Evivo: Zugang erleichtern – wie?

Vor allem bei sozial benachteiligten Gruppen sollte Gesundheit gefördert werden. Geht das auch mit dem Kursprogramm Evivo «Gesund und aktiv leben»? Wie wird es für Menschen mit Migrationshintergrund oder Lese- und Schreibschwierigkeiten leichter zugänglich?

Evivo Kurs mit Migrantinnen auf Deutsch?

Geringe Gesundheitskompetenz und sprachliche Hürden erschweren manchen Menschen mit Migrationshintergrund den Zugang zur Gesundheitsversorgung. Das trifft gerade dann zu, wenn sie oder ihre Angehörigen chronisch krank sind.

Als Evivo 2011 – 2014 eingeführt wurde, haben die Kursanbieter SaluToMed und dialog-gesundheit Schweiz nahe Bern beobachtet: besonders Frauen mit Migrationshintergrund waren interessiert. Das warf die Frage auf: Kann das Kursprogramm auf Deutsch durchgeführt werden, wenn Teilnehmende nur mässig gut Deutsch sprechen?Ja, das geht!

Es hat funktioniert, obwohl nicht bei allen Migranten das Sprachverständnis gut ist. Ähnliches gilt für das Beherrschen einer Landessprache. Auch hier ist nach Selbsteinschätzung nicht alles rosig. Das zeigt die nachfolgende Grafik.

In Fokusgruppen wurde festgestellt, dass Kursleitungen mit Migrationshintergrund den Evivo Kurs durchführen können. Er kann gerade im Migrationskontext nützlich sein,  mit chronischen Krankheiten im Alltag umzugehen. Beispiel: per Handlungsplan. Allerdings sind manche Einschränkungen aufgetaucht, etwa die Dichte der vermittelten Inhalte.

Lesehinweise - Gesundheit von Menschen mit Migrationshintergrund: Studien aus der Schweiz (PDF 1.9 MB), aus Deutschland und Österreich sowie zu Gesundheitskompetenz in der Patientenberatung.

Leichter Zugang zum Kursangebot

Aus anderen Ländern, in denen das Chronic Disease Self-Management Program CDSMP (also Evivo) eingesetzt wird, sind ähnliche Situationen bekannt. Zum Beispiel wurde das Programm in einzelne «Migrationssprachen» übersetzt und kultursensibel angepasst.

Unbeantwortet blieb bislang, ob das CDSMP in der lokalen Sprache des Einwanderungslandes durchführbar ist. Beeinflusst es die Gesundheitskompetenz und das Selbstmanagement bei chronischer Krankheit? Was leistet es für die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund?

Internationale Erfahrungen zum CDSMP im Migrationskontext aus den USA, aus Grossbritannien und Australien

Wir möchten aufgrund der bisherigen Beobachtungen einen anderen Weg gehen. In der Pilotphase von Evivo haben Teilnehmerinnen verdeutlicht, dass der Kurs auf Deutsch förderlich für ihre Integration sein kann – über Sprach-, Krankheits- und andere Grenzen hinweg.

Pilotprojekt

Deshalb ist das Ziel eines aktuellen Projekts des Kompetenzzentrums Patientenbildung, Evivo so anzupassen, dass es «kurz & knackig» wird. Es soll gerade für Menschen mit Migrationshintergrund oder Personen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten leichter verständlich und zugänglich werden. Diese Gruppen sollen mehr von den Werkzeugen und Techniken fürs Selbstmanagement bei chronischer Krankheit profitieren.

Zielgruppe macht mit

Zielgruppe des Projekts sind Personen, die etwa wegen ihres Migrationshintergrunds

  • vor Sprachbarrieren stehen, da sie bspw. kaum eine der Schweizer Landessprachen sprechen
  • Probleme mit Lesen und Schreiben haben
  • sozioökonomisch und bildungsbezogen benachteiligt sind
  • mit (mehreren) chronischen Krankheiten und/oder körperlichen bzw. psychischen Beeinträchtigungen leben.

Besonders relevant für das Projekt: Die Zielgruppe wird in verschiedenen Phasen einbezogen. Evivo Kursleiterinnen und ehemalige Teilnehmerinnen reden mit. Sie bringen Ideen ein, wo und wie das Programm vereinfacht werden könnte. Dann werden die Form und Inhalte von Evivo überprüft und bei Bedarf entlang von Stanford-Vorgaben angepasst.

Aufgrund dieser «Experten-Erfahrungen» und der Erkenntnisse von Fachpersonen wird eine Kursversion entwickelt, die auf die Bedürfnisse der Zielgruppe abgestimmt ist.

Wie geht es weiter?

Mit dem Okay der Beteiligten wird das angepasste Kursprogramm kurz getestet: Mitglieder des Vereins Evivo Netzwerk werden zwei Pilotkurse umsetzen. Anschliessend werden erste Erfahrungen mit dieser Version ausgewertet.

Mit diesem Projekt will das Kompetenzzentrum Patientenbildung die Voraussetzungen schaffen, um die Wirksamkeit eines vereinfachten Evivo Kursprogramms in einer grösser angelegten kontrollierten Studie zu testen.

Gefördert vom Bundesamt für Gesundheit, Programm «Migration und Gesundheit».

Ihre Erfahrungen? Ihre Meinung?

Wie gelingt es, Gesundheitsangebote für vulnerable, schwer erreichbare oder benachteiligte Bevölkerungsgruppen, akzeptierbar zu gestalten? Und wie, sie im Gesundheitssystem zu verankern?

Welche Anforderungen stellen Sie an Kursangebote für Menschen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten?

Wie funktionieren Gesundheitsförderung und Prävention im Migrationskontext? Warum? Warum nicht?


Sylvie Zanoni

Sylvie Zanoni, M.A.; Wissenschaftliche Mitarbeiterin Careum Forschung. Als Ethnologin interessieren mich gesundheitliche Chancengerechtigkeit und Migrationsthemen.

6 thoughts on “Evivo: Zugang erleichtern – wie?

  • 2016-01-24 at 09:53
    Permalink

    Super interessant

    Aber wie begleitet ihr das Projekt? Das heisst.

    1. Wie messt ihr genau ob es ein Erfolg oder eben nicht so erfolgreich ist?

    2. Nutzt ihr einen Fragebogen mit Likert-type scales oder aber nur qualitative Angaben?

    3. Wieviele Leute nehmen im Experiment teil?

    Das wäre schon gut zu wissen.
    Cynthia

    Reply
    • 2016-01-26 at 11:14
      Permalink

      Liebe Cynthia

      Vielen Dank für Ihr Interesse und Ihre Fragen zu unserem Projekt.

      Bei den Evivo Kursen mit und für Frauen mit Migrationshintergrund handelt es sich um ein relativ junges Phänomen. Deshalb möchten wir nach den beiden Pilotkursen erstmal genauer wissen, wie das vereinfachte Kursprogramm überhaupt bei den Teilnehmenden und Kursleitenden ankommt: Was sagen sie zum Kurs? Wie finden sie die Materialien? Welchen Vor- und Nachteilen sind sie begegnet? Um diese subjektiven Erfahrungen zu erfassen, eignet sich in einem ersten Schritt eine explorative Herangehensweise mit qualitativen Forschungsmethoden (Fokusgruppen- und Einzelinterviews) besser als eine rein quantitative Datenerhebung. Wir müssen ja zuerst wissen, was wir überhaupt «messen» wollen/können.

      Mit der hier beschriebenen Projektphase möchten wir die notwendigen Vorarbeiten (Adaption des Kursprogramms) leisten, um in einem nächsten Schritt die Wirksamkeit des Kursprogramms in einer kontrollierten Studie zu untersuchen. Aus den qualitativ erhobenen Daten können sich die relevanten Kategorien ergeben, die sich in der Folge auch quantitativ erfassen lassen. Dies können wir etwa nutzen, um einen standardisierten Fragebogen zu entwickeln.

      Die Gruppenkurse Evivo «Gesund und aktiv leben» finden idealerweise mit 12-15 Teilnehmenden statt und werden jeweils von zwei Kursleitenden durchgeführt. Wie viele dies an den beiden Pilotstandorten sein werden, wird sich im Frühling zeigen. Für eine anschliessende Wirksamkeitsstudie ist es naheliegend, ein deutlich grösseres Sample anzustreben.

      Freundliche Grüsse
      Sylvie Zanoni

      Reply
      • 2016-01-31 at 16:11
        Permalink

        Liebe Sylvie

        Danke für die Antwort. Ich las am Anfang des Beitrages:
        “Kann das Kursprogramm auf Deutsch durchgeführt werden, wenn Teilnehmende nur mässig gut Deutsch sprechen?Ja, das geht!
        Es hat funktioniert, obwohl nicht bei allen Migranten das Sprachverständnis gut ist. ”

        Da dachte ich, das Pilotprogramm hat schon stattgefunden (siehe oben). Somit müssten ja schon Daten da sein. Ich denke, zu diesen Daten habt ihr kein Zugang? Ansonsten müsste anhand der Daten klar sein, was gemacht werden muss. Da wäre ein Fragebogen am Ende sicherlich gut plus Interviews.

        Aber Methodik in der Forschung ist ein schwieriges Gebiet, da führen viele gute Wege nach Rom 🙂
        Viel Erfolg wünsche ich Euch auf jeden Fall. Hoffe ich werde bald lesen können was ihr aus den Daten lernen konntet – natuerlich hier im Blog mit einem Downloadlink für den Research Report.
        Danke

        Reply
        • 2016-02-01 at 13:24
          Permalink

          Liebe Cynthia

          Herzlichen Dank für die Nachfrage und die Hinweise auf die Methodik.

          Vielleicht noch etwas zur Klärung wo wir gerade stehen, denn das jetzige Praxisentwicklungsprojekt hat tatsächlich eine Vorgeschichte:

          1) Einführungsphase Evivo (2011-2014): Die Kursanbieter haben beobachtet, dass Frauen mit Migrationshintergrund besonders am Kurs interessiert waren, ohne dass diese speziell als Zielgruppe ins Auge gefasst worden wären. Daraufhin haben wir bei einer vorläufigen Auswertung der Erfahrungen in Fokusgruppen- und Einzelinterviews festgestellt, dass das originale Kursprogramm auf Deutsch grundsätzlich durchführbar ist. Dabei gaben die Kursteilnehmerinnen erste Hinweise auf Einschränkungen, v.a. was die Sprache und Informationsdichte betrifft. 2014 ist dazu ein Blog-Beitrag erschienen: Gesundheitliche Chancengleichheit durch Förderung des Selbstmanagements?!

          2) aktuelles Projekt zur Anpassung des Kursprogramms (2015-2016): Wie gelingt die Anpassung an die Bedürfnisse der Zielgruppe? Aufgrund der systematischen Bedarfs- und Bedürfnisanalyse in zwei Workshops wird das Kursprogramm angepasst. Diese angepasste Programmversion wird dann in zwei Pilotkursen getestet und anschliessend ausgewertet.

          3) Wirksamkeitsstudie (Planung ab 2016): Welchen Einfluss hat der Evivo Kurs auf das Selbstmanagement von Menschen, die mit chronischer Krankheit leben? Wie sieht das in verschiedenen Settings aus?

          Aus der Vorgeschichte während der Einführungsphase hatten wir zwar Hinweise zum Anpassungsbedarf erhalten. Doch brauchen wir eine systematische Wissensgrundlage, um die Anpassungen begründen und vornehmen zu können. Deshalb dieses Praxisentwicklungsprojekt, das im Mittelpunkt des aktuellen Blog-Beitrags steht.

          Selbstverständlich werden wir gerne mehr dazu berichten, wenn das Projekt weiter fortgeschritten ist – hier im Careum Blog sowie in wissenschaftlichen Zeitschriften.

          Beste Grüsse
          Sylvie Zanoni

          Reply
      • 2016-02-04 at 16:23
        Permalink

        Liebe Sylvie,

        vielen Dank für diesen hoch relevanten Beitrag! Zielgruppen-orientierte Ansätze der Selbstmanagementförderung braucht es, sie können einen wertvollen Beitrag leisten, um Gesundheitskompetenz bei chronischer Krankheit zu fördern.

        Wie wichtig das ist, unterstreichen ein ums andere Mal die soeben veröffentlichten Befunde aus Nordrhein-Westfalen in Deutschland. Dort wurden von der Universität Bielefeld Menschen mit Migrationshintergrund zu ihrer Gesundheitskompetenz befragt. Was wurde herausgefunden?

        1) Die Gesundheitskompetenz liegt in den befragten Bevölkerungsgruppen deutlich unter der der Allgemeinbevölkerung.

        2) Diese Bevölkerungsgruppen haben erhebliche Probleme, sich im Gesundheitswesen zu orientieren und mit Herausforderungen der Krankheitsbewältigung umzugehen

        3) Sie treffen nur eingeschränkt informierte gesundheitsrelevante Entscheidungen.

        Den gesamten Bericht kann man hier herunterladen ==> Quenzel, G., Schaeffer, D. (2016). Health Literacy – Gesundheitskompetenz vulnerabler Bevölkerungsgruppen. Bielefeld: Universität Bielefeld (PDF, 1,5MB)

        Viel Spass beim Lesen!

        Beste Grüsse, Jörg

        Reply
        • 2016-02-08 at 08:10
          Permalink

          Lieber Jörg

          Vielen Dank für den Hinweis auf diesen interessanten Bericht zur Gesundheitskompetenz von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Bedenkenswert scheint mir u.a. die starke Ausprägung der Unterschiede: So haben bspw. ältere Menschen (65- bis 80-Jährige) ohne Migrationshintergrund knapp zwei Drittel (64%) eine inadäquate oder problematische Gesundheitskompetenz, während es bei älteren Menschen mit Migrationshintergrund mit 81% gut vier Fünftel sind.

          Der Selbstmanagement-Kurs Evivo «Gesund und aktiv leben» kann hier sicherlich einen Beitrag leisten, besonders wenn das Angebot noch leichter zugänglich wird.

          Zu 2) sich im Gesundheitswesen orientieren und mit Herausforderungen der Krankheitsbewältigung umgehen: Das Kursprogramm vermittelt praktische Werkzeuge, um den täglichen Herausforderungen im Leben mit chronischer Krankheit selbstbestimmt zu begegnen (z. B. die Schritte zur Problemlösung). Daneben ist auch das Thema Kommunikation ein Schlüsselelement, um mit Fachpersonen und Institutionen zusammenarbeiten und sich im «Dschungel» der Angebote und Informationen besser zurechtfinden zu können.

          Zu 3) Informierte gesundheitsrelevante Entscheidungen treffen: Die Kursteilnehmenden erhalten Informationen rund um Bewegung, Ernährung, Medikamente oder Entspannung etc. Zusätzlich üben sie im Kurs, wie sie diese Themen in ihren Alltag einbauen können oder wie sie mit einfachen Schritten zu einer Entscheidung finden können.

          Manchmal sind es diese scheinbar kleinen Dinge, die vielleicht einen grossen Unterschied ausmachen: Sich in einer Gruppe austauschen und Impulse bekommen, wo und wie man ansetzen kann, um eine Veränderung im Umgang mit chronischen Beschwerden zu bewirken.

          Liebe Grüsse
          Sylvie

          Reply

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *