Wie kann man Selbstmanagement fördern?

Schlagwörter: Chronische Krankheit, Selbstmanagementförderung

HelpingPeopleIm Congress-Blogs wird Selbstmanagement bei chronischer Krankheit thematisiert und wie es gefördert werden kann. Beispiel: Jim Phillips zu Herausforderungen bei krankheitsspezifischer Selbstmanagementförderung. Wie lässt sich etwas Ordnung, Übersicht und Systematik in das breite und heterogene Spektrum an Interventionen zu bringen, die Menschen unterstützen (wollen), besser mit chronischer Krankheit zu leben? In der Literatur gibt es dazu Vorschläge – darunter einen von der britischen Health Foundation. Diesen finde  ich sowohl anschaulich als auch nützlich und greife ihn daher hier kurz auf.

Blick zurück

Vor fast zehn Jahren fand in British Columbia die Konferenz «New Perspectives: International Conference on Patient Self-Management» statt. Ich erinnere mich an diesen Event, weil man als Teilnehmer damals ein Background-Paper erhalten hat. Dessen Inhalt: Was Selbstmanagement(förderung) bei chronischer Krankheit sei, wie es sich zu Empowerment und zu «self-care» verhält oder welche Rolle es im Chronic Care Model spielt.  Und heute?

Nützlicher «Kompass»?

Vor drei Jahren bin ich über einen Bericht der Health Foundation gestolpert, die sich seit 2007 mit Selbstmanagementförderung im Rahmen ihres «Co-Creating Health»-Projekts befasst. Zu Letzterem gehört die Publikation «Helping people help themselves», die sehr gut das komplexe Spektrum an Evidenz zusammenfasst und zum Ergebnis kommt, dass  – simply put –  Selbstmanagementförderung bei chronischer Krankheit etwas bringt.

Was mir beim Lesen damals besonders gefallen hat, war das «continuum» zur systematischen Verortung von Interventionsansätzen (im Original zu finden auf S. 11). Diese nützliche Übersicht haben wir aktuell für einen Artikel ins Deutsche übersetzt: Klein, M., & Haslbeck, J. (2014). Leben mit chronischen Wunden – Selbstmanagement fördern. Wundmanagement, 8(1), 9–12.

Vielleicht ist das «continuum»  als «Kompass» zum Umgang mit Selbstmanagementprogrammen nützlich, bspw. beim Besuch des Careum Congress 2014. Warum?

  • Wissen plus Motivation plus Kompetenzen zu Gesundheit und Krankheit – Werden Interventionen und Programme vorgestellt, kann man sich vor Augen führen,  mit welchen Elementen sie arbeiten
  • Wissensvermittlung? Oder Lebensstiländerung? Oder beides? – Worauf zielt eine Intervention ab? Und wie verhalten sich dazu ihre Elemente?
  • Was könnte einen Ansatz sinnvoll ergänzen? – Nicht nur bei der Präsentation, auch bei der Planung und Entwicklung von Interventionen kann man abwägen, welche Elemente noch mit berücksichtigt werden könnten, um das Ziel zu erreichen.

Meine Fragen

Möglicherweise ist das «continuum» auch praktisch, um Ansätze zur Förderung von Gesundheitskompetenz unter die Lupe zu nehmen? Und vielleicht lässt es sich  weiterdenken und bspw. durch Zielgruppen und/oder Settings ergänzen? Vielleicht liessen sich auch Aspekte wie Patient/innenbeteiligung berücksichtigen?

Wie würden Sie das «continuum» einsetzen? Welchen Nutzen sehen Sie in solchen Versuchen der Strukturierung von Angeboten? Freue mich über Ihre Anmerkungen und Kommentare.


Joerg Haslbeck

Dr. Jörg Haslbeck, MSc, Pflege- und Gesundheitswissenschaftler, ist für Careum Forschung tätig und Postdoc am Institut für Pflegewissenschaft, Universität Basel. Sein Interesse: Empowerment, Selbstmanagementförderung bei chronischer Krankheit und Gesundheitskompetenz.

9 thoughts on “Wie kann man Selbstmanagement fördern?

  • 2014-03-13 at 11:21
    Permalink

    A great overview of possible interventions that enhance self-management, are mentioned in the rapport ‘helping people, help themselves’. In between the lines I read the urge to increase the co-creation aspect of self-management, for example as being used in ‘Shared Decision Making’.
    I especially like the way they came up with the continuum strategies to support self management (Fig. 1 in the rapport). Which shows how certain interventions are quite complex and ask for specific skills from patients as well as healthcare providers (health care professionals).
    There is still much to gain in the curriculum of medical specialist to ensure a broad spectrum of self-management supporting strategies that can be used in daily practice.
    Enclosed figure shows what competencies health care professionals should develop as well as what competencies ‘patients’ can develop with the right support.

    Reply
    • 2014-03-13 at 14:54
      Permalink

      Dear Matthijs,

      thank you very much for these insights. Indeed, it is very important to keep the skills of health professionals in mind so one does not simply figure out ways of supporting patients in dealing with the deficits within the health care system…

      I particularly consider the domains of shared care and the relationship between patients/significant others and providers as important ones. Thus, a variety of skills are needed to be able to provide adequate self-management support. Besides technical expertise communication skills are imperative. And all this happens within a context so as far as I am concerned one might add this as well to the continuum?

      All the best, Joerg

      Reply
  • 2014-03-13 at 14:09
    Permalink

    Danke Jürg! Du weißt: Ich lebte immer zwischen
    Professionalität und Betroffen-Sein. Über lange Jahre habe ich das Patientin-Sein
    eher ein wenig vergessen. Die Situation
    hat sich nach meinem Unfall mit langwierigen Folgen geändert.

    Für viele chronische Patienten und Menschen mit
    Behinderungen sind die Hürden des Alltags nicht primär medizinischer, sondern architektonischer, bürokratischer und sozialer Art. Eine betroffene Person, die diese Hürden überwinden kann, beweist mindestens so viel Gesundheitskompetenz, wie wenn sie „nur“ die wichtigen medizinisch orientierten Dienstleistungen im Selbstmanagement in Anspruch nimmt. Das Selbstmanagement ist ein wichtiges Angebot und es entwickelt sich gut. Es fehlt nur eine Antenne in Richtung Alltagsmanagement.

    Ich denke, es braucht mehr Hinweise auf „Coaching unter seinesgleichen“, auf Überwindung von Ungleichheiten und auf starke Patientenorganisationen, bei welchen in den Führungsgremien mehrheitlich chronische Patienten oder Menschen mit Behinderungen Einsitz haben.

    Deshalb finde ich deine Punkte treffend und formuliere sie
    ein wenig um: Es braucht mehr betroffene Menschen, die sich beteiligen und die kompetent Selbstmanagement im Alltag einbringen können.

    http://www.salutogenese-dachverband.de/;
    Der Mensch 45 2-2012; S. 49-50
    T. Stutz Steiger: Gesunde
    Bewältigung einer chronischen Krankheit: Austausch unter seinesgleichen

    Reply
    • 2014-03-13 at 16:24
      Permalink

      Liebe Therese,

      vielen Dank für diese wertvollen Hinweise! Seit langem ist in der Literatur ein Thema, dass Programme und Interventionen mehr auf den Alltag mit (chronischer) Krankheit und Behinderungen ausgerichtet werden sollen. Du hast nochmals deutlich die Relevanz dieser Forderung unterstrichen.

      Besonders freut mich, dass du Partizipation und die Bedeutung von ‘peers’ unterstrichen hast. Ersteres schimmert zwar ein wenig durch im ‘continuum’ von de Silva, wenn von proaktiven Ansätzen die Rede ist. Aber gerade deine Forderung nach ‘peer’-basierten Angeboten und systematischem Zugang zum Erfahrungswissen ebenfalls erkrankter Personen und ihrer Angehörigen scheint mir hier wichtig. Dazu gibt es diverse Studien, die u. a. die wichtige Rolle von ‘peers’ bei Entscheidungsprozessen aufzeigen. Beispiel: eine Untersuchung aus Finnland mit Frauen mit Fibromylagie ===> http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21419588

      Und anknüpfend an deine Forderung nach kompetenten ‘peers’, die sich aktiv einbringen: eine zentrale Frage ist dann, wie diese systematisch befähigt werden können, sich als ‘peers’ kompetent einbringen und beteiligen zu können…

      Herzlicher Gruss und vielen Dank für den Literaturhinweis,

      Jörg

      Reply
      • 2014-03-14 at 16:53
        Permalink

        Liebe therese, lieber Jörg – danke Euch für die Links, leider hat sich beim Dachverband Salutogenese ein Fehler eingeschlichen, die Seite kann nicht aufgerufen werden. So sollte es gehen: http://www.salutogenese-dachverband.de/
        Vielen Dank, Jörg, für den Link über Fibromyalgie
        Ich erfahre das ebenso wie Du, Therese, die jahrelangen Erfahrungen (27 Jahre Schmerzpatientin) brachten viel Wissen und neue Kenntnisse. Dass ich erst nach fast vier Jahren wusste, was mir eigentlich fehlt (Fibromyalgie), ist den Forschungen und Erkenntnissen, die in dieser Zeit vermehrt publik wurden und auch in der Schweiz anerkannt wurden, zu verdanken – und dem glücklichen Umstand, dass eine Rheumatologin mit diesem wissen nach Frutigen gekommen ist.
        Durch sie und die Ermutigung unserer Hausärzte bauten wir uns dann ein eigenes Netzwerk auf.
        Seit 10 Jahren ist es komplexer geworden, denn mein Mann erkrankte an Diabetes II (kommt in seiner Familie über Generationen gehäuft vor), mit schwerwiegenden Folgeerkrankungen.
        Umso wichtiger ist dieses Netzwerk der persönlichen Grundversorgung geworden, das neben der medizinsichen Grundversorgung Kontakte bereithält, wo wir Fragen beantwortet bekommen, nützliche Erfahrungen vernehmen.
        Herzliche Grüsse – und bis bald in Basel
        Susanna

        Reply
        • 2014-03-15 at 15:59
          Permalink

          Liebe Susanna,
          herzlichen Dank für die Präzisierung der URL zum Dachverband Salutogenese.

          Vor allem aber Danke für den Einblick in deine persönlichen Erfahrungen mit Fibromyalgie und chronischer Krankheit in der Familie: das Erleben von Unsicherheit, langer Diagnosewegen und Komplexität bei Mehrfacherkrankungen.

          Mich hat in deinem Kommentar ein Begriff besonders angesprochen – neben dem Hinweis auf die Bedeutung von Vernetzung: «persönliche Grundversorgung». Da greifst du meines Erachten sehr gut die Ideen der patienten- bzw. personenzentrierten Versorgung auf. Und dass hier gerade die Erfahrungen von Menschen sehr wertvoll sein können, die mit chronischer Krankheit leben.

          Für mich nochmals ein Hinweis darauf, in der systematischen Übersicht zu Selbstmanagementförderung «peer»-basierte Elemente mit aufzunehmen, was ja bereits der Kommentar von Therese Stutz untermauert.

          Beste Grüsse, Jörg

          Reply
          • 2014-03-16 at 14:18
            Permalink

            Danke euch beiden! Ich bin gespannt auf den Congress, wo wir Gelegenheit haben werden, professionelle und andere Annäherungen an Begriffe, an Strategien und an Umsetzungsmodelle zu reflektieren. Ich habe immer wieder den Verdacht, dass von professioneller Seite die Potentiale gewisser Patienten und deren Angehöriger zu sehr unterschätzt, zu wenig angehört und zu wenig gewürdigt werden.
            Bis morgen – man kommt ja kaum zum Schlafen an diesem Congress! Ich freue mich! Therese

  • 2014-03-16 at 23:27
    Permalink

    Thank You Jörg for such a comprehensive overview.

    I can see a prominent healthcare practitioners’ role in this “continuum” of care, however, I feel we must also help to identify a “continuum” of self-care efforts. Healthcare practitioners’ role shall be that of “compass” enabling the patient to successfully “navigate” in his/her daily life environments and different contexts – given his/her health state and care needs. I personally see a potential in the patient’s empowerment for self-care, which relates to the self-monitoring approach indicated in the “continuum“ Figure.

    As L. Kevin said “If you cannot measure it, you can not improve it” – each patient shall be able to define what are the important and realistic (!) health/behavioural outcomes for him/her to measure and improve, and we can start building his self-efficacy upon this. With respect to measurements – I see a large potential for Information and Communication Technologies (ICT) to enable the patient’s self-monitoring and to increase his/her self-efficacy skills over time.

    The challenge is that current ICT-artefacts are 1) not evidence-based, lack scientific rigour and are not well received by the healthcare practitioners; 2) they are not enough personalised towards the patient’s skills and needs, and become an obstacle and barrier on their own [1].

    To overcome these, I contribute to research on evidence-based, effective, efficient and efficacious ICT-artefacts, that could be easily and effortlessly, with a full trust “prescribed” by a healthcare practitioner to a patient. Such an ICT-artefact can be seen as a personal & personalised “e-compass” support in the patient’s care program. I strive to expand the “continuum” of patient’s care and introduce higher granularity of ICT-enabled self-management approaches; co-designed with patients and for patients.

    I am looking forward to CAREUM Congress to learn more about the today’s state of the art and attitudes towards the ICT-enabled self-management approaches.

    See you at the Congress!

    [1] Katarzyna Wac, Smartphone as a Personal, Pervasive Health Informatics Services Platform: Literature Review, IMIA Yearbook 2012: Personal Health Informatics, 7(1), pp.83-93. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22890347

    Reply
    • 2014-03-19 at 10:47
      Permalink

      Dear Kate,

      thanks so much for your inspiring comment and the useful thoughts you have added to this discussion.

      Indeed it is worth focussing on how self-care as well as peer components can be added to the “continuum” listed. This has sort of been touched byTherese in her previous comment, too.

      Let me add two thoughts here inspired by sessions from yesterday’s Careum Congress 2014:
      1. Not only is it challenging that there are hardly any evidence-based apps (btw, glad you are working on solutions here); the “tsunami of apps” in the stores must be overwhelming for users and patients. Didn’t someone mention thousands of apps in the Apple store related to health and wellness? How can I find the one I really need?

      2. Concerning self-monitoring, self-care and technoligy I recall Kate Lorig’s quote from a panel emphasising that “technology is a tool, not a solution”. One has to rigorously focus on the needs of specific groups and populations in the health society to come up with apps people really need and therefore want to use… and combine them with additional tools for self-management support.

      Thanks for sharing your review. Looking forward to reading it!

      Reply

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *