Gesundheitskompetenz durch Patientenberatung

Das ist ein weiterer Beitrag in unserer Serie Reflections Careum Congress 2014. Die Gastautorin Dr. Sigrid Pilz schreibt über ihre Erfahrungen mit und die Bedeutung von unabhängiger Patientenberatung im Gesundheitswesen.

Warum unabhängige Patientenberatung?

Als Wiener Pflege-, Patientinnen- und Patientenanwältin erlebe ich immer wieder, dass PatientInnen aus Mangel an Gesundheitswissen im Gespräch mit dem Arzt verabsäumen, die richtigen Fragen zu stellen. Sie sind von der Notwendigkeit, ihre eigene Behandlungsentscheidung zu treffen, schlichtweg überfordert. Damit aber auch Menschen, die schwer Zugang zu objektiven Wissen finden, in eigener Sache handeln können, haben wir im Jahr 2013 einen Telefondienst eingerichtet: die „Unabhängige Patientinnen- und Patienteninformationsstelle“ (UPI).

Seit mehr als einem Jahr berät die UPI in der Wiener Pflege- Patientinnen- und Patientenanwaltschaft Menschen am Telefon, die Unterstützung bei Fragen und Problemen im Zusammenhang mit ihrer gesundheitlichen und pflegerischen Versorgung benötigen.

Beratung – kostenlos, wissensbasiert, unabhängig, vertraulich und neutral

Wie der Geschäftsführer der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland Herr Dr. Schmidt-Kaehler erklärt, belegen empirische Befunde, „dass die umfassende Information und Aufklärung der Patienten faktisch bessere Behandlungsergebnisse ermöglichen kann. Es steht also außer Frage, dass die gezielte Information und Beratung von Patienten die Behandlungsqualität im Einzelfall erhöhen kann“ (vgl. Schmidt-Kaehler 2006, Praxisleitfaden Patientenberatung, S. 7).

Ziel unserer Arbeit ist es daher, durch eine auf die Lebenssituation von Menschen abgestimmte Beratung konkrete Hilfen zur Selbsthilfe anzubieten. Die Mitarbeiterinnen der UPI nehmen sich am Telefon Zeit, um gemeinsam mit PatientInnen und Angehörigen eine Lösung für anstehende Fragen und Probleme zu erarbeiten. Mehr Gesundheitskompetenz soll helfen, Fachpersonen im Gesundheits- und Sozialwesen selbstbewusster und kompetent gegenüber zu treten, umGespräche auf gleicher Augenhöhe führen zu können. Durch unsere Beratung wollen wir dazu beitragen, dass es Menschen im täglichen Leben leichter fällt, Entscheidungen zu treffen, die sich positiv auf die Gesundheit auswirken. Je besser Menschen über ihre gesundheitlichen Belange Bescheid wissen, desto aktiver können sie an der Verbesserung ihrer gesundheitlichen Situation mitarbeiten.

Schmidt-Kaehler (2006)

Was wird von Beratungsstellen erwartet?

Die Anliegen der Ratsuchenden sind breit gestreut
• Ich suche einen Arzt/eine Ärztin aus einem bestimmten Fachgebiet, wo soll ich suchen?
• Welche Leistungen sind durch meine Krankenversicherung gedeckt?
• Gibt es eine Selbsthilfegruppe für meine Erkrankung
• Wie/Wo kann ich einen Reha-Antrag/Kurantrag stellen?
• Was bedeutet ein bestimmter Laborwert?
• Wie werden bestimmte Untersuchungen durchgeführt?
• Wie bekomme ich eine Heimhilfe?
• Ich will eine Patientenverfügung errichten, wie geht das?
• Ich benötige Pflegegeld, was muss ich tun?
• …

Lotse im Gesundheitswesen

In der UPI werden keine medizinischen Diagnosen und keine ärztliche Zweitmeinung erstellt. Aber wir beantworten Fragen zu

• Gesundheit und Krankheit
• Diagnostik und Therapie
• Lebensführung und Ernährung
• Prävention und Gesundheitsförderung
• Pflege und Betreuung
• psycho-sozialen Themen
• gesundheitsrechtlichen Belangen

Auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse, verständlicher Informationen und wertschätzender Gesprächsführung wollen unabhängige Patientenberatungsstellen dazu beitragen, dass Patient/innen und Angehörige eine sachgerechte und für sie stimmige Entscheidung treffen können. Die Beratungsinstitutionen wie die UPI lotsen sie also durch das komplexe Gesundheits- und Pflegewesen.

Erste Erfahrungen in Österreich

Die Erfahrungen mit diesem Service sind sehr gut, viele AnruferInnen bitten uns, ihnen die Diagnose, die ihnen gestellt wurde, zu erklären. Häufig werden wir gebeten, einen guten Arzt zu vermitteln, oder das richtige Spital für eine Operation zu empfehlen. Diese Antwort müssen wir bisher leider schuldig bleiben, weil es im österreichischen Gesundheitswesen noch keine transparente Qualitätsberichterstattung gibt.

Ihre Gedanken? Ihre Kommentare!

Haben Sie schon Erfahrungen mit unabhängiger Patientenberatung gemacht? Welche Erwartungen haben Sie an solche ‘Lotsen im Gesundheitswesen’? Welche gesundheitspolitischen Schritte braucht es, um sie breiter zu etablieren?

Kontakt zur UPI

Wiener Pflege-, Patientinnen- und Patientenanwaltschaft,
Mehr Gesundheitswissen – UPI Tel.: (+ 43 1) 544 22 66 | per Email | im World Wide Web

 

One thought on “Gesundheitskompetenz durch Patientenberatung

  • 2016-11-02 at 08:48
    Permalink

    ja, es bräuchte dringend eine unabhängige Beratungsorganisation als Lotse in dem schweizer Gesundheitsystem. Nur so könnte man sich rational verhalten als Patient oder potentieller Patient.
    Die elektronischen Krankenkassenprämienvergleiche sind nur hilfreich als eine erste Grob-Orientierung, sie können keine Fragen zu individuellen Situationen beantworten.
    Die bestehenden Krankenkassenberatungen haben Verträge mit einigen Kassen, sie sind dadurch nicht neutral, dass ist für die Kunden nicht hilfreich, die an mehr interessiert sind als nur die finanziell günstigtste Kasse zu wählen.
    Kunden die sich dafür interessieren, welche Spitäler mit welcher Ausstattung im Vertrag eingeschlossen sind tappen im Dunkeln.

    Mehr Transparenz im Gesundheitswesen wäre ein ein nicht unwesentlicher Beitrag zur Einndämmung der Kostenspirale.

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