Food4Thought #2: Selbstmanagement

Ein paar kommentierte Fundstücke vom Streifzug durch die Literatur des Kompetenzzentrums Patientenbildung. Der Auftakt war eine Literaturliste vom Careum Congress 2014. Zukünftig teilen wir regelmässig Erfahrungen, Evidenz und Eindrücke zu Patientenbeteiligung und -kompetenz. Unsere Leitmaxime ist hier Koproduktion, also «Gesundheit gemeinsam gestalten».

Heute: Selbstmanagement bei chronischer Krankheit fördern. Dieser Ansatz wird im Gesundheitswesen immer bedeutsamer. Impulse aus der Literatur zielen auf die Fragen:

  • Aktuelle Evidenz zu Selbstmanagementförderung?
  • Für Menschen mit Migrationshintergrund machbar?
  • Welche Ansätze bei Krebs oder Organtransplantation?
  • Selbstmanagement und End-of-Life Care?

 


Wissenswertes

Selbstmanagement zu fördern ist mit hoher Qualität verknüpft.

Taylor, S. J. et al. (2014). A rapid synthesis of the evidence on interventions supporting self-management for people with long-term conditions: PRISMS – Practical systematic RevIew of Self-Management Support for long-term conditions. Health Services and Delivery Research, 2(53), 1–580. doi:10.3310/hsdr02530
Aktuell wohl die umfassendste Literaturanalyse zum Thema. Es wurden über 1500 Studien ausgewertet (randomisiert-kontrollierte Trials, qualitative Forschungsarbeiten und systematische Literaturstudien). Einige Ergebnisse: Selbstmanagementförderung ist untrennbar verbunden mit hoher Qualität bei der Versorgung chronisch erkrankter Menschen. Kommunikation zwischen Fachpersonen, Patienten und Angehörigen ist zentral. Und um Interventionen nachhaltig umzusetzen, ist im System und in Organisationen Committment auf der Führungsebene unverzichtbar.

Multimorbidität und Selbstmanagement (noch) unterbeleuchtet.

Kenning, C. et al. (2014). Self-management interventions in patients with long-term conditions: a structured review of approaches to reporting inclusion, assessment, and outcomes in multimorbidity. Journal of Comorbidity, 4(1), 37–45. doi:10.15256/joc.2014.4.33
Multimorbidität ist eher die Norm als die Ausnahme. Das Autorenteam hat andernorts veröffentlicht, welche Erfahrungen Fachpersonen und Menschen mit mehreren chronischen Krankheiten machen und wie Multimorbidität Selbstmanagement beeinflusst. Diese Analyse von Cochrane Reviews zeigt, dass in zwei von drei Studien zu Selbstmanagementinterventionen Patienten mit Multimorbidität ausgeschlossen werden – und oft bleiben die Gründe dafür unklar.

Intervention mit Peer-Ansatz bei Nierentransplantation.

Schmid-Mohler, G. et al. (2013). Entwicklung eines evidenzbasierten Selbstmanagementprogramms für Patient(inn)en im ersten Jahr nach Nierentransplantation mit Fokus auf die Prävention von Gewichtszunahme, Bewegung und Medikamentenadhärenz. Pflege, 26(3), 191–205. doi:10.1024/1012-5302/a000291
Ein am UniversitätsSpital Zürich eingeführter interprofessionell entwickelter Ansatz. Schriftliche Informationen zur Diagnose und Behandlung werden mit Pflegeberatung kombiniert. Das wird mit einem Angebot verknüpft, sich mit Personen auszutauschen, die selbst eine Transplantation erlebt haben (‚peers‘). Das soll Kompetenzen zum Umgang mit der Transplantationsituation fördern und motivieren, Gesundheitsverhalten zu verändern. Bald dürften Ergebnisse zur Wirksamkeit folgen.

Schritt für Schritt – Wege zur personenzentrierten Versorgung.

The Health Foundation (2014). Person-centred care made simple. What everyone should know about person-centred care. London.
Dieser Leitfaden aus dem UK zeigt ebenfalls: Selbstmanagement zu fördern ist relevant für die Gesundheitsversorgung. Auf Zielgruppen zugeschnittene Angebote verbessern die Qualität der Versorgung im Gesundheitswesen, die Erfahrungen der Patienten mit dem System und die klinischen Ergebnisse. Entlang häufig gestellter Fragen wird erläutert, was personenzentrierte Versorgung ist, warum sie wichtig ist und wie man darauf hinarbeiten kann. Ein Wegweiser, den Weg von den «Pathways to the doctor – from person to patient» – wie es Zola formuliert hat – entgegenzuwirken.

Peers mit Migrationshintergrund als Kursleitungen unverzichtbar.

Sidhu, M. S. et al. (2015). A critique of the design, implementation, and delivery of a culturally-tailored self-management education intervention: a qualitative evaluation. BMC Health Services Research, 15, 1–11. doi:10.1186/s12913-015-0712-8
Eine qualitative Studie untersucht eine kulturell angepasste Version des CDSMP im UK. Beschrieben werden Mehrwert und Potenziale aber auch die Hürden bei der Implementation. Zentral: Die Rolle der Kursleitungen, die über krankheitsbezogene Themen hinaus eine transkulturelle Brücke in den Alltag bauen. Spannend wäre übrigens eine Studie zum Integrationspotenzial des CDSMP, wenn es in der Sprache des Gastlandes und über unterschiedliche Ethnien hinweg durchgeführt würde…

Vulnerable Gruppen mit kulturell angepassten Ansätzen erreichen.

Walker, C. et al. (2005). Exploring the role of self-management prgrammes in caring for people from culturally and linguistically diverse backgrounds in Melbourne, Australia. Health Expectations, 8, 315-323.
Noch ein Artikel, der verdeutlicht, wie herausfordernd es ist, Menschen mit Migrationshintergrund und sozial benachteiligte Gruppen mit Selbstmanagementförderung zu erreichen. Diese Befunde aus Australien zeigen, welche Anpassungen es beim Stanford Selbstmanagementprogramm CDSMP braucht, damit Menschen mit eingeschränkter Lese- und Schreibfähigkeit davon profitieren. Erstaunlich: es muss weniger angepasst werden als erwartet.

Bedarf an zwischenmenschlicher Unterstützung zentral.

Dwarswaard, J. et al. (2015). Self-management support from the perspective of patients with a chronic condition: a thematic synthesis of qualitative studies. Health Expectations. doi:10.1111/hex.12346
Diese Literaturstudie konzentriert sich auf Bedürfnisse aus Patientensicht bezogen auf Selbstmanagementförderung. Im Mittelpunkt stehen Rheuma, Krebs- und chronischen Nierenerkrankungen. Zwar bündelt der Artikel vorwiegend Bekanntes zum Thema. Erwähnenswert ist aber, dass zwischenmenschliche Unterstützung als zentrales Element von Selbstmanagementförderung identifiziert wird.

 


«Many people want to play a more active role in their health care, and there is growing evidence that approaches to person-centred care such as shared decision making and self-management support can improve a range of factors, including patient experience, care quality and health outcomes.» (Health Foundation 2014)


 

Bei End-of-Life-Care die Übergangsprozesse begleiten.

Kreyer, C., & Pleschberger, S. (2014). «Um Normalität in einer instabilen Situation ringen». Selbstmanagementstrategien von Familien in der Palliative Care zu Hause – eine Metasynthese. Pflege, 27(5), 307–24. doi:10.1024/1012-5302/a000378
Selbst am Lebensende kann Selbstmanagementförderung seinen Platz haben. Angehörige ringen in der häuslichen Palliativversorgung oft um Normalität. Hier zeigt die Analyse von 13 qualitativen Studien, dass eine systematische Wissensvermittlung, Beratung und Begleitung Familien unterstützen kann, die dynamischen Übergangsprozesse am Lebensende zu bewältigen.  

Bei Krebserkrankungen sind spezifische Ansätze gefragt.
Zu guter Letzt zwei Überblicksartikel.

Haslbeck, J. et al. (2013). Selbstmanagement bei Krebs fördern. Partizipation und Partnerschaften im Krankheitsverlauf. Onkologiepflege 7(3), 5–8.

Jähnke, A. (2011). Selbstfürsorge bei fortgeschrittener Krebserkrankung. Onkologiepflege (2), 21–23.
Das Fazit: Selbstmanagement  zu fördern kann bei Krebserkrankungen unterstützen , dass Patienten aktiver mit der Krankheit und den langfristigen Folgen umgehen. Der «Research Flash» von Anke Jähnke bündelt die Erkenntnisse einer systematischen Literaturstudie von Johnston et al (2009). Diese zeigt, wie pflegerische Unterstützung des Selbstmanagements in der letzten Lebensphase aussehen kann, wenn Krebserkrankungen fortgeschritten sind. 


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Im Careum Blog erscheinen regelmässig Beiträge des Kompetenzzentrums Patientenbildung. Wir befassen uns mit verschiedenen Themen rund um Patientenbeteiligung und -kompetenz: Leben mit chronischer Krankheit und Multimorbidität,  Patienten- und Gesundheitskompetenz sowie Selbstmanagementförderung und Patient Empowerment.

Joerg Haslbeck

Dr. Jörg Haslbeck, MSc, Pflege- und Gesundheitswissenschaftler, ist für Careum Forschung tätig und Postdoc am Institut für Pflegewissenschaft, Universität Basel. Sein Interesse: Empowerment, Selbstmanagementförderung bei chronischer Krankheit und Gesundheitskompetenz.