Health Literacy – Gesundheitskompetenz: 1. Repräsentative Studie für Deutschland

In Kürze: Im Careum-Blog war Gesundheitskompetenz im deutschsprachigen Europa bereits Thema. Dieser  Beitrag stellt die wichtigsten Befunde einer repräsentativen Studie zu Health Literacy (oder Gesundheitskompetenz) in Deutschland vor.

Mit der ersten europäischen Studie zu Gesundheitskompetenz 2011 hat das Thema «Health Literacy» in Deutschland schlagartig mehr Aufmerksamkeit erhalten. Denn die Befragung hat gezeigt, dass gesamtdeutsche Daten fehlten.

Warum Health Literacy oder Gesundheitskompetenz (die Bezeichnung, die im deutschsprachigen Raum verwendet wird) eine Herausforderung für die Zukunft ist? Warum es relevant für «Patient Empowerment» ist? Mehr dazu im folgenden Interview zu Gesundheitskompetenz.

Was ist Gesundheitskompetenz?

Gesundheitskompetenz (auch Health Literacy genannt) ist die Fähigkeit von Menschen, mit Information umzugehen und damit informierte Entscheidungen in gesundheitlichen Belangen treffen können.

 

 

In diesem Blogbeitrag geht es um die Resultate der bundesweit in Deutschland durchgeführten Health Literacy-Studie. Diese hat die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung erstmals repräsentativ erhoben.

Die wichtigsten Ergebnisse

Was hat die Befragung von 2000 Personen in Deutschland ergeben. Hier finden Sie weitere Informationen zur Studie.

Wir präsentieren hier die wichtigsten Studienresultate in Tabelle 1-3.

Download FactSheet der Universität Bielefeld mit Befunden zu Gesundheitskompetenz im Überblick (PDF, 275 kB)

Tabelle 1 – Gesundheitskompetenz in der Allgemeinbevölkerung

–  er liegt bei 54.3% – jede 2. Person in der deutschen Bevölkerung verfügt über eine geringe Gesundheitskompetenz

Im Detail heisst dann geringe Gesundheitskompetenz:

–  bei 44.6% (also fast jeder 2. Person) ist sie problematisch

–  bei 9.7% (d.h. fast jeder 10. Person) ist sie inadäquat.

Die Grafik unten vergleicht unsere aktuellen Befunde aus Deutschland mit der ersten europäischen Studie zu Gesundheitskompetenz von 2011:

Tabelle 2 – Gefährdete Gruppen

Limitierte Gesundheitskompetenz haben besonders häufig Menschen mit folgenden Merkmalen:

–  77,3% mit geringem Sozialstatus

–  70.8% mit limitierten funktionalen/basalen literalen Fähigkeiten

–  70.5% mit Migrationshintergrund

–  66.4% ab 65 Jahren oder älter

–  62.2% mit niedriger Bildung. 

Fakten wie diese stimmen nachdenklich. Deutschland hat im internationalen Vergleich ein sehr gutes Gesundheitssystem. Doch weiss die Bevölkerung mehrheitlich nicht, wie sie hiermit angemessen umgehen und sich im System effektiv bewegen soll.

Ein Umdenken ist dringend notwendig. Unsere Studie zeigt, dass über Form, Aufbereitung und Verbreitung von Informationen über Gesundheit und Krankheit nachgedacht werden muss.

Tabelle 3 – Konsequenzen geringer Gesundheitskompetenz

Die Studie zeigt ebenfalls, dass geringe Gesundheitskompetenz in der deutschen Bevölkerung diverse nicht wünschenswerte Folgen haben kann, wie z.B.:

3.1 Gesundheitszustand: Menschen mit geringer Gesundheitskompetenz haben häufiger einen mittelmäßigen bis sehr schlechten subjektiven Gesundheitszustand als solche mit hinreichender Gesundheitskompetenz (41,2% vs. 16,6%).

Ebenfalls haben sie häufiger eine lang andauernde Krankheit oder ein lang andauerndes gesundheitliches Problem (33,8% vs. 15,1%)

3.2 Gesundheitsverhalten: Menschen mit geringer Gesundheitskompetenz haben häufiger einen exzessiven Alkoholkonsum als Menschen mit hinreichender Gesundheitskompetenz (6,7% vs. 3,2%).

Sie machen seltener mindestens 30 Minuten lang Sport. Fast jede 10. Person mit geringer Gesundheitskompetenz ist gar nicht sportlich aktiv (9,2%). Bei Menschen mit hinreichender Gesundheitskompetenz sind dies nur 2,7%.

Ausserdem werden häufiger ärztlich verordnete Medikamente eingenommen als bei Menschen mit hinreichender Gesundheitskompetenz (59,9% vs. 35,6%)

3.3 Inanspruchnahme von Versorgungsleistungen: Menschen mit geringer Gesundheitskompetenz haben häufiger gesundheitliche Probleme und Sorgen, ohne zu wissen, an wen sie sich wenden sollen (27,6% vs. 13,9%).
Sie waren in den letzten 12 Monaten häufiger im Krankenhaus als Menschen mit hinreichender Gesundheitskompetenz (24,7% vs. 13,3%). Ferner nutzen sie häufiger den ärztlichen Notfalldienst als Menschen mit hinreichender Gesundheitskompetenz (20,4% vs. 11%).

Fast Dreiviertel der Befragten mit geringer Gesundheitskompetenz (71,9%) wünschen sich mehr Informationen über Leistungen von Krankenkassen. Zwei von drei Personen mit geringer Gesundheitskompetenz (69,1%) fühlen sich schlecht oder sehr schlecht über Anlaufstellen bei Verdacht auf Behandlungsfehler informiert.

Angezeigte Folien hier herunterladen (PDF, 150KB)

Quo vadis? Nationaler Aktionsplan!

Anders als im anglo-amerikanischen Raum steht in Deutschland die Forschung zu Health Literacy am Anfang. Mit den vorliegenden Befunden konnte eine Lücke geschlossen werden: Die erste europäische Studie zu Gesundheitskompetenz ist um repräsentative Daten und assoziierte Faktoren ergänzt worden.

Schlussfolgerungen

Die Studie zeigt, dass Gesundheitskompetenz ein Public Health Problem ist. Sehr wichtig ist, dass diese eng mit sozialer Ungleichheit zusammenhängt.

Wir brauchen deshalb in der gesamten Gesellschaft aufeinander abgestimmte Aktivitäten. Nur so können wir Gesundheitskompetenz zum Vorteil aller Menschen verbessern.

Deshalb wird in Deutschland gegenwärtig bis 2019 ein Nationaler Aktionsplan entwickelt. Dieser soll dabei helfen, in allen Gesellschaftsbereichen Gesundheitskompetenz zu fördern.

Was meinen Sie?

  • Wie denken Sie über unsere Daten zu Health Literacy bzw. Gesundheitskompetenz verglichen mit der Schweiz, Österreich oder anderen Ländern?
  • Welche Rolle spielt für Sie Gesundheitskompetenz, z. B. im Gespräch mit ihrer Ärztin?
  • Was müsste ein Aktionsplan beinhalten und wie müsste er umgesetzt werden, um effektiv die Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung zu verbessern?

Weiterführende Hinweise

  • Ausführlich sind die Ergebnisse der repräsentativen Health-Literacy Studie demnächst in einem Buchbeitrag zu finden: Schaeffer D., Vogt D., Quenzel G., Berens E.-M., Messer M, Hurrelmann K. (in Druck): Health Literacy in Deutschland. In: Schaeffer D., Pelikan J. (Hrsg.): Health Literacy: Forschungsstand und Perspektiven. Bern: Hogrefe

Doris Schaeffer

Professorin an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften, Universität Bielefeld, Deutschland. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Bewältigung und Versorgung chronischer Krankheit, Health Literacy, Patienteninformation und -beratung, nutzerorientierte Versorgung sowie Professionalisierungsprobleme im Gesundheitswesen.

2 thoughts on “Health Literacy – Gesundheitskompetenz: 1. Repräsentative Studie für Deutschland

  • 2016-05-15 at 23:28
    Permalink

    Sehr geehrter Herr Gattiker
    Herzlichen Dank für den Hinweis auf diese interessante Studie und an Frau Schaeffer für diesen Beitrag.

    Auch in der Schweiz gibt es zweifelsohne einen grossen Bedarf an Gesundheitskompetenz. Je mehr die Menschen über ihre Gesundheit wissen, desto besser können sie sie bewahren und im Krankheitsfall auch pflegen. So kann unnötiges Leid, aber auch sinnloser Aufwand vermieden werden.

    Primäre Adressaten sind auch hierzulande älteren Menschen, bildungsferne Menschen, solche mit Migrationshintergrund, aber auch chronisch Kranke, denn laut santésuisse verursachen 20 Prozent der Kranken 70 Prozent der Gesamtkosten im Gesundheitswesen. Sie leiden meist an komplexen, multimorbiden Krankheiten.

    Es gilt, den Hebel baldmöglichst anzusetzen, um den Teufelskreislauf von geringer Gesundheitskompetenz, daraus entstehenden Krankheiten und daraus wiederum folgenden Schwierigkeiten, mit der Krankheit um zugehen, zu durchbrechen.

    Es geht nicht an, das fehlende Gesundheitskompetenz zu tödlichem Ausgang führt, wie dies offenbar bereits etwa bei Hirntumoren bei Kindern (siehe http://www.memonic.com/user/WebUrs/gp/7e11523999/folder/all/id/1Fneo) der Fall ist!
    Ein Aktionsplan in der Schweiz sollte bestehende Aktivitäten einbeziehen. Viele NPOs (wie etwa FRAGILE Suisse, wo ich tätig bin) unterstützen die benötigte Gesundheitskompetenz mit ihren Angeboten für Betroffene und notabene auch Angehörige – hier ist viel Erfahrungswissen zu holen.

    Freundliche Grüsse
    Elvira Pfann

    Reply
  • 2016-05-19 at 06:48
    Permalink

    Viel Enthusiasmus und wenig Evidenz.

    Seit ich in diesem Bereich tätig bin, warte ich auf die Studie, die nachweist, dass “empowerment” oder nachgebesserte “health literacy” zu besserer Gesundheit führt.

    Wir ertrinken in gutgemeinten Informationen.

    NB Hirntumor ist nicht Hirntumor.

    Reply

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