Young Carers-Konferenz in der Schweiz

In Kürze: Die erste nationale Young Carers-Konferenz «Dialog und Erfahrungsberichte» fand statt.
Die Tagung hat wichtige Erkenntnisse für Forschende, Fachpersonen, pflegende Kinder und Jugendliche sowie deren Angehörige gebracht.  
Welche das sind und wie es nun weitergeht, lesen Sie hier.

Spannend, gut besucht und eine tolle Vernetzungsplattform.

— Rückmeldungen zur ersten nationalen Young Carers-Konferenz, 24. März 2017, Neuchâtel

Pflegende Kinder und Jugendliche standen im Zentrum der ersten nationalen Konferenz über Young Carers in der Schweiz, die am 24. März 2017 in Neuchâtel stattfand.

Über 100 Gäste aus dem In- und Ausland nahmen an der zweisprachig geführten Veranstaltung mit Simultanübersetzung auf Deutsch und Französisch teil. Wie der Titel der Tagung «Dialog und Erfahrungsberichte» es bereits ankündigte, berichteten einerseits Referierende aus Forschung und Praxis über ihre Erfahrungen mit betroffenen Kindern und jungen Menschen, andererseits fand auch ein direkter Austausch zwischen Young Carers und Fachpersonen statt.

Wichtige Infos

  1. Tagungsunterlagen, Kurzbericht und Präsentationen,
  2. Suchresultate zum Hashtag #YoungCarersCH wie auch zu #YoungCarers
  3. Flyer der Konferenz, und
  4. weitere Infos zum Thema Young Carers in diesem Blog

Die Erfahrungen und Rückmeldungen machten deutlich:

Die Tagung war ein wichtiger Meilenstein für die Forschung und Unterstützung pflegender Kinder, Jugendlicher und junger Erwachsene in der Schweiz.

Dieser Blogbeitrag liefert ein kurzes Resümee davon, gleichzeitig soll aber auch über die nächsten Schritte berichtet werden, die Careum Forschung, das Forschungsinstitut der Kalaidos Fachhochschule Gesundheit, in diesem Forschungsfeld unternehmen wird.

Ich bin nicht allein!

Für die anwesenden Young Carers war es ein besonderer Tag, denn an der Tagung standen sie für einmal im Mittelpunkt. Die teilnehmenden jungen Menschen waren sich darüber einig, dass es hilfreich ist, von der Situation anderer pflegender Kinder, Jugendlicher und junger Erwachsenen zu hören. Denn so fühlt man sich weniger allein und besser wahrgenommen. Sie bestätigen mit dieser Aussage die Theorie:

In der Literatur ist bereits viel über die fehlende Anerkennung und das geringe Verständnis für die Situation von Young Carers geschrieben worden. Umso eindrücklicher also, diese Forschungsergebnisse in der Praxis bestätigt zu sehen.


Interview mit Giulia Brändli: Eine Erleichterung, von anderen zu erfahren (Quelle: Careum/M. Svec Goetschi)
Übrigens: Weitere Ausschnitte aus dem Interview mit Giulia finden Sie hier.

Forschungsergebnisse für die Schweiz

Agnes Leu, Referat an der YC-Konferenz in Neuchâtel 2017, Foto: Careum/Svec Goetschi
Prof. Dr. iur. Agnes Leu präsentiert nationale Forschungsresultate (Foto: Careum/M. Svec Goetschi)

Wie angekündigt (Beitrag Young Carers: Erste Forschungsergebnisse) wurden Ergebnisse des Careum-Forschungsprogramms vorgestellt. Erste Erkenntnisse über die Situation von Young Carers in der Schweiz liefern qualitative Interviews mit pflegenden Kindern und Jugendlichen sowie Auswertung von Fokusgruppengesprächen mit Fachpersonen.

Fazit: Die Forschung zeigt die Situation auf, wie sie ist, will aber auch mögliche Lösungen aufzeigen und das Thema bekanntmachen.

Das Schwierigste war, den Weg zu sehen, den man gehen muss. Von Young Carers und so weiter hatten wir keine Ahnung. […] Irgendwann einmal haben wir gehört, es gibt einen Fachbegriff dafür. Und ab diesem Zeitpunkt, hat sich das Ganze, dieser ganze Nebel, eigentlich auch gelichtet.

Elternteil eines Young Carers, Runder Tisch

Mit zusätzlichen Forschungsprojekten sollen die Datenlücken in der Schweiz geschlossen werden. So lassen sich weitere Grundlagen für die optimale Unterstützung von Young Carers schaffen.

Die Referate am Nachmittag zeigten aber auch, wie hilfreich es ist, von anderen Ländern zu lernen (Referat ZQP, Deutschland; Referat Jeunes aidants proches, Belgien).

Info - Careum Forschung: Nächste Schritte

Das Forschungsprogramm «learn & care» von Careum Forschung gewinnt Daten für die Schweiz und leistet damit einen wichtigen Beitrag, um Fachpersonen für das Thema zu sensibilisieren. Im Mai 2017 startet Careum die erste schweizweite Umfrage zum Thema Young Carers in ausgewählten deutschschweizerischen, französisch- und italienischsprachigen Schulen.

Schülerumfrage 2017: Wie viele Young Carers gibt es in der Schweiz?

Das untenstehende Informationsvideo wird im Rahmen der Umfrage in den Schulen gezeigt:

Auch interessant: Das Erklärvideo für Lehrpersonen

Politik hat dazugelernt

Der Aktionsplan des Bundesrats vom 5. Dezember 2014 verfolgt das Ziel, betreuende und pflegende Angehörige besser zu unterstützen. Dabei gingen aber betroffene Kinder und Jugendliche völlig vergessen. Margreet Duetz Schmucki, die Leiterin der Nationalen Gesundheitspolitik beim Bundesamt für Gesundheit, erwähnte diese Lücke auch in ihrem Begrüssungsreferat:

Wir mussten dazulernen.

Dr. med. Margreet Duetz Schmucki, Leiterin Sektion Nationale Gesundheitspolitik, BAG

Mit zeitlichem Verzug anerkennt der Bundesrat, dass pflegende Angehörige nicht zwangsläufig erwerbstätig und erwachsen sind, sondern auch noch im Kindes- und Jugendalter sein können. Im Förderprogramm «Entlastungsangebote für pflegende Angehörige» sollen in den kommenden Monaten und Jahren Forschungs- und Praxisprojekte mit Fokus auf pflegende Angehörige über die ganze Lebenspanne gefördert werden.

Young Carers eine Stimme geben

Diskussion_runder Tisch_pflegendes Kind mit Eltern / Foto: Careum/Svec Goetschi
Round Table-Diskussion mit Betroffenen (Foto: Careum/M. Svec Goetschi)

Die Veranstaltung profitierte nicht nur von den Fachpersonen aus verschiedenen Disziplinen und Ländern, sondern auch von den Erfahrungen der Young Carers selbst. Denn sie sind die eigentlichen Expertinnen und Experten, die unbedingt in den Forschungsprozess und die Praxisentwicklungen integriert sein müssen. So berichteten Young Carers über ihre Kindheit als pflegende Angehörige.

Abgeschlossen wurde der Tag mit einer Diskussion am runden Tisch, an dem Young Carers und ihre Familienmitglieder sowie Fachpersonen ihre Erfahrung teilten und auf Augenhöhe gemeinsam diskutierten.

Round Table-Diskussion mit den Young Carer Giulia und Amandine / Foto: Careum, M. Svec Goetschi
Erfahrungen als Young Carers: Giulia und Amandine (Foto: Careum, M. Svec Goetschi)

 Unterstützung durch Vernetzung

Alle Tagungsteilnehmenden waren sehr interessiert daran, Kontakte zu knüpfen. Es ist ein grosses Bedürfnis von Fachpersonen, die mit dem Thema Young Carers in Berührung kommen, sich auszutauschen und zu vernetzen. Das ist auch wichtig: Young Carers können mit einem Netzwerk, das die notwendige Unterstützung bietet, besser aufgefangen werden.

Interessant war auch, die Fülle an bereits bestehenden Unterstützungsmöglichkeiten zu sehen. Zu nennen ist z. B. die Gruppenintervention für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit psychisch beeinträchtigten Eltern von Le Biceps. Dies ist ein Angebot, bei dem sich Young Carers unter professioneller Anleitung gegenseitig helfen, unterstützen und spielerisch Erfahrungen austauschen können.

Ebenfalls thematisiert wurde der international bekannte Whole Family Approach. Bei diesem Ansatz hat man die ganze Familie mit ihren Bedürfnissen und Ressourcen im Blickfeld. Dieses Konzept verdeutlicht auch, dass es wichtig ist, auf die jeweils individuelle Situationen der einzelnen Young Carers einzugehen. Eine übersichtsartige «Landkarte» zu bestehenden Unterstützungsangeboten für Young Carers (schweizweit und kantonal) fehlt leider noch.

Wie geht es weiter?

Einig waren sich sowohl Fachpersonen und Young Carers in einem Punkt. Eine wichtiges Ziel für die nächsten Jahre bleibt die Sensibilisierung der Öffentlichkeit im Allgemeinen und der Fachpersonen im Speziellen. Es muss noch bekannter werden, was und wer Young Carers sind, was sie leisten, welche Probleme sie haben. Viele Fachpersonen berichten aus eigener Erfahrung, dass sie selbst, trotz jahrelanger Berufserfahrung, lange Zeit nicht auf das Thema sensibilisiert waren. Wie man Gesundheitsfachpersonen in der Aus- oder Weiterbildung auf das Thema zu schult, zeigt der Beitrag von Karin Gäumann-Felix (BBZ Olten, Höhere Fachschule Pflege).

Als ich zum ersten Mal von Young Carers gehört habe … Ich bin erschrocken, zuerst. Und musste mir selbst eingestehen, ja das ist ein Thema, das ich bis dahin wirklich vergessen habe. Angehörigenpflege ist etwas ganz Wichtiges für uns in der Pflege und das unterrichten wir auch, aber, wirklich auch hier, die Kinder gehen einfach unter.

Fachperson aus der Bildung im Bereich Gesundheit, Kurzinterview an der Konferenz

Die Tagung stand deutlich unter dem Motto Triple I – international, interprofessionell, interinstitutionell. Mit dieser dreifachen Schwerpunktlegung geht es auch Zukunft weiter mit der Young Carers-Forschung in der Schweiz.

Fazit der Tagung war:

  • Vorausdenken anstatt unabhängige Schritte gehen: Ziele und Entwicklungen sind eng miteinander verbunden (Identifikation der Young Carers, Unterstützung durch Fachpersonen, rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen für die Unterstützung)
  • Sensibilisierung braucht Zeit: Es ist wichtig den Prozess in verschiedenen Disziplinen ins Rollen zu bringen

Diskutieren Sie mit:

  • Waren Sie auch an der Tagung? Was waren Ihre Eindrücke?
  • Haben Sie selbst Erfahrungen als Young Carer gemacht? Was würde Ihnen helfen/was hätte Ihnen in der damaligen Situation geholfen?
  • Welche weiteren Schritte müssen Ihrer Ansicht nach folgen?
  • Kennen Sie konkrete, bestehende Unterstützungsangebote, von denen Young Carers profitieren können?

Hier erfahren Sie mehr!

Haben Sie Erfahrung als Young Carer?

Fühlen Sie sich vom Thema angesprochen und haben selbst Erfahrungen damit? Wir suchen pflegende Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sowie deren kranke Familienmitglieder für Interviews. Kontakt: youngcarers@careum.ch

Hannah Wepf

Hannah Wepf arbeitet als Nachwuchswissenschaftlerin für Careum Forschung und promoviert gleichzeitig am Psychologischen Institut der Universität Zürich. In ihrem PhD-Projekt befasst sie sich mit psychologischen Aspekten der Angehörigenpflege durch Kinder und Jugendliche.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *