Vereinbarkeit dank Betreuung im Pflegezentrum?

Was wäre, wenn Ihre demenzkranke Mutter, Ihr gebrechlicher Vater oder Ihre behinderte Partnerin Zeit in einer Betreuungsstätte verbringt, während Sie Ihrer Erwerbstätigkeit nachgehen? Also wenn Sie die Idee der Kita weiter denken? Das Vorprojekt «work & care connect» ging der Frage einer Allianz zwischen Pflegezentren und Betrieben nach. Die Ergebnisse zeigen, was auf dem Weg dahin zu beachten ist.

Kindertagesstätten sind heute selbstverständlich. Wie sähe es aber aus, wenn zukünftig für Erwerbstätige wegen Krankheit, Behinderung oder Gebrechlichkeit ihrer Nächsten eine betrieblich unterstützte Betreuungsstätte im Pflegezentrum bereit stünde?

«Die Idee ist neu und zunächst ungewohnt, aber attraktiv und prüfenswert.»

Zu diesem Ergebnis kommt das Vorprojekt, das durch das Eidgenössiche Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG) finanziert wurde. Dazu führten wir Interviews mit Expert/innen aus folgenden Bereichen: Finanzdienstleistung, Gesundheitswesen, Detailhandel, Beratung & Personalvermittlung, Stiftung, Bildung und Forschung sowie Gewerkschaft. Die vorab durchgeführte Dokumentenanalyse im deutschsprachigen Raum zeigte, dass einzelne Unternehmen Beratung und Vermittlung zu Fragen der Angehörigenbetreuung für ihre Mitarbeitenden anbieten. Bislang führt kein Unternehmen eine eigene Betreuungseinrichtung. Dies könnte sich zukünftig ändern.

KiTa und betrieblich unterstützte Betreuungsstätte – gleich und doch anders?

Beide Institutionen erlauben den Eltern bzw. den Angehörigen, trotz Betreuungsaufgaben erwerbstätig zu sein. Aber es gibt grundlegende Unterschiede. So werden Kindertagesstätten (KiTa) fast ausschliesslich bei der Erwerbstätigkeit der Eltern beansprucht. Tagesstätten in Pflegezentren (TiP) und Nachtstätten in Pflegezentren (NiP) dagegen sprechen vielfältigere Bedürfnisse an:

  • Auszeit und Regeneration für Angehörige
  • Einsamkeit der betreuungsbedürftigen Person in der Privatwohnung
  • Sorge um Sicherheit in der Häuslichkeit
  • Notfall, Krisensituation
  • Erwerbstätigkeit der Angehörigen ist nur selten der alleinige Grund

Die Entscheidungshoheit liegt bei KiTas bei den Eltern bzw. den Erziehungsberechtigten. Erwachsene, die Betreuungsstätten in Anspruch nehmen, sind hingegen mündig.

Die weiteren Unterschiede:
KiTa und betrieblich unterstützte Betreuungsstätte

Betreuungsstätten TiP und NiP als Hilfe für die Vereinbarkeit?

Für Pflegezentren – die Anbietenden – entstehen durch Tages- und Nachtangebote eine Vielzahl von Möglichkeiten. So können sie sich neue Märkte erschliessen, zu neuer Klientel frühzeitig Vertrauen aufbauen und integrierte Angebote lancieren. Unterschiedlichste Gesundheitsprobleme und Altersgruppen der Nutzer/innen bieten die Chance zum Ausbau der Fachkompetenz beim Personal. Ganz generell hat dies einen Einfluss auf das Image der Tagesstätten, wie ein Projekt der Age Stiftung zeigt.

Schwierigkeiten liegen in der ungenügenden Flexibilität des bisherigen Angebots für den Bedarf von Erwerbstätigen. Gewünscht werden unter anderem lange Öffnungszeiten, à-la-carte Buchungen, Krisenintervention und schnelle Lösungen im Notfall. Hinzu kommt, dass flexibel verfügbares Fach- und Betreuungspersonal gefragt ist, auch in einem Mix mit Ehrenamtlichen.

Für Betriebe – die Nachfrager – bietet sich ebenfalls eine Reihe von Möglichkeiten:

  • Wettbewerbsvorteil: Qualifizierte Fachkräfte anwerben und binden
  • Nischenprodukt, gerade für einzelne Arbeitnehmende aber äusserst hilfreich
  • Vereinbarkeit in allen Facetten möglich machen – dadurch Zufriedenheit der Mitarbeitenden, Motivation und Arbeitsqualität erhöhen und gegebenenfalls familiär bedingte Ausfälle reduzieren
  • Gesundheitsförderung im Betrieb durch gezielte vorausschauende Vermittlung von TiP/NiP

Den Möglichkeiten steht gegenüber, dass die Situation der Angehörigen häufig als Privatsache gilt. Hinzu kommt, dass die Anzahl Mitarbeitenden mit Bedarf an TiP/NiP bislang weitgehend unbekannt ist. Auch die Präferenzen und die Zahlungsbereitschaft der Mitarbeitenden und ihrer Nächsten sind noch nicht bekannt.

Frau redet mit Rollstuhlfahrerin im Park

Empfehlungen

  • Ein attraktives Dossier und ein gegenseitiger Besuch vor Ort bringen lokale Betriebe und TiP/NiP ins Gespräch.
  • Basierend darauf können flexible Lösungen für individuelle Mitarbeitende vorausschauend «gestrickt» werden.
  • Diese Lösungen beinhalten oft nicht nur einzelne Mitarbeitende, sondern auch ein weiteres Betreuungsnetz (in dem allenfalls weitere Erwerbstätige aktiv sind).
  • Von einem Sozialdienst, zum Beispiel bei der Wohngemeinde, können Finanzierungsmodelle entwickelt werden. So lassen sich die TiP/NiP-Kosten für die Nutzer/innen zusammen mit anderen Beteiligten schultern.
  • Um den Bedarf an TiP/NiP-Plätzen bei den Pflegezentren und Betrieben abschätzen zu können, muss in einem Unternehmen der Bedarf der Mitarbeitenden, die sich für ältere, kranke oder behinderte Nächste engagieren, bekannt sein. Das Motto lautet: Keine Taten ohne Daten.
  • Die Kommunikation der privaten Krankheits- und Behinderungssituation im Betrieb ist eine Gratwanderung – für Mitarbeitende, Teams und Vorgesetzte. Aber wie bei jeder Wanderung kann man auch dies mit entsprechender Vorbereitung und Begleitung meistern lernen. Dazu dienen zum Beispiel spezifische Informationen von Fachorganisationen (Download mit Klick aufs Bild: Berufstätig sein und Angehörige pflegen; Zwischen Arbeitsplatz und Pflegeaufgabe).
  • krebsliga

Wie weiter?

In einem Folgeprojekt «work & care connect» planen wir, die offenen Fragen gezielt mit Betrieben im Gesundheitswesen zu vertiefen. Sie sind verglichen mit Betrieben aus anderen Branchen mit Pflegesituationen und damit verbundenen Schwierigkeiten bereits vertraut. Zudem ist in der Gesundheitsbranche die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben besonders gefragt.

Was meinen Sie? Diskutieren Sie mit!

  • Was halten Sie davon, dass sich Betriebe für die bessere Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Angehörigenpflege ihrer Mitarbeitenden stark machen?
  • Was denken Sie speziell zur betrieblichen Unterstützung in Form einer Allianz mit Pflegezentren mit Tages- und Nachtstätten (TiP / NiP)?
  • Wie schätzen Sie dazu die zukünftige Entwicklung in der Schweiz ein?

 

Anke Jähnke

Anke Jähnke arbeitete seit Abschluss der Krankenpflegeausbildung 1987 in verschiedenen Fachgebieten der onkologischen Pflege sowie als Dozentin. Sie studierte Soziologie und Ethnologie mit den Schwerpunkten Medizinsoziologie und Entwicklungszusammenarbeit. Nach Abschluss des Aufbaustudiums Gesundheitswissenschaften unterstützte sie eine HIV/AIDS-Organisation in Norduganda als Fachberaterin. Heute arbeitet sie sowohl als Pflegeexpertin Onkologie auf einer hämatologischen Überwachungsstation in Stuttgart als auch als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Careum Forschung.

4 thoughts on “Vereinbarkeit dank Betreuung im Pflegezentrum?

  • 2015-06-22 at 12:47
    Permalink

    Liebe Anke, ein weiteres Mal eine geniale Idee aus Eurem Team! Eine betriebliche Allianz mit Pflegezentren zur Führung von Betreuungsstätten für pflegebedürftige Angehörige ist aus meiner Sicht ein wirklich innovativer Gedanke, den Ihr ja schon in Richtung erster Umsetzung verfolgt.
    Aus meiner persönlichen Sicht kann ich nur sagen, dass mir solche TiP/NiP’s während meiner Berufstätigkeit ausserordentlich viel genützt und mit Sicherheit einen zu frühen, inadäquaten Heimeintritt verhindert hätten.
    Die Herausforderung wird sein, in diesem bisher stark entweder “stationär oder ambulant” orientierten Bereich des Gesundheitswesens und der Arbeitgeber genug dynamische und voraus denkende Verantwortliche zu finden, die diese Idee der TiP/NiP als PionierInnen aufgreifen und in die Realität umsetzen. Dazu wünsche ich Euch viel Erfolg! Elsbeth Fischer-Doetzkies

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    • 2015-06-23 at 05:18
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      Liebe Elsbeth
      Dein Kommentar bestätigt unsere Vermutung, dass es für Erwerbstätige mit pflegebedürftigen Angehörigen noch nicht genügend flexible Angebote gibt, damit sie beruhigt und konzentriert der Erwerbsarbeit nachgehen können. Vor allem für Paare im Erwerbsalter, bei denen die einzelne Person unterschiedliche Bedürfnisse für Wohnen und Pflegen hat, stehen hier vor einer Zerreissprobe. Ihre zentrale Frage ist: “Welche Dienstleistungen ermöglichen uns ein Zusammenleben trotz Behinderung und Funktionsbeeinträchtigung?”.

      Hier sehe ich für die Pflegewissenschaft in Kooperation mit der Immobilienwirtschaft, den Arbeitgebern und Pflegezentren noch viel Potenzial für eine Gesellschaft des langen Lebens – auch mit Behinderung und chronischer Krankheit in jedem Alter!

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    • 2015-06-23 at 08:43
      Permalink

      Liebe Elsbeth
      Danke für deine Rückmeldung – die Sichtweise einer potentiellen Nutzerin ist für uns überaus wertvoll.

      Deine Einschätzung als (ehemalige) Erwerbstätige mit langjährigem Engagement für einen pflegebedürftigen Angehörigen trifft den Nagel auf den Kopf: eine solche Allianz benötigt Pioniergeist und Veränderungsbereitschaft.

      Dabei sind Arbeitgebende prinzipiell an der gelingenden Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Angehörigenpflege ihrer Arbeitnehmenden interessiert, zum Beispiel um dem Fachkräftemangel zu begegnen.

      Wir sind also sehr gespannt auf die zukünftigen Entwicklungschancen einer Allianz, auf den Pioniergeist und die Veränderungsbereitschaft der Betriebe im Gesundheitswesen.
      Herzlicher Gruss, Anke

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  • Pingback: «work & care» – Erwerbstätigkeit und Angehörigenpflege vereinbaren | Gerontologieblog

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