Patient Empowerment: selbstbestimmt leben

Praktische Beispiele von Patient Empowerment, einem Kernthema des Kompetenzzentrums Patientenbildung bei Careum Forschung (siehe auch den Blog-Beitrag von Urs E. Gattiker «Was ist Patient Empowerment?»).

Eigenverantwortung stärken

Patient Empowerment für ein selbstbestimmtes Leben mit chronischer Krankheit meint den Lernprozess, bei dem Patientinnen und Patienten sowie Angehörige zum wirkungsvollen Gesundheitshandeln befähigt werden. Und zwar indem sie sich Wissen, Fertigkeiten und Kompetenzen aneignen, um ihre selbst definierten Gesundheitsbedürfnisse wahrzunehmen und umzusetzen (vgl. Laverack 2006). Sie werden zu aktiven Partnern in der Gesundheitsversorgung, sind nicht nur passive Empfänger.

Was bedeutet Empowerment für internationale Expertinnen und Experten? Im Video-Interview am Careum Congress 2014 «Machtfaktor Patient 3.0» mit Lord Nigel Crisp, Kaisa Immonen-Charalambous, Glenn Laverack, Sigrid Pilz und Jürgen Pelikan.


Das Zitat unten stammt aus dem obigen Video:

«Die Kampagne ‘Ask 3’ fordert Patienten auf, drei Fragen zu stellen: Was habe ich? Was kann ich tun? Warum ist das wichtig zu tun?» (Jürgen Pelikan)

Individuell und kollektiv

Empowerment ist ein Prozess. Er geschieht auf der individuellen Ebene,

  • wenn pflegende Angehörige für sich erkennen, welche Versorgungsleistung sie Tag für Tag vollbringen und welche praktische oder finanzielle Unterstützung sie dafür brauchen und diese sodann einfordern.
  • wenn Patienten und Fachpersonen gemeinsam Behandlungsziele und -wege definieren, aufgleisen und im Zeitverlauf aus ihrer je eigenen Perspektive überprüfen und gemeinsam anpassen, trägt das dazu bei, dass beide Seiten die Verantwortung für ihre Aufgaben leichter wahrnehmen (Martin & Finn 2011).

… und auf der kollektiven Ebene,

  • wenn eine Gruppe von Menschen sich für die Verbesserung ihrer Lebenssituation einsetzt (Laverack 2006). Dazu befähigt werden sie bspw. in einem Patient Experts Training Course bei EUPATI, der Europäischen Patientenakademie zu Therapeutischen Innovationen. Diese «Experten aus Erfahrung» verfügen dann über Kompetenzen, sich in der Forschung und Entwicklung von Therapien aktiv sowie beratend einzubringen, z. B. in klinischen Studien, in Gremien von Zulassungsbehörden oder in Ethik-Kommissionen. So können auch Entwicklungen im Management von Krankenhäusern oder in der Politik mitbeeinflusst werden.

Mehrwert von Patient Empowerment

Wie u. a. Laverack (2006) und Hibbard & Cunningham (2008) aufgezeigt haben, kann Empowerment von Patienten und Angehörigen zu besseren Ergebnissen der Gesundheitsversorgung führen. Der Zugang zu adäquaten Gesundheitsdiensten kann erleichtert und Fehl-, Unter- oder Überversorgung können reduziert werden. Patienten, die in ihrer Gesundheitsversorgung mitbestimmen, können bspw. die informierte und begründete Entscheidung für oder gegen riskante Eingriffe oder eine aufwändige Behandlung treffen. Sie erlangen mehr Einflussnahme, Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit in ihrem täglichen Gesundheitshandeln.

Dies erfordert jedoch bei allen Beteiligten – also Patienten, Angehörigen als auch Fachpersonen – entsprechendes Wissen und bestimmte Kompetenzen. Eine Aufgabe der Gesundheitsbildung besteht daher darin, Fachpersonen im Gesundheits- und Sozialwesen zu befähigen, den Empowermentprozess von Patienten und Angehörigen zu unterstützen (Richards 2012, Lancet 2012).

«The flipside of patient empowerment: an empowered patient needs the patient-literate professional who welcomes the empowered patient.» (Kaisa Immonen-Charalambous)

Absicht und Ziele

Beim Empowerment von Patienten und Angehörigen geht es darum, die sozialen Machtunterschiede im Gesundheitswesen zu verändern. Alle Mitglieder der Gesellschaft, besonders aber vulnerable, benachteiligte und schwer erreichbare Personen und Gruppen sollen gestärkt werden, Einfluss auf ihre Gesundheitsversorgung und Lebensbedingungen nehmen und sie mitgestalten zu können. Gerade vulnerable Gruppen könnten am meisten von Empowerment profitieren, sind aber zugleich durch die herkömmlichen Versorgungswege im Gesundheitswesen häufig schwer erreichbar (Laverack 2007).

Ein Ziel von Empowerment besteht darin, dass alle Bürgerinnen und Bürger möglichst gleichwertigen Zugang zu Diensten und Leistungen der Gesundheitsversorgung erlangen, also zur gesundheitlichen Chancengerechtigkeit beizutragen (siehe Schwerpunktheft in “Das Gesundheitswesen” 2008). Dazu ist Wissen um die Bedürfnisse von Individuen und Gruppen von Menschen erforderlich. Dies wird beispielsweise ermöglicht, indem die Zielgruppen von Interventionen von Beginn weg und gleichberechtigt in Entwicklungs- und Umsetzungsprozesse von Gesundheitsdienstleistungen einbezogen werden.

Innovative Beispiele

Empowerment von Patienten und Angehörigen kann auf vielfältige Art und Weise erfolgen. Aktuelle Beispiele:

Entscheidungshilfen für individuelles Patient Empowerment: In Faktenboxen werden Vor- und Nachteile von Eingriffen oder Behandlungen tabellarisch einander gegenübergestellt und grafisch dargestellt (Harding Center für Risikokompetenz).

Empowerment auf organisationaler Ebene: Migrant-friendly Hospitals sind migrantenfreundliche Kompetenzzentren in der Schweizer Spitallandschaft. Sie fördern die Chancengerechtigkeit aller Patientinnen und Patienten und verbessern den Zugang zur Gesundheitsversorgung für Migrantinnen und Migranten, etwa indem Sprachbarrieren abgebaut werden (Präsentation von Nadia Di Bernardo Leimgruber& Rita Bossart Kouegbe).

Europäische Kampagne «Patients prescribe E5»: Das European Patient Forum EPF argumentiert, dass «empowerte» Patienten zentral sind für die Nachhaltigkeit von Gesundheitssystemen, weil sie u.a. sich für die Prävention und Früherkennung stark machen, was umgekehrt zur Reduktion von Hospitalisationen und Notfallaufnahmen beiträgt. Die E5 sind Education – Expertise – Equality – Experience – Engagement.

Neue Technologien (Apps, Social Media, webbasierte Informationsplattformen ) bieten ebenfalls neue Chancen, bergen gleichzeitig aber auch neue Risiken. Sie sind ein Mittel zum Zweck aber kaum die Lösung, damit mehr Menschen vermehrt über ihre eigene Gesundheit bestimmen können – oder was meinen Sie?


Diskutieren Sie mit!

Wie können Patienten informierte Gesundheitsentscheidungen treffen? Was braucht es dazu und welche Strategien oder Hilfsmittel existieren dafür?

Welche Plattformen und Gefässe stehen den Bürgerinnen und Bürgern offen, um sich in die Gestaltung der Gesundheitsversorgung einzubringen?

Braucht es Empowerment von Gesundheitsfachpersonen? Wie kann das in der Praxis aussehen?

Wie können in Forschung & Entwicklung Tätige die Zielgruppen in Aktivitäten wahrhaftig einbeziehen und beteiligen?

 

Sylvie Zanoni

Sylvie Zanoni, M.A.; Wissenschaftliche Mitarbeiterin Careum Forschung. Als Ethnologin interessieren mich gesundheitliche Chancengerechtigkeit und Migrationsthemen.

2 thoughts on “Patient Empowerment: selbstbestimmt leben

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