Was ist Medication Literacy?

Medikamente zählen zu den häufigsten therapeutischen Massnahmen und sind quasi «in aller Munde», besonders im Alter oder bei Mehrfacherkrankungen. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich die Fachwelt mit der Therapiemotivation von Patienten (Adhärenz). Dieser Beitrag verknüpft das Thema Therapiemotivation mit Gesundheitskompetenz.   

Massenhaft Medikamente

Irgendwann braucht jeder Medikamente. Manchmal nur kurzfristig, wenn man akut krank ist oder Kopfschmerzen hat. Oft aber dauerhaft, etwa im Alter oder bei Mehrfacherkrankungen (Multimorbidität). «Mit den Jahren kommen die Pillen», so war kürzlich zu lesen. Wir kennen das und die Daten einer internationalen Vergleichsstudie bekräftigen es:

  • Jede 3. Person nimmt in der Schweiz (28.2%) bzw. in Deutschland (30.2%) immer oder regelmässig Medikamente ein
  • Bei fast einem Viertel der Schweizer Bevölkerung (22.3%) und über einem Drittel in Deutschland (34.2%) sind es vier oder mehr Medikamente
  • Ab Mitte Fünfzig nimmt jede zehnte Person vier oder mehr Medikamente ein (12.0%), ab dem 80. Lebensjahr jede dritte Person (39.2%) ==> mehr im Obsan Dossier 43

 

Mehrere Medikamente einzunehmen ist also keine Seltenheit. So wie Experten betonen, dass Multimorbidität eher die Norm denn die Ausnahme ist. Diese Fakten sind umso eindrücklicher aus Patientensicht ==>  Nöel et al. (2005: 57):

«I’ve got about seven different major illnesses. I take 27 pills a day. I find my whole day is full of nothing but medicine.»

Mehr Gesundheitskompetenz – bessere Adärenz?

Um mit (vielen) Medikamenten und krankheitsbedingten Herausforderungen klarzukommen braucht es Wissen, Kompetenzen und Motivation – kurz: Gesundheitskompetenz. Sie gilt als Ressource bei chronischer Krankheit und Multimorbidität, um z. B. über Therapieempfehlungen entscheiden oder mit verordneten Arzneimitteln sicher umgehen zu können ==> Bayliss et al. (2014)Institute of Medicine (2004) oder WHO (2013).

Der European Health Literacy Survey 2011 hat gezeigt, dass etwa jede 2. Person mit problematischer oder unzureichender Gesundheitskompetenz lebt ==> Sørensen et al. (2015). In den acht europäischen Ländern, die an der Befragung teilnahmen, waren das vor allem Menschen mit Langzeiterkrankungen und aus sozial benachteiligten Gruppen.

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Wie Gesundheitskompetenz und die Einnahme von Medikamenten zusammenhängen ist noch eingehender zu untersuchen. Manche Studien legen nahe, dass sich begrenzte Gesundheitskompetenz negativ auf die Therapiemotivation auswirkt und Medikamente dann anders als verordnet eingenommen werden ==> Kalichman et al. (2005). Das hat sich in anderen Untersuchung nicht bestätigt ==> Mosher et al. (2012). Oder begrenzte Gesundheitskompetenz liess zuweilen Nonadhärenz weniger wahrscheinlich werden ==> Kripalini et al. (2010).

Aber Gesundheitskompetenz bietet mehr. Aus diesem Blickwinkel betrachtet erscheint Adhärenz bei Medikamenten nicht einfach nur als «Prozess, bei dem Patienten Medikamente wie verordnet einnehmen» ==> Vrijens et al. (2012: 696). Diese Definition jüngeren Datums klingt paternalistisch, was seit langem am Compliance-Begriff kritisiert wird. Überspitzt formuliert: Klappt es nicht mit dem Einnehmen von Medikamenten, ist der Patient schuld…

Medication Literacy

Wieso nun Gesundheitskompetenz? Es kann helfen, die komplexen Aufgaben zu berücksichtigen, denen sich Patienten und Angehörige bei Medikamenten gegenübersehen. Der konzeptionelle Brückenschlag von Gesundheitskompetenz zum Umgang mit Medikamenten, also «medication literacy», scheint jung zu sein: Verstanden wird darunter «[…] a range of skills needed to access, understand and act on medicines information»  ==> Committee on Safety of Medicines (2005: 56).

Welche Kompetenzen das genau sind, bildet stark vereinfacht ein Modell zum Selbstmanagement bei Medikamenten ab, das aus der Gesundheitskommunikation stammt ==> Bailey et al. (2013). Sechs Schritte spielen eine Rolle, nachdem Arzneimittel beim Arzt oder in der Klinik verschrieben wurden:

  • Besorgen – erforderliche Arzneimittel bestellen und/oder holen. Wirkt banal, aber kann schon problematisch sein, z. B. bei hohen Arzneimittelkosten oder fehlender Kenntnis zum Nutzen.
  • Verstehen – ist fundamental: Medikamente konkret benennen, identifizieren und ihre Rolle kennen. Warum und wie nimmt man es ein? Welchen Nutzen hat es? Wie wirkt es? Oft schwierige Fragen, wenn zahlreiche Medikamente im Spiel sind…
  • Organisieren und integrieren – egal ob eine Tablette oder viele: Sie brauchen ihren Platz im Alltag (feste Zeiten und Orte, Routinen oder Aktivitäten), damit sie dauerhaft eingenommen werden können.
  • Einnehmen – viele Menschen tun es, viele nicht: weil Medikamente vergessen werden, Nebenwirkungen auftreten, Symptome nachlassen oder Gebrauchshinweise missverständlich sind.
  • Beobachten – «safety first»: Risiken und Anzeichen für Neben- oder Wechselwirkungen kennen, Warnzeichen deuten und Fachpersonen orientieren können. Oft schwierig: Krankheitssymptome von Nebenwirkungen zu unterscheiden.
  • Aufrechthalten – Medikamente langfristig und sicher einnehmen. Mit der Zeit lässt die Therapiemotivation oft nach, v. a. wenn Krisen und neue Krankheiten zu Mehrfachmedikation und Komplexität führen.

Wo ansetzen?

Es gibt zahlreiche Ansätze, mit denen die Therapiemotivation von Patienten gefördert werden soll. Die skizzierten Selbstmanagementaktivitäten lassen erahnen, dass es umfassende und facettenreiche Strategien braucht, um «medication literacy» zu fördern. Das ist gerade bei Mehrfachmedikation und -erkrankungen sowie sozial benachteiligten und bildungsfernen Gruppen relevant.

Zugleich ist es herausfordernd, weil gerade deren Problemlagen oft komplex und vielschichtig sind – so wie viele Medikamentenregime. Beispielsweise wird empfohlen, komplexe Medikamentenregime zu vereinfachen, um die Therapiemotivation von chronisch (mehrfach) erkrankten Personen zu verbessern ==> Pasina et al. (2014).

Patienten schätzen ausserdem leicht lesbare, verständliche Informationen. Hilfreich sind etwa visuelle Hilfen und Piktogramme, um schriftliche Gesundheitsinformationen besser verstehen zu können ==> Katz et al. (2006).

Einfach aber effektiv sind Medikamentenlisten. Patienten und Angehörige kann man ermutigen, solche Hilfsmittel selbst zu erstellen, was beispielsweise im Kursangebot «Gesund und aktiv leben» (Evivo) passiert. Aber im Grunde sollten Medikamentenlisten zu  einer systematischen Begleitung der Medikamententherapie gehören. Hier besteht im deutschsprachigen Europa noch Verbesserungspotenzial, wo oft nur jede zweite Person eine Liste einzunehmender Medikamente erhält ==> Camenzind / Petrini (2015).


 Diskutieren Sie mit!

Wo sehen Sie Herausforderungen beim Umgang mit Medikamenten?
Was sind aus Ihrer Sicht zentrale Handlungsfelder bei Multimorbidität und Mehrfachmedikation?
Welche Strategien haben sich in der Praxis bewährt?
Wo denken Sie besteht Forschungsbedarf  zu Gesundheitskompetenz bezogen auf den Umgang mit Medikamenten? 

Solche und andere Fragen sind demnächst Gegenstand eines Roundtables zu «Medication Literacy und Multimorbidität». Sie können hier schon heute mitdiskutieren! Um informiert zu bleiben, kann der Blog via eMail abonniert werden!

Joerg Haslbeck

Dr. Jörg Haslbeck, MSc, Pflege- und Gesundheitswissenschaftler, ist für Careum Forschung tätig und Postdoc am Institut für Pflegewissenschaft, Universität Basel. Sein Interesse: Empowerment, Selbstmanagementförderung bei chronischer Krankheit und Gesundheitskompetenz.

13 thoughts on “Was ist Medication Literacy?

  • 2015-04-12 at 12:00
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    Im Gegensatz zur Einübung von krankengymnastischen Übungen oder Diätprogrammen zur Ernährungsumstellung bekommen Patienten eigentlich keine Hilfestellung, um ihr Medikamentenmanagement selbstständig umsetzen zu können. Daher sollten Programme wie das hier genannte EVIVO unbedingt ausgebaut werden. Medikamentenregime zu vereinfachen ist ebenfalls ein sehr guter Ansatz, der aber trotz umfangreicher Diskussionen über Priorisierungen im Gesundheitswesen nicht wirklich vorankommt. Dahingehend wäre es zudem enorm wichtig, die Patienten in entsprechende Entscheidungen aktiv und individuell einzubeziehen.

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    • 2015-04-13 at 14:56
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      Liebe Frau Neuhaus, herzlichen Dank für Ihren Kommentar!

      Sie schreiben:

      “Patienten [bekommen] eigentlich keine Hilfestellung, um Medikamentenmanagement selbstständig umsetzen zu können.”

      Dem kann ich nur zustimmen. Darf ich aber noch neugierig nachfragen, welche weiteren Unterstützungsmöglichkeiten Sie sich vorstellen könnten, wie informiertere Entscheidungen erzielt werden?

      Gerade bei Mehrfachmedikationen und recht komplexen Medikamentenregimen ist das ja eine kaum zu bewältigenden Aufgabe, sowohl für Patienten und Angehörige als auch für Fachpersonen. Und in Krisensituationen oder Spätphasen chronischer Krankheit scheint das ebenfalls nur schwer umsetzbar.

      Beste Grüsse, Jörg Haslbeck

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      • 2015-04-14 at 14:18
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        Lieber Herr Haslbeck,

        vorab: Ein Blog, in dem aktiv nachgefragt wird…großartig! Sie haben Recht, wer nicht mit seiner Aufgabe wachsen kann, wird sie in einer herausfordernden Zeit nicht mehr bewältigen können. Daher vertrete ich die Ansicht, man muss Selbstmanagement praktisch von der ersten Tablette an lernen können.

        Auch Menschen mit akuten Erkrankungen verhalten sich phasenweise nonadhärent und könnten von entsprechenden Interventionen profitieren. Für diese muss aber immer auch gelten, dass sie angeboten werden, wenn einen Aufnahmebereitschaft und -Befähigung vorliegt (was zum Begriff medication literacy passt), demnach muss zur aktiven Einbeziehung wohl auch gehören, dass das Medikamentenmanagement – zumindest zeitweise – delegiert werden kann. Allgemein sehe ich hier die Notwendigkeit, dass ein Netzwerk geschaffen wird, dass Patienten, Leistungserbringer und Kostenträger gleichermaßen in die Pflicht nimmt, aber eben auch für entsprechende Aufgaben befähigt.

        Beste Grüße, Sandra Neuhaus

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        • 2015-04-15 at 09:21
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          Hallo Frau Neuhaus,

          danke für die Wertschätzung, was den Blog anbelangt! Ihr Lob motiviert weiterzumachen, denn der Erfahrungsaustausch und die Impulse aus den Kommentaren führen zu neuen Ideen für sich selbst und andere. Gelebte Gesundheit 2.0 also…

          Sie haben es sehr schön auf den Punkt gebracht: «Selbstmanagement von der ersten Tablette an lernen». Darf ich hier vielleicht noch ergänzen? Fördern und unterstützen finde ich bezogen auf Selbstmanagement fast noch passender. Jede Person hat oder entwickelt individuell nach ihrer Lebenssituation und im jeweiligen Kontext passgenaue Selbstmanagementstrategien. Manchmal bewusst und gezielt, manchmal nebenbei. Eine einzelne Tablette in Krankheitsphasen mit Krisen einzunehmen erscheint zunächst simpel und genau das verstellt u. U. den Blick auf die Aspekte rund um Gesundheitskompetenz, die in solchen Momenten dringlich sind: Zugang zu Informationen bekommen, diese verstehen, sie einschätzen und beurteilen zu können, entsprechend zielgerichtet zu handeln. Das kommt oft erst später und dann manchmal zu spät…

          Ihren Netzwerk-Gedanken finden ich übrigens sehr interessant. Gibt es so etwas noch nicht? Es beschäftigen sich ja einige Akteure und Stakeholder im Gesundheitswesen mit der Adhärenzthematik. Aktuell beispielsweise Patientenvertretungen wie die Europäische Patientenakademie zu Therapeutischen Innovationen EUPATI. Diese scheinen sich aktiv in Netzwerken zu engagieren. Stellt sich die Frage, welche Rolle Gesundheitskompetenz in diesem Zusammenhang spielt…

          Aktiver Einbezug, also Partizipation, wird dort vermutlich gelebt, aber wohl eher ausgerichtet auf gesundheitspolitische Einflussnahme. Wie Ihr Kommentar und die von anderen Personen hier im Blog nahelegen, stellen sich viele Fragen aber gerade im Versorgungsalltag, oder? Eben bei komplexen Medikamentenregimen oder Polypharmazie… Dort gilt es anzusetzen.

          Beste Grüsse, Jörg Haslbeck

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          • 2015-04-20 at 05:07
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            Lieber Herr Haslbeck,

            ich möchte insbesondere noch einmal auf den Netzwerkgedanken und den Versorgungsalltag eingehen. Ich selbst bin bei einer Krankenkasse in Deutschland im Versorgungsmanagement, vorrangig für pflegebedürftige Menschen, tätig und kann dahingehend Frau Stucki Recht geben, dass insbesondere die Schnittstelle vom Krankenhaus in die Häuslichkeit eine enorme Herausforderung für pflegebedürftige Menschen darstellt. Wie auch sie beschreibt, gilt das insbesondere dann, wenn keine sozialie oder professionelle Unterstützung vorhanden ist. Aber selbst wenn eine Überleitung (zurück) in ein Pflegeheim erfolgt und den Pflegefachkräften Probleme auffallen, finden diese oft keine Unterstützung – gelegentlich nicht mal Gehör – bei den behandelnden Ärzten.

            Natürlich gibt es auch sehr viele – im Sinne der Patientenorientierung – vorbildlich handelnde Ärzte. Dennoch bleibt die Kommunikation über Medikamente eine enorme Herausforderung. Inseofern muss ich Ihnen wieder zustimmen, dass es zahlreiche Netzwerke gibt, die sich mit der Adhärenzproblematik beschäftigen und Patientenempowerment fördern. Ebenso stimmt genau was Sie sagen, im Versorgungsalltag greifen diese Ansätze meist nicht.

            Ich konnte gerade an einer Weiterbildung für ambulant tätige Ärzte zum Thema Polypharmazie teilnehmen und habe eben genau diese Erfahrung wieder gemacht: In allen Vorträge wurde darauf hingewiesen, dass mit der Zahl der einzunehmenden Medikamente die Gefahr für Nonadhärenz wächst, aber niemand wollte auf das Thema näher eingehen und es erfolgte immer der Hinweis auf die Wichtigkeit guter Kommunikation. Im anschließenden Workshop und der Diskussion, zeigten m. E. dann wieder mehrere Ärzte, dass sie genau das im Alltag nicht berücksichtigen, da Äußerungen wie: “Ich erzähle den Patienten lieber nichts von Nebenwirkungen, damit ich sie nicht verunsichere” eher die Regel denn die Ausnahme waren. Zur Ehrenrettung sei aber gesagt, dass es auch Ärzte gab, die angaben, ihren Patienten zu vertrauen, nur auch sie setzen darauf, “dass die sich schon bei mir melden, wenn sie unsicher sind”.

            Diese Erfahrungen sind der Grund, warum ich ein Netzwerk, das alle gleichermaßen in die Pflicht nimmt, für erstrebenswert halte. Denn wenn die Patienten fähig sind, aber die Ärzte es nicht fördern oder gar annehmen können, dann bleibt ihnen wieder nur die “Verweigerung der Therapietreue” als letzte Option. Ebenso muss den Ärzten aber auch die Möglichkeit geschaffen werden, Adhärenzverhalten im Beratungsgespräch zu thematisieren und dahingehend muss der Kostenträger Optionen schaffen. Derzeit konzentriert man sich in Deutschland – zumindest empfinde ich es so – mehr auf die Kontrolle der Patienten, als auf die Förderung der Kommunikation mit ihnen.

            Herzliche Grüße
            Sandra Neuhaus

          • 2015-04-23 at 15:21
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            Liebe Frau Neuhaus, vielen Dank für die weiteren Hinweise und Ausführungen zum Thema!

            Sie schreiben zu Ihren Erfahrungen in einem Workshop:

            “[…] mit der Zahl der einzunehmenden Medikamente [wächst] die Gefahr für Nonadhärenz, aber niemand wollte auf das Thema näher eingehen”.

            Ein interessante Erlebnis, das m. E. auch darauf zurückzuführen ist, dass die gesamte Thematik der Adhärenz besonders bei Multimorbidität von Komplexität geprägt ist, sowohl aus Sicht der Fachpersonen als auch der von Patienten und Angehörigen. Das mag auf beiden Seiten zu Unsicherheit führen und legt nahe, das Thema eher “auf die Seite zu legen”.

            Die von Ihnen einmal mehr unterstrichene Bedeutung von Kommunikation war übrigens auch auf dem im Blog erwähnten Roundtable zu “Medication Literacy und Multimorbidität” ein zentrales Thema bzw. Anliegen. Dazu wird es im Blog noch ein paar Ausführungen geben.

            Beste Grüsse, Jörg Haslbeck

  • 2015-04-14 at 07:41
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    Ich arbeite mit chronisch kranken Kindern und Jugendlichen und mache leider auch die Feststellung, dass das Umsetzen des Medikamenten-Managements zum grössten Teil den Patienten und deren Eltern überlassen wird.

    Im Rahmen meiner Forschungsarbeit (Masterstudium) wurde mir von Jugendlichen in Interviews sehr häufig erzählt, dass das Vergessen von Medikamenten ein grosses Problem ist. Weiter ist mir bei den Gesprächen aufgefallen, dass den Jugendlichen oft nicht klar war, für was sie ihre Medikamente nehmen und welche Nebenwirkungen auftreten können. Nur ein Jugendlicher hat gewagt, den Arzt auf eine Nebenwirkung aufmerksam zu machen, worauf dieses Medikament sofort abgesetzt wurde. Andere Jugendliche versuchen mit den Nebenwirkungen zu leben, ohne jemand zu informieren.

    Aufgrund dieser vorläufigen Ergebnisse versuchen wir, Verbesserungen beim Medikamenten-Management zu erreichen. Wir geben allen Patienten einen Medikamentenplan mit, der mit ihnen besprochen wird und dessen Zeiten dem Tagesablauf der Patienten angepasst sind. Die Medikamente können bei Austritt bereits in der Spitalapotheke besorgt werden. Damit fällt das Organisieren der Medikamente bei der Apotheke am Wohnort weg. Weitere Massnahmen folgen: ein Medikamenten-App mit Informationen zu Medikamenten, zu Einnahme etc. ist in Bearbeitung.

    Die ersten Rückmeldungen der Patienten und Eltern zeigen, dass mehr Informationen zum Medikamenten-Management sehr erwünscht sind.

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    • 2015-04-14 at 13:16
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      Hallo Frau Liebert,

      vielen Dank für diesen wertvollen Kommentar! Das von Ihnen genannte Spektrum an Strategien ist beeindruckend, um das Selbstmanagement bei Medikamenten von chronisch erkrankten Jugendlichen zu fördern. Auch und gerade mit Medikamentenplänen.

      Besonders angesprochen hat mich Ihr Hinweis auf das “Vergessen von Medikamenten”. Das ist eines, vielleicht auch das grosse Thema rund um Arzneimittel. In einer Studie zum Selbstmanagement von Medikamentenregimen, an der ich mitwirken konnte, ist das ebenfalls als eine wesentliche Herausforderung aus Patientensicht identifiziert worden. ==> Haslbeck/Schaeffer (2009) Routines in medication management. Sehr interessant zu lesen, dass Sie dieses Bewältigungserfordernisse auch bei Kindern und Jugendlichen identifizieren.

      Es wäre sehr spannend, von Ihnen zu erfahren, wie Kinder und Jugendliche zusammen mit ihren Eltern mit Situationen umgehen, wo Medikamentenregime komplexer werden: wenn Komplikationen auftreten, weitere Erkrankungen, Mehrfachmedikation. Bei Erwachsenen kommt es hier im Zeitverlauf und je nach Phase in der Krankheitsverlaufskurve zu Anpassungen beim Selbstmanagement. Wie sieht es wiederum bei Kindern und Jugendlichen aus? Und insbesondere beim Übergang zum Erwachsenenalter, wenn nach Erreichen der Volljährigkeit andere Versorgungsprinzipien greifen?

      Würde mich freuen, hier noch mehr von Ihnen zu lesen.

      Beste Grüsse, Jörg Haslbeck

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      • 2015-04-16 at 17:55
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        Lieber Jörg

        zuerst möchte ich nochmals kurz auf das Vergessen eingehen. Bei den Interviews im Forschungsprojekt ist mir aufgefallen, dass Jugendlichen sehr bewusst ist, dass Medikamente oft vergessen gehen. Es ist ihnen sehr wichtig, dass sie die Medikamente regelmässig einnehmen können. Aus diesem Grund versuchen Jugendliche mit verschiedenen Tricks das Vergessen zu minimieren. Dazu gehört das Alarme stellen auf dem Handy, die Medikamente sichtbar deponieren, Medikamente mit in den Ausgang nehmen, Freunde über das Medikamenten-Management informieren, damit diese Unterstützung bieten können etc. Jugendliche sind ehrlich bemüht um eine korrekte Einnahme und unternehmen dafür viele Anstrengungen.

        Zum Medikamenten-Management in komplexen Situationen: es gibt Jugendliche, die sich praktisch allein um ihre Medikamente kümmern; andere lassen die Eltern das Medikamenten-Management übernehmen. Interessanterweise hat das weder mit dem Alter der Jugendlichen, noch mit der Komplexität des Medikamentenregimes oder mit dem Gesundheitszustand der Jugendlichen zu tun. Was mir aufgefallen ist, ist, dass sich die Eltern häufig um das Nachbestellen der Medikamente kümmern. Interessant ist auch, dass in den einzelnen Familien in der Regel nicht kommuniziert wird, wer was beim Medikamenten-Management übernimmt. Jugendliche erzählen, dass sich die Situation, so wie sie ist, einfach so ergeben hat.

        Herzliche Grüsse
        Yvonne

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        • 2015-04-23 at 15:38
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          Liebe Yvonne, vielen Dank für deine Hinweise zum “Vergessen” von Medikamenten!

          Das sind interessante Strategien der Jugendlichen, um mit Bewältigungserfordernissen bei Medikamentenregimen umgehen zu können. Sie decken sich übrigens mit dem, was seinerzeit in einer Bielefelder Untersuchung als Entwicklung von Routinen gefasst wurde. Auch andere Autoren haben darauf hingewiesen, besonders relevant erscheint mir aber, dass Patienten (scheinbar egal welchen Alters) und Angehörige bei solchen Aufgaben auf sich gestellt sind, diese Strategien zwar oft erfolgreich auf ihre individuelle Situation im Alltag zuschneiden, die Routinen selbst aber anfällig sein können.

          Warum? Einerseits können Routinen paradoxerweise irgendwann dazu führen, dass man Medikamente vergisst. Man fragt sich ja manchmal auch: “Habe ich die Kaffeemaschine ausgemacht?” Genau so scheint es bei medikamentenbezogenen Routinen manchmal zu sein. Sie machen die Einnahme von Arzneimitteln fraglos selbstverständlich. Ein Teilnehmer in unserer Studie hat das auf den Punkt gebracht:

          “Ich nehme die Pillen, drehe mich herum und habe vergessen, dass ich sie genommen habe.”

          Andererseits sind solche zwar wichtigen Routinen eben auch anfällig, gerade wenn im Zeit- und Krankheitsverlauf Komplikationen (Nebenwirkungen, Krankheitskrisen etc.) oder Veränderungen (Urlaubsreisen, Alltag eben) auftreten. Routinisierung kann manchmal auf wackeligen Füssen stehen und unbeabsichtig gegenteilige Effekte nach sich ziehen, obwohl Patienten und Angehörige mit ihnen ja genau das Gegenteil erreichen wollen: nämlich Adhärenz und Normalität.

          Diese Befunde sind übrigens hier beschrieben worden: Haslbeck, J., & Schaeffer, D. (2009). Routines in medication management: the perspective of people with chronic conditions. Chronic Illness, 5(3), 184–196. ==> Link zu Pubmed

          Und sehr spannend, dass sich hier bei deiner Zielgruppe ähnlich gelagerte Herausforderungen aber auch Selbstmanagementstrategien zeigen.

          Schönen Abend, Jörg

          Reply
  • 2015-04-14 at 15:51
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    In der Spitex sind wir täglich mit dem Medikamentenmanagement konfrontiert. Es ist eine zentrale und anspruchsvolle Aufgabe der Pflegefachpersonen Fehler zu vermeiden. Wir bewegen uns in der Schnittstelle zwischen Hausarzt, Pflegeklient und Angehörigen. Die Kommunikation ist dabei zentral wichtig. Die Erwartungen sind von allen Seiten hoch. Viele nehmen die Medikamente nur ein, weil Pflegende die Einnahme kontrollieren, die Medikamente richten, bestellen, Angehörige und Pflegeklienten anleiten oder sogar Medikamente selbst abholen gehen.

    Die Abrechnung in der Spitex ist eine Sache für sich: Zum Beispiel ist eine qualitativ gute Medidosierbox nicht auf der Liste der Krankenkassen und so kann nur die günstigere in Rechnung gestellt werden und das Zentrum oder der PK übernimmt die nicht übernommenen 3 CHF.

    Erschwerend bei Spitalaustritten ist, dass aus Kostengründen die Medikamente für die ersten Tage mitgegeben werden dürfen, sondern die Patienten ein Rezept bekommen. Die Medikamentenorganisation muss dann zu Hause geschehen, nicht jeder kann selbst in die Apotheke gehen. Deshalb wäre die Organisation der Medikamente bei Austritt in der Spitalapotheke für die Spitex eine hilfreiche Massnahme!

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    • 2015-04-15 at 09:35
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      Liebe Frau Stucki-Thür,

      vielen Dank für diesen Einblick in den ambulanten Versorgungsalltag mit Medikamenten! Sie schreiben:

      «Die Erwartungen sind von allen seiten hoch».

      Das unterstreicht m. E., wie anspruchsvoll es für Fachpersonen ist, das Selbstmanagement von Medikamenten zu begleiten, gerade weil ein Grossteil der Bewältigungsarbeit im Alltag stattfindet, wie Sie ebenfalls betonen. Bei allen involvierten Personen braucht das entsprechende Kommunikationskompetenz, um mit den unterschiedlichen Akteuren und ihren Erwartungen zurechtzukommen, zu vermitteln, zu unterstützen usw. Einige Experten sehen hier viel Potenzial gerade bei der professionellen Pflege, um so einen anspruchsvollen Spagat zu leisten. ==> Müller-Mundt/Schaeffer (2011) Selbstmanagementförderung bei Medikamenten als Aufgabe der Pflege.

      Das könnte sich positiv auf die an Schnittstellen erforderliche Interaktion auswirken, bspwl, wenn es darum geht, andere Fachpersonen auf etwaige Fehler konstruktiv aufmerksam zu machen. Wie reagieren andere Akteure, wenn Sie einen Medikationsfehler aufmerksam machen bzw. wie gehen Sie vor, damit soetwas zielgerichtet und konstruktiv verläuft?

      Beste Grüsse, Jörg Haslbeck

      Reply
      • 2015-04-15 at 14:50
        Permalink

        Lieber Herr Haslbeck.
        Genau, die Kommunikation ist zentral. Fehler geschehen nie mit Absicht. Es ist deshalb zentral, mit allen Akteuren mit Hilfe von Werschätzung eine konstruktive Arbeitsbeziehung oder Pflegebeziehung aufzubauen und die Kommunikation ebenso zu gestalten. Freundlichkeit steht an vorderster Stelle und dass man den eigenen Anteil des Fehlers auch dem anderen gegenüber eingesteht. Mit einer Haltung und Kommunikation der Wertschätzung ensteht eine gute Zusammenarbeit, so dass alle letzendlich an einem Strick ziehen und aus Fehlern lernen und sie so minimiert werden können. Es geht auch um die Optimierung der Ablaufprozesse der Medikamentenorganisation und der Verabreichung. Diese sind Patientenabhängig verschieden.

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