Kurs «Gesund und aktiv leben» — wo steht Deutschland heute?

In Kürze: Die Initiative für Selbstmanagement und aktives Leben (INSEA) ist im ersten Umsetzungsjahr erfolgreich gestartet. 17 Kurse «Gesund und aktiv leben» für Menschen mit chronischer Krankheit wurden durchgeführt. Was brachte 2016? Nächste Schritte?

Die Selbstmanagementkurse «Gesund und aktiv leben» werden seit Anfang 2015 auch in Deutschland angeboten (siehe auch den Blogbeitrag Empowerment-Evidence: Stanford model in Europe von Jörg Haslbeck). Federführend ist die Initiative für Selbstmanagement und aktives Leben (INSEA) an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Und auch das Jahr 2016 bietet spannende Entwicklungen.

INSEA — was und wer steckt dahinter?

Der oft langwierige Verlauf chronischer Erkrankungen stellt Betroffene, Angehörige und Freunde vor eine Vielzahl neuer Herausforderungen. Es bedarf verschiedener Fähigkeiten, um diesen Herausforderungen erfolgreich zu begegnen und chronische Erkrankung aktiv zu „managen“.

Im Chronic Disease Self-Management Program (CDSMP) des Stanford Patient Education Center (USA) wurde deshalb ein Kursprogramm zum Erlernen und Erproben von Selbstmanagementfähigkeiten für chronisch erkrankte Menschen entwickelt und auf Basis kontrollierter Studien kontinuierlich verbessert. Mittlerweile finden die Kurse internationale Verbreitung; unter anderem in der Schweiz mit dem Namen «Gesund und aktiv leben» (EVIVO-Netzwerk).

Während frühere Anläufe, die «Gesund und aktiv leben»-Kurse in Deutschland einzuführen, erfolglos blieben, weht seit 2014 ein frischer Wind: Nach einer intensiven Vorbereitungsphase durch den Verein Evivo Netzwerk, fasste das Kursprogramm auch in Deutschland Fuss. Ende 2014 formierte sich dazu an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) die Initiative für Selbstmanagement und aktives Leben (INSEA) und schloss sich dem Verein Evivo Netzwerk an.

 

Initiatoren, Unterstützer und Durchführer des Kursprogramms
(in alphabetischer Folge)
  • BARMER GEK
  • Careum Stiftung
  • Medizinischen Hochschule Hannover
  • Patientenuniversität
  • Robert Bosch Stiftung
  • SEKO Bayern e.V.
  • Verein Evivo Netzwerk

Die Robert Bosch Stiftung und BARMER GEK ermöglichen die Umsetzung des Kursprogramms in Deutschland.


Erste Schritte in 2015 …

Im ersten Jahr der Umsetzung wurden 2015 über INSEA 17 Kurse mit insgesamt 221 Teilnehmenden kostenlos angeboten. 20% der Teilnehmenden waren männlich, 80% weiblich. Der Altersdurchschnitt lag bei 60 Jahren.

Praxispartner bei Kursstart waren die Patientenuniversität Hannover und die Selbsthilfekoordination Bayern (SeKo Bayern) mit insgesamt vier Selbsthilfekontaktstellen. Der Verein Evivo-Netzwerk führte in Nürnberg und Hannover Kursleitertrainings durch. Somit stehen inzwischen 39 Kursleitungen im INSEA-Netzwerk zur Verfügung.

Angezeigte Folien hier herunterladen (PDF, 150KB)

… und weiter geht’s!

Gabriele Seidel leitet die nationale Koordinierungsstelle von INSEA an der MHH. Von hier treibt sie die nationale Öffentlichkeitsarbeit voran und koordiniert die Kurse. Zusätzlich zur Evaluation der Kurse durch den Verein Evivo Netzwerk, wird der Einführungsprozess in Deutschland von der MHH mit einer vertieften Erhebung untersucht. Gabriele Seidel zeigt sich zufrieden mit den ersten Erfolgen, hat aber für die Zukunft noch einiges vor:

«Wir haben unsere optimistischen Ziele für das Jahr 2015 erreicht. Jetzt heisst es, INSEA 2016 nicht nur räumlich auszuweiten, sondern auch weitere Zielgruppen anzusprechen; in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen des Gesundheits- und Sozialwesens. Erste Schritte dazu haben wir schon eingeleitet.»

So bietet die nationale Koordinierungsstelle 2016 in Kooperation mit anderen Institutionen Kurse in Berlin, Oldenburg, Hildesheim, Langenhagen, Kempten, Bamberg, Elze und bei den KreislandFrauen in Holzminden an. Neben dem Wunsch, das Kursprogramm möglichst vielen chronisch erkrankten Menschen zugänglich zu machen, steht dahinter auch die Idee, potentielle Praxispartner und Kursleitungen zu gewinnen: Dazu werden das Verständnis für den Aufbau, die Durchführung der Kurse sowie die Wirkung der Teilnahme am Kurs «Gesund und aktiv leben» praxisnah vermittelt.

Für 2016 sind bisher insgesamt 41 Kurse geplant, weitere Termine sollen sukzessive dazukommen.

Das aktuelle Kursangebot ist über die Homepage von INSEA einsehbar: http://www.insea-aktiv.de

Insea-Kurs Gruppenfoto KursleitungstrainingKursleitungstraining, Quelle: INSEA

 

Strategien der Verbreitung

Pilotstandorte der «Gesund und aktiv leben»-Kurse in Deutschland sind bisher die Patientenuniversität Hannover und die SeKo Bayern. Mit diesen beiden Einrichtungen sind verschiedene Strategien der Verbreitung verbunden:

  • In Süddeutschland entsteht über die SeKo Bayern eine Brücke in die Selbsthilfegruppen: Für 2016 liessen sich zwei weitere Selbsthilfekontaktstellen zur Durchführung des Kurses gewinnen. Denn die Resonanz aus der Bevölkerung für die Selbstmanagementkurse war sehr positiv! Zudem arbeitet eine Kontaktstelle mit einer Volkshochschule zusammen.
  • In Norddeutschland ist die Patientenuniversität der MHH Praxispartnerin. Auch hier können Menschen mit unterschiedlichen chronischen Erkrankungen erreicht werden. Ihre Nähe zur medizinischen Krankenversorgung und den ambulanten Polikliniken in der MHH ist dabei eine grosse Hilfe. Ausserdem arbeitet die Patientenuniversität der MHH an der Ausweitung ihres Programms, indem sie die Zusammenarbeit mit regionalen Institutionen vorantreibt. Dahinter verbirgt sich die Idee einer zugehenden Selbstmanagementschulung und der Vernetzung mit regionalen Multiplikatoren. Denn wir gehen davon aus, dass z. B. Volkshochschulen oder Gesundheitsläden ihre eigene Kundschaft haben, die nicht unbedingt den Weg in die Patientenuniversität findet.

«Gesundes Kinzigtal» neu mit dabei

Als neuer INSEA-Praxispartner konnte 2016 das «Gesunde Kinzigtal» begrüsst werden. Dabei handelt es sich um ein Ärztenetzwerk im Südwesten Deutschlands mit mehreren Durchführungsorten. Dieses Netzwerk hat zwei Ziele: die Behandlung von Krankheiten sowie die Aufrechterhaltung von Gesundheit in der Region zu gewährleisten. Dazu entwickeln Patienten gemeinsam mit Ärzten Ziele für ihre Gesundheit. Der Kurs «Gesund und aktiv leben» kann nun auch zu deren Erreichung beitragen. Die Kurse sind dort im Frühjahr gestartet.

Ausblick auf die nächsten Schritte

Am 21. Oktober 2016 wird die erste INSEA-Fachtagung in Berlin stattfinden. Im Zentrum der Veranstaltung stehen Kon­zepte zur Erhöhung der Gesundheitskompetenz, des Empowerments und der Ressourcenorientierung im Hinblick auf Selbst­managementprogramme. Das zweite Jahr INSEA verspricht also eine interessante Ernte zu bringen – und INSEA bleibt aktiv.

Angezeigte Folien hier herunterladen (PDF, 150KB)

 

Links

Weiterführende Literatur

  • Gabriele Seidel, Marius Haack, Maren Kreinhacke, Marie-Luise Dierks. Das Selbstmanagement-Programm INSEA „Gesund und aktiv leben“. Public Health Forum. Band 23, Heft 4, Seiten 249–251, ISSN (Online) 1876-4851, ISSN (Print) 0944-5587, DOI: 10.1515/pubhef-2015-0088, November 2015.
  • Gabriele Seidel. INSEA – die „Initiative für Selbsthilfe, Empowerment und aktives Leben“. Impulse für Gesundheitsförderung. Hrsg. Landesvereinigung viel Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen E. V. Heft 86. 1. Quartal März 2015. ISSN 1438-6666. S.20-21 PDF
  • Gabriele Seidel, Theresa Keidel, Susanne Melin, Rüdiger Meierjürgen, Jörg Haslbeck, Marie-Luise Dierks. Selbstmanagement für Menschen mit chronischen Erkrankungen – das nationale Pro-gramm INSEA – Initiative für Selbstmanagement und aktives Leben. Hrsg. Armut und Gesundheit. Dokumentation 20. Kongress Armut und Gesundheit, Berlin 2015  PDF
  • Marius Haack, Gabriele Seidel, Maren Kreinhacke, Marie-Luise Dierks. Selbstmanagement für Menschen mit chronischen Erkrankungen – die Initiative „INSEA – Gesund und aktiv Leben“ startet in Deutschland. In Tranferplus  Care for chronic Condition – Leben mit chronischer Krankheit gestalten. Hrsg. G-plus – Zentrum im internationalen Gesundheitswesen. Nr. 10 Oktober 2015. g-plus.org
  • Marius Haack, Gabriele Seidel, Maren Kreinhacke, Marie Luise Dierks. Bewertung der INSEA Selbstmanagementkurse ‘Gesund und aktiv leben‚ und Einschätzung des Nutzens aus Sicht der Teilnehmenden. Das Gesundheitswesen August/September 2015, 77. Jahrgang. DOI: 10.1055/s-0035-1562964
  • Anne Köhne. Selbstmanagementprogramme für Menschen mit chronischen Krankheiten – Wirkungen aus der Perspektive der Teilnehmer – Reihe “Patientenorientierung und Gesundheitskompetenz” der Patientenuniversität an der Medizinischen Hochschule Hannover, Institut für Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitssystemforschung, 2016, Hrsg: Dierks ML, Seidel G. München: GRIN Verlag. Veröffentlichung aus einer Masterarbeit zur Erlangung des Titels Master of Science (M.Sc.) im Masterstudiengang Bevölkerungsmedizin und Gesundheitswesen (Public Health). Im Druck

Was ist Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit!

  • Was sind für Sie Vorteile einer Koordinierungsstelle zur landesweiten Umsetzung eines Kursprogramms? Oder sehen Sie gar Nachteile darin?
  • Wie gewinnt man erfolgreich Kursteilnehmende?
  • Warum dauerte es Ihrer Meinung so lange, bis Selbstmanagementkurse für Menschen mit einer chronischen Erkrankung erst jetzt in Deutschland angeboten werden?
  • Würden Sie persönlich den Kurs «Gesund und aktiv leben» besuchen?

Der Autor dankt Jörg Haslbeck und Sylvie Zanoni vom Kompetenzzentrum Patientenbildung bei Careum Forschung für ihre Unterstützung bei der Erarbeitung des Beitrags.

Marius Haack

Marius Haack, M.A.; Wissenschaftlicher Mitarbeiter Medizinische Hochschule Hannover. Mein Forschungsinteresse gilt besonders den Herausforderungen chronischer Krankheit aus Patientensicht und der gegenseitigen Unterstützung Gleichbetroffener.

2 thoughts on “Kurs «Gesund und aktiv leben» — wo steht Deutschland heute?

  • 2016-09-14 at 11:53
    Permalink

    Lieber Herr Haack,

    ich finde es sehr spannend, wie sich INSEA in Deutschland entwickelt und gratuliere zu einem super Blitzstart! Mir selbst ist jedoch aufgefallen, dass die bisherigen Standorte bei weitem nicht ausreichen, um ein flächendeckendes Angebot zu leisten. Ich habe schon mit Interessenten geredet, die rund 1h Anfahrt (im Individualverkehr) investieren müssten, um an den Kursen teilzunehmen.

    Gerade ältere, chronisch kranke Patienten sind selten mobil und können daher keine weiten Strecken zurücklegen um an den Kursen teilzunehmen. Zwar werden in Zukunft immer mehr ältere Leute in zentralere Gegenden ziehen (siehe z.B.: https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2015/juli/demographischer-wandel-verstaerkt-unterschiede-zwischen-stadt-und-land/), dennoch ist ja bekanntlich bislang vor allem die Gesundheitsversorgung in dezentralen Standorten ein akutes Problem.

    Deutschland hat gegenüber der Schweiz viel größere Schwächen in der Verkehrsinfrastruktur und zeigt einen hohen Verbesserungsbedarf im Bereich öffentlicher Transportmittel, die vor allem von dieser gesellschaftlichen Gruppe genutzt werden (müssen).

    Freilich ist ein kleines Land wie die Schweiz nur schwer mit der Bundesrepublik zu vergleichen, ich denke jedoch, dass vor allem diese spezifischen Eigenschaften für die erfolgreiche Verbreitung von INSEA in Deutschland eine Herausforderung darstellen.

    Mit der Beteiligung der Standorte Hannover und Würzburg ist ein erster wichtiger Schritt auf einem langen Weg geleistet worden. Wie sehen die nächsten aus? Gibt es schon potenzielle weitere Kooperationspartner? Was plant die SeKo Bayern in einem Bundesland, in dem viele kleine Agglomerationen bei zeitgleich schlechter Vernetzung öffentlicher Verkehrsmittel zu finden sind?

    Ich freue mich auf Ihre Antwort.

    Viele Grüße,

    Urs Fichtner

    Reply
  • 2016-09-15 at 09:23
    Permalink

    Lieber Herr Fichtner,

    ein flächendeckendes Angebot von INSEA-Kursen in Deutschland aufzubauen ist natürlich eine Herausforderung. Standorte müssen akquiriert, potentielle Kursleitungen ausgemacht und dann auch ausgebildet, Kurteilnehmende informiert werden.

    Momentan werden zwei Strategien verfolgt:

    1. Der Ausbau des Netzwerkes mit neuen Standortpartnern. Dazu gekommen ist dieses Jahr das Gesunde Kinzigtal mit drei Durchführungsorten, weitere sollen folgen. Außerdem konnten in Bayern zwei Standorte dazugewonnen werden, die durch ihre Vernetzung mit der Selbsthilfe auch einen möglichen Übergang der Teilnehmenden in Selbsthilfegruppen ermöglichen und so zu einer nachhaltigen gegenseitigen Unterstützung Gleichbetroffener beitragen. Weitere Selbsthilfekontaktstellen sollen als Kursanbieter dazukommen.

    2. Die nationale Koordinierungsstelle sendet Kursleitungen aus und bietet Kurse in Regionen an, in denen es momentan noch keine Praxispartner gibt; auch mit dem Ziel, hier Kooperationen aufzubauen. Die Zusammenarbeit mit Einrichtungen wie Seniorenbüros oder Volkshochschulen wird gefördert und auch die Kooperation mit Ärzten und Arztpraxen soll stärker in den Fokus rücken, damit dort zukünftig INSEA-Selbstmanagementkurse in den direkten Umgebungen der Betroffenen durchgeführt werden können.

    Viele Grüße
    Marius Haack

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