Neue Berufsprofile erreichen die Schweiz: ANP, NP, PA – Wer versteht etwas?

In Kürze: Viele Betriebe suchen intensiv Pflegefachpersonen mit Master of Science Abschluss (MSc).
 Politik und Behörden ticken dazu anders: Anfangs 2016 veröffentlichte der Bund den Schlussbericht zum Masterplan Pflege, und das Bundesparlament diskutierte das Gesundheitsberufegesetz (GesBG).
 Ergebnis: Die Masterstufe ist im Masterplan kaum erwähnt und im GesBG inexistent. Was bedeutet das für die Gesundheitsversorgung?

Masterabschlüsse aus dem Ausland – Impulse für Gesundheitsversorgung Schweiz

Die Ankunft der drei Kürzel ANP (Advanced Nursing Practice), NP (Nurse Practitioner) und PA (Physician Assistant) machen eines deutlich: die Schweizer Gesundheitsversorgung holt sich Impulse für neue pflegerische Berufsprofile aus dem Ausland – interessanterweise vor allem von der Bildungsstufe Master of Science (Artikel Bischofberger & Baumgartner, 2016).
Just zur Masterstufe sagt der Schlussbericht zum Masterplan Pflege aber kaum etwas. Auch Bundesrat und Parlament wollen die Masterstufe im Gesundheitsberufegesetz (GesBG) nicht regeln. Der Blick in die 1960er Jahre in den USA zeigt: Die Geburtsstunde von NP und PA war auch dort in der Praxis.

Loretta C. Ford

Welche Berufsprofile auf Masterstufe?

Nurse Practitioner – die Geburt vor rund 50 Jahren

Das interprofessionelle Tandem Loretta Ford, Public Health Nurse mit Fokus Familiengesundheit, und Henry J. Silver, Kinderarzt nutzte die Gunst der Stunde (Artikel von Ford, 2015). Die Aufbruchstimmung der 1960er Jahre in den USA war ein idealer Nährboden für neue Formen der Zusammenarbeit und für die Modernisierung der Primärversorgung. Bis heute sind die Spezialkenntnisse von Ford und Silver besonders gefragt: bei Familien mit Kindern, in Schulen, am Arbeitsplatz.

Deshalb starteten sie 1965 den ersten NP Studiengang als MSc in Nursing an der University of Colorado/USA. Anfangs waren längst nicht alle FakultätskollegInnen begeistert von den neuen, interprofessionellen Ideen. Aber die Zufriedenheit der PatientInnen und der Pioniergeist der ersten Studierenden waren wichtiger als alle Widerstände. Und die Studierenden wollten die volle Verantwortung für ihre Arbeit übernehmen.

Diese Erfahrung machen auch wir an der Kalaidos Fachhochschule Gesundheit im MScN Schwerpunkt “Clinical Excellence”. Die Studierenden wollen ihre Kenntnisse aus dem Bachelorstudium auf das nächste Niveau bringen und mehr Verantwortung tragen. Denn die Anforderungen der Patientinnen und Patienten, der Angehörigen und an die interprofessionelle Zusammenarbeit wachsen stetig.

In diesem MScN Schwerpunkt arbeiten wir eng mit dem College of Nursing der New York University zusammen, v.a. mit MaryJo Vetter, NP und Professorin. Ihr Fokus ist die Primärversorgung älterer Menschen, was auch für die  Schweiz sehr relevant ist. Dieser Meinung ist auch eine Hausärztin einer grossen Gruppenpraxis, die wir vor kurzem mit den MScN Studierenden besuchten. Sie hätte gerne eine Pflegeexpertin in den umliegenden Pflegeheimen, damit die telefonische Konsultation zum Zustand der Bewohner/innen noch präziser und rascher in der nötigen Fachsprache erfolgen könnte.

Und Physician Assistants?

Das PA Berufsprofil entstand ebenfalls in den 1960er Jahren in den USA – anfangs für die Kriegschirurgie, weil das Land damals besonders viele Kriege führte und rasch Nachwuchs brauchte. Heute arbeiten PA v.a. auf chirurgischen Abteilungen, in Notfällen oder Spezialarztpraxen, z.B. bei einem Augenarzt. PA übernehmen aufgrund ihrer MSc Ausbildung (in England auch ein Bachelorabschluss mit Weiterbildungsdiplom), z.B. die Erstuntersuchung in Notfällen und assistieren Spezialärzten.

Dies erlebte ich selber in einer New Yorker Notfallabteilung. Eine Notfallärztin erkannte sofort die Dringlichkeit meines Leidens nach einer ersten Untersuchung. Danach führte eine Physican Assistant die spezifischen Untersuchungen durch und machte Therapievorschläge. Die Ergebnisse diskutierte sie mit einer Spezialärztin, die nach kurzem Coaching der PA zum nächsten Patienten ging und der PA meinen Austritt inkl. Medikamentenverschreibung überliess. Seit diesem Notfallereignis habe ich sogar eine elektronische Patientenakte an einem New Yorker Spital!

Physician Assistant sind in der Schweiz erst seit kurzem im Gespräch. Arztnahe Aufgaben werden in der Chirurgie des Kantonsspitals Winterthur an Pflegefachpersonen delegiert.

Die folgenden Übersetzungen dienen für den deutschsprachigen Raum

NP – Nurse Practitioner – klinische Pflegeexpertin/klinischer Pflegeexperte

PA – Physician Assistant – Ärztliche Assistentin/Ärztlicher Assistent (im Unterschied dazu MPA – Medizinische Praxisassistentin, engl.: Practice Assistant)

ANP –  Schirmbegriff für unterschiedliche klinische Funktionen von PflegeexpertInnen mit Master of Science Abschluss 

Klinische Pflegeexpertin: Wie wird man das?

An der Kalaidos Fachhochschule Gesundheit, der einzigen Schweizer Hochschule ausschliesslich für Berufstätige, findet der Grossteil des klinischen Trainings konsequenterweise am Arbeitsort der Studierenden statt. So wird der Arbeitsort zum Lernort. Hier wirken erfahrene Ärztinnen und Ärzte als MentorInnen mit (Bericht Ute Lohmeyer). Dazu wurde ein klinischer Beirat ins Leben gerufen. In einigen Jahren werden auch klinische PflegeexpertInnen mit Berufserfahrung dieses Mentorat übernehmen können, teils ergänzt durch Ärztinnen und Ärzte.

Ein Novum – Eine Hausärztin unterrichtet zusammen mit einer Patientin

Gemäss US-amerikanischer Empfehlungen umfasst die klinische Ausbildung auf MScN Stufe rund 900 Lernstunden (30 ECTS). An der Kalaidos Fachhochschule Gesundheit durchlaufen die Studierenden diese Stunden kontinuierlich während zwei Jahren. Das Ziel ist: „fit for practice“.

Darüber hinaus erlangen die Studierenden im MScN Studium weitere Kompetenzen:

  • Vertieftes Know-how zu angewandter Forschung, um datengestützt entscheiden zu können
  • Kompetenzen zu strategischem Projektmanagement, damit ihre eigenen Studienprojekte über den MScN Abschluss hinaus wirken.
  • Wissen zu den Schalthebeln der Gesundheitsversorgung, um PatientInnen rasch zu passenden Angeboten zu lotsen oder Lücken in der Gesundheitsversorgung zu schliessen.

In deutschsprachigen Ländern gibt es verschiedene MScN Studiengänge unter dem Schirmbegriff ANP. Die klinischen Ausbildungsanteile sind jeweils unterschiedlich auf- und ausgebaut. Grundlagendokumente zur Entwicklung des ANP Konzeptes im deutschsprachigen Raum

Wer stellt klinische Pflegeexpertinnen an?

Vor allem Spitäler erkennen inzwischen den Mehrwert von klinischen PflegeexpertInnen (manchenorts werden sie Pflegeexpertin ANP genannt). Auch Arztpraxen und Spitex Organisationen schätzen folgende Fähigkeiten: die kundige Körperuntersuchung “vom Scheitel bis zur Zehe” und den Mentalstatus, die interprofessionelle Verlaufsplanung, die Koordination bei komplexen Patientensituationen in Absprache mit anderen Fachpersonen, die Schulung der PatientInnen zum Medikamentenmanagement.

Klinische PflegeexpertInnen sind ein Garant für Kontinuität und Stabilität, sie denken proaktiv und präventiv. Ihr Ansatz ist: Patientinnen und Patienten brauchen nicht nur ärztliche Diagnosen und Therapien, sondern auch Unterstützung für Symptome, Selbstmanagement und Therapien im Alltag – ob zuhause, im Pflegeheim, in der Schule oder im Beruf.

NP und PA in der Schweiz – Importprodukte oder Innovationsschub?

Klinische PflegeexpertInnen und Ärztliche AssistentInnen haben mit dem “Importprodukt” ihrer Hochschulbildung hohes Innovationspotenzial für die Schweiz. In einer ersten Phase arbeiten sie noch häufiger in Spitälern, weil dort die MScN Ausbildung traditionell stärker gefördert wird. Vereinzelt arbeiten klinische PflegeexpertInnen auch in Arztpraxen in neuen Versorgungsmodellen und vermehrt auch in der Spitex oder Pflegeheimen.

Zukünftig werden klinische PflegeexpertInnen v.a. dort arbeiten, wo die ärztliche Präsenz fehlt. Das heisst in der Spitex, in Pflegeheimen, in Hospizen oder möglicherweise auch in Apotheken, bei Herstellern von Pflegehilfsmitteln, bei Gesundheitsligen etc..

Ärztliche AssistentInnen wird es v.a. auf chirurgischen Abteilungen oder  Belegarztspitälern sowie in Spezialartzpraxen geben. Allerdings braucht es auch auf der Chirurgie klinische PflegeexpertInnen, denn die Komplexität und Hochaltrigkeit bei stationär behandelten Patienten wächst, wenn die “fitten” PatientInnen vermehrt ambulant betreut werden. Natürlich gibt es auch Mischformen der beiden Funktionen sowie Präferenzen der AbsolventInnen für bestimmte Arbeitsorte und Laufbahnen.

Das folgende Beispiel von Valérie Mucedero zeigt, wie sie am Institut für Arbeitsmedizin (ifa) in Baden als klinische Pflegeexpertin arbeitet. Gleichzeitig studiert sie im MScN an der Kalaidos Fachhochschule Gesundheit im Schwerpunkt “Clinical Excellence”.

“Am ifa bin ich in der Grundversorgung tätig.  Arbeitnehmende  unserer  Vertragspartner  kommen  in  unsere Walk-in-Praxis mit akuten medizinischen Problemen. Das können ein starker Schnupfen oder kardiale Probleme sein. Sie kommen mit Fragen zur Rauchentwöhnung, Ergonomie am Arbeitsplatz, Fragen zu einer gesunden Ernährung oder zu Herz-Kreislauf-Problemen. Wir bieten Reiseberatungen für Arbeitnehmende an, die ins Ausland müssen, lancieren Grippeimpfkampagnen, geben betriebsinterne Nothelferkurse und leisten erste Hilfe bei Notfällen, bis die Ambulanz eintrifft.

Meine Berufsrolle ist in der Schweiz noch nicht so häufig. Das bedeutet, dass ich die Rolle mitentwickeln und mitgestalten kann. Grenzen sehe ich klar im rechtlichen Bereich, und dass die Rolle noch nicht etabliert ist. Die Bevölkerung weiss noch gar nicht, wie sie uns Pflegefachpersonen in der neuen Rolle mit MScN Abschluss einschätzen sollen. In der Schweiz wird sich in den nächsten Jahren im Gesundheitswesen vieles verändern. Da bieten wir mit unserem Studienabschluss eine sinnvolle Option für die Zusammenarbeit in der Grundversorgung.”

Zitat: Valérie Mucedero, mit freundlicher Genehmigung aus einem Leistungsnachweis von Rachel Hediger, MScN Studentin Kalaidos FH Gesundheit.

Klinisches Assessment in der Primärversorgung: Interprofessionelle Zusammenarbeit im Studium «MSc in Nursing» (569 KB) 

Bessere Patientensicherheit durch Interprofessionalität

Klinische PflegeexpertInnen dienen mit ihrer patienten-zentrierten Qualifikation v.a. der besseren Patientenversorgung und –sicherheit. Deshalb sind sie nicht primär eine Entlastung der Ärzteschaft. Das müssen die Ärzteverbände und Bildungsinstitutionen selber an die Hand nehmen. Viel wichtiger sind Synergien und die interprofessionelle Zusammenarbeit, die eine bessere Patientenversorgung ermöglichen. Das kann die Ärzteschaft je länger je weniger alleine erreichen. Dies ist inzwischen breit abgestützer Konsens, wie die “Charta für Zusammenarbeit” der SAMW aufzeigt.

Funktion Klinische Pflegeexpertin – grosse Freiheit der Betriebe

Die Praxis hat den Bedarf an neuen Funktionen in der klinischen Pflegeexpertise erkannt. Da die Masterstufe im GesBG nicht geregelt ist und deshalb keine Vorgaben macht, haben die Betriebe grosse Freiheiten. Das heisst, sie können:

  • Kompetenzen und Befugnisse nach ihrem Bedarf regeln,
  • Funktionen benennen wie es für sie passt, und
  • Löhne bezahlen, die sie für angemessen halten.

Interessant wird nun sein, wie die Betriebe diese Freiheit nutzen, die Patientensicherheit stärken und die Interprofessionalität fördern. Die Revision des GesBG – ungefähr fünf Jahre nach Inkrafttreten – bietet die Chance, die Vorteile für die Bevölkerung auch festzuschreiben.

Deshalb ist nach dem GesBG auch vor dem GesBG.

Zum Schluss noch dies: Berufsbezeichnungen müssen in der Schweizer Gesetzgebung, so auch im GesBG, in drei Sprachen übersetzt werden können. Deshalb sind Alternativbegriffe zu “Pflegeexpertin ANP” innerhalb der Profession und auch mit Entscheidungsträgern bei Behörden und Politik frühzeitig auszuloten und zu diskutieren, damit die Begriffe glasklar für die Revision bereit stehen.

Damit sind Sie an der Reihe – diskutieren Sie mit.

  • Welches Aufgabenprofil passt zu PflegeexpertInnen mit MScN Abschluss, die höherprozentig auf dem Stellenplan unmittelbar mit PatientInnen und Angehörigen arbeiten?
  • Welche Formen der Zusammenarbeit mit der Ärzteschaft und anderen Gesundheitsberufen sind erfolgversprechend?
  • Welche Berufsbezeichnungen sind für diese MScN AbsolventInnen in der klinischen Praxis geeignet?

 

 

Iren Bischofberger

Prof. Dr. Iren Bischofberger ist Prorektorin der Kalaidos Fachhochschule Gesundheit und dort Professorin für Pflege- und Versorgungsforschung. Sie leitet bei Careum Forschung das Programm work & care (www.workandcare.ch).

4 thoughts on “Neue Berufsprofile erreichen die Schweiz: ANP, NP, PA – Wer versteht etwas?

  • 2016-11-28 at 21:11
    Permalink

    Liebe Iren
    Vielen Dank für Deine spannende Auslegeordnung zu den Begrifflichkeiten und Notwendigkeiten für Pflegefachpersonen mit erweiterter Kompetenz. Ich mache gerne aus der Perspektive der Spitex ein paar Anmerkungen dazu.

    Ich selber arbeite mittlerweile in der zweiten Spitexorganisation nach meinem MScN Abschluss (2013-2015 Regiospitex Limmattal; seit 2015 Spitex Stadt Luzern) und bewege mich in meiner Funktionsbezeichnung zwischen Pflegeexpertin APN (Du schreibst ANP) oder Pflegeexpertin MScN/APN.

    Die Überlegung, den Hochschulabschluss bei der zweiten Berufsbezeichnung mit zu integrieren basiert darauf, dass die APN Bezeichnung von verschiedensten Berufskolleginnen mit ganz verschiedenen Aus-, Weiterbildungsabschlüssen verwendet wird. Das schafft Klarheit. Damit betone ich auch, dass international der MScN Abschluss Standard ist für eine ANP Funktion.

    Ich arbeite selber rund 50% als Pflegeexpertin, da ich ja noch eine Anstellung als Studiengangsleiterin an der Kalaidos FH Gesundheit habe. Ich baue meinen klinischen Anteil innerhalb dieses Pensums mehr und mehr aus, da die Kompetenz der Berufskolleginnen zur vertieften Erfassung gewisser komplexen Lebenssituationen (medizinisch, pflegerisch, sozial, finanziell) sowie den entsprechenden nötigen Interventionen nicht immer ausreicht. Dies trotz vorhandener interner Angebote (z.B. Physiotherapeutin und Sozialarbeiterin welche auf Mandatsbasis für die Spitex arbeiten) und Strukturen (z.B. Bezugspflege; Spezialteams: Palliative Care, Psychiatrische Pflege, Demenzpflege; Wundexpertin). Hier besteht Handlungsbedarf.

    Einerseits ist es der Geschäftsleitung wichtig, die kollektive Kompetenz im gesamten Spitexteam zu steigern – hier setzen die Weiterbildungs- und Unterstützungsangebote an. Andererseits präzisieren wir die Einsatzkriterien der APN bei Patient/innen zuhause noch genauer, damit die Ressourcen für meine Stelle optimal eingesetzt sind.

    Nebst den von Dir aufgezählten Aufgaben, die ich alle zu meinem Aufgabenbereich zähle, gehört für mich auch noch die familienzentrierte Arbeit als Teil der erweiterten Kompetenzen einer APN oder klinischen Pflegeexpertin dazu. Bei der von Dir erwähnten Körperuntersuchung ist meines Erachtens ein hohes Pensum der klientennahen Tätigkeit wichtig, um die nötige Routine und Sicherheit in den Untersuchungen zu gewährleisten. Weil wir in der Spitex eine grosse Vielfalt von Patientinnen und Patienten haben, sind auch die Themen rund um Multimorbidität und Hochaltrigkeit vielfältig. Da müssen wir uns auch mit einem MScN Abschluss in der Tasche noch weiter fit machen.

    Dazu habe ich als Qualitätssicherung eine niederschwellig organisierte Erfa-Gruppe zusammen mit sieben weiteren Berufskolleginnen (MScN, BScN und MAS Absolventinnen) gegründet. Wir engagieren eine Ärztin (Barbara Strasser), die sich viermal im Jahr mit uns an einem Abend trifft und uns rund um das klinische Assessment coacht. Wir arbeiten an konkreten Beispielen aus unserer eigenen Berufspraxis und stellen gemeinsam pathophysiologische Zusammenhänge her, üben die nötigen Untersuchungen und denken den weiteren diagnostischen und pharmakologischen Bereich ebenfalls an.

    Einige der Berufskolleginnen arbeiten mittlerweile auch in der Grundversorgung zusammen mit Hausärztinnen und Hausärzten oder sind als klinische Pflegeexpertinnen in Pflegeheimen tätig. Hier finden bereits Aufgabenverschiebungen statt. Sie führen die systematische klinische Untersuchung und anschliessende Beurteilung durch. Das führt entweder zu Interventionen in einem definierten Verantwortungsbereich der Pflegeexpertinnen oder zur strukturierten Erfassung einer Situation, die sie präzis dem zuständigen Arzt schildern. Dies hilft, einen Haus- oder Heimbesuch zu vermeiden, denn die nötigen Interventionen können z.B. auch telefonisch besprochen werden.

    Um die Einsatzbereiche einer klinischen Pflegeexpertin vor allem in einer Spitex in den nächsten Jahren noch weiter zu schärfen, braucht es auf jeden Fall den interprofessionellen und interinstitutionellen Abgleich mit der regionalen hausärztlichen Versorgung sowie den Spitälern und Rehakliniken. Denn Pflege entwickelt sich am Bedarf der Betroffenen weiter. Dementsprechend wird es auch noch vielfältige Ausprägungen von Pflegeexpertinnenrollen, je nach regionalem Bedarf, geben.
    Liebe Grüsse
    Christine

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    • 2016-12-21 at 13:40
      Permalink

      Liebe Christine
      Dein Kommentar zeigt eindrücklich die Bedeutung von klinischer Pflegeexpertise in der Spitex.

      Ich kann mir nur wünschen, dass wir alle Zugang haben zu diesem Know-how in unserem Wohnzimmer oder im Wohnzimmer unserer Nächsten. Besonders gefällt mir natürlich auch deine Ergänzung der familienzentrierten Arbeit. Dies stärkt die Position der vielen tausend Angehörigen in der Schweiz.

      Aber auch aus ganz eigennützigen Gründen. Ich bin zufälligerweise in der glücklichen Lage, dass du in der Spitex Luzern arbeitest und meine Eltern in Luzern leben. Sollten sie Spitexleistungen brauchen, wäre die Spitex Stadt Luzern unsere erste Adresse, um nach fachkundiger Unterstützung anzufragen.

      Ich kann einer modernen Spitex-Organisation nur empfehlen, die klinische Pflegeexpertise von Masterabsolventinnen im Team zu integrieren. Das ist angesichts des dynamischen Spitex-Marktes ein wichtiger Mehrwert. Es wird zukünftig immer mehr fachkundige Angehörige geben – sowohl aus der Pflege als auch aus anderen Gesundheitsberufen, die auf Augenhöhe mit den Spitex-Mitarbeitenden sprechen.

      Zudem steigt das Bildungsniveau in der Schweiz stetig (immer mehr Tertiärabschlüsse). D.h. die Angehörigen wollen präzise, kompetente Antworten auf ihre Frage, kombiniert mit einer hervorragenden Kommunikationsfähigkeit, damit sie wissen, wer was wann wie macht.

      In diesem Sinne wünsche ich dir weiterhin viel Erfolg bei deinem tollen Berufs-Mix in der Spitex und in der Kalaidos Fachhochschule Gesundheit!
      Iren

      Reply
  • 2016-11-28 at 21:25
    Permalink

    Liebe Frau Bischofberger

    Vielen Dank für den Überblick zu den verschiedenen Profilen. Das bringt Licht ins Dunkel… Persönlich finde ich es wichtig, für die Funktionen gut verständliche, deutsche Begriffe zu finden – nicht zuletzt, um diese zu unterscheiden – es gibt schon so viele verschiedenen Titel. Die Bezeichnung “Pflegeexpertin” wird sehr häufig und sehr unterschiedlich verwendet – gefällt mir aber immer noch am besten. Ob mit oder ohne englische Kürzel.

    Auf die Frage zum Aufgabenprofil von Pflegeexpert/innen mit MScN- Abschluss:
    Ich sehe vielfältige Einsatzgebiete. Sie/er kann fachliche Beratung/ Coaching im interprofessionellen Behandlungsteam und mit zu betreuenden Personen und deren Angehörigen übernehmen.
    Auch die Versorgungs- und Vereinbarkeits-Qualität kann er oder sie unterstützen und beaufsichtigen.
    In Forschung und Lehre kann die Person wichtige Aufgaben übernehmen.
    Nicht zuletzt kann sie oder er durch einen professionellen Auftritt in Gesellschaft und Politik wichtige Entscheidungen beeinflussen.

    Was mich noch interessiert:
    Gibt es bereits Ideen, wie die Finanzierung von Leistungen, die durch die NP, PA und ANP erbracht werden, stattfinden kann? V.a. auch im Hinblick auf zunehmend ambulant zu erbringende Leistungen?

    Besten Dank nochmals und freundliche Grüsse
    Andrea Käppeli

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    • 2016-12-21 at 08:34
      Permalink

      Ja, es gibt Finanzierungsmöglichkeiten, diese sind oft ein Mix von verschiedenen Überlegungen.

      – In der Spitalfinanzierung werden mit SwissDRG Pauschalbeträge verrechnet. Damit haben die Betriebe mehr Spielraum und können die Aufgabenteilung v.a. zwischen Pflege und Medizin flexibler handhaben.

      – In der Grundversorgung, bzw. bei der Spitex und in der Arztpraxis gelten in der Schweiz Einzelleistungstarife, da ist die Flexibilität kleiner, aber dennoch vorhanden. V.a. Ärztenetzwerke oder grosse Gruppenpraxen können mit Krankenversicherern Leistungen und die Tarifierung aushandeln. Das ist natürlich ein arbeitsintensiver Prozess für alle Beteiligten.

      – Generell ist die Einzelleistungstarifierung für eine nachhaltig finanzierbare Gesundheitsversorgung problematisch, da sie Volumen belohnt und nicht Qualität. Deshalb eignen sich für die Finanzierung von Leistungen der klinischen Pflegeexpertise modernere Finanzierungssysteme besser, v.a. pauschalierte Beträge (Capitation etc.).

      – Ich bin überzeugt, dass in den nächsten Jahren v.a. in der Grund-, bzw. Primärversorgung innovative Modelle der Leistungserbringung und Finanzierung entwickeln werden. Die Zeit dafür ist reif, weil das Know-how in der Pflegewissenschaft dafür immer besser vorhanden ist und in der direkten Patientenbetreuung und Zusammenarbeit v.a. mit der Ärzteschaft in Form neuer Versorgungsmodelle zum Tragen kommt. Das ist die beste Basis für die Argumentation neuer Finanzierungsmodelle.

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