informationen und Hinweisen für mich die richtigen, relevanten und vertrauenswürdigen Gesundheitsinformationen finden, um dann im Alltag gesundheitsförderliche Entscheidungen treffen zu können?

        Meines Erachtens gibt es hier keinen Königsweg. Um dennoch eine Hilfestellung bei der Informationssuche zu bieten, müsste das schon mehr sein als ein Repositorium, das ja – wenn ich das richtig verstanden habe – noch keine für die jeweilige Zielgruppe zugeschnittene Suchfunktion bietet, oder?

        Vielleicht wäre eine Kombination aus verschiedenen Elementen sinnvoll. Aufbereitete Literaturrecherchen und -analysen, wie sie bspw. die britische Health Foundation in ihrem Research Scan bietet, oder der Faktencheck Gesundheit, den die Bertelsmann Stiftung in Deutschland aufgebaut hat.

        Wären aus deiner Sicht solche Anlaufstellen bei der Suche nach Gesundheitsinformationen ausbaubar, wenn (noch mehr) open access Literatur zugänglich wäre?

        Viele Grüsse, Jörg

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        • 2015-05-22 at 14:18
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          Lieber Jörg

          Du sprichst einen wesentlichen Punkt an. Ein Repositorium macht die Texte zugänglich. Das heisst aber noch lange nicht, dass sie auch gefunden werden. Bislang verlinken die redaktionell aufbereiteten Literaturverzeichnisse wie Research Scan auf alle Arten von Literatur. Stösst man beim Klick auf ein Fundstück auf eine Bezahlschranke, kann dies gerade für Menschen, die im Umgang mit Literaturverzeichnissen wenig versiert sind, unbefriedigend sein. So gesehen liegt in der gezielten redaktionellen Aufbereitung von Zugängen zu Open Access-Texten Potenzial brach.

          Aus meiner Sicht sind genügend Publikationen open access zugänglich, um substanzielle Literaturverzeichnisse zusammenzustellen. Und Ansätze, schon bei der Literatursuche Open Access hervorzuheben, gibt es. Neben Datenbanken wie BASE erlaubt auch PubMed, Suchresultate nach «Free full text» zu filtern. Zudem kann man natürlich in OA-Datenbanken wie DOAJ suchen. Aber redaktionell kuratiert im Sinne einer gezielten thematischen Aufbereitung sind diese Suchmöglichkeiten nicht.

          Herzliche Grüsse, Adrian

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          • 2015-07-16 at 07:42
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            Lieber Adrian,

            ich bin eben noch auf diesen interessanten Blog-Beitrag einer Autorin bei der London School of Economics gestossen.

            Ihr Statement: “Open Access publishing is a transition period solution”. Und Fachartikel in klassischen wissenschaftlichen Zeitschriften könnten irgendwann der Vergangenheit angehören… Hier einsehbar: http://blogs.lse.ac.uk/impactofsocialsciences/2015/07/14/the-case-against-the-journal-article/

            Was meinst du dazu?

            Eine Analogie aus dem Musiksektor: Man hat in den 1980er Jahren den “Tod der Schallplatte” prophezeit, als die CD Einzug hielt. Heute hat der LP-Bereich Aufschwung und Streaming-Dienste lassen die CD langsam verschwinden… Passiert sowas auch im Publikationssektor der Wissenschaft? (“Totgesagte leben länger…”)

            Viele Grüsse, Jörg

          • 2015-07-21 at 13:58
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            Hallo Jörg

            Die Autorin hat sicher recht, dass es neben Fachartikeln auch andere und zukunftsträchtigere Formen für den wissenschaftlichen Diskurs und die Dissemination von Forschungsergebnissen gibt. In ihrer Feststellung, dass der Impact Factor und andere bibliometrische Messverfahren auch kontraproduktive Folgen haben können, kann ich nur zustimmen.

            Nur: Diskurse via Twitter, ResearchGate und andere Social Media mögen zwar aktuell und niederschwellig zugänglich sein. Aber nachhaltig sind sie nicht. Ausser Büchern und Zeitschriften sind mir keine anderen Publikationsformen bekannt, in denen ich auch in zehn oder zwanzig Jahren noch nachschlagen kann. Daher bin ich davon überzeugt, dass Fachartikel noch sehr lange Bestand haben werden. Nur die Modelle können und sollten sich den technischen Möglichkeiten anpassen: Von der gedruckten Zeitschrift zum Online-Open-Access-Artikel.

            Mit andern Worten: Weil die CD langsam zugunsten von Streaming-Diensten verschwindet, heisst das noch lange nicht, dass die Musik verschwindet…

            Herzliche Grüsse, Adrian

  • 2015-05-25 at 12:48
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    Lieber Adrian

    Danke für diesen interessanten Beitrag. Für mich kann man dieses wichtige Thema etwas unterteilen:

    1. Publikation – open-access oder mit copyright
    2. Verbreitung der Forschungsresultate nach Publikation – wie vereinfacht man den Zugang zu solchen Arbeiten auch wenn diese nicht Open Access sind.

    Punkt 1. Der entscheidende Faktor ist für mich die “Review” der eingereichten Artikel bei Experten. Dies ist sehr arbeitsintensiv. Leider wird dies von open-access Publikationen nur teilweise gemacht.
    Auch wenn es gemacht wird, ist diese Arbeit oft nicht unbedingt so genau oder extensiv wie dies bei Publikationen mit Copyright geschieht.

    In der D-A-CH Region ist die Thematik Open Access ein eher vernachlässigtes Thema (siehe Hoffman’s Artikel unten – sehr interessant inklusive Geschichte von Open Access).

    Punkt 2. Ein Vorabdruck des in der Fachzeitschrift zu publizierenden Artikels kann man auch als Download zugänglich machen. Dies geht auf der eigenen Webseite (z.B. an der Uni oder sonstwo).
    Forscher veröffentlichen diese Arbeiten auch auf elektronischen Plattformen wie z.B. SSRN, ResearchGate, Academia.edu und andere (siehe der Hoffman Artikel unten als Beispiel).

    Die gedruckte Version aus der Fachzeitschrift ist dann später ebenfalls als pdf Datei auf der Webseite der Autoren erhältlich. Dieser Download ist kostenlos im Gegensatz zur Webseite des Verlages.

    Wichtig ist das all diese Dinge auch unter Copyright möglich sind, d.h. gegen keinen Paragraphen verstossen. Leider machen Autoren im D-A-CH Raum des öfteren von dieser Möglichkeit nicht gebrauch.
    Dies behindert die weitere Verbreitung der Resultate der Forschung.

    All diese Dinge (z.B. Publikation auf meiner Webseite, e-Plattformen und der Publikation des Artikels in der Zeitschrift eines Verlages) erhöhen bekanntermassen die Anzahl der Zitierungen der Arbeit von anderen Forscherinnen.
    Die Steigerung der Zitierungen verbreitet wiederum die Beachtung der Arbeit und / oder deren Bekanntheitsgrad.

    Danke für diesen Artikel. Freue mich schon auf den nächsten von dir.
    Grüessli
    Urs

    Hofmann Jeanette (2015). Open Access: Ein Lackmustest. In Dreier, Thomas: Fischer, Veronika; van Raay, Anne; und Spiecker, Indra (Hrsg). Zugang und Verwertung öffentlicher Informationen. Baden-Baden: Nomos Verlag. Online: http://ssrn.com/abstract=2515844

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    • 2015-07-21 at 16:14
      Permalink

      Lieber Urs

      Dass der Review-Prozess bei Open Access-Publikationen schlechter als bei herkömmlichen Journals sei, ist ein weit verbreitetes Vorurteil, das meiner Meinung nach längst widerlegt ist, zum Beispiel in der bibliothekswissenschaftlichen Dissertation von Uwe Thomas Müller (2009). Für das Gesundheitswesen wiesen Björk & Solomon (2012) nach, dass in den Zitationsraten kaum Unterschiede zwischen Open Access- und Closed Access-Zeitschriften bestehen. Das Vorurteil geht vielleicht auf einen häufig zitierten und höchst umstrittenen Artikel in Science zurück. Aber es gibt natürlich wie überall unvermeidlicherweise einige schwarze Schafe – nicht nur bei Open Access-Publikationen, sondern auch bei herkömmlichen. Sie unter den Open Access-Journals zu identifizieren, ermöglicht die Beall’s List: http://scholarlyoa.com/publishers/.

      Die Möglichkeit PDFs online zur Verfügung zu stellen, schränken die meisten Verlage herkömmlicher Zeitschriften mit restriktiven Copyright Transfer Agreements stark ein. Ein Blick in SHERPA/RoMEO zeigt, dass wohl die meisten Autorinnen und Autoren ihre Rechte durchaus ausschöpfen – auch im deutschen Sprachraum. Viele Institutionen unterstützen sie dabei – wie zum Beispiel das ZORA-Team der Uni Zürich. Auch Careum Forschung stellt alle Publikationen online, wenn immer das urheberrechtlich möglich ist. Trotzdem dürfen die Forscherinnen und Forscher nicht mehr als zwei Drittel ihrer Publikationen frei zugänglich machen – im Vergleich zu anderen Institutionen übrigens ein recht hoher Wert. Die gedruckte Verlagsfassung als PDF auf die institutionelle Website oder eine Plattform wie ResearchGate zu stellen, ist in den meisten Fällen untersagt. Wäre das möglich, wären ja die Krietrien für den so genannten grünen Open Access-Weg erfüllt. Dass es viele Verlage erlauben, ein so genanntes Post-Print online zu stellen, ist ein Zugeständnis, das mir persönlich zu wenig weit geht, vor allem wenn es erst nach einer Sperrfrist von 12 Monaten oder noch länger erlaubt ist.

      Beste Grüsse, Adrian

      http://open-access.net/informationen-zu-open-access/gruende-und-vorbehalte/

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