EIPEN-Tagung: Wie Interprofessionelle Zusammenarbeit Leben rettet

In Kürze: Das erste Mal in der Schweiz: Die Konferenz des European Interprofessional Practice and Education Network (EIPEN) inspirierte und motivierte für die Interprofessionelle Bildung (IPE) und Zusammenarbeit (IPC).
Drei Schwerpunkte – IPE-Kompetenzrahmen, Patientenbeteiligung, Didaktische Lern- und Lehrkonzepte.

Hier: Interviewbeiträge und weitere Infos über IPC und IPE

Internationaler Austausch

Die 6. EIPEN Konferenz fand unter dem Titel “Interprofessional Practice and Education in Health and Social Care” statt. Weit über 100 Teilnehmende aus allen Kontinenten trafen sich vom 6. bis 8. September in Lausanne. Sie profitierten von Präsentationen, Workshops und Netzwerktätigkeiten.

Was ist Interprofessionelle Bildung - IPE?
Interprofessional education (IPE) is

“when students from two or more professions learn about, from and with each other to enable effective collaboration and improve health outcomes.” (WHO (2010) S.7)

Was ist Interprofessionelle Zusammenarbeit - IPC?
Interprofessional Collaboration (IPC) is

“when multiple health workers from different professional backgrounds work together with patients, families, carers, and communities to deliver the highest quality of care.” (WHO (2010) S.7)

Careum ist Mitglied von EIPEN und war mit mehreren Mitarbeitenden auf der Konferenz vertreten.

Gute Kommunikation ist wichtig

Daniel Scheidegger, der Präsident der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW), stellte in seiner Eröffnungsrede fest, dass die IPC in der Praxis in der Schweiz noch vielerorts mangelhaft sei.

Und dass, obwohl gute IPC ganz offensichtlich notwendig ist, ja sogar lebensentscheidend sein kann. Denn wegen mangelhafter Kommunikation passieren immer noch viele medizinische Fehler, die tödlich verlaufen.

Scheidegger verweist auf die USA, wo “medizinische Fehler” als acht häufigste Todesursache eingeschätzt werden.

More people die in a given year as a result of medical errors than from motor vehicle accidents (43,458), breast cancer (42,297), or AIDS (16,516). — Institute of Medicine (2000) S. 26

In der Schweiz sehe es wohl ähnlich aus. Scheidegger ruft daher die Zuhörenden auf, sich mehr dafür zu engagieren, dass IPE und IPC selbstverständlicher werden. Notwendig sei dafür auch, dass sich die Kultur wandelt. IPC und Teamgeist müssten gelebt werden.

Bessere Grundversorgung durch IPE

IPE ist ein wichtiges Element auf dem Weg zu einer interprofessionellen medizinischen Grundversorgung. Das stellte auch eine Round Table Diskussion fest und untermauerte dies durch aktuelle Erkenntnisse für die Schweiz. Wenn Studierende entsprechende, für die IPC benötigte Kompetenzen bereits in ihrer Ausbildung entwickeln, sind sie für die spätere Arbeit besser vorbereitet. Dabei muss insbesondere die CanMEDS-Rolle des Teamworkers in den Fokus der Ausbildung gestellt werden. Wenn alle Gesundheitsberufe gut zusammenarbeiten können, ist man besser auf die absehbaren gesellschaftlichen und medizinischen Herausforderungen in der Zukunft vorbereitet. Das Pflegestudium an der Kalaidos Fachhochschule Gesundheit ist zum Beispiel eine solche vorbildliche Ausbildung.

Was gibt es für gesellschaftliche und medizinische Herausforderungen?
  • Zunehmend mehr Menschen in hohem Alter
  • Immer mehr Menschen, die chronische / gleichzeitig mehrere Krankheiten haben
  • Steigende Komplexität der Gesundheitsversorgung
  • Wachsende Mündigkeit der Bevölkerung; einfachere Zugänglichkeit von Wissen, höhere Ansprüche
  • Kommerzialisierung von Gesundheit
  • Zunehmende technische und medizinische Innovationsgeschwindigkeit
  • Arbeitskräftemangel bei Medizinal- und Gesundheitsberufen

Um diese Entwicklungen zu meistern, braucht es viele Akteure, die zusammenarbeiten. Dafür reicht es nicht nur IPE an Bildungsinstitutionen zu etablieren. Sehen Sie dazu André Vyt, den Vorsitzenden von EIPEN, im Interview (auf Englisch):

Das interessierte Publikum bekam an drei Tagen fast 40 Vorträge und Posterbeiträge geboten. Innovative Projekte und Herangehensweisen wurden präsentiert und diskutiert. Acht Workshops und Round Table Diskussionen luden ein, um relevante Themen von IPE und IPC in Europa gemeinsam zu bearbeiten und nächste Schritte zu planen. Auch ausserhalb des offiziellen Rahmens tauschten sich die engagierten Teilnehmenden rege aus. Es wurden neue Kontakte geknüpft und alte gefestigt.

Die Programmthemen gliederten sich in drei Schwerpunktbereiche

  • Der Ruf nach einem IPE-Kompetenzrahmen,
  • Patientenbeteiligung,
  • Didaktische Lern- und Lehrkonzepte.

Wir brauchen einen IPE-Kompetenzrahmen!

Um IPE in Europa weiter voranzubringen und eine gemeinsame Stossrichtung zu entwickeln, möchte EIPEN einen europäischen IPE-Kompetenzrahmen erstellen, wie er in manchen Ländern (wie Kanada) bereits existiert. Dieser kann als ein Kompass dienen bei der Gestaltung von IPE-Programmen.

Für einen Konsensus über IPE-Kernkompetenzen brainstormten und diskutierten die Teilnehmenden eines Workshops. Als Ausgangslage diente der (bei EIPEN) seit 2011 bestehende Kriterienkatalog über die zu erwerbenden Kompetenzen in der IPE. Kriterien müssten klar(er) definiert und messbar sein wie auch eine hohe Relevanz für die IPC aufweisen. Die im Workshop erarbeiteten Beiträge werden nun bei EIPEN aufbereitet und in einem halben Jahr von den Mitgliedern abschliessend diskutiert. Careum begrüsst diese wichtige Initiative von EIPEN und hat sich engagiert im Workshop eingebracht. Dazu André Vyt  im Interview in einer Konferenzpause (auf Englisch)

Patientenbeteiligung: Reden statt Recht haben wollen

Philipp Clark von der University of Rhode Island (USA) verdeutlichte in seinem Keynote-Vortrag, dass für eine gute IPC auch die Stimmen der Patientinnen und der Patienten gehört werden müssen. Manche Menschen benötigen aufgrund individueller Eigenheiten eine andersgeartete Behandlung als der Durchschnitt. Diese Bedürfnisse erfährt man oft nur im Gespräch mit den Patienten oder/und ihren Angehörigen. Sie können Einschätzungen, die auf Basis der physischen Untersuchung getroffen wurden, in einem anderen Licht erscheinen lassen. Alle Behandelnden nehmen den Patienten aus unterschiedlichen Perspektiven und mit anderen Vorkenntnissen wahr. Effektive Kommunikation ist daher essentiell, um gemeinsam eine angemessene Therapie zu finden. Dabei ist es sehr wichtig die biografischen Hintergründe von Patienten zu erfahren und sie allen Behandelnden mitzuteilen. Die Einbindung von Patienten und Angehörigen ist ein zentrales Element der IPC und wird auch bei Careum gross geschrieben (siehe z.B. Kompetenzzentrum Patientenbildung und Patientenbeteiligung).

Didaktische Lern- und Lehrkonzepte

Eine Reihe der Beiträge handelte von der Lehrendenqualifikation und –weiterbildung im Rahmen von IPE. So wurde formuliert, welche Eigenschaften eine IP-Lehrperson braucht, um IP-Kompetenzen bei ihren Lernenden zu fördern. Als ein ideales Setting zum Erwerb von IP-Kompetenzen wurde eine von Studierenden geführte Klinik für verhaltensauffällige Kinder vorgestellt, die verschiedene Berufsgruppen (wie Logopädie, Physiotherapie, Ergotherapie, Sozialarbeit und Psychologie) in IPC vereint.

Um substantiellere Beiträge über IPE zu schreiben, lernte man in einem Workshop verschiedene relevante Theorien kennen. Oft mangelt es Beiträgen über IPE an theoretischem Fundament. Jedoch dienen theoretisch fundierte und qualitativ hochwertige Publikationen der Wahrnehmung über das eigene Fachgebiet hinaus und damit der Sichtbarkeit der IPE.

IPC wappnet für die Zukunft

Andre Vyt schloss die Tagung mit einem positiven und motivierenden Ausblick und der Vision, dass wir mit gemeinsamem Engagement die Verbreitung und Verstetigung der IPE und IPC schaffen.

So können wir die zukünftigen Herausforderungen im Gesundheitsbereich meistern und viele Leben retten.

Auf den Punkt gebracht: Was bringt uns Interprofessionelle Zusammenarbeit - IPC?
Die Vorteile von Interprofessionelle Zusammenarbeit sind teilweise oben angesprochen. Studien legen nahe, dass IPC

  • die Patientensterblichkeit reduziert
  • die Patientensicherheit erhöht
  • die Gesundheitsdienstleistungen qualitativ verbessert
  • die Spitalaufenthalte verkürzt und damit verbundene Kosten reduziert
  • die Patientenzufriedenheit steigert
  • das Innovationsniveau in der Patientenversorgung vergrösstert
  • die Motivation, die Arbeitsbereitschaft und das Wohlbefinden des Personals positiv beeinflusst. (CAIPE (2007) S.7)

Careum fördert mit verschiedenen Massnahmen aktiv die Interprofessionalität in der Schweiz.
Weiterführende Informationen zur EIPEN-Konferenz 2017
Kooperationsprojekt: Interprofessionelle klinische Ausbildungsstation Zürich

Was meinen Sie dazu?

– Wie denken Sie über einen gemeinsamen europäischen IP-Kompetenzrahmen für die Ausbildung?
– Welche Elemente müssten in einem solchen Kompetenzrahmen enthalten sein?
– Über welche Qualifikationen sollten Lehrende verfügen?

 

Literatur:

CAIPE (2007): Creating an Interprofessional Workforce: An Education and Training Framework for Health and Social Care in England. Great Britain, Ministry of Health, London. 

Institute of Medicine (2000): To Err Is Human: Building a Safer Health System. The National Academies Press, Washington, DC. 

WHO (2010): Framework for Action on Interprofessional Education & Collaborative Practice. Health Professions Network Nursing and Midwifery Office, Department of Human Resources for Health, WHO, Genf.

 

Alexandra Kraatz

Dr. Alexandra Kraatz ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Careum Bildungsentwicklung mit dem Fokus Interprofessionalität. Weitere Interessen: Gesundheitsförderung, Prävention und Bewegung; Ethnologie.

2 thoughts on “EIPEN-Tagung: Wie Interprofessionelle Zusammenarbeit Leben rettet

  • 2017-10-18 at 11:22
    Permalink

    Aufgrund unterschiedlicher Bedingungen (Zunahme von Teilzeitarbeit, häufige Wechsel der Beschäftigungsverhältnisse, Schichtarbeit) kommt es zu einer sich stets verändernden Zusammensetzung der Behandlungsteams. Gerade in komplexen und zeitkritischen Bereichen, wie z.B. der Notfallversorgung ist ein eingespieltes Team ein wichtiger Faktor für eine optimale Patientenversorgung.

    Zukünftige wie aktuelle Mitarbeiter des Gesundheitswesens können vor diesem Hintergrund von Maßnahmen zur Förderung der interprofessionellen Zusammenarbeit nur profitieren. Eine frühzeitige Implementierung in die Ausbildung und eine Fortführung durch stetes feedback-basiertes Training im Beruf sind hier aus meiner Sicht tragende Säulen.

    Vor dem Hintergrund einer Vergleichbarkeit der unterschiedlichen (inter-)nationalen Abschlüsse und Zertifikate ist ein gemeinsamer Rahmen sicher erstrebenswert.

    Um sich in den Teams einfacher über interprofessionelle Zusammenarbeit austauschen zu können, ist eine gemeinsame Terminologie sicher wünschenswert.

    Ein einheitlicher Rahmen könnte diese beinhalten.

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    • 2017-10-19 at 14:18
      Permalink

      Sehr geehrter Herr Dr. Hiegert,

      besten Dank für Ihren interessanten Beitrag aus der Praxis.

      In der Tat sind es auch gerade die von Ihnen erwähnten komplexen und zeitkritischen Situationen, in denen effektive Kommunikation eine zentrale Rolle für die Patientenversorgung spielt. Damit die Interprofessionelle Zusammenarbeit im Notfall gut funktioniert, sollten Studierende bereits in ihrer Ausbildung auf solche Situationen vorbereitet werden. Ausbildungsinhalte wie das Modul «Interprofessionelles Handeln im Notfall» (PDF) am Careum Bildungszentrum bieten die Möglichkeit dazu.

      Wie Sie schreiben, wäre ein europäischer IP-Kompetenzrahmen eine sinnvolle und erstrebenswerte Einrichtung. International werden verschiedene Kompetenzrahmen (z. B. in den USA, Kanada, Australien und Grossbritannien) auch in der Literatur diskutiert. Die Herausforderung wird darin bestehen, einen europäischen IP-Kompetenzrahmen zu schaffen, der von allen Mitgliedern gemeinsam akzeptiert und umgesetzt wird. Für das deutschsprachige Europa engagiert sich dahingehend der
      Ausschuss «Interprofessionelle Ausbildung» der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA) für die Kompetenzmodellierung der interprofessionellen Lehre. Auch in der Schweiz möchte man die Kompetenzen für die hiesige Interprofessionelle Aus- und Weiterbildung definieren. Im Rahmen des Förderprogramms «Interprofessionalität im Gesundheitswesen» (PDF) wird dies vom Bundesamt für Gesundheit unterstützt.

      Mit freundlichen Grüssen
      Alexandra Kraatz

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