Wie steht es um die Gesundheitskompetenz in der Schweiz?!

Zusammengefasst: Jede zehnte Person in der Schweiz verfügt über ausgezeichnete Gesundheitskompetenz. Aber bei der Hälfte der Schweizer Bevölkerung ist sie begrenzt.
Das zeigt eine erste international vergleichbare Studie mit Personen, die in der Schweiz leben, darunter auch portugiesische und türkische Einwohnerinnen und Einwohner.
Die finanzielle Situation einzelner Personen scheint bei Gesundheitskompetenz besonders relevant zu sein.

Gesundheit2020 – Chancengleichheit und Selbstverantwortung stärken: «Stärkung der Gesundheitskompetenz und der Selbstverantwortung der Versicherten und Patienten/-innen, damit sie sich effizienter im Gesundheitssystem bewegen können, Krankheiten besser vorbeugen und mit ihren Krankheiten sorgsamer umgehen können.» Gesundheitspolitische Prioritäten des Bundesrats (2013, S. 9/10, PDF, 839 KB)

Die Schweizer Bevölkerung gilt als äusserst zufrieden mit ihrem Gesundheitssystem. Das zeigt etwa seit Jahren der Euro Health Consumer Index (PDF, 5.8 MB). Und rund acht von zehn Personen (82.8%), die hier leben, beurteilen im Schweizer Gesundheitsbericht 2015 ihre Gesundheit als gut bis sehr gut. Aber wie sieht es mit ihrer Gesundheitskompetenz aus? Mit anderen Worten: Wie geht die Schweizer Bevölkerung mit Informationen zu Gesundheit und Krankheit um und trifft Entscheidungen sowie Massnahmen in gesundheitlichen Belangen?

Bisher war die Datenlage zu Gesundheitskompetenz in der Schweiz eher heterogen und überschaubar. Jetzt liefert erstmals eine nationale Erhebung Antworten, die mit den Befunden der ersten europäischen Studie HLS-EU 2009-2012 zu Gesundheitskompetenz vergleichbar sind.

Siehe auch: Health Literacy – Gesundheitskompetenz: 1. Repräsentative Studie für Deutschland

Repräsentative Bevölkerungsbefragung

Das Institut gfs.Bern hat im Herbst 2015 den HLS-EU-Ansatz in der Schweiz wiederholt. Durchgeführt wurde diese Studie im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit BAG, des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV sowie der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz. Verwendet wurde der gleiche Fragebogen wie in der HLS-EU-Studie, der nur minimal angepasst wurde. Mithilfe von 47 Fragen konnte so ein umfassender Index für Gesundheitskompetenz bestimmt werden. Befragt wurden 1’107 Personen ab 15 Jahren aus der ganzen Schweiz. Gezielt interviewt wurden ausserdem 255 portugiesische sowie 250 türkische Einwohnerinnen und Einwohner.

Mithilfe des HLS-EU-Fragebogens können vier Stufen der Gesundheitskompetenz bestimmt werden: unzureichende, problematische, ausreichende und ausgezeichnete Gesundheitskompetenz. Im HLS-EU wird unzureichende und problematische Gesundheitskompetenz als «begrenzte Gesundheitskompetenz» zusammengefasst, um vulnerable Gruppen zu ermitteln.

Ergebnisse «Gesundheitskompetenz Schweiz 2015»

Hier wird das Wichtigste zur Schweizer Gesundheitskompetenz-Studie in den Tabellen 1–3 kurz zusammengefasst. Wer mehr erfahren möchte:

Download Bericht «Erhebung Gesundheitskompetenz 2015» (PDF, 1.9 MB)

Download BAG-Faktenblatt «Gesundheitskompetenz in der Schweiz» (PDF, 41 kB) 

 

Tabelle 1 – Gesundheitskompetenz in der Schweiz im internationalen Vergleich

Wie gross ist der Anteil begrenzter Gesundheitskompetenz in der Schweiz? Das Problem scheint nicht tief aber breit zu sein, wie die nachfolgende Grafik zeigt.

– Als gute Nachricht zuerst: Etwa jede zehnte Person hat eine ausgezeichnete Gesundheitskompetenz (10%) und bei genauso vielen ist sie unzureichend (9%). Das sind weniger Extremfälle als im EU-Umfeld

– Jetzt das «Aber!». Der Bevölkerungsanteil mit problematischer Gesundheitskompetenz (45%) ist sichtbar höher als im EU-Umfeld und wird nur noch von Spanien übertroffen

– Die Schweiz ist weiter weg von Ländern mit einem höheren Bevölkerungsanteil mit ausreichender oder ausgezeichneter Gesundheitskompetenz, z. B. den Niederlanden oder Irland

– Gewissermassen «sitzt man in einem Boot» mit Deutschland und Österreich, wo die Gesundheitskompetenz ebenfalls mehrheitlich begrenzt ist

 

Tabelle 2 – Probleme bezüglich Gesundheitskompetenz

Wo gibt es in der Schweizer Bevölkerung Probleme, die mit Gesundheitskompetenz zusammenhängen?

– Viele finden es schwierig, die Vor- und Nachteile von Behandlungsmöglichkeiten zu beurteilen (44%) oder einzuschätzen, inwieweit krankheitsbezogene Medieninformationen vertrauenswürdig sind (39%), bzw. wann es eine ärztliche Zweitmeinung braucht (35%)

– Ähnlich wie im EU-Umfeld wird als weniger schwierig empfunden, ärztliche Informationen zu Medikamenten zu verstehen (10%), den Hinweisen von Ärztinnen oder Apothekern zu folgen (10%) oder Informationen zu gesundheitsförderlichem Verhalten zu finden (12%)

– Allerdings tun sich zwei von drei Personen (37%) schwer mit Angaben auf Lebensmitteln

– Und jede 2. Person findet es schwierig zu beurteilen, warum Impfungen nötig sind (50%) und ob man sich gegen Grippe impfen lassen soll (40%, siehe nachfolgende Grafik)

Interessiert an Massnahmen, um Gesundheitskompetenz zu fördern? Mehr dazu im «Action Guide» der Allianz Gesundheitskompetenz (PDF, 1.3 MB)

 

Tabelle 3 – Was prägt Gesundheitskompetenz? Was sind Folgen?

Die Studie liefert ausserdem Hinweise, was Gesundheitskompetenz beeinflusst und wie sie sich auf den Gesundheitszustand bzw. gesundheitsförderliches Verhalten auswirken kann.

– Auch in der Schweiz gilt: Je tiefer das Einkommen, desto geringer die Gesundheitskompetenz. Wie in fast allen HLS-EU-Ländern ist die finanzielle Situation, in der sich Menschen befinden, der stärkste Einflussfaktor

– Anders formuliert: Höhere Gesundheitskompetenz ist eher bei finanziell bessergestellten Personen sowie bei solchen aus bildungsnahem Milieu anzutreffen

– Gesundheitskompetenz wird nur teilweise durch einen Migrationshintergrund beeinflusst, wie die weiteren Befragungen von Personen aus der Türkei und Portugal zeigen

– Personen mit begrenzter Gesundheitskompetenz sind weniger sportlich aktiv als solche mit höherer Gesundheitskompetenz. Nur jede dritte Person (28%) in der Schweiz gibt an, ein paar Mal pro Woche Sport zu machen

– Je tiefer die Gesundheitskompetenz, desto eher leidet eine Person an einer oder gar mehreren langandauernden Erkrankung(en)

«Ist das Glas halb voll? Oder halb leer?»

Mit dieser ersten repräsentativen und zugleich nationalen Erhebung von Gesundheitkompetenz in der Schweiz ist eine Lücke geschlossen worden. Eine Datenbasis wurde geschaffen, die einen internationalen Vergleich zulässt. Weitere Analysen sind gefragt, um Gesundheitskompetenz eingehender zu untersuchen. Zum Beispiel: Welche Rolle hat Gesundheitskompetenz bei der Bewältigung von Multimorbidität? Oder welche Faktoren erschweren die Entscheidungsprozesse rund um Impfungen?

Bei knapp der Hälfte der Schweizer Bevölkerung ist die Gesundheitskompetenz ausreichend, bei einigen sogar ausgezeichnet. Ist das «Glas halb voll»? Ein Grund also, sich zurückzulehnen? Immerhin lebt ein Grossteil der Schweizer Bevölkerung mit begrenzter Gesundheitskompetenz. «Glas halb leer?»

Die neuen Fakten zu Gesundheitskompetenz in der Schweiz zeigen: Auf die strategischen Ziele in «Gesundheit2020» müssen weitere Massnahmen folgen, um neben mehr Selbstverantwortung durch Förderung von Gesundheitskompetenz zur gesundheitlichen Chancengerechtigkeit beizutragen.

Im deutschsprachigen Ausland haben die HLS-EU-Befunde und weitere nationale Erhebungen in der Zwischenzeit gesundheitspolitisch einiges bewegt. Zum Beispiel wurde in Österreich geknüpft an ein Rahmengesundheitsziel eine Plattform Gesundheitskompetenz geschaffen. Und in Deutschland hat die Arbeit an einem nationalen Aktionsplan zu Gesundheitskompetenz begonnen. Was werden wohl die Schweizer Ergebnisse auslösen?

Ihre Meinung!?

Diskutieren Sie mit!

– Was sind für Sie die eindrücklichsten Ergebnisse des Schweizer Gesundheitskompetenz-Surveys?

– Von welchen Massnahmen erwarten Sie am meisten Wirkung, um Gesundheitskompetenz hierzulande zu fördern?

– Welche gesundheitspolitischen Aktivitäten sind dazu erforderlich?


Weitere Informationen

Zusammenfassung Bevölkerungsbefragung «Erhebung Gesundheitskompetenz 2015» gfs.Bern (PDF, 871 kB)

HLS-EU Consortium (2012): Comparative Report on Health Literacy in eight EU Member States. The European Health Literacy Survey HLS-EU (First slightly extended and revised version, Date July 5th 2013). (PDF, 1.8 MB)

Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften SAMW, Allianz Gesundheitskompetenz (Hrsg.) (2015): Gesundheitskompetenz in der Schweiz – Stand und Perspektiven (Vol. 10). Bern (PDF, 2.7MB)

WHO Regionalbüro für Europa (2016). Gesundheitskompetenz. Die Fakten. Hrsg.: I. Kickbusch, J. Pelikan, J. Haslbeck et al., Zürich: Kompetenzzentrum Patientenbildung, Careum Stiftung (PDF, 2.3 MB)

 

Joerg Haslbeck

Dr. Jörg Haslbeck, MSc, Pflege- und Gesundheitswissenschaftler, ist für Careum Forschung tätig und Postdoc am Institut für Pflegewissenschaft, Universität Basel. Sein Interesse: Empowerment, Selbstmanagementförderung bei chronischer Krankheit und Gesundheitskompetenz.

One thought on “Wie steht es um die Gesundheitskompetenz in der Schweiz?!

  • 2016-06-12 at 10:01
    Permalink

    Lieber Jörg

    Danke für diesen Beitrag.
    Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) definiert das Ganze wie folgt:
    “Gesundheitskompetenz ist die Fähigkeit des Einzelnen, im täglichen Leben Entscheidungen zu treffen, die sich positiv auf die Gesundheit auswirken.”

    Für mich ist der Hacken die Fähigkeit. Wie definiere ich die Fähigkeit einer Person in Sachen Gesundheitskompetenz? Siehe: http://www.bag.admin.ch/themen/gesundheitspolitik/00388/02873/

    Was ist hohe Gesundheitskompetenz?
    Wie haben die Wissenschaftler entschieden, welche Punktezahl hohe oder mittlere Gesundheitskompetenz aufzeigt?

    Die Fragen welche die Forscher nutzten um Gesundheitskompetenz zu messen findet man in den Tabellen auf Seite 23 und folgende….wie z.B.:

    Auf einer Skala von sehr einfach bis sehr schwierig, wie einfach ist es Ihrer Meinung nach …
    Frage 1.30 aufgrund von Ratschlägen von Familie und Freunden zu entscheiden, wie Sie sich vor Krankheiten schützen können?
    Frage 1.46: … Ihre Lebensverhältnisse, die Auswirkungen auf Ihre Gesundheit und Ihr Wohlbefinden haben, zu beeinflussen? (Hinweis: Trink- und Essgewohnheiten, Bewegung etc.)

    Inwieweit solche Fragen helfen die Gesundheitskompetenz einer Person eruieren zu können ist schwierig.
    Anhand von Alter, Geschlecht, usw. wird dann versucht mit Regressionsanalysen herauszufinden ob diese Variablen mit Gesundheitskompetenz korreliert.

    Doch: Welche Anzahl von Punkten bedeutet man hat eine hohe Gesundheitskompetenz? Wie wurde diese Punktzahl eruiert / festgelegt / kalibriert?

    Warum ist Gesundheitskompetenz wichtig?
    Die Definition von Gesundheitskompetenz des BGA sagt ja: “…. im täglichen Leben Entscheidungen zu treffen, die sich positiv auf die Gesundheit auswirken.”
    Das würde heissen, hohe Gesundheitskompetenz resultiert in Auswirkungen wie z.B.

    1. – bessere Blutdruck Resultate,
    2. – eine kleinere Anzahl von Krankheiten welche behandelt werden müssen (z.B. von der Aerztin, in der Klinik oder Rehab…)?
    3. – dank hoher Gesundheitskompetenz verursachen diese Menschen kleinere Gesundheitskosten
    – usw.

    im Vergleich zu den Menschen mit geringerer Gesundheitskompetenz.

    Hier wurde eine Querschnittsstudie gemacht, d.h. Studientyp, bei dem innerhalb einer Stichprobe eine einmalige Messung der zuvor definierten Parameter erfolgt.
    Doch würde man eine Langzeitstudie brauchen, um feststellen zu können inwieweit sich Gesundheitskompetenz auf diese Werte wie Blutdruck, Gewicht, usw. auswirkt?

    Deshalb, wie hilfreich sind die mit dem Fragebogen gemessenen Werte der Gesundheitskompetenz in der Schweiz für unser Gesundheitswesen, Patienten und Versicherungen?

    Diese Aspekte werden von der Studie noch nicht beleuchtet. Aber ich hoffe das wird die nächste Studie enthalten !

    Grüessli
    Urs

    Reply

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *