Moderne Medizin hält Einzug ins Wohnzimmer

In Kürze: Apparative und materialintensive Behandlungen, die traditionell im Spital angeboten wurden, werden immer häufiger zu den Patientinnen und Patienten nach Hause verlagert.
«High-Tech Home Care» (HTHC) soll den Wunsch nach einem Leben zu Hause trotz chronischer Krankheit erfüllen und gleichzeitig die Patientensicherheit gewährleisten.
Ein Therapiekonzept, das auch viele Herausforderungen mit sich bringt.

Viele Spitex-Organisationen bieten zunehmend auch High-Tech Home Care als Versorgungsform an. Dazu gehören z. B. Infusionstherapien (auch mit mehreren Infusionen gleichzeitig oder mit Infusionspumpen), Sauerstofftherapien, Heimdialysen oder Wundbehandlungen mit Vakuumverbänden.

Inmitten von Technik und Apparaturen steht immer die erkrankte Person mit ihrem Erleben und ihren Bedürfnissen. Oft sind auch Angehörige anwesend, die das Leben zu Hause für die pflegebedürftige Person möglichst angenehm gestalten wollen. Vor allem zu Beginn von HTHC sind diese jedoch eingeschüchtert durch die vielen Gerätschaften im Wohn- oder Schlafzimmer und die Verantwortung, die diese mit sich bringen.

Ängste nehmen und Wissen weitergeben

Pflegefachpersonen, die in HTHC tätig sind, brauchen deshalb Sicherheit im Umgang mit technikintensiven Behandlungen. Nur so können sie den Angehörigen die Angst nehmen und sie auf deren Wunsch hin kompetent instruieren.

Bei der Spitex Zürich Limmat zeigen wir den Angehörigen beispielsweise, wie sie bei einer Antibiotikatherapie eine vorbereitete Infusionsflasche mit dem Infusionsschlauch zusammenstecken und die Tropfenzahl einstellen können. Oder was zu tun ist, wenn der Alarm der Infusionspumpe ertönt. Zudem besprechen wir mit ihnen, wie sie die Therapie in den Familienalltag integrieren oder mit der Erwerbstätigkeit vereinbaren können.

Zusätzlich zu den Handreichungen mit der Infusion sorgt die Spitex dafür, dass der ganze Behandlungsprozess lückenlos klappt: Von der ärztlichen Verordnung, zur Medikamenten- und Materialbeschaffung, über die Verabreichung bis hin zur Materialentsorgung.

All dies gelingt jedoch nur, wenn sich die Klientinnen und Klienten sowie deren Angehörigen sicher fühlen und wissen, dass sie nicht alleine gelassen werden. Mit der Spitex haben sie einen zuverlässigen und erreichbaren Partner an ihrer Seite.

Da ich nach meinem Spitalaufenthalt während mehr als sechs Wochen Antibiotikainfusionen benötige, habe ich mich dazu entschlossen ein Dreibettzimmer in einem Pflegeheim zu beziehen. Ich verbrachte dort jedoch unruhige Nächte, war am Verzweifeln und hätte mir beinahe etwas angetan. Dank dem Angebot der Spitex, konnte ich die Infusionstherapie nach Hause verlegen. Jetzt bin ich in meiner gewohnten Umgebung, mein Mann sorgt wunderbar für mich, und es geht mir viel, viel besser.

Aussage einer Spitexklientin

Chancen und Herausforderungen

Wenn High-Tech Home Care gelingt, ist dies ein Mehrwert an Lebensqualität und Autonomie für die Betroffenen. Risiken für Spitalinfektionen, Stürze oder Verwirrtheitszustände lassen sich minimieren. Dies erspart teure stationäre oder teilstationäre Behandlungen und vermindert Komplikationen. Dazu ein Beispiel:

1. Beispiel: Infusionstherapie zu Hause

Während rund sechs Monaten betreuten wir eine Klientin, die an einer Pilzinfektion der Lunge litt. Da sich die Infektion nicht mit Medikamenten zum Einnehmen behandeln liess, erhielt die Klientin jeden Morgen für eine halbe Stunde eine Infusion über einen implantierten zentralvenösen Zugang (Port-a-Cath).

Zu Beginn war die Klientin sehr verunsichert und hatte Bedenken, ob die Infusionstherapie zu Hause gelingen würde. Dank vorausschauender Planung, emotionaler Begleitung und umfassender Kommunikation mit den behandelnden Ärzten durch die Spitex, überwand sie die anfängliche Verunsicherung. So konnte sie ihr Leben mit Ausnahme des morgendlichen Spitexeinsatzes normal weiterführen.

Da sich technische Systeme und Prozesse je nach Spital oder Behandlungsort voneinander unterscheiden, müssen diese vom Spitexteam jeweils neu erarbeitet werden. Bei noch unbekannten Systemen kann es daher durchaus vorkommen, dass die Anwendung von High-Tech Home Care einer aufwändigen Notfallübung gleicht. Dazu ein weiteres Beispiel:

2. Beispiel: Know-how und gute Organisation bilden das Erfolgsrezept

Immer mehr Infusionen werden über PICC (Peripherally Inserted Central venous Catheter) verabreicht, d.h. über einen peripher eingelegten, zentralen Venenkatheter. Um dabei einen möglichst reibungslosen Ablauf zu gewährleisten, müssen wir von der Spitex mindestens vier verschiedene Systeme und Ablaufstandards der umliegenden Spitäler beherrschen und auswechselbare Zwischenteile sowie Fixationssets rechtzeitig bei den verschiedenen Lieferanten bestellen. Klientinnen und Klienten sollen durch solche Materialfragen nicht noch zusätzlich verunsichert werden.

Der Übergang von der Pflege im Spital in den Privathaushalt wird von einer kompetenten Pflegefachperson organisiert. Je nach Fall muss sich diese im Vorfeld von den Pflegefachpersonen im Spital instruieren lassen. So bleibt vor dem Spitalaustritt der Klientinnen und Klienten genügend Zeit, um das richtige Material zu organisieren und die Abläufe zu steuern. Hier ist die Finanzierung durch die Krankenversicherung restriktiv. Die Leistungen der Spitex können erst ab dem Spitalaustrittstag verrechnet werden und Koordinationsleistungen werden manchmal gekürzt.

Zu den Vorbereitungsleistungen der Spitex ein drittes Beispiel:

3. Beispiel: Fortschritt in HTHC dank sorgfältiger Planung im Vorfeld

Kürzlich konnte ein Spitex-Klient mit CAPD (ambulante Bauchfelldialyse) aus dem Pflegeheim austreten und in sein Zuhause zurückkehren. Er war der erste CAPD-Klient, der durch ein Spitex-Quartierteam betreut wurde. Dies gelang dank guter Absprache mit dem Arzt und dem stationären Pflegeteam sowie vorheriger Instruktion aller involvierten Pflegefachpersonen im Tag- und Abenddienst. Dies ist ein erster Schritt, damit zukünftig mehr CAPD-Klientinnen und -Klienten zu Hause behandelt werden können.

(Weitere Patientengeschichten der «Körperstolz»-Kampagne des BVMed)

Die Zukunft von High-Tech Home Care

Das dritte Beispiel weist darauf hin, dass wir bereits heute immer mehr Klientinnen und Klienten mit HTHC betreuen. Meiner Einschätzung nach wird dieser Trend noch weiter zunehmen. Es ist ein Wechselspiel zwischen der Spitex, die sich mit kundigen Teams positioniert, und den Klientinnen und Klienten, die immer mehr Überwachungs- und Behandlungsmassnahmen im Privathaushalt benötigen.

Damit die Spitex fit ist, um die Abklärung, Beratung und Koordination sowie die Untersuchungen und Behandlungen zu übernehmen, die mit HTHC einhergehen, sind folgende Punkte wichtig:

Entwicklung

  • Die Einführung neuer Behandlungstechniken für High-Tech Home Care muss in enger Zusammenarbeit mit den Zuweisenden erfolgen, das sind v. a. Spitäler und Spezialarztpraxen.
  • Die Spitex ist gefordert, neue Richtlinien zu erarbeiten, damit der Behandlungsprozess effizient erfolgt.

Spitex als Arbeitgeber

  • Spitex-Organisationen müssen sich vermehrt als attraktiven Arbeitgeber für Pflegefachpersonen positionieren, die in der High-Tech Pflege erfahren sind. Spezialistinnen und Spezialisten der Intensiv- oder Anästhesiepflege sind bspw. prädestiniert für die Pflege von beatmeten Klientinnen und Klienten zu Hause.

Know-how

  • Es werden Pflegefachpersonen benötigt, welche die nötigen Kenntnisse und auch die nötige Zeit haben, um Prozesse zwischen Spital, Pflegeheim und Spitex bei Patientensituationen mit High-Tech Pflege zu steuern.
  • Sie brauchen Kompetenzen, um das nötige Material zu organisieren und das Personal in der Beratung von Klientinnen und Klienten sowie Angehörigen zu instruieren.
  • Die Pflegefachpersonen müssen die Kontinuität aller Beteiligten verbessern, damit die High-Tech Pflege möglichst nur durch eine oder wenige Personen durchgeführt wird. Das gilt auch für den Abenddienst, in dem Pflegekolleginnen und -kollegen z. B. einen Bauchfelldialysebeutel wechseln oder eine Infusion zur parenteralen Ernährung vorbereiten und anschliessen.
  • Sie müssen zudem mit den Krankenkassen verhandeln können, damit zusätzlich zum ersten Spitex-Behandlungstermin die nötigen Vorbereitungen koordiniert und verrechnet werden können.

Um genau dies zu erreichen, engagiere ich mich für den MAS in Home Care, in dem High-Tech Home Care und auch andere Kompetenzen, wie z. B. erfolgreiches Verhandeln, gelehrt werden.

Diskutieren Sie mit!

– Welche Erfahrungen haben Sie bereits mit High-Tech Home Care gemacht?

– Wo sehen Sie die wichtigste Entwicklung für die Zukunft?

– Welche Anforderungen stellen sich den Spitex-Organisationen?

– Wo sehen Sie die Grenzen von HTHC?

Mehr erfahren

Blogbeitrag von Prof. Dr. Iren Bischofberger zum Thema «Home Care»
Informationen zum MAS FH in Home Care
Lademann, J. (2007). Intensivstation zu Hause. Pflegende Angehörige in High-Tech Home Care. Bern: Huber.
– S. Klein, M. Hostetter, and D. McCarthy, The Hospital at Home Model: Bringing Hospital-Level Care to the Patient, The Commonwealth Fund, August 2016.

Rachel Jenkins

Pflegeexpertin bei der Spitex Zürich Limmat AG, Studentin MSc in Nursing an der Kalaidos FH Gesundheit

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