Mama, was ist eine Mini-Disc? – Technik und Akzeptanz

Die Technik verändert sich rasch. Aber nicht alle Entwicklungen setzen sich durch. Die Triebkräfte für die Akzeptanz von neuen Technologien sind vielfältig und eine methodologische Betrachtung wert...

Erst war es eine gewachste Walze, dann eine grosse Schellackplatte. Später mit Vinyl überzogen wurde der Tonträger 1963 klein und rechteckig. Forthin ging es wieder rund (und flach) und die CD löste die Musikkassette ab.  Heute hört man digitale Dateien – genannt mp3 –, die von einem virtuellen Ort stammen und sich ihrer physischen Hülle entledigt haben. Kinder von heute können sich kaum noch vorstellen, was früher als technologische Neuheit galt.

Die Geschichte der Tonträger ist dynamisch und noch lange nicht zu Ende. Ein technisches Produkt löst das andere ab und setzt sich gegenüber dem Vorgänger durch. Getreu dem Motto: effizienter, effektiver, besser!

Technik von gestern: Bandsalat-Audiokassette

 © www.computerbild.de

Moment mal – das klappt nicht immer!

Wer kennt sie noch, die Mini-Disc? Eigentlich eine gelungene Erfindung mit einigen Vorteilen, aber von der Bevölkerung wurde sie nicht so recht akzeptiert. Neben wirtschaftlichen und produktionsbedingten Gründen ist die Akzeptanz der Gesellschaft wesentlich, ob sich eine technischen Erfindung durchsetzt. Es geht vor allem darum, inwiefern ein Produkt auf die Nutzenden zugeschnitten ist (im Englischen: «user-centered design»). Denn sie entscheiden, ob sie die Technologie akzeptieren oder nicht.

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 © www.wpgs.de

Forschung passt sich an

Schnell wurde verstanden, dass hier ein Forschungsbedarf besteht. Ein neues Instrument musste gefunden werden. Es soll die Faktoren messen, welche die Akzeptanz einer Technologie voraussagen.

1985 wird erstmalig das Technology Acceptance Model  (TAM vorgestellt. Es sagt aus, dass das Vorhaben, ein Gerät zu benutzen (Behavioural Intention) abhängt von

  • dem wahrgenommenen Nutzen (perceived usefulness)
  • und der wahrgenommenen Benutzerfreundlichkeit (perceived ease of use).

Das bedeutet: je höher diese beiden Dimensionen bewertet werden, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Technologie benutzt wird.

Klingt einfach, oder?

Innovationen gibt es nicht nur im Bereich der Technik. So wurde 2000 eine überarbeitete Version des Technologieakzeptanzmodells (TAM2) veröffentlicht. Hier liegt der Fokus auf Faktoren, welche die Benutzerfreundlichkeit beeinflussen. Man ging also eine Ebene tiefer.

Einerseits wurde festgestellt, dass Benutzerfreundlichkeit einen indirekten Effekt auf die Nutzungsintention hat, der über den Nutzen gesteuert (moderiert) wird. Andererseits wurden weitere Eingangsvariablen identifiziert, die sich in zwei Gruppen einteilen lassen:  sozialer Einfluss und kognitive Prozesse.

  • Zu den kognitiven Prozessen gehört nicht nur die bisherige Erfahrung mit Technologie, sondern auch Ergebnisqualität, Ergebnisklarheit und persönliche Relevanz.
  • Weiterhin bestimmen auf sozialer Ebene der Status sowie subjektive Norm unsere Einstellung gegenüber dem Nutzen einer Technologie.

Hierzu ein Gedankenspiel:

«Klar, wenn meine Kollegen und Freunde nun nur noch alle CDs hören, komme ich mir mit meinem Walkman vielleicht auch etwas unwohl vor. Schliesslich will ich nicht veraltet wirken. Aber zum Glück habe ich genug Erfahrung in der Nutzung neuer Technologie. Diese CDs sind sowieso viel einfacher zu handhaben! Da muss man nicht immer überlegen, welche Seite man einlegen muss. Ausserdem sind diese akustischen Hänger, verursacht durch Kratzer auf der Oberfläche wesentlich besser als der unschöne Kabelsalat! Bleistift rein, drehen und…»

Weiter geht’s!

Venkatesh konzentrierte sich 2000 in einem weiteren Werk auf diejenigen Faktoren, die die andere relevante Determinante beeinflussen: Benutzerfreundlichkeit. Er stellt fest, dass es Ankereffekte gibt, die die grundlegende Einstellung gegenüber Technologie beeinflussen, und Adjustierungseffekte, die abhängig von der in Frage kommenden Technologie wirken.

Das kann man sich etwa so vorstellen: Es gibt Faktoren, die eine grundsätzliche Einstellung gegenüber Technologie bilden. Der Begriff Anker signalisiert, dass sie relativ stabil sind. So zum Beispiel Selbstvertrauen bezüglich Computernutzung, externe Kontrolle, Angst gegenüber Technologie und Verspieltheit.

Adjustierungen sind eine Art Update, die nach der Erfahrung der Technologie die grundsätzliche Haltung überarbeiten. Zu ihnen gehören: wahrgenommenes Vergnügen und Verwertbarkeit.

Wer mehr Selbstvertrauen, externe Kontrolle, Verspieltheit, Vergnügen und Verwertbarkeit bei dem entsprechenden Produkt empfindet, der bewertet die Benutzerfreundlichkeit höher. Angst gegenüber Technologie hingegen wirkt sich negativ auf die Akzeptanz aus.

Aller guten Dinge sind drei.

Im aktuellsten Technology Acceptance Model (TAM3werden die bisherigen Erkenntnisse integriert: Die Erfahrung – also eine Variable aus TAM2 – beeinflusst die Anker- und Adjustierungsfaktoren ebenso wie den sozialen Einfluss und die kognitiven Prozesse. Damit nimmt sie eine sehr starke Rolle hinsichtlich der Technologieakzeptanz ein.

Es geht auch anders!

Die Forschungsgruppe um das Technologieakzeptanzmodell ist jedoch nicht die einzige, die zu neuen Erkenntnissen in dem Forschungsfeld kam. 2009 publiziert ein anderes Expertenteam Ergebnisse von einer Studie zu nutzerzentrierter Gesundheitstechnologie («user centered design»). Dabei wurde ein anderes Messinstrument benutzt, der Post-Study System Usability Questionnaire (PSSUQ).

Sie sehen die Verwendbarkeit eines Gerätes («usability») als eine Eigenschaft, die sich durch verschiedene Faktoren kennzeichnet: Erlernbarkeit, Effektivität, Effizienz, Fehlbarkeit, Flexibilität, Wiedererkennbarkeit und Nutzerzufriedenheit.

Je höher ein Gerät in diesen Dimensionen punktet (mit Ausnahme der Fehlbarkeit), desto höher ist die Verwendbarkeit der Technologie und damit die Akzeptanz der Nutzer. Von dieser theoretischen Basis macht auch die Universität Basel in einem laufenden Forschungsprojekt Gebrauch.

Und jetzt? – ein Fazit

Die Erforschung von Technologieakzeptanz entwickelt sich ebenso wie die Technologie dynamisch weiter. Sie erzeugt eine riesige Vielfalt an theoretischen Erkenntnissen, aber auch methodischen Instrumenten, um relevante Einflussfaktoren zu messen. Wie die einzelnen Tonträger sind manche unter ihnen vielleicht je nach Verwendungszweck mehr oder weniger gut geeignet. Einige veralten und oder verbessern sich durch neue Erkenntnisse. Andere werden nicht so recht akzeptiert.

In beiden Ansätzen lässt die Usability, also die Verwendbarkeit eines Gerätes, als ein Konstrukt identifizieren, dessen Bestandteile unter anderem Benutzerfreundlichkeit (perceived ease of use) und Nutzen (perceived usefulness) sind.

Das lässt sich auch auf das Beispiel der Tonträger anwenden. Die Kassette wurde durchaus als benutzerfreundlich und nützlich wahrgenommen und daher von der Gesellschaft akzeptiert. Dann kam ein anderes Produkt, das in diesen beiden Dimensionen durch seine Effizienz und Effektivität besser gepunktet hat und so die Kassette verdrängen konnte.

Im Gesundheitssektor….

…spielt Technologieakzeptanz übrigens eine zentrale Rolle! Technologie tritt hier in verschiedenen Formen auf. Sei es als

Auch Careum trägt zusammen mit dem Institut für Pflegewissenschaft, Universität Basel, dazu bei, den Forschungsstand in diesem Bereich weiterzuentwickeln. Beide Organisationen führen gerade die USECARE AAL Studie durch. Hier werden Elemente aus TAM und PSSUQ zusammengeführt. Wir sind gespannt auf die Ergebnisse!

Abschliessend interessieren mich nun Ihre Meinung und Erfahrungen! Wenn Sie sich für den Erwerb und die Nutzung neuer Technologie entscheiden, was sind Ihre Beweggründe?

Mehr erfahren:

 

Urs Fichtner

Wissenschaftlicher Mitarbeiter Careum Forschung/ Universität Basel; als Soziologe und empirischer Sozialforscher interessiere ich mich für Messinstrumente vor allem im Bereich Health Science.

2 thoughts on “Mama, was ist eine Mini-Disc? – Technik und Akzeptanz

  • 2016-04-13 at 19:42
    Permalink

    Vielen Dank für diesen informativen Überblick!
    Mich würden im Anschluss daran zwei Dinge besonders interessieren:

    Inwiefern sind die vorgestellten Ansätze dazu geeignet länderspezifische Unterschiede zu erklären? Technologieakzeptanz wird häufig im Zusammenhang mit der Attraktivität als Wirtschaftsstandort thematisiert.

    Gibt es empirische Erkenntnisse zu Technologieakzeptanz in unterschiedlichen Branchen, Produkt- oder Technologiefeldern? Ist der Einfluss bestimmter Faktoren auf die Akzeptanz beispielsweise im Gesundheitsbereich stärker als bei Konsumgütern?

    Reply
    • 2016-04-15 at 16:27
      Permalink

      Liebe Jennifer,

      vielen Dank für deinen wichtigen Denkanstoß!

      Tatsächlich kommt das Technologieakzeptanzmodell eigentlich aus dem Bereich Human Resources. Es wurde entwickelt, um die Technologieakzeptanz der Mitarbeiter zu erfassen wenn diese zum Beispiel neue Software oder Geräte nutzen sollten. Daher tauchen auch Wörter wie “Produktivität, Effizenz und Effektivität” in den einzelnen Items auf.

      Van der Hejden (2004) hat das Technologieakzeptanzmodell aus seinem ursprünglichen Kontext “gerissen” und im Bereich hedonistischer Informationstechnologie, also im geläufigen Konsum, angewandt. Hier stellte er fest, dass sich die Erklärungskraft der Prädiktoren unterscheidet. Die Technologieakzeptanz wird im privaten Konsum hedonistischer Güter nämlich vielmehr über die “Computer Playfulness” erklärt als über den wahrgenommenen Nutzen.
      Deine Frage lässt sich also durchaus zu einer Aussage formulieren: Ja, abhängig von der Art der technologischen Innovation spielen unterschiedliche Faktoren eine Rolle hinsichtlich der Erklärung der Akzeptanz.

      Stichwort länderspezifische Unterschiede: die international vergleichenden Studien zum TAM (da gibt es einige, wie z.B. von Straub et al. 1997) beziehen sich – weil es eben im Arbeitsmarktkontext entwickelt wurde – meist auf Organisationen aus unterschiedlichen Branchen mit verschiedenen Arbeitsstrukturen.
      Straub et al. (1997) fanden Evidenz von TAM für die Schweiz und Nordamerika, nicht aber für Japan. Sie begründen dies mit Hofstedes Ansatz kultureller Unterschiede. In der Studie wird jedoch auch nur eine bestimmte Form von Technologie (nämlich Kommunikationstechnologie) verglichen. Und so zieht sich das eigentlich durch die Literatur durch. Entweder werden verschiedene Technologien innerhalb eines Unternehmens hinsichtlich der Nutzerakzeptanz getestet, oder verschiedene Branchen mit der gleichen Technologie, oder eben verschiedene Länder mit der gleichen Technologie…

      Zum Thema Wirtschaftsstandort: Das Technologieakzeptanzmodell greift meines Erachtens nur auf Individualebene. Es wäre sicherlich interessant herauszufinden, wie es sich auf Makroebene übertragen und dementsprechend anpassen lässt.


      Forschungsidee???

      Du hast da eine große Forschungslücke angesprochen: es bedarf einer Studie, die sowohl Länder vergleicht als auch Varianz in der Branche und im entsprechenden Technologietyp zulässt. Also ein riesiges Forschungsprojekt, das von solchen Denkrichtungen sicher profitieren würde!

      Viele Grüße,

      Urs

      Reply

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