Patientensicht im Schweizer Gesundheitsbericht

Der dritte Schweizer Gesundheitsbericht ist veröffentlicht. Zwar greift er ein alt-bekanntes Thema auf.
Aber er hat einen bemerkenswerten Fokus, der ihn zu einem umfangreichen Wissensfundus macht:
Leben mit chronischer Krankheit aus Sicht von Patientinnen, Patienten und Angehörigen.

Neuer alter Fokus

Chronische Krankheiten – sie stehen im Mittelpunkt des aktuellen Schweizer Gesundheitsbericht 2015. Auf den ersten Blick könnte der Bericht nahtlos in die Riege vieler Veröffentlichungen eingereiht werden, die zu diesem Thema seit langem publiziert werden. Zumal die aktuellen Befunde aus der Schweiz aufs Neue bekräftigen, was bekannt ist, etwa dass

der Anteil an chronische Krankheiten in der Bevölkerung zunimmt. In der Schweiz lebt gegenwärtig fast jede dritte Person mit einem lang andauernden Gesundheitsproblem. Hochgerechnet sind das etwa 2,18 Millionen Menschen.

mit dem Alter chronische Krankheiten und Multimorbidität kommen. Ab dem 75. Lebensjahr ist jede 2. Person chronisch krank. Bei den über 50jährigen hat fast ein Fünftel mehrere dauerhafte Erkrankungen.

soziale Determinanten eine Rolle spielen. Bildungsferne und sozial schlechter gestellte Gruppen weisen ein höheres Multimorbiditätsrisiko auf, z. B. Erwerbslose oder Personen mit ausländischer Nationalität.

 

Chronische Krankheiten Bildung
Chronische Krankheiten nach Bildung 2012 bei 25-jährigen und älteren Personen (Obsan 2015, S. 139)

 

«Füllhorn» an Fakten
a) Gesundheitsbericht Schweiz 2015 (PDF, 3.1MB),
b) wissenschaftliche Dossiers (z. B. Djalali/Rosemann 2015 oder Ebert et al. 2015) und
c) elektronisches Zusatzmaterial (z. B. Glossar und Literatur ==> Zip-File, 2.9MB).

Ein Meilenstein?

Beim Gesundheitsmonitoring in Deutschland erhebt und publiziert das Robert Koch Institut regelmässig Daten zu chronischen Erkrankungen. Das ist auch im Österreichischen Gesundheitsbericht der Fall (PDF, 1.8MB).

Was ist also beim aktuellen Schweizer Bericht nun anders?

Meines Erachtens gibt es zwei Punkte, warum der Schweizer Gesundheitsbericht 2015 beim Gesundheitsmonitoring im deutschsprachigen Europa herausragt.

(1) Akzent «Leben mit chronischer Krankheit»

Ein Teil des Berichts befasst sich gezielt mit dem Leben mit chronischer Krankheit. Man beachte: betont sei «Leben mit»! Der Mitherausgeberin Ilona Kickbusch zufolge wird es im Bericht bewusst als Erstes genannt.

Mit diesem Akzent knüpft er gewissermassen an eine lange Forschungstradition an. Diese ist der Patientensicht verpflichtet und lange wurde kritisiert, dass selbige zu wenig in Forschung, Praxis und Gesundheitspolitik berücksichtigt wird ==> z. B. Conrad (1990) oder Schaeffer (2009).

Hier setzt der Gesundheitsbericht also innovativ an. Alltagsherausforderungen mit chronischen Krankheiten aus Patienten- und Angehörigensicht werden ausführlich analysiert. Ein paar Beispiele:

  • Streben nach Autonomie und Kontrolle im Krankheitsverlauf
  • im Gesundheitswesen als Person (Subjekt) und nicht als «leidendes Objekt» behandelt werden
  • mit Fachpersonen zusammenarbeiten, sich an Therapieentscheiden aktiv beteiligen
  • die Krankheit in den Alltag integrieren
  • seine Rolle als «bedingt gesunde» Person finden
  • mit Unsicherheit leben
  • verlässliche Gesundheitsinformationen bekommen
  • soziale Unterstützung und Austausch mit ebenfalls Betroffenen («peers»)
  • Umgang mit Hürden im fragmentierten, akut-medizinisch ausgerichteten Gesundheitswesen.

Für weitere Details s. a. Obsan Dossier Nr. 46 ==> Haslbeck et al. (2015) (PDF, 1.6MB)

 

Schon bis hier gelesen? Lust, etwas zu hören? HR Funkkolleg Gesundheit, «Chronisch krank, die große Herausforderung» ==> als Podcast (MP3, 23MB).

 

(2) Impuls «Empowerment und Koproduktion»

Der Gesundheitsbericht liefert nicht nur Fakten zu chronischer Krankheit. Gleichzeitig gibt er Impulse und Anregungen, wie Patientinnen, Patienten und Angehörige beim Selbstmanagement unterstützt werden können.

Deutlich erkennbar wird ein Empowerment von Bürgern, Patienten und Angehörigen angeregt. Ausserdem legt der Bericht nahe, im Gesundheitssystem einen Perspektivenwandel einzuläuten und es auf Koproduktion von Gesundheit auszurichten.

Darüber hinaus werden Unterstützungsmöglichkeiten bei chronischer Krankheit für Patienten und Angehörige illustriert, etwa

Für all diese Ansätze sollte optimalerweise die Maxime von Grypdonck (vgl. 2006, S. 1381) richtungweisend sein:

«to lift life above illness»

Mit anderen Worten: Ansätze sollen Patienten und Angehörige unterstützen, eine Krankheit in das eigene Leben zu integrieren, damit entsprechend das Leben selbst und nicht permanent die Krankheit im Zentrum steht.

 

Schlussgedanken

Der Schweizer Gesundheitsbericht 2015 ist sicher kein Faktenblatt für schnelles Querlesen. Aber er hat ein innovatives Publikationsformat durch seine umfangreichen elektronischen Zusatzmaterialien. Das macht ihn zu einer wertvollen Quelle für Fakten – für die Gesundheitspolitik, Versorgungspraxis, Forschung aber auch Aus-, Fort- und Weiterbildung.

Zudem wurde – meines Wissens erstmalig –  der Schritt gegangen, den Leitgedanken «Patient im Zentrum» beim Gesundheitsmonitoring konsequent umzusetzen. Diese Maxime ist nicht nur thematisch im Bericht in Form eigener Kapitel verankert. Sie ist bis auf die semantische Ebene verfolgt worden. Ferner spiegelt sie sich in den Interviewauszügen im Bericht wider, die Patienten zu Wort kommen lassen.

Bleibt zu hoffen, dass der Gesundheitsbericht Schweiz 2015 nachhaltig genutzt wird, um die Versorgung bei chronischer Krankheit patientenzentrierter zu gestalten. Er enthält viele konkrete Vorschläge, wie Möglichkeiten der Partizipation von Patienten und Angehörigen zu erschliessen sind. Und er bietet Anregungen, wie deren Gesundheitskompetenz und Selbstmanagement verbessert werden kann.


Ihre Eindrücke?

Wie schätzen Sie den gewählten Fokus des Schweizer Gesundheitsberichts 2015 ein? Und welche Erwartungen haben Sie an den Bericht?  

Welche seiner Impulse für einen Haltungs- und Paradigmenwandel im Gesundheitssystem lassen sich umsetzen bzw. werden wohl aufgegriffen?

Welche Resonanz erhoffen Sie sich in der Gesundheitspolitik, Forschung und Praxis?


In den Medien

Radiobeitrag zum Schweizer Gesundheitsbericht in SRF News aktuell vom 21.08.2015

Gastkommentar in der NZZ von Dr. Thomas Mattig, Gesundheitsförderung Schweiz vom 21.08.2015 ==> Online

 


 

Joerg Haslbeck

Dr. Jörg Haslbeck, MSc, Pflege- und Gesundheitswissenschaftler, ist für Careum Forschung tätig und Postdoc am Institut für Pflegewissenschaft, Universität Basel. Sein Interesse: Empowerment, Selbstmanagementförderung bei chronischer Krankheit und Gesundheitskompetenz.

One thought on “Patientensicht im Schweizer Gesundheitsbericht

  • 2015-11-25 at 14:59
    Permalink

    Patient engagement in metastatic breast cancer research figured prominently in the European Society of Oncology’s Advanced Breast Cancer 3 Consensus Guidelines Congress 4-7 November in Lisbon Portugal

    My association suisse, Patient Advocates for Cancer Research & Treatment (Assoc. PACRT), participated in the Patient Advocacy program at the congress along with a large number of major patient organizations in the area of breast cancer from Europe, the U.S., and around the world.

    I urge those interested in this neglected area of cancer research and clinical practice to follow the forthcoming ABC3 consensus guidelines for the management (presumably including self-management!) of ABC patients that will be published in due time.

    Kind regards, Karin Holm

    Reply

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