Als Gesundheitsfachperson eigene Angehörige pflegen: 2 Paar Schuhe?

In Kürze: Berufstätige Gesundheitsfachpersonen, die privat für Angehörige sorgen, erleben die Gesundheitsversorgung aus verschiedenen Perspektiven. Durch ihre Erfahrungen in der Doppelrolle nehmen sie bei der Berufsarbeit die Bedürfnisse von Angehörigen stärker in den Blick.

Vor allem im häuslichen Bereich, aber auch in stationären Einrichtungen übernehmen Angehörige wichtige Aufgaben für ihre erkrankten, behinderten oder älteren Nächsten. Wie sie es schaffen, ihre privaten Pflege- und Betreuungsaufgaben mit der Erwerbstätigkeit zu vereinbaren, wird unter dem Stichwort «work & care» von Careum Forschung seit 2007 untersucht.

Auch unser Blog hat sich schon in mehreren Beiträgen mit diesem wichtigen Thema beschäftigt.

Auch die Politik betont die Relevanz des Themas: im Aktionsplan des Bundesrats zur Unterstützung von pflegenden und betreuenden Angehörigen spielt die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Angehörigenpflege eine wichtige Rolle.

Wie die Umfragen von Careum Forschung in Grossunternehmen zeigen, liegt der Anteil von Mitarbeitenden mit pflegebedürftigen Angehörigen bei jeweils mindestens zwölf Prozent.

Angehörige sind für die Gesundheitsversorgung unentbehrlich!
Angehörige sind für die Gesundheitsversorgung unentbehrlich!

Gesundheitsbetriebe besonders gefragt

Wenn es um die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Angehörigenpflege geht, sind Betriebe im Gesundheitswesen besonders gefragt. Im Gegensatz zu anderen Branchen betrifft sie das Thema gleich mehrfach, weil:

  • die Angehörigen ihrer Patient/innen und Klient/innen oft auch berufstätig sind,
  • ihre eigenen Mitarbeitenden im Privatleben häufig auch für ihre Angehörigen sorgen.

Gesundheitsfachpersonen engagieren sich deutlich häufiger für ihre erkrankten, behinderten oder älteren Angehörigen als andere Berufsgruppen. Die Doppelrolle wird international als „Double-Duty Caregiving“ bezeichnet (Ward-Griffin et al. 2005). Diese Gesundheitsfachpersonen sorgen sowohl im Beruf als auch im Privatleben für pflegebedürftige Menschen. Wie beispielsweise die Unterstützung von Angehörigen auf Distanz gelingen kann, lesen Sie im Blogbeitrag von Christine Merzeder.

Forschung für und mit der Praxis

Seit Sommer 2015 erforscht Careum vertieft die Herausforderungen und Chancen dieser Doppelrolle mit Schwerpunkt auf die Deutschschweiz.

Double-Duty Caregiving ist ein Thema mit vielen Facetten
Double-Duty Caregiving ist ein Thema mit vielen Facetten

Verschiedene Praxispartner/innen arbeiten in diesem Forschungsprojekt mit. In einem ersten Schritt wurden Interviews mit 30 betroffenen Gesundheitsfachpersonen geführt, um die Doppelrolle besser zu verstehen. Für die wertvollen Einblicke danken wir unseren Interviewpartner/innen herzlich!

Es wurde sehr deutlich, dass die Unterstützung von Angehörigen häufig auf mehreren Schultern ruht. Dabei haben insbesondere Pflegefachpersonen und Mediziner/innen eine spezielle Rolle, denn sie:

  • übernehmen wichtige Aufgaben bei der therapeutischen Entscheidungsfindung (z.B. als Wissensquelle, in Form von Informationsbeschaffung, Hilfestellung, Beratung)
  • haben oft Übersetzungs- und Vermittlungsaufgaben inne
  • handeln im Kontakt mit Health Professionals und in Institutionen häufig als Anwält/innen für ihre Angehörigen
  • überwachen die Versorgung ihrer Angehörigen und greifen bei Zwischenfällen ein, um Schaden zu vermeiden

Stellvertretend steht die Aussage einer Pflegefachfrau, wie sie dazu beiträgt, die Prozesse zu beschleunigen und unterschiedliche Leistungserbringer abzustimmen:

«Ich habe aber jetzt festgestellt, wenn ICH mitgehe, dann kommen die Sachen ins Rollen.»

Allerdings zeigte sich auch, dass fachkundige Angehörige eine aus der Profiperspektive offensichtliche Verschlechterung des Gesundheitszustands häufig nicht sehen konnten. Im Umgang mit fachkundigen Angehörigen ist also besondere Aufmerksamkeit und Sensibilität bezüglich Informations- und Kommunikationsbedürfnissen erforderlich.

Gesundheitsfachpersonen erleben ihre Berufstätigkeit häufig als Ausgleich zur privaten Sorgearbeit. Gleichzeitig sind sie immer wieder hin- und hergerissen zwischen den Anforderungen, die berufliche und private Sorgearbeit an sie stellen.

Download Präsentation 19. Internat. Seminar «Onkologische Pflege – Fortgeschrittene Praxis», St. Gallen

Basierend auf den Interviewergebnissen wird im Raum Zürich im nächsten Schritt zusammen mit fünf Praxisbetrieben aus unterschiedlichen Versorgungssettings untersucht, wie viele ihrer Mitarbeitenden im Privatleben für ihre Nächsten sorgen und wie sie dies bewältigen.

Wir freuen uns über die Zusammenarbeit mit

Basierend auf den Ergebnissen wird gemeinsam mit den Praxisbetrieben ein Transferkonzept erarbeitet. Ziel ist es, praktische Hilfestellungen für Mitarbeitende zu geben, die ihre pflegebedürftigen Angehörigen unterstützen. Es greift die Ziele der Fachkräfteinitiative auf, indem der Verbleib im Berufsleben für Double-Duty Caregivers besonders berücksichtigt wird.

Was wir von Double-Duty Caregivers lernen können

Aus den Erfahrungen von fachkundigen Angehörigen mit Leistungserbringern in verschiedenen Versorgungssettings zeigt sich wie in einem Brennglas, wie entscheidend Haltung, Denkweise und Auftreten von Mitarbeitenden im Umgang mit Angehörigen sind. Für die befragten Gesundheitsfachpersonen ist dies oftmals folgenreich: ausgehend von ihren Erlebnissen in der Angehörigenrolle reflektieren sie ihr eigenes berufliches Selbst- und Pflegeverständnis. Darüber hinaus versuchen sie, in ihrer beruflichen Praxis zu sensibilisieren und Veränderungen umzusetzen. Sie sind damit wertvolle Meinungsbildner/innen für mehr Angehörigenfreundlichkeit in der Gesundheitsversorgung.

Ja – es sind zwei Paar Schuhe!

Machen nun Double-Duty Caregivers im Privatleben eigentlich das Gleiche wie bei der Arbeit? Nein – die beiden Bereiche stellen sie vor ganz unterschiedliche Anforderungen. Es sind tatsächlich zwei Paar Schuhe. Im besten Fall können die Erfahrungen eines Bereichs die Arbeit im Anderen positiv beeinflussen. Was aber, wenn keine Erholung mehr möglich ist? Hier setzt das oben beschriebene Transferkonzept an, welches wir mit unseren Praxispartnern entwickeln. Davon wird in diesem Blog im kommenden Frühling noch mehr zu lesen sein. Nicht verpassen: Unser Newsletter informiert Sie über neue Blogbeiträge.

Ihre Erfahrungen? Ihre Meinung?

  • Welche Erfahrung haben Sie als Gesundheitsfachperson und pflegende/r Angehörige/r gemacht ?
  • Welche Unterstützung von betrieblicher Seite ist oder war für Sie hilfreich?
  • Welche Lücken gibt es bei der Unterstützung von Double-Duty Caregivers?

Teilen Sie Ihre Erfahrung mit uns – wir freuen uns darauf!

Das Forschungsprojekt wird finanziell unterstützt von der Stiftung Pflegewissenschaft Schweiz, der Ebnet Stiftung, der Kantonalen Fachstelle für Gleichstellung und der Stadt Zürich.

Die Autorin bedankt sich beim Team Double-Duty Caregiving von Careum Forschung, insbesondere bei Yvonne Liebert für die redaktionelle Unterstützung.

Ausgewählte Literaturhinweise

Bischofberger, I., Jähnke, A., & Radvanszky, A. (2012). Neue Herausforderung: berufstätig sein und Angehörige pflegen: Double Duty Caregiving. Competence, 76(10), 28–29.

Bischofberger, I., Jähnke, A.,Rudin, M. & Stutz, H. (2014). Betreuungszulagen und Entlastungsangebote für betreuende und pflegende Angehörige: Schweizweite Bestandsaufnahme im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit. Zürich/Bern: Careum Forschung/Büro BASS.

Bischofberger, I., Radvanszky, A., van Holten, K. & Jähnke, A. (2013). Berufstätigkeit und Angehörigenpflege vereinbaren. In Schweizerisches Rotes Kreuz (Hg.), Who Cares? Pflege und Solidarität in der alternden Gesellschaft. Zürich: Seismo, 162-184.

Boumans, N. P. & Dorant, E. (2013). Double-duty caregivers: healthcare professionals juggling employment and informal caregiving. A survey on personal health and work experiences. Journal of Advanced Nursing, n/a. doi:10.1111/jan.12320.

Rudin, M. & Strub, S. (2014). Zeitlicher Umfang und monetäre Bewertung der Pflege und Betreuung durch Angehörige: Datenzusammenstellung, Factsheet. Bern.

Ward-Griffin, C. (2008). Health Professionals Caring for Aging Relatives: Negotiating the Public-Private Boundary. In A. Martin-Matthews & J. E. Phillips (Eds.), Aging and Caring at the Intersection of Work and Home Life. Blurring the Boundaries (pp. 1–20). New York: Psychology Press.

Anke Jähnke

Anke Jähnke arbeitete seit Abschluss der Krankenpflegeausbildung 1987 in verschiedenen Fachgebieten der onkologischen Pflege sowie als Dozentin. Sie studierte Soziologie und Ethnologie mit den Schwerpunkten Medizinsoziologie und Entwicklungszusammenarbeit. Nach Abschluss des Aufbaustudiums Gesundheitswissenschaften unterstützte sie eine HIV/AIDS-Organisation in Norduganda als Fachberaterin. Heute arbeitet sie sowohl als Pflegeexpertin Onkologie auf einer hämatologischen Überwachungsstation in Stuttgart als auch als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Careum Forschung.

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