Problembasiertes Lernen und Skills Training: Theorie und Praxis

In Kürze: Wissen muss in der Berufspraxis anwendungsfähig sein. Dies erfordert, dass in der Schule der Grundstein für Handlungskompetenzen gelegt wird, die im Beruf ausgebaut und gefestigt werden. Die Verknüpfung von Problem-based Learning oder problembasiertes Lernen (PBL) und Skillstraining innerhalb von thematischen Blocks leistet dazu einen wesentlichen Beitrag.

Die Berufspraxis benötigt Personen, die den Anforderungen des Gesundheitswesens der Zukunft gerecht werden können. So zum Beispiel:

  • Immer komplexer werdende Patientensituationen schnell erfassen und fachkompetent handeln können, auch im interprofessionellen Team oder
  • Neues Wissen und Entwicklungen analysieren, die Nutzbarkeit für die tägliche Arbeit beurteilen und adressatengerecht umsetzen.

Problembasiertes Lernen (PBL) nimmt für sich in Anspruch bei den Studierenden den Grundstein für ein praxiswirksames und transferierbares Wissen und Handeln zu legen, eben dieses Wissen anzubahnen.

Ziel ist es, durch die Vernetzung von Wissen (Lernform PBL) und Handeln (Lernform Skillstraining) Handlungskompetenzen für die Berufspraxis zu fördern, die im Berufsalltag situativ und zeitnah abgerufen werden können.

Siehe dazu Blogbeitrag Geri Thomann: Bildung und Kompetenz: Das zeigt die berufliche Praxis

Entscheidend ist dabei eine hohe Eigenaktivität der Lernenden, die möglichst eng zum Berufsalltag steht. Aber auch, dass neues Wissen und Handeln an Vorwissen anknüpft und im Dialog in Gruppen konstruiert werden kann.

Die Problembasierten Curricula Höhere Fachschule (HF) des Curriculumverbunds Problem basiert Lernen gehen auf diese Anforderungen an die Berufspersonen der Zukunft ein.

Problembasierte Curricula Höhere Fachschule (HF)
Die Entwicklung und Implementierung von Problembasierten Curricula für fünf Gesundheitsberufe der Höheren Berufsbildung lege ich in einem kürzlich veröffentlichten Beitrag dar. Der Beitrag zeigt die Vorgehensweise bei der Entwicklung der Curricula und der Lern- und Lehrmittel auf und beschreibt die Anforderungen an die Implementierung von PBL-Curricula basierend auf den Ergebnissen der Evaluation.
Schroeder 2016. Entwicklung Problembasierter Curricula, ZFHE (S.211 – 230)

Innerhalb der PBL Curricula der jeweiligen Bildungsgänge werden im Lernbereich Schule die relevanten Lerninhalte durch die beiden Lernformen PBL und Skillstraining erarbeitet. Diese nehmen inhaltlich Bezug aufeinander. Die Vorbereitungsaufgaben der Lernform Skillstraining beziehen sich auf bereits erarbeitetes Vorwissen der Lernform PBL. Beziehungsweise wird in der Lernform PBL Bezug genommen auf das Wissen der Vertiefungsaufgaben und auf die trainierten Handlungen des Skillstrainings.
Diese enge Verknüpfung mit der Lernform PBL ermöglicht es, theoretisches Wissen mit praktischem Handeln zu verknüpfen. Was letztendlich die Voraussetzung für den Erwerb von Handlungskompetenzen ist.

Lernform Skillstraining

Die Lernform Problem-based Learning habe ich bereits in meinem letzten Blogbeitrag betrachtet. In diesem Blogbeitrag möchte ich mich deshalb primär der Lernform Skillstraining zuwenden.

In einem Skillslab, einer der Berufsrealität nachempfundenen Lernumgebung, können  die Studierenden berufsrelevante Fähigkeiten und Fertigkeiten im geschützten Rahmen üben.
In verschiedenen Lernarrangements werden motorische, kommunikative, kognitive und selbstregulierende Skills trainiert und evaluiert. Die Studierenden tranieren im geschützten Rahmen die relevanten Skills solange, bis die Handlungsabläufe und das entsprechende Verhalten verankert sind. Zudem können sie Fehler machen, ohne dass jemand zu Schaden kommt.

Das Skillstraining wird durch drei Phasen und sechs Schritte strukturiert.

Phase I – Orientierungsphase

Um bestimmte Handlungskompetenzen anzubahnen, muss die „Handlung“ mit dem entsprechenden theoretischen Wissen verknüpft werden. Was in der Lernform PBL erarbeitet wurde, wird mit Vorbereitungstests und Aufgaben zur Vorbereitung für das Skilltraining aktiviert. Möglichst realitätsnahe Situationen aus der Berufspraxis werden anhand von Aufgabenstellungen bearbeitet. Zudem setzen sich die Studierenden theoretisch mit dem Handlungsablauf auseinander.

Angezeigte Folien hier herunterladen (PDF, 486KB)

Phase II – Übungsphase

Innerhalb des Skillstrainings zeigt eine erfahrene Expertin die Ausführung der Handlung in Abstimmung mit der beschriebenen Skillsanalyse.

Angezeigte Folien hier herunterladen (PDF, 1,1MB)

Die Studierenden beobachten die Expertin bei der Ausführung der Handlung und erkennen im Austausch die wesentlichen Herausforderungen und Stolpersteine der Skills.

In den Vertiefungsaufgaben werden die trainierten Skills in einen neuen Kontext gestellt und ermöglichen einen ersten theoretischen Transfer. Die trainierte Handlung wird erneut mit theoretischem Wissen verknüpft. Zusätzlich überprüfen die Studierenden anhand einer Lernerfolgskontrolle ihr erarbeitetes Wissen. Die Studierenden reflektieren, begründen ihr Handeln und führen aus, wie die Technik im neuen Kontext adaptiert werden muss.

Angezeigte Folien hier herunterladen (PDF, 490 KB)

Phase III – Beherrschungsphase

Jede Berufspraxis setzt unterschiedliche Handlungsabläufe und Techniken ein. Diesen Variationen kann der Lernbereich Schule nicht vollumfänglich Rechnung tragen. So kann im Skillslab in der Regel nur eine Technik exemplarisch eingeübt werden.  Erst in der Berufspraxis mit realen Patienten wird eine situationsgerechte Anwendung trainiert. Handlungsmuster können erst unter realen Bedingungen kognitiv verankert werden.

Das Training mit Simulationspatienten kann die Berufspraxis in einer geschützten Umgebung simulieren. Durch die fast reale Situation müssen die Studierenden auf Unvorhergesehenes reagieren und erhalten konkretes Feedback vom „Patienten“ – was sie in dieser Form in der Berufspraxis kaum erhalten.

Gespräche mit Patienten simulieren - was bringt es?
Zum Thema Simulationspatienten bietet dieser Beitrag weitere Informationen:
Gabriele Schroeder (2008). Fast wie echt – Skillstraining mit Simulationspatienten. PADUA S. 31-34.

Es verknüpfen sich so theoretischer Wissenserwerb mit dem Einüben konkreter Handlungen.  Dem ist sowohl bei der Curriculum Entwicklung, bei der Erstellung von Lern- und Lehrmaterialien und insbesondere bei der Umsetzung im Lernbereich Schule besondere Beachtung zu schenken.

Die Berufspraxis hat für die Verankerung der angebahnten Handlungskompetenz der Studierenden eine ebenso wichtige Rolle. Um den Theorie Praxis Transfer sicherzustellen, ist es aus meiner Sicht wichtig, dass die Berufspraxis auf dieser schulisch erworbenen Grundlage aufbaut und das Vorwissen und die trainierten Handlungen einfordert. Der Studierende muss in der Berufspraxis sein Vorwissen aktivieren,  dieses mit der realen Berufspraxis vernetzen und auf die jeweilige Patientensituation adaptieren.

Durch dieses Setting werden ideale Voraussetzungen geschaffen, um in der Gesundheitswelt der Zukunft fachkompetent handeln zu können.

Problem-based Learning – Kompetenzen fördern, Zukunft gestalten

Unter diesem Titel ist eine Sonderausgabe der Zeitschrift für Hochschulentwicklung (ZFHE) erschienen: Lesen Sie  Werkstattberichte und wissenschaftliche Artikel rund um das Problembasierte Lernen zum  gleichnamigen PBL Kongress 2016 in Zürich (Programm).

Weiterentwicklung entsteht durch Austausch

Diskutieren Sie mit mir zu den Themen

  • Wie können solche erworbenen Kompetenzen geprüft werden?
  • Wie unterstützt Problem basiertes Lernen die interprofessionelle Zusammenarbeit?
  • Wie kann in den Lernarrangements ICT eingesetzt werden?

Lesenswert
Monika Urfer-Schumacher (2016) Problembasiert, kompetenzorientiert prüfen, ZFHE (S.67-85).

Gabriele Schroeder

Gabriele Schroeder, Dipl. Pflegewirtin, Gesundheits- und Pflegewissenschaften (FH) ist für Careum tätig. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Problembasiertes Lernen, die Entwicklung von Lern- und Lehrmittel für Gesundheitsberufe und interprofessionelles Lernen und Lehren.

2 thoughts on “Problembasiertes Lernen und Skills Training: Theorie und Praxis

  • 2016-06-24 at 07:27
    Permalink

    Skillsprüfung
    In der HF MTR im CBZ überprüfen wir die erworbenen Kompetenzen in Bestrahlungsplanung (Radioonkologie) in einer Skillsprüfung. Das bietet sich an, weil die Erstellung von Bestrahlungsplänen für die Strahlentherapie Patientenunabhängig gezeigt werden kann. Das vereinfacht den Prüfungsaufwand sehr. Den professionellen Patientenkontakt zeigen und vertiefen die Studierenden in der Praxis.

    Die Fertigkeiten und Fähigkeiten in Bestrahlungsplanung sind im technischen Sinne das Herzstück der Strahlentherapie und damit von grosser Bedeutung für die berufliche Praxis. Die Studierenden müssen hier vielfältiges (Hintergrund-) Wissen haben, um praktisch einen Plan erstellen zu können. Dieses Wissen muss miteinander vernetzt werden, anders entsteht kein guter Plan.

    Um auch die Planüberprüfung mit ein zu beziehen, schreiben die Studierenden in der Prüfung eine Stellungnahme zu ihrem Plan und reflektieren ihr Vorgehen und Ergebnis. Auch dies sind in der Praxis wichtige Schritte, bevor ein Bestrahlungsplan zur Umsetzung kommt. Zudem können damit alle Beurteilungskriterien der HF MTR abgedeckt werden.

    Die erste Umsetzung dieser Prüfungsform im letzten Jahr zeigte wirklich tolle Ergebnisse. Aber besonders erfreulich war, dass Studierenden vor der Prüfung sagten, sie freuen (!) sich auf diese Prüfung. Das habe ich in 14 Jahre Lehrtätigkeit noch nicht erlebt.

    Reply
    • 2016-06-24 at 17:05
      Permalink

      Liebe Nicola
      Danke für das Beispiel einer konkreten Umsetzung.

      Das sind genau DIE Beispiele, die zeigen wie wichtig die Verknüpfung/Vernetzung von Theoretischem Wissen mit dem Handeln ist.
      Zudem stellst Du sehr deutlich dar wie die Lern- bzw. Prüfungssituationen im Lernbereich Schule den Bedarf der Praxis aufnimmt und entsprechende Kompetenzen angebahnt werden.

      Was mich noch interessieren würde: Wieviel Zeit haben die Studierenden für die Prüfung?

      Besonders beeindruckt hat mich die Vorfreude der Studierenden auf die Prüfung.
      Hast Du eine Erklärung weshalb dieses „Phänomen“ entstanden ist?

      Liebe Grüsse
      Gabriele

      Reply

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